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Full text of "Wilhelm und Caroline von Humboldt in ihren Briefen;"

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Wilhelm und Caroline 
von Humboldt 2 
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Wilhelm und Caroline 
: von Humboldt: 
in ihren Briefen 


Herausgegeben von Anna v. Sydow 


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I. Band: 


Aus der Brautzeit 


17871791 
Sechſte Auflage 
Geheftet M. 9, —, in geſchmackvollem 


Geſchenkeinband mit Goldſchnitt.. M. 10,— ö 
II. Band: 
Aus der jungen Ehe 
17911808 


; Dritte Auflage 
Geheftet M. 6,50, in geſchmackvollem 
Geſchenkeinband mit Goldſchnitt .. M. 8,.— 


III. Band: 
Weltbürgertum und preußiſcher 


Staatsdienſt 


1808 1810 


Geheftet M. 9, — in geſchmackvollem 
Geſchenkeinband mit Goldſchnitt .. M. 10,— 


IV. Band: 
In den Freiheitskriegen 
1812-1815 


Geheftet M. 10,—, in geſchmackvollem 
Geſchenkeinband mit Goldſchnitt .. M. 12,— 


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Alle Rechte aus dem Gefes vom 19. Juni 1901 ſowie das Aberſetzungsrecht find vorbehalten 


5 Seite 
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Erſter Abſchnitt: Humboldts Abreiſe aus Berlin und i 
Mifemgall in Poris 1128 


Zweiter Abſchnitt: In Frankfurt a. M. bis zur Wieder⸗ 
vereinigung der Familie daſelbt 129295 


Dritter Abſchnitt: Von Frau von Humboldts Abreiſe nach 
Italien bis zu Humboldts 5 be 1 . 296— 402 
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Abbildung 
Alexander von Humboldt. Gelbftportrat . . . . Zw. S. 18 u. 19 


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achdem Napoleons Wiederauftreten den lang— 
wierigen Wiener Kongreß zu einem jähen Schluß 
geführt hatte, war Humboldt noch ſo lange durch 
die Nacharbeiten in Wien gefeſſelt, daß er dieſen 
Schauplatz ſeiner mühevollen und leider nicht von 
: — dem erwünſchten Erfolg gekrönten Tätigkeit erft 
am 20. Juni 1815 verlaſſen konnte, um über Berlin, wo er die 
Seinen nach faſt einjähriger Trennung wiederſehen wollte, mit 
Hardenberg ins Hauptquartier zu gehen. Auf dem Wege nach 
Berlin erfuhr er die Siegesnachricht von Belle Allianee. Wie 
groß mag die Freude des patriotiſch begeiſterten Paares beim 
Wiederſehen geweſen ſein! 

Kurze Zeit des Zuſammenſeins war den beiden nur vergönnt. 
Nach kaum vierzehn Tagen iſt Humboldt ſchon wieder unterwegs, 
um mit Hardenberg, den er in Saarbrücken trifft, nach Paris zu 
gehen. Die Schwierigkeit ſeiner dortigen Lage bei den Friedens 
unterhandlungen, in denen er auf das kräftigſte Preußens An⸗ 
ſprüche vertrat, aber wiederum keine ausſchlaggebende Stimme hatte, 
legt er ſeiner Gattin wiederholt in vertrauten Briefen dar. 
IX 


Fein charakteriſiert der tiefe Menſchenkenner den Kaiſer Alexander, 
deſſen Eigenſucht ſich hinter ſentimentalen Phraſen und gekünſteltem 
Idealismus verbirgt und ihn zum größten Widerſacher Preußens 
werden läßt. Klar erkennt er, daß ſein raſtloſer Eifer, ohne ihm in 
Preußen Popularität zu gewinnen, ihn bei den franzöſiſchen und 
ruſſiſchen Staatsmännern mißliebig und unbequem machen mußte! 

Wenn auch Humboldt ſeinen Aufenthalt in Paris zunächſt 
nur auf ſechs bis neun Monate berechnete, und, ſobald die Sicher⸗ 
heit der Straßen es erlauben würde, dringend die Ankunft ſeiner 
Gattin wünſchte, ſo ſtellten ſich doch der Wiedervereinigung ernſte 
Hinderniſſe entgegen. Die Tochter Caroline hatte gegen ihr ſchweres 
neuralgiſches Leiden eine magnetiſche Kur in Berlin begonnen, die 
nicht unterbrochen werden durfte. Die Mutter plante nun, nach 
Hedemanns, ihres Schwiegerſohnes, Rückkehr vom Feldzug, Caroline 
und den kleinen Hermann mit ſeinem Hofmeiſter bei dem jungen 
Paar einzuquartieren und ſelbſt mit Gabriele nach Paris auf⸗ 
zubrechen, ſtieß aber auf Widerſtand bei dem jungen Ehemann 
und mußte erkennen, daß ihr liebevolles Herz die Selbſtloſigkeit 
und Opferbereitſchaft der Jugend überſchätzt hatte. Aber auch 
hier wird das Elternpaar anderer Individualität gerecht, läßt keinen 
Mißklang aufkommen und entſagt ſtill. 

So blieb denn Caroline in Berlin, Humboldt aber wurde 
Anfang Oktober 1815 beauftragt, unmittelbar nach dem Abſchluß 
des zweiten Pariſer Friedens, an den in Frankfurt ſchwebenden, 
ſogenannten Territorialverhandlungen teilzunehmen. Erſt ſpäter 
ſollte er dann ſeinen Geſandtenpoſten in Paris antreten, 
auf den er ſchon fünfviertel Jahr zuvor berufen worden war. 
Die Frankfurter Geſchäfte — es handelte ſich um Gebietsaustauſch 
und Entſchädigungen — erwieſen ſich als äußerſt verwickelt und lang⸗ 
wierig, und es bedurfte nicht allein des ſtets wachſamen, durch⸗ 
dringenden Verſtandes, ſondern auch der ganzen Ausdauer und 
X 


Geduld eines Wilhelm Humboldt, um nicht zu erlahmen und eine 
ganze Reihe von Fragen zum erwünſchten Abſchluß zu bringen. 
Weit länger als vorauszuſehen war, über dreizehn Monate, zog 
ſich ſein Aufenthalt in Frankfurt hin. 

Inzwiſchen harrte man auf die Eröffnung des vom Wiener 
Kongreß geſchaffenen Deutſchen Bundestages. Im Sommer 
1816 war als Preußiſcher Vertreter der bisherige Geſandte 
v. Hänlein aus Kaſſel nach Frankfurt berufen worden. Er verdarb 
dort, wie Humboldt ſagt, „in drei Tagen mehr, als man in einem 
Jahr wieder gutmachen könne“ und mußte alsbald wieder zurück⸗ 
treten. An ſeiner Stelle wurde Graf A. F. F. Goltz“), der frühere 
Miniſter des Auswärtigen, ernannt. 

Da dieſer durch Krankheit verhindert war, ſofort einzutreffen, 
ſo ward Humboldt mit ſeiner Vertretung betraut, abermals als 
Lückenbüßer, abermals um zu verſuchen, eine verfahrene und ſchon 
halb verlorene Sache wieder einzurenken, ohne ſie doch zu Ende 
führen zu dürfen. Ihm iſt es zu danken, wenn in der Eröffnungs— 
ſitzung vom 5. November 1816 Preußens Politik der öſterreichi— 
ſchen gewachſen ſchien, und neue Hoffnungen ſich an den Bund 
knüpften. Aber mit dem Augenblick, da, ſechs Tage ſpäter, Humboldt 
zurücktrat, weil Graf Goltz in der erſten Geſchäftsſitzung erſchien, 
ging es abwärts, und bald war der Bundestag ein Spott. 

Wir haben über dieſe Periode keine Briefe, denn endlich, 
ſeit dem 6. Auguſt 1816, war das Humboldtſche Paar in Frankfurt 
vereint, nachdem Mutter und Tochter Caroline noch eine Kur in 
Karlsbad gebraucht hatten. Das Familienleben, deſſen Glück noch 


*) Auguſt Friedrich Ferdinand Graf v. der Goltz, geb. 1765, + 1832, 
unterzeichnete 1807 als Miniſter des Auswärtigen den Frieden zu Tilſit 
und ſchloß auch 1812 den Vertrag mit Frankreich, ward nach dem erſten 
Pariſer Frieden Oberhofmarſchall und kehrte zu dieſer Stellung zurück, nach⸗ 
dem er 1824 vom Bundestag abberufen worden war. 

XI 


durch die Verlobung der Tochter Gabriele mit Bülow, Humboldts 
Legationsſekretär, erhöht wird, ſpiegeln die Briefe Frau v. Humboldts 
und der jungen Braut an Adelheid Hedemann wieder), und wir 
können uns die Heiterkeit in dieſem harmoniſchen Kreiſe nicht 
hinreißend genug denken. 

Aber nur fünf Monate war es der Familie vergönnt, in Frank⸗ 
furt ſo vereint zu bleiben. Humboldts Vertreter in Paris, Graf 
K. H. F. Goltz“) (nicht zu verwechſeln mit dem vorerwähnten 
Bundestagsgeſandten) war dem franzöſiſchen Kabinett bequem, und 
Richelieu hatte ſchon in einem Schreiben vom 31. Auguſt 1816 
Hardenberg gebeten, ihn dauernd als Geſandten in Paris zu 
laſſen unter dem Vorwand, daß ſich an Humboldt zu viel 
kränkende Erinnerungen wegen der demütigenden Friedens— 
unterhandlungen knüpften. Hardenberg gab dieſen Wünſchen, 
die auch von Rußland unterſtützt wurden, nach, und beſtimmte 
Humboldt Ende Oktober 1816 zum Geſandten in London, forderte 
ihn aber gleichzeitig auf, bei den Beratungen über die Finanz⸗ 
verfaſſung und die Konſtitution in Berlin zugegen zu ſein. 

Am 11. Januar 1817 verlaſſen Humboldts Frankfurt, be⸗ 
ſuchen in Weimar Goethe, verweilen kurz auf den thüringiſchen 
Gütern und treffen Anfang März in Berlin ein. 

Hier erwarten Humboldt allerlei Auszeichnungen: Die 
längſt verheißene Dotation wird ihm durch Kabinettsorder vom 
13. März 1817 zugeſichert: Humboldt ſoll ſelbſt eine Beſitzung 
mit einem Ertrag von 5000 Talern wählen. Ferner wird er zum 
Mitglied des neugegründeten Staatsrats und auch der Verfaſſungs⸗ 
und Steuerkommiſſion ernannt. 

Humboldt fand die Lage des Preußiſchen Staates in der Nähe 


) Siehe Gabriele v. Bülow, ein Lebensbild. 

**) Karl Heinrich Friedrich Graf v. der Goltz, geb. 1772, + 1822, zuerſt 
Militär, Adjutant Blüchers, 1810 Geſandter in München, 1814 in Paris. 
XII 


betrachtet noch viel übler, als er aus der Entfernung befürchtet 
hatte. In der Verwaltung heilloſe Verwirrung, im Finanzdeparte⸗ 
ment hoffnungsloſe Mißwirtſchaft, und, was das Schlimmſte war, 
Hardenbergs Anſehen in den Grundfeſten erſchüttert. Humboldt 
hielt die Steuervorſchläge, die der Finanzminiſter Bülow, Harden— 
bergs Neffe, vertrat, nicht für zweckmäßig und konnte von ihnen 
keine wirkliche Beſſerung der ſchwierigen Finanzlage erhoffen. Er 
fühlte ſich verpflichtet, dieſen Plänen mit der ihm eigenen Klarheit 
und Schärfe entgegenzutreten. Seine Ausführungen riefen 
leidenſchaftliche Erregung im Staatsrat hervor. Er ſprach auch 
Hardenberg gegenüber in einem Schreiben vom 14. Juli 1817 
offen aus, daß er ſeine Geſchäftsführung nicht billigen könne und 
in der jetzigen Lage der Miniſter die Stellung eines zweiten Rabi- 
netts⸗Miniſters, die ihm Hardenberg vorgeſchlagen hatte, nicht an- 
nehmen würde. 

Es kann nichts Offeneres und Loyaleres gedacht werden, als dieſe 
freimütige Darlegung und Beurteilung der Verhältniſſe, aber die 
durchgreifende Abhilfe, die Humboldt vorſchlug: die Selbſtändig⸗ 
keit und Verantwortlichkeit, die er für die einzelnen Miniſter 
und Oberpräſidenten forderte, griff allerdings die Stellung des 
Staatskanzlers ſelbſt an, und hierin fühlte ſich Hardenberg per— 
ſönlich getroffen. Im Effekt liefen Humboldts Vorſchläge auch 
tatſächlich darauf hinaus, des Staatskanzlers Macht zu brechen, 
nur kann nicht oft genug betont werden, daß Humboldt dabei alles 
Perſönliche völlig fern lag. Es war ihm allein um die Sache zu 
tun, und er vermochte durchaus in ſeinem Inneren Perſönliches 
und Sachliches ſo zu trennen, wie es leidenſchaftlichen und leicht 
erregbaren Naturen unmöglich erſchien. Hardenberg aber dachte 
nicht groß und ſelbſtlos genug, um ſich mit der Stellung eines 
Präſidenten des Miniſteriums und des Staatsrats — „mit dem 
Recht ohne alle Rückſicht auf Stimmenmehrheit im Miniſterium 

XIII 


zu entſcheiden und mit dem alleinigen Vortrag beim König“ wie 
Humboldt vorſchlug — zu beſcheiden, und es iſt verſtändlich, daß 
gegen den, der ihm ein ſolches Opfer zumutete, eine gewiſſe Ab⸗ 
neigung erwachte. Rätſelhaft aber ſcheint es, wie nach den Worten 
und Handlungen Humboldts auch bei Hardenberg der Verdacht 
auftauchen konnte, Humboldt ſtrebe ſelbſt nach dem Kanzlerpoſten. 
Solange noch eine perſönliche Berührung ſtattfand, ſind bei Harden⸗ 
berg auch keine Mißſtimmungen hervorgetreten, denn Humboldt, 
deſſen Gefühle für Hardenberg unverändert freundſchaftlich blieben, 
erwähnt in ſeinen Briefen öfter — noch bei der letzten Begegnung 
in Karlsbad, Mitte Auguſt 1817, — des Kanzlers „immer gleich 
bleibende Freundſchaft und wirkliche Zärtlichkeit“. Während der 
dann folgenden langen Abweſenheit Humboldts hat wohl Ver— 
leumdung, der Hardenberg ſtets zugänglich war, das ihrige getan, 
ein Mißtrauen in ihm großzuziehen, das ſich ſpäter in dem Beſtreben 
äußerte, Humboldt von Berlin fernzuhalten. 

Von den erregten Debatten in der Steuerkommiſſion geben 
Humboldts Briefe uns wieder Kunde, denn Mitte April 1817 
hebt eine neue lange Trennung und damit unſer Briefwechſel wieder 
an. Das bis zur Anerträglichkeit geſteigerte Leiden der Tochter 
Caroline bedingte den Gebrauch der Bäder auf der Inſel Ischia, 
und ſo machte ſich Frau v. Humboldt mit den Töchtern in Be⸗ 
gleitung des jungen Hedemannſchen Paares nach dem vielgeliebten 
Süden auf. Juli und Auguſt wurden auf der Inſel Ischia zu⸗ 
gebracht, dann ging es nach Rom. 

Humboldt verließ Berlin Ende Juli, ging über Burgörner 
und Schleſien, wo er das als Dotation vorgeſchlagene Gut Ott⸗ 
machau beſichtigte, zu Hardenberg nach Karlsbad und harrte dann 
in Frankfurt ſeines Kreditivs, um nach England abzugehen. Mitte 
September erſt konnte er aufbrechen. Er reiſte über Brüſſel, 
Amſterdam und Rotterdam und ſchiffte fic) am 3. Oktober in 
XIV 


Hellevoetſluis nach London ein, wo er am 5. eintraf. Frau 
v. Humboldt iſt ihm dorthin nicht gefolgt, weil anfangs die 
ſchwankende Geſundheit der Tochter, ſpäter ihr eigener leidender 
Zuſtand das engliſche Klima nicht ertragen hätten. So geht der 
Briefwechſel ununterbrochen fort, bis ſich das Paar im Sommer 
1819 in Deutſchland wieder vereinigt. 

Der vorliegende Band bricht mit dem Beginn des Londoner 
Aufenthalts ab, der folgende wird uns bis zu Humboldts Aus— 
ſcheiden aus dem Staatsdienſt, am 31. Dezember 1819, führen. 


200 


XV 


Erſter Abſchnitt. 
Humboldts Abreiſe aus Berlin und ſein 
Aufenthalt in Paris 5. Juli bis 22. November 1815 


1. Humboldt an Caroline Burgörner, 7. Julius 1815 


ch bin geſtern nacht um 1 Ahr (oder vielmehr 
Li heute nacht) hier angekommen, liebe Li, und Du 
i kannſt nicht glauben, wie es mich ſchmerzt, daß Du 
mS FY nicht mit mir biſt, und ich nur fo wenige Stunden 
hier bleiben kann. Burgörner, wie ich es nur er- 
blicke, atmet mich immer mit einem Gefühle vergangenen Glücks 
und einer Wehmut an, die ich nicht beſchreiben kann. Ich bin noch 
die Nacht, wie ich die Leute fortgeſchickt hatte, in allen Stuben ge— 
weſen, habe den Kirchberg angeſehen, wo wir ſo oft ſaßen, um 
über ihn die Sterne kommen zu ſehen, und habe die Stube begrüßt, 
wo Du als Mädchen wohnteſt. Du ſüßes, geliebtes Herz haſt mich 
immer ſo unendlich glücklich gemacht, daß ich Dir nie genug dafür 
danken kann. 
Humboldt⸗Briefe. V. 1 1 


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Ich wäre um gute zwei Stunden früher hier geweſen, wenn 
ich mich nicht in Deſſau aufgehalten hätte. Aber ich hielt kaum an 
der Poſt ſtill, fo ließ mich der Herzog“) durch den Kommandanten 
einladen, zu ihm zu kommen und bei ihm zu eſſen. Er iſt ein ver⸗ 
trauter Freund meines Vaters geweſen und hat mich als Kind oft 
in Tegel geſehen, ich mochte es ihm alſo nicht abſchlagen. Du glaubſt 
nicht, mit welcher Herzlichkeit mich der alte 75jährige Mann auf⸗ 
genommen, wie er von Tegel geſprochen, ſich gefreut hat, daß wir 
es noch hätten, und immer wiederholt, wie mein Vater ſich gefreut 
haben würde, wenn er erlebt hätte, Alexandern und mich ſo zu 
ſehen. Beim Eſſen hat er mir noch Kirſchen einpacken laſſen, die 
ich ſchlechterdings habe eſſen müſſen. Dann iſt er wohl eine Meile 
weit mit mir gegen Köthen zu gefahren. Er ließ auch Dich ſehr 
grüßen, er hat Deinen Vater gut gekannt. Beim Abſchied weinte 
er bitterlich. 

Hier muß ich ſuchen, daß ich keinen Augenblick verliere. Lebe 
innigſt wohl. Amarme die ſüßen, lieben Mädchen. 

Ewig Dein H. 


2. Caroline an Humboldt Berlin, 8. Julius 1815 


— fängt denn das Numerieren wieder an, und ich kann 
ö (GF Dir gar nicht ſagen, mein liebſter Wilhelm, wie traurig 
— es mich macht, nun wieder auf das Schreiben reduziert 
zu ſein. 
Ich bin um dieſe Stunde — es iſt 10 Ahr — mit Dir in 
Auleben, wo Dunker“) Dir in der gedrängten Zeit wohl manches 
Aktenſtück vortragen wird. 


*) Leopold III., Herzog von Anhalt⸗Deſſau, geb. 1740, + 1817. 
) Sekretär des verſtorbenen Präſidenten v. Dacheröden. 


Seit vorgeftern nachmittag, wo Caroline, nachdem fie eine Stunde 
lang am Baquet geſeſſen, über eine Stunde lang an der Seite der 
Clairvoyante geſchlafen, iſt das Kopfweh, zum erſtenmal ſeit Mo— 
naten, ganz weg. Sie hat geſtern wieder geſchlafen, iſt heute ſehr 
heiter, einmal des bangen Druckes los zu ſein. Gott gebe, daß es 
Beſtand habe! 

Morgen will ich mit Rorners*), ihnen einen heiteren Tag zu 
machen, nach Tegel hinausfahren. 

Wie innig denk ich an Dich, lieber Wilhelm, und an die viele 
Liebe, die Du mir gezeigt haſt. Ich trage ſie dankbar im 
Herzen und will ſuchen, ſie zu verdienen. Für heute breche ich ab 
und umarme Dich innigſt. Die Kinder grüßen. Deine Li. 


3. Humboldt an Caroline Rudolſtadt, 9. Julius 1815 


Ich bin heute vormittag hier angekommen, liebe Li. Retelhodt**) 
und Beulwditz“ ) haben mich nur fo viel allein gelaſſen, als 
zu meinem Anziehen nötig war, und ich erwarte Ketelhodt 
mit jedem Augenblick, um mich zur Fürſtin ) zu führen. 

Ich bin um 4 Ahr aus Auleben ausgefahren, Wieſe in) kam mir 
ſchon auf dem halben Wege entgegen und nahm mich mit zu ſich h). 

Der Fürſt ) hatte beſtellt, daß, wie man erführe, daß ich käme, 
man ihn holen ließe. Er war auf der Jagd. Er kam eine Viertel⸗ 


*) Eltern des Dichters. 
* Rudolſtädter Hofrat. 
0 Erſter Gatte von Caroline v. Wolzogen. 
+) Caroline Luiſe, Fürſtin von Rudolſtadt, geb. 1771, + 1854. 
+t) Geheimrat. 
ttt) Nach Sondershauſen. 
h) Günther Friedrich Karl, Fürſt von Schwarzburg⸗Sondershauſen; 
geb. 1760, + 1837, nachdem er 1835 die Regierung niedergelegt hatte. 
1* 3 


ftunde nach meiner Ankunft zu Wieſe und hielt mich über eine 
Stunde auf. Du kannſt Dir nicht denken, was er alles durdh- 
einander geſprochen hat. Ich werde Dir ein andermal einiges 
ſchreiben, es iſt zu merkwürdig. Anter anderem ſagte er mir, ich 
wäre der geſcheiteſte Miniſter des Kongreſſes geweſen, ſetzte gleich 
hinzu: er könne das zwar gar nicht beurteilen, und darum könnte 
ich von ihm es immer annehmen, bewies es mir aber dadurch, 
daß es ihm ſein Büchſenſpanner geſagt habe, als er ſich durch 
dieſen habe den Brief, worin ihm meine Ankunft gemeldet ſei, 
vorleſen laſſen. Für Chalebra*) äußerte er ſich auf das Günſtigſte, 
nur auf die Jagd möchten wir Verzicht tun, das ſei, als wenn 
man ihm ein Mädchen nähme. Ich verſicherte ihm gleich, daß ich 
ihm ſolches Herzeleid nicht anmuten wolle. Im ganzen hat er 
mich ſehr amüſiert. Er hat offenbar Originalität und recht viel 
Verſtand, nur gänzlichen Mangel an Erziehung. 

Durch Erfurt kam ich die Nacht und ſah, was mir ſehr leid 
tat, Papas Haus nicht, da der Weg nicht vorbeiführt. 

Hier hat man mich ſchon bis jetzt mit der gewohnten Güte 
und Freundſchaft aufgenommen. Ich ſollte bei Hofe wohnen, 
allein, da ich nach dem Abendeſſen wieder fortgehe, habe ich es 
abgelehnt. 

Ich habe hier das Einrücken Blüchers am 3. in Paris erfahren 
und mich unendlich gefreut, daß er der erſte da iſt. Er hat, wie 
das Bulletin ſagt, die Anhänger Bonapartes verhaften laſſen. So 
geſchieht endlich einige Gerechtigkeit. Nur Napoleon ſelbſt iſt doch 
entkommen. 

Lebe wohl, teures, inniggeliebtes Herz. 

Ewig Dein H. 


: vom 7. aus Burgörner mich geſtern überraſcht. Nie iſt 
— ein Brief aus Burgörner ſo ſchnell hierher gekommen wie 
dieſer. Wie gern, wie ſehr gern wäre ich bei Dir geweſen! Auch 
ich liebe Burgörner ungemein, und alle lieben Erinnerungen der 
Kindheit und der ſchönen Jugend knüpfen ſich an dieſen einſamen 
Aufenthalt, wo ich wohl zuerſt meiner recht bewußt worden bin, 
wo ich Dich, mein teures Weſen, ja zuerſt geſehen habe. 

Der Herzog von Deſſau rührt mich ordentlich, ich habe den 
alten Mann lieb, da er Dich ſo lieb zu haben ſcheint. 

Es verbreitet ſich die Nachricht, durch Kaufmannskonnexionen, 
daß Paris mit Kapitulation übergegangen ſei und zwar am 3., 
ich wünſche ſehr die Beſtätigung. Hier ſind vorgeſtern nacht einige 
Hundert Menſchen auf den Templauerberg gelaufen, um Paris 
brennen zu ſehen. Wie findeſt Du das? 

Ich umarme dich von ganzer Seele. 
Ewig Deine Caroline. 


5. Caroline an Humboldt Berlin, 13. Julius 1815 


Mein teures Herz! 
geit vorgeſtern, wo ich Dir ſchrieb, wurde das Gerücht der 
Kapitulation von Paris immer lebhafter, und nachmittags 
um 4 Ahr erfuhren wir, daß Leo von Lützow, Berthas“) 


Mann, die Nachricht als Kurier überbringe. Die Senſation im 
Larocheſchen Hauſe kannſt Du Dir denken. Sie fuhren gleich nach 
Schöneberg, von wo aus Lützow mit den Poſtillonen eingeholt werden 


) Bertha von Laroche, Tochter des Humboldtſchen Jugendfreundes. 
5 


follte, und ſahen fic) dort. Adelheid ließ ein wenig das Köpfchen 
hängen, daß man nicht Hedemann*) mit einer fo ſchönen Nachricht 
hergeſchickt habe, gönnte aber doch Berthan vor allen dieſe Freude. 

Geſtern abend bei Larochens wurden Wachslichter gebrannt, die 
Lützows Bedienter in den Bagagewagen Napoleons genommen hatte. 
Wir hören hier, daß der Feldmarſchall vier Millionen Taler und Be⸗ 
kleidung für 150000 Mann vorerſt ausgeſchrieben hat. Ich geſtehe Dir, 
daß ich von jetzt an unbeſchreiblich auf den Gang der Begebenheiten be⸗ 
gierig bin. Daß Paris in unſere Hände kommen würde, habe ich ge- 
hofft; daß man aber ſo großes Gelungenes benutze, iſt mir nicht klar. 

Der Anmut der Ruſſen, nicht teil an dieſem großen Siege und 
ſeinen Folgen genommen zu haben, iſt hier ſehr ſpürbar. Ich habe 
mir von Lützow das Manöver unſerer Armee auf der Karte zeigen 
und beſchreiben laſſen, es iſt ſehr ſchön. Heute erwartet man einen 
zweiten Kurier, der den wirklichen, auf den 6. beſtimmten Einzug 
in die große Babylon überbringen ſoll. 


6. Humboldt an Caroline Paris, rue Dominique Nr. 105, 
; 18. Julius 1815 

s hat mir ſehr leid getan, Dir, liebe Li, ſeit Frankfurt, 

IH alfo feit ſieben Tagen, nicht ſchreiben zu können. Allein 

es fehlte mir durchaus an Gelegenheit, und erſt heute 

erſte Kurier des Kanzlers ab. 

Hier habe ich Deinen teuren Brief vom 8. Julius bekommen 
und danke Dir unendlich für Deine Liebe. Wohl iſt es ſchmerzlich, 
daß das Zählen der Briefe wieder angeht, allein wenn Du nach 
Paris kommen wollteſt, ſo empfange ich Dich mit Freuden, und 

*) Auguſt v. Hedemann, geb. 1785, + 1859, Humboldts Schwiegerſohn, 


Adjutant des Prinzen Wilhelm, Friedrich Wilhelms III. Bruder. 
6 


7 | 


I! 


unfer Zuſammenſein würde mich ſehr glücklich machen. Die Un- 
gewißheit der Dinge und die Anſicherheit der Straßen, die für den 
jetzigen Augenblick eine ſolche Reiſe freilich noch nicht ratſam machen, 
müſſen in wenigen Wochen, und früher als Deine und Carolines 
Badekur aus ſein werden, geendigt ſein. 

Meine Reiſe iſt viel glücklicher geweſen als ich es mir dachte. 
Ich konnte kaum hoffen, den Kanzler anders als in Paris zu finden, 
und traf ihn {don in Saarbrücken an. Die Beſorgnis, den Partei- 
gängern in die Hände zu fallen, hatte ihn dort aufgehalten. 

Es war am 12., als wir zuſammenſtießen, und von da an 
blieben wir zuſammen! Am Nancy herum war die Gegend aufer- 
ordentlich unſicher. Dem Kriegsminiſter Boyen !) iſt fein Wagen 
genommen worden. Martens) und ein Leutnant Gerlach ſaßen 
darin, doch hat man dieſe wieder gehen laſſen. Er ſelbſt war glück⸗ 
licherweiſe zufällig zum Prinzen Wilhelm, dem Sohn des Königs, 
in den Wagen geſtiegen. Ein ruſſiſcher Oberſt nebſt vier Soldaten 
wurden zur Zeit als wir da reiſten, erſtochen. Wir hatten meiſtenteils 
Eskorte von Kavallerie, indes manchmal auch nicht, und wir haben 
nicht den mindeften Anfall erlebt. Wir hätten ſogar zwei Tage 
früher ankommen können, wenn dem Kanzler ſein Alter alle Nächte 
durchzufahren erlaubte. 

Auguſt habe ich leider hier nicht mehr gefunden. Er iſt 
mit dem Prinzen der Loire zu marſchiert, um die jenſeits noch 
verſammelt ſtehende Armee zu beobachten. Ich hatte mich ſo ſehr 
gefreut, ihn wiederzuſehen. Sage aber Adelheid, daß ich von allen, 
die ihn ganz kürzlich geſehen, weiß, daß er vollkommen wohl iſt. 

Ich wohne hier im Hauſe des Marſchalls Davout ). Er hat 


) Leopold Hermann Ludwig v. Boyen, geb. 1771, + 1848. 
*) Georg Friedrich v. Martens, geb. 1756, + 1821, ſeit 1814 banno- 
verſcher Geheimer Kabinettsrat. 
**) Louis Nicolas Davout, Herzog von Auerſtädt, geb. 1770, + 1823. 
7 


nämlich ein großes Hotel und ein kleines, ganz abgeſondertes, 
worin der Miniſter Altenſtein!) und ich find. Wir kamen den 
Abend ſpät an und begriffen nicht den Anterſchied zwiſchen den 
beiden Häuſern, da die Anweiſungen nicht ſchriftlich und deutlich 
gegeben waren. Den anderen Tag entſtand nun die Frage, ob ich 
ins große Hotel ziehen wollte. In dieſem liegt in der oberen 
Etage die Frau, eine geborene Leclere, in Wochen, und die untere 
Etage iſt prächtig meubliert und nie bewohnt geweſen. Sie ließ 
mich gleich, da ich ſie in Erfurt gekannt habe, beſcheiden, und bat 
mich, da das große Appartement durch Bewohner leicht verdorben 
werden würde, zu bleiben, wo ich fei. Ich wohne gut, ſehr an- 
ſtändig, in mehr Freiheit als mit ihr unter einem Dach und liebe, 
wie Du weißt, in dieſen Dingen mehr eine einfache Beſcheidenheit. 
Ich bin alſo im kleinen Hotel geblieben. Sie bearbeitet nun Alten⸗ 
ſtein, ihn auch dahin zu bringen. Er hat jedoch, da er gar nicht 
gut wohnt, ſich noch ſeinen Entſchluß vorbehalten. Was mich be- 
wogen hat, iſt, daß, da ich hier bleiben kann und wahrſcheinlich 
bleiben werde), es lächerlich und nicht einmal recht anſtändig iſt, 
wenn ich einquartiert, alſo umſonſt, ein königlich möbliertes und nach⸗ 
her für mein Geld ein viel bürgerlicheres Haus bewohne. Abrigens iſt 
es närriſch genug, daß, nachdem ich in Erfurt Gefälligkeiten für Papa 
in Abſicht der Einquartierung nachgeſucht habe“), ich nun im Fall 
bin, von Davout ſelbſt um viel größere angegangen zu werden. 
Die Geſchäfte ſind mit dem erſten Tage nach unſerer Ankunft 
wieder angegangen. Die Form iſt die, daß die Miniſterien der 
vier verbündeten Höfe ein einziges Konſeil bilden, das mit dem 
franzöſiſchen Miniſterium dasjenige abmacht, wobei das letztere 


) Karl Freiherr vom Stein zum Altenſtein, geb. 1770, +1840, preußi⸗ 
ſcher Miniſter. 
**) Als Geſandter. 
+) Bal. Band III, S. 63. 


8 


eintreten muß. Dies Konſeil verfammelt fic) alle Morgen um 
11 Ahr. Vor unferer Ankunft haben Gneiſenau und Kneſebeck“) 
unſere Stelle darin vertreten. Sie ſind auch jetzt noch dabei, und 
ich habe dem Kanzler ſehr geraten, ja zu machen, daß Gneiſenau“) 
dabei bleibt, und auch, wenn es zu wirklichen Friedensunterhandlungen 
kommt, einer der Bevollmächtigten ſei. Er hat Genie und Charakter 
und kann uns äußerſt wichtig ſein. Er läßt Dich ſehr grüßen und erinnert 
ſich mit großem Vergnügen, Dich in Berlin oft geſehen zu haben. 

Geſtern habe ich mit ihm und dem Kanzler beim alten Blücher 
in St. Cloud gegeſſen. Man iſt hier immer mit dem umgeben, 
was ſonſt Napoleon gehörte. Gneiſenau fuhr uns mit den dem 
Wagen Napolons abgenommenen Pferden hin, bei Blücher aßen 
wir im Schloß und auf Napoleons vaisselle. 

Es hat mich ſehr gerührt, an der Brücke bei dem Neftaurateur 
vorbeizufahren, wo Du wohnteſt. Ich bin nach Tiſch allein ein 
wenig in den großen Laubengängen des Gartens herumgegangen, 
es war ſehr ſchön im Mondſchein. Die ſehr einfache Art, wie wir 
damals lebten! ), hat noch jetzt immer einen eigenen Reiz für mich, 
die Geſinnung wird uns beiden auch immer bleiben, und wir kehrten 
wahrſcheinlich beide wieder gern dahin zurück. 

Im weſentlichen ſtehen die Sachen hier ziemlich gut. Du weißt, 
welche bange Ahndungen ich wegen gewiſſer immer zu großmütiger 
Geſinnungen hatte. Aber die Meinung, daß man Schadloshaltung 
und Sicherheiten haben muß, ſcheint doch, ob ich es gleich noch 
ganz nicht beurteilen kann, ſehr übereinſtimmend. Das iſt ſchon 
viel, wenn auch noch das einzelne ſich erſt nachher entwickeln muß. 
Gegen die Preußen iſt viel Neid und daher auch viel Verleum- 


) Karl Friedrich v. dem Kneſebeck, geb. 1768, + 1848, preußiſcher 
Generalfeldmarſchall. 
*) Gneiſenau war 1815 Generalſtabschef in Blüchers Armee. 
***) 1797-1799 und 1800-1801. 


dung, obgleich mit der vollften Anerkennung des Getanen. Bei 
der preußiſchen Armee iſt allein und ausſchließend der Sinn 
der ſtrafenden Gerechtigkeit und daher viele von den laxer Gefinn- 
ten begünſtigte Kläger gegen ſie; bei der preußiſchen Armee endlich 
wird im einzelnen dieſer Sinn übertrieben und daher auch manche 
gegründete Reklamation. Du wirſt aus dieſen wenigen Worten 
einſehen, wie dies Verhältnis jetzt hier ſehr und nicht immer ange- 
nehm beſchäftigen muß. 

Die Armee unter Davout ſteht noch immer an der Loire, allein 
man nimmt nun ernſthafte Maßregeln, und wenige Tage werden 
entſcheiden, ob ſie auseinandergehen wird, oder ob man ſie wird 
von neuem angreifen müſſen. Ich glaube das letztere nicht. Nach 
den geſtern hier uns offiziell mitgeteilten Nachrichten iſt Bonaparte 
zu Schiff von der Inſel Aix bei La Rochelle gegen die Inſel d' Veu 
zu gegangen. Von der Familie wiſſen wenigſtens wir nichts. 
Lucian“) ſcheint ſich vorzüglich ſchlecht benommen zu haben, bloß als 
ein Anhang Napoleons, ſogar ohne Selbſtändigkeit. 

Schlabrendorffen n) habe ich den Tag nach meiner Ankunft 
beſucht. Ich wollte ihn einladen, mit dem Kanzler und mit mir zu 
eſſen. Allein wie ich in die Stube trat, ſah ich, wie unmöglich 
nur ein ſolcher Vorſchlag war. Er hatte einen über anderthalb 
Hände breiten langen Bart, ſonſt iſt er wie immer und ſieht kaum 
einmal älter aus. Er grüßt dich auf das herzlichſte. 

Du ſchreibſt ſo lieb über Dich und mich, ſüßes Herz. Aber 
ſage nicht, daß Du meine Liebe verdienen willſt. Es iſt von jeher 
unendliche Güte von Dir geweſen, ſie ſo zu erwidern, und Deine 
Liebe hat mich noch neulich tief und innig gerührt. Wie gleich 
ſie ſich bleibt, ſo iſt ſie mir immer neu, und es ſcheint mir immer, 
wenn ich Dich zuletzt geſehen habe, daß Du noch lieber und gütiger 

*) Lucian Bonaparte, Bruder Napoleons I., geb. 1775, + 1840. 

**) Graf Guſtav Schlabrendorff, geb. 1750, + 1824. Vgl. Bd. II, III, IV. 
10 


geweſen wäreſt als ſonſt. Ich ſehne mich nach nichts, als mit Dir 
zuſammen zu ſein, und endlich müſſen ſich doch die Dinge geſtalten. 
Lebe innigſt wohl, teures Herz. Ewig Dein H. 


7. Humboldt an Caroline Paris, 22. Julius 1815 


SS} 


Au wirſt aus meinem vorigen Brief geſehen haben, daß ich 
D hier bin und auf alle Fälle einige Monate hier bleiben 
nmnuß. Es iſt mir ſogar wahrſcheinlich, daß ich hier als 
Geſandter bleibe.. 

Meine Lage hier iſt gar nicht lieblich, ſehr ſchwierig und nicht 
leicht dahin zu bringen, wo es wünſchenswert. 

Der arme Kanzler iſt unpäßlich und ſehr ſchwach. Mit Gneiſe— 
nau bin ich gut und tue was ich kann, um dies Vernehmen zu 
unterhalten, kann aber nicht ganz mit ihm übereinſtimmen. Die Höfe, 
die mit uns handeln, haben ganz andere und zum Teil alberne und 
ſchlechte Grundſätze. Kurz, überall Schwierigkeiten und nirgends 
ordentliche, treue, wahrhaft verſtändige und leidenſchaftloſe Hilfe, 
ſie zu überwinden. 

Indes bin ich demungeachtet geſund und heiter. Du weißt, 
daß ich mich nicht fortziehen laſſe, ſondern bleibe, wie ich bin. 
Ohne dieſe Selbſtändigkeit möchte ich lieber begraben ſein, als ſo 
leben. Wieviel Du, mein ſüßes, teures Weſen, mir dabei hilfſt, 
weißt und begreifſt Du nie. Dein teures Bild iſt mir immer gegen— 
wärtig, iſt mir eine Zuflucht und eine Sicherheit überall. Solange 
der Menſch etwas auf Erden hat, das er treu und rein anbetet, 
iſt ihm immer wohl. 

Lebe wohl, Du Einziggeliebte. Ewig Dein H. 


11 


8. Humboldt an Caroline Paris, 26. Julius 1815 


liebe Li ... Ich bin wohl und ſehr beſchäftigt. Der 
arme Kanzler kann noch nicht viel teil an den Geſchäften 
nehmen. Er leidet ſeit einigen Tagen fortdauernd, es iſt gar kein 
Anſchein einer Gefahr, allein ich kann nicht leugnen, daß mich die 
Sache dennoch ſehr ängſtigt. 

In den großen Begebenheiten iſt gerade nichts Neues vorgefallen. 
Die franzöſiſche Armee unter Davout ſcheint ſich in ihre Entlaſſung 
zu fügen. Die Feſtungen haben mehr oder weniger ſich für den 
König) erklärt, und wenn man ſich dabei beruhigt, fo iſt alſo das 
Haus der Bourbons in ſicherem und ruhigem Beſitz. Daß man 
ſich aber darauf verlaſſen könne, das zu glauben, bin ich weit 
entfernt. 

Blücher hat St. Cloud verlaſſen und hat ſein Hauptquartier 
jetzt in Rambouillet. Er folgt unſeren Truppen an die Loire. Ich habe 
ihn nur einmal geſehen, als ich bei ihm aß. Ich habe nicht Zeit 
gehabt, Paris zu verlaſſen. Mit Grolman™) bin ich im nämlichen 
Fall. Er kommt gar nicht in die Stadt. Das letztemal war er 
ja bloß durchmarſchiert. Dagegen bin ich mit Gneifenau in täglicher 
Berührung. Er wohnt den Konferenzen bei, und wir kommen 
regelmäßig eine halbe Stunde früher beim Kanzler zuſammen. Auch 
eſſen tun wir gewöhnlich miteinander, da auch er meiſtenteils beim 
Kanzler ißt. Seine unmittelbare Teilnahme an den Geſchäften iſt 
mir ein großer Troſt. Auch Kneſebeck iſt ſehr brav dabei. 

Ich bin in den erſten Tagen hier viel im Muſeum geweſen. 
Anſere Sachen haben wir alle vollſtändig zurückerhalten. Man dankt 


. habe keine Briefe in dieſen Tagen von Dir erhalten, 
\ : 3 


) Ludwig XVIII., geb. 1755, + 1824. 

**) Karl Wilh. Georg v. Grolman, geb. 1777, + 1843, war 1815 General- 
quartiermeiſter bei Blüchers Armee. 
12 


dies bloß der Armee, die ſehr tätig dabei geweſen iſt. Im Muſeum, 
beim Herumgehen in den Straßen und in allem dem, was man 
tun kann, ohne einen einzigen Menſchen zu ſehen und zu kennen, 
finde ich allein einiges Vergnügen. Die Einſamkeit im Gewühle, 
die immer ein ſehr großer Genuß für mich war, iſt nur in Paris 
und London anzutreffen. Inſofern wirſt auch du gern in Paris 
ſein. Die Geſellſchaften muß ich freilich ſehen, inſofern es welche 
gibt, was jetzt wenig der Fall iſt, allein ſie ſind nichts weniger 
als reizend, nicht einmal intereſſant. 

Ich bin faſt ganz um die Zeit, Dir zu ſchreiben, gekommen. 
Wie ich bis hierher war, kamen die Latour und die Delambre*) zu 
mir, Regnault“) und auch Arnault“ ) find, wie Du aus den Seitun- 
gen ſehen wirſt, auf der Liſte derer, die ſich aus Paris entfernen 
müſſen und vermutlich werden verbannt werden. Sie wollten 
nun wiſſen, ob ſie nach Neuchatel gehen könnten. Allein dies hat 
man die Klugheit, zu verhindern. Die Schweiz iſt kein für uns 
ſicherer Aufenthalt dieſer Herren. Arnault kommt ein wenig un- 
ſchuldig zur Verbannung, wenigſtens hat er ſich nie weſentlich und 
viel in politiſche Händel gemiſcht. Aberhaupt iſt das das Beſte, 
daß ſelbſt die, die jetzt auf den Straf- und Proffriptionsliften 
ſind, nichts anderes daran auszuſetzen finden, als daß man ihnen 
nicht mehrere andere zugeſellt hat. Wirklich hat man wohl Recht, 
ſich darüber zu verwundern, daß man einige vermißt. 

Ich bin unendlich begierig zu wiſſen, ob Du herkommen wirſt. 
Da man nur nach Ahndungen handeln kann, ſo wäre ich für 


) Gattin des franzöſiſchen Aſtronomen Delambre, mit Humboldts feit 
dem erſten Pariſer Aufenthalt bekannt. 

**) Regnault de St. Jean d' Angély, als Publiziſt offizieller Verteidiger 
der Handlungen Napoleons, blieb bis zuletzt bei ihm, ging 1816 exiliert nach 
Amerika, kam 1817 zurück. + 1819. 

**) Antoine Vincent Arnault, geb. 1766, + 1834, Dichter; unter Napoleon 
Chef des öffentlichen Anterrichts. 


13 


Dein Kommen, wenn nur Carolinens Geſundheit es erlaubt, und 
Du wirklich Luſt haſt, hier zu ſein. Es mag meine große Sehnſucht 
nach Dir, die das letzte Sehen nicht geſtillt, ſondern nur tiefer 
geweckt hat, mich vielleicht verführen, aber ich glaube, Du täteſt 
daran gut. Eine Art Wirtſchaft findeſt Du hier. Meine doppelte 
Feldeinrichtung von Küchenzeug, Silber, unſer Wedgewood, einige 
Tiſchwäſche, alles kommt uns jetzt zuſtatten. Komm immer, ſüßes, 
teures Herz. Glaube mir nur, verrate aber dieſe Vorliebe den 
Kindern nicht, die Boulevards, die Tuilerien, ſelbſt die engen 
Straßen, die Kais ſind doch ſehr hübſch. Neulich ſah ich von 
der Brücke Ludwigs XV. den Vollmond hinter der cité blutrot 
aufgehen, es war ein himmliſcher Anblick. Du warſt auch ſonſt 
gern und glücklich hier, und ſolche Erinnerungen hängen wenigſtens 
bei mir auf ewig an allen Häuſern, Wegen, Amgebungen. Du ſollteſt 
kommen. Du warſt jetzt ſchon entſetzlich lange nicht außerhalb 
Deutſchlands. Lebe innigſt wohl. Ewig Dein H. 


9. Caroline an Humboldt Berlin, 29. Juli 1815 


Mein teuerſter Wilhelm! 
eſtern ſind mir Deine Zeilen aus Frankfurt am Main vom 


N 11. durch die Poſt zugekommen. Warum ſo ſpät, weiß 
N ich nicht. Gottlob, daß ich Dich und den Staatskanzler 
(über den hier die beunruhigendſten Gerüchte gingen), glücklich in 
Paris angekommen weiß. 

Ich kann, ich geſtehe Dir, nicht die Hoffnungen derer teilen, die 
hier meinen, unſere Truppen könnten vor Winters wieder einziehen. 
Nichts geht in der Welt ſo ſchnell, als man ſich's eben denkt, und 
dort in Frankreich ſcheint es mir, müſſe es diesmal lang dauern, 
wenn es gut werden ſoll. Ich bin nur darauf begierig, daß es erſt 
14 


ausgeſprochen fei, was man von Frankreich nehmen will, um 
Garantien der Ruhe dieſer unruhigen Menſchenmaſſe in Händen zu 
haben. In dem kleinen Hofzirkel der Prinzeſſin Wilhelm“) ſpricht 
man ſehr laut und beſtimmt von dem Etabliſſement des Prinzen in 
Bonn als dem Sitz der rheiniſchen Regierung, fo daß unſere kleine 
Majorin auch daraufhin ihre Gedanken und kleinen Pläne richtet, 
denn ſie hält es für wahrſcheinlich, daß Auguſt jetzt noch beim Prinzen 
bleibt. Sie wird ſich leichter von mir trennen, als ich von ihr. 
Ich kann mir das gar nicht ausdenken. 

Glaubſt Du, daß Du noch Geſandter in Paris werden wirſt? 
Was Du mir von der Zukunft ſchreiben kannſt, inſofern ſie abzu⸗ 
ſehen iſt, und inſofern ſie Bezug auf unſere Exiſtenz hat, iſt mir 
allerdings ſehr lieb, nicht einer ungeregelten Neugierde wegen — 
Gott weiß, daß ich freier wie jemals davon bin, — aber der zeit⸗ 
lichen Arrangements wegen, die man en perspective oft nehmen 
kann. Jetzt darf ich Carolinens wegen nicht an eine Exiſtenzver⸗ 
änderung denken, und die Straßen wären auch überdem zu unſicher. 
Im Frühjahr, meint Wolfart**), müſſe Caroline ein e auf jeden 
Fall gebrauchen. 

Was Du mir über Napoleons Verhältnis und den Beſchluß in 
England über ihn ſagen kannſt, wird mich intereſſieren. Mich dünkt, 
die Entſcheidung ſeines Schickſals liegt nicht allein in dem Willen 
Englands. Wo ſind ſeine Brüder? Lucian, Hieronymus und Joſeph? 
Wo iſt denn Murat“) hingekommen? Wo iſt Lucians Frau und 

*) Marianne, Prinzeſſin v. Preußen, geb. Prinzeſſin von Heſſen⸗ 
Homburg, geb. 1785, + 1846, Schweſter der Fürſtin von Rudolſtadt. 

**) Berliner Arzt, Anhänger der magnetiſchen Kurmethode. 

*) Joachim Murat, geb. 1767, + 1815, General, Schwager Napoleons, 
fiel nach der Schlacht bei Leipzig vom Kaiſer ab, trat aber nach dem Wiener 
Kongreß wieder mit ihm in geheime Verbindung, flüchtete, von den Oſter⸗ 
reichern geſchlagen, im Mai 1815 nach Frankreich, im Auguſt nach Korſika, 


landete mit einer kleinen Truppe Korſen Ende September in Kalabrien, wo 
er gefangen und als Aſurpator erſchoſſen wurde. 


15 


feine Kinder? Was mag denn Lucian vermocht haben, diesmal 
ſich an Napoleons Schickſal anzuſchließen? Dachte er wohl nach 
ſeinem Fall eine Rolle in Frankreich zu ſpielen? Wird dieſe ganze 
ehrenwerte Familie nicht aus Frankreich heraus auf irgendeine Süd⸗ 
ſeeinſel verwieſen werden? 

Empfiehl mich Alexandern, umarme Schlabrendorff für mich 
trotz des langen Bartes. Wie ſehr, wie unausſprechlich gern ich 
den wiederſähe — und außer Paris ſieht man ihn doch nie — 
kann ich nicht ſagen! Für heute umarme ich Did, ich bin ewig 

Deine Li. 


10. Humboldt an Caroline Paris, 29. Julius 1815 


Ich führe hier nur inſofern ein angenehmes Leben, als ich, 
Q wie ich es doch immer für einen Teil des Tages erreiche, 
einſam bin. Von den Geſchäften kann ich Dir, da ich 
nicht weiß, ob dieſer Brief nicht doch durch die Poſt gehen muß, 
nicht ausführlich ſchreiben, allein es wird Dir genug ſein, wenn ich 
Dir ſage, daß fie nichts weniger als angenehm find. Wn eigent- 
liche Anterhandlungen wird jetzt noch nicht gedacht, alles, was vor- 
kommt, betrifft noch die Art, wie die Armeen ſich in Frankreich ſtellen, 
beköſtigen und betragen ſollen. Aber die unſrige erhoben die Franzoſen 
und erheben zum Teil noch die ſchrecklichſten Klagen. Anfangs ſind 
wohl partielle Anordnungen, vielleicht hier und da ſelbſt Plünderungen 
geweſen. Der Nationalhaß und die Erbitterung ſind groß und gerecht, 
die Armee iſt im Schlagen und in Eilmärſchen bis nach Paris ge— 
kommen. Es wäre wunderbar und kaum zu begreifen, wenn das 
alles hätte in vollkommener Regelmäßigkeit bleiben ſollen. Allein 
das allermeiſte war und iſt Abertreibung und ſogar reine Verleum⸗ 
dung; auch beklagen ſich die Franzoſen über Dinge, die es uns, wie 
16 J 


fie bei uns waren, gar nicht eingefallen wäre, anders als natürlich 
zu finden. 

Davout iſt von der Armee der Loire durch den König zurück⸗— 
berufen, noch ift er aber nicht hier. Macdonald!) ſoll an ſeine 
Stelle kommen. Submiſſionen für den König laufen von allen 
Seiten ein, allein ob man an ihre Aufrichtigkeit überall glauben 
kann, möchte ich nicht verſichern. 

Ich ſchrieb Dir, glaube ich, ſchon, daß ich, ſoviel es nur an- 
geht, täglich im Muſeum bin. Bis jetzt habe ich mich auf die 
Statuen beſchränkt. Es iſt doch ſehr, ſehr viel, was ich nie geſehen 
hatte, vorzüglich aus Villa Albani. Es iſt ein unendlicher Genuß 
und wirklich meine einzige Freude hier. Das Muſeum iſt für uns, 
Pariſer gehen jetzt gar nicht hin oder werden vielmehr nicht ein- 
gelaſſen, von 9 bis 6 Ahr offen, und man kann alſo jeden freien 
Augenblick benutzen. Es iſt ein noch nicht ganz fertiger neuer 
Saal gemacht, in dem die Muſen, die Velletriſche Pallas, der 
Borgheſiſche Fechter, die ſchöne Amazone und eine Menge anderer 
Statuen ſtehen, und der weit ſchöner eingerichtet iſt, ie irgendein 
anderer Gaal des Muſeums. 

Berlin wird plötzlich mit Sovresporzellan überſchwemmt werden. 
Die Manufaktur war im Augenblick des Gefechts in Sevres ge- 
nommen worden. Man legte Beſchlag darauf, kam über eine Summe 
mit der Direktion überein und brachte dieſe Summe durch einen 
Verkauf zum halben Preis heraus, zu dem jedoch nur die Alliierten 
zugelaſſen wurden. Ich habe es zu ſpät erfahren, und es war gar 
nichts Gutes mehr da. Allein man ſieht bei dieſer Gelegenheit, wie 
teuer die Fabrik iſt. Denn auch der halbe Preis iſt noch teurer 
als unſer Porzellan. Die Engländer ſollen ſehr viel um den halben 
Preis gekauft haben und vorzugsweiſe das Alleraltmodiſchſte. 


) Etienne Jacques Joſeph Alexandre Macdonald, Herzog von Tarent, 
Marſchall von Frankreich, geb. 1765, + 1840. 


Humboldt⸗Briefe. V. 2 17 


Alexander malt noch immer, er hat ſich aufs neue gemalt, und 
Steuben*) hat zwei Bilder von ihm fertig. Von ſeinen Finanzen 
ſpricht Alexander diesmal gar nicht. Er iſt den ganzen Tag um 
den König. 

Du erinnerſt Dich, liebes Kind, daß ich einen langen Brief 
der Charlotte“) in Berlin erhielt. Ich bin erſt hier dazugekom⸗ 
men, ihn zu leſen. Er iſt entſetzlich lang, allein enthält doch zwei 
Tatſachen, wovon die eine wirklich merkwürdig iſt. Sie ſchreibt, 
daß ſie in Göttingen wunderbarerweiſe auf einmal hergeſtellt iſt, 
und daß ſie monatlich nicht mehr als 10 Taler braucht. Sie könnte 
alſo mit unſern Revenuen eines Jahres weit über 200 Jahre leben. 
Mich tröſten immer ſolche Erfahrungen ſehr. Man kann nie wiſſen, 
wie es einem einmal ergeht, und man muß immer ſich in der edlen 
Geſinnung erhalten, unabhängig vom Gelde zu bleiben. 

Lebe wohl, teure, liebe Seele. Ewig Dein H. 


11. Humboldt an Caroline Paris, 2. Auguſt 1815 


it mir ſteht es jetzt fo. Es iſt von nichts anderem die 
Rede, als daß ich, ohne nach Berlin zurückzugehen, hier 
Fals Geſandter bleiben ſoll. Allein ich ſehe dabei zweierlei 
8 ſo gut als mit Gewißheit voraus; einmal, daß ich dieſen 
Poſten nur ſehr kurze Zeit behalten werde, zweitens, daß ich auf jeden 
Fall wohl bis zum Frühjahr wenigſtens werde bleiben müſſen. 
Lange hierzubleiben, kann ich bei dem Zuſtand der Geſundheit 


) Steuben, ruſſiſcher Maler, in Frankreich aufgewachſen, ſiehe Bd. IV., 
S. 276 u. 328. 

**) Charlotte Diede, geborene Hildebrand, geb. 1769, + 1846, an die 
Wilhelm v. Humboldts „Briefe an eine Freundin“ gerichtet ſind. Siehe 
B. IV, S. 406 f. 


18 


Alexander von Humboldt 
Selbſtporträt 


Die Inſchrift am rechten Rande lautet: 
Alex. v. H. von mir ſelbſt im Spiegel Paris 1814. 


8 


des armen Kanzlers nicht glauben. Er iſt von einer äußerſt be- 
denklichen und mich tief ſchmerzenden Schwäche. Erholt er ſich 
auch wieder, kehrt er nach Berlin zurück, ſo wird er das Gefühl 
haben, meiner Hilfe zu bedürfen, und er wird mich auf eine oder 
die andere Art in Berlin ſtellen. Allein ſolange die Geſchäfte, wie 
notwendig in den nächſten ſechs bis neun Monaten, hier ſo ſchwierig 
und wichtig ſind, wird er mich nicht wegnehmen wollen, ſondern 
ſich ſo gut er kann allein behelfen. Eine Möglichkeit, die aber 
nicht wahrſcheinlich iſt, bliebe noch übrig. Wenn nämlich eine An⸗ 
terhandlung an einem Orte außer Paris oder Frankreich gemacht 
würde, ſo würde ich unſtreitig davon ſein. 

Ich möchte jetzt Deine Pläne wiſſen. Was ich wünſche, wo— 
nach ich mich ſehne, weißt Du. Je früher Du kommſt, je lieber iſt 
es mir. Wäre nicht Carolinens Geſundheit, ſo hätte ich kaum einen 
Zweifel. Bei Carolinen wirkt das Moraliſche immer vorzüglich 
ſtark. Glaubſt Du, daß ihre Beſſerung oder wenigſtens die Cicher- 
heit der Beſſerung davon abhängt, daß ſie bei Wolfart bliebe 
und daß ſie nicht in Paris ſei, wogegen ſie jetzt Abneigung zeigt, 
ſo vollende das Werk Deiner Liebe und unermüdeten Zärtlichkeit 
mit ihr, es iſt freilich etwas unendlich Gutes und Schönes, wenn 
fie vollkommen beſſer wird.. 


12. Humboldt an Caroline Paris, 5. Auguſt 1815 


ls macht mir unendliche Freude, daß Auguſt hier iſt. Ob 
5 >|) ich gleich entſetzlich zerſtreut und beſchäftigt bin, fo ſehe 
dich ihn doch ziemlich viel. Ich eſſe noch heute mit ihm 
und Alexander allein bei einem Reſtaurateur, geſtern wurde ich 
verhindert, es zu tun, weil der König mich einlud. Er iſt unendlich 
liebevoll, und mit jedem Tage freue ich mich mehr, daß ſich die 

2* 19 


Sachen zwiſchen ihm und Adelheid fo gut und ſchnell gemacht haben. 
Du haſt ihm mehrere Kommiſſionen gegeben, und er läßt mir keinen 
Augenblick Ruhe, ehe dieſe Aufträge nicht gemacht ſind. Es verſteht 
ſich auch, daß ich, wenn wir allein find, immer nur von der Adel⸗ 
heid ſprechen darf. Aber da ich das ſüße Kind unendlich liebe, ſo 
laſſe ich mir das ſehr gern gefallen. 

Soeben bekomme ich Deinen lieben Brief.. Mit Deinem 
Herkommen, ſehe ich nun ſchon deutlich, wird es dieſen Winter vor 
dem Frühjahr nichts werden, und muß, wie ſehr es mich ſchmerzt, 
ſelbſt Deiner Meinung beiſtimmen. Aber die Trennung iſt mir 
unendlich ſchmerzlich, und Du mußt es an dem Glück geſehen haben, 
das ich fand, die wenigen Tage bei Dir zu ſein. Vielleicht macht 
es ſich auch beſſer in einigen Monaten, als wir denken. Wenn 
aber Carolinens Widerwille bleibt, und wenn ihre Geſundheit nicht 
ſtark genug noch geworden iſt, um die Beſorgnis aufzuheben, daß 
dieſer Widerwille die hervorgebrach te Beſſerung wieder rückgängig 
macht, ſo kann ich ehrlich ſelbſt nicht anders zu Deinem Herkommen 
raten, als ſo, daß Du Carolinen dort ließeſt. Aber bei wem? And 
die Trennung würde ihr vermutlich auch ſehr ſchmerzlich und ihrer 
Geſundheit wieder nachteilig ſein. Ja, liebe, teure, ſüße Seele, die 
Dornen des Lebens ſind uns für den letzten Teil aufbehalten geweſen. 
Ich weiß aber nichts zu ändern. Denn obgleich ich lieber, ich weiß 
nicht was täte, als meine Tätigkeit hier jetzt zu verfolgen, ſo ſehe 
ich doch nicht ab, daß ich mit Ehre und Pflichtgefühl abgehen kann, 
da die Kriſe noch bei weitem nicht vorüber iſt. 

Meine Lage hier iſt in wenigen Worten die: Ich halte beſtändig 
feſt an allen ebenſo richtigen als natürlichen Grundſätzen. Ich ſtreite 
für einen Frieden, der die Grenzen ſichere, ich ſtreite für eine Be— 
nutzung Frankreichs, die unſeren Bedürfniſſen entſpreche. Ich habe 
gegen mich Rußland aufs äußerſte, England faſt ebenſoſehr, und 
ſehr ſchwache Hülfe, höchſtens noch für den letzten Punkt, an Ofter- 
20 


reich. Der Kanzler iſt eines Sinnes mit mir, aber es iſt nicht 
mehr die gewohnte Kraft. So ſetze ich bei weitem nicht durch 
was ich möchte und mache mich doch gewiſſermaßen verhaßt, na- 
türlich auch bei den Franzoſen, wie höflich ſie auch jetzt und äußerlich 
ſind. Dieſe Rolle wäre nun noch immer einigermaßen zu ſpielen, 
wenn bei uns ſelbſt die Dinge gut ſtänden. Aber bei der Armee geht 
man ſehr, ſehr oft zu weit, in unſerm eigenen Innern iſt Verwirrung, 
Vielfachheit der Köpfe. So muß man oft verteidigen, was man, 
wenn man die Kraft dazu hätte, lieber hinderte. Ich bin mir be— 
wußt, daß ich mich mit ſoviel Vorſicht und Klugheit benommen 
habe, wie in dieſer ungeheuer ſchwierigen Lage möglich war. Aber 
ganz reicht ſie nicht hin. Nur eins habe ich erreicht, mit den zu— 
gleich ganz Gutgeſinnten und Gemäßigten, wie Gneiſenau, bin ich 
vollkommen eins. Er billigt mich, mein Betragen, hat Vertrauen. 
Auch mit Blücher, Grolman und Boyen bin ich gut. Sie haben 
Achtung, und ich kann auf ſie wirken. So, teures Weſen, ſteht es 
mit mir. Du ſiehſt, daß es ein ziemlich freudenloſes Leben iſt. 
Aber ich ſuche die Freude ſelten außerhalb, und den Genuß meiner 
ſelbſt und meiner Einſamkeit, die ich ſogar in der Geſellſchaft wieder⸗ 
zufinden weiß, habe ich auch hier, und ſo bin ich geſund und immer 
heiter. Paris, das bloß Materielle, gefällt mir diesmal mehr wie 
je, und ich kann Dir nicht ſagen, wie gern ich manchmal des Abends, 
wenn ich aus einer Geſellſchaft komme, auf den Brücken oder an den 
Kais zu Fuß verweile. 
Lebe wohl, meine liebe, einzig gute und teure Seele. 


21 


13. Caroline an Humboldt Berlin, 5. Auguſt 1815 


Mein teures, liebes Herz! 


Huf alle Deine lieben, innig lieben Vorſchläge wegen Paris 
enthalten meine vorigen Briefe eigentlich ſchon die Antwort. 
Ich verſichere Dir, daß ich ſehr gern nach Paris käme, daß 
ich Dich und einige Menſchen dort, namentlich Schlabrendorff, nach 
einer ſolchen Zeit, wie die verfloſſene, außerordentlich gern ſähe, 
allein ich weiß es in der Tat Carolinens wegen nicht zu machen 
und würde mich nicht tröſten, wenn die Gemütsaufreizung oder 
irgendeine weniger genaue Abwartung ihrer Kur ſie in einen ähn⸗ 
lichen Geſundheitszuſtand verſetzte, wie der iſt, aus dem ſie eben 
ſich fo glücklich erholt. 

Der Zuſtand des Staatskanzlers ängſtigt auch mich. Möchteſt 
Du mir doch bald ſchreiben, daß er beſſer und munterer iſt. Empfiehl 
mich Gneiſenau, ich bitte Dich. Sage ihm, ich würde mich ganz 
beſonders bei ihm bedanken, wenn ich ihn wiederſähe, daß er meine 
Bitte am letzten Abend, wo ich ihn geſehen, ſo vollkommen erfüllt 
habe. Ich bat ihn nämlich, Bonaparte in der erſten Schlacht den 
Garaus zu machen, und das hat er denn treulich getan oder treulich 
dazu mitgewirkt. Daß Gneiſenau den Konferenzen mit beiwohnt, macht 
hier im Publikum einen guten Eindruck, und alle Menſchen reden 
davon und erzählen es mir wie eine Neuigkeit. 

In welcher Art hat Lucian ſich in Paris genommen? Wird 
Metternich Madame Murat*) nicht entkommen laſſen? Der gemiß⸗ 
handelten Welt zum Troſt ſollte man doch die ganze Familie, ſoweit 
man ſie hat, in recht ſichere und entfernte Verwahrung bringen. 

Findeſt Du denn bei einigen Franzoſen irgend Spuren einer 


*) Napoleons jüngſte Schweſter Caroline, geb. 1782, + 1839, feit 1800 
mit Murat verheiratet. 


22 


wahren, großen Anſicht der Begebenheiten? Irgend ein Gefühl 
über die Rolle, die fie darin ſpielen? 

Nimmt der Papft*), oder vielmehr bekommt der Papſt ſeine 
Kunſtſachen zurück? Das iſt eine Angelegenheit, die Europa all— 
gemein iſt, und die ich ſehnlich wünſche, denn wer bildet ſich daran 
in Paris! 

Adieu, mein Alles! Ach, wie gern wäre ich bei Dir! 


14. Humboldt an Caroline Paris, 9. Auguſt 1815 


— 2 


0 ach bin heute in einer unangenehmen Anruhe, die noch 
Q einige Tage fortdauern wird. Der Großfürſt Konſtantin ) 
hat bei unſerem vorigen Aufenthalt hier das Davoutſche 
Haus bewohnt, und da er gegen alle Erwartung auch jetzt wieder 
herkommt, fo wünſcht er es wieder zu haben. Der Kaiſer ) hat 
es mir durch Neſſelrode f) ſehr höflich ſagen laſſen, und ich muß 
alſo weichen. Ob ich gleich hier weder prächtig noch weitläuftig 
wohnte, ziehe ich doch ungern fort. Von Oktober an werde ich 
vermutlich für mein oder des Hofes Geld leben; denn teils iſt 
dies auch hier die Zeit des Amziehens, teils kann es ſehr wohl 
fein, daß bis dahin alle Dinge mit Frankreich im Reinen find. 
Wie es zuletzt gehen wird, iſt jetzt noch ſehr ſchwer zu ſagen. 
Im engſten Vertrauen kann ich Dir indes mitteilen, daß doch die 


*) Pius VII., Graf Chiaramonti, geb. 1740, + 1823, ſeit 1800 Papſt. 
**) Konſtantin Cäſarewitſch von Rußland, geb. 1779, + 1821, älteſter 
Bruder Kaiſer Alexanders J., verzichtete auf die Thronfolge zugunſten 
ſeines Bruders Nikolaus. 
*) Alexander I., geb. 1777, + 1825. 
+) Karl Nobert Graf v. Neſſelrode, geb. 1780, + 1862, ruſſiſcher Miniſter 
und Kanzler des ruſſiſchen Reichs. 
23 


Meinungen wenigſtens faſt gleich geteilt find. Anſere wahren 
Gegner ſind die Ruſſen. Rußland will nichts von Frankreich ab⸗ 
reißen. Oſterreich ſtimmt wenigſtens für einige Abtrennungen. 
England ſcheint noch nicht ganz entſchieden, iſt aber weit mehr 
gegen als für unſere Meinung. Ich habe ein mémoire gemacht, 
das, glaube ich, eine meiner beſten Arbeiten iſt. Daß die Sache 
ſchnell zum Ende komme, iſt faſt notwendig. Du kannſt nicht glauben, 
in welche widrigen Verhältniſſe die Verſchiedenheit der Geſinnungen, 
die unter den Alliierten gegen Frankreich herrſcht, führt, wie das 
Boje auf alles einwirkt, und wie daher Verwicklungen entftehen, 
deren Folgen ſich kaum abſehen laſſen. Auch nach der Beendigung 
können doch immer Truppen in einem Teil von Frankreich ſtehen 
bleiben, und vermutlich iſt dies ſogar ein Teil des Endarrangements 
ſelbſt. Preußen iſt in der Tat und auch in der Meinung der Fran⸗ 
zoſen dieſen am meiſten entgegen. Du kannſt Dir alſo ſelbſt denken, 
wie wenig lieblich meine Lage iſt, aber noch weit mehr ſein wird, 
da ich jetzt doch nicht allein mit dieſen Dingen zu tun habe, aber 
als Geſandter alles ſelbſt betreiben muß. Jetzt, muß ich geſtehen, 
laſſen mich die Leute es noch weniger fühlen, als ich manchmal 
ſelbſt begreifen kann. Aber jeder von uns zieht ſich auch mehr 
zurück und geht weniger in Geſellſchaft als fonft. . .. 


15. Caroline an Humboldt Berlin, 10. Auguſt 1815 


Mein teures Herz! 


eſtern bin ich durch Deinen lieben Brief Nr. 11 ſehr 
erfreut worden. Ich eile mich, heute den wichtigſten 
f Punkt, nämlich unſer Zuſammenkommen, zu beantworten. 
Du wünſcheſt es, ich wünſche es auch, und nur der Amſtand mit 
24 


Carolinens Kur und Geſundheit machte es mir für diefen Augen— 
blick als unmöglich anſehen. Deinem Brief nun aber nach, Deinen 
Arrangements mit Auguſt über die Pferde nach, muß ich nun aber 
glauben, daß Du Auguſts Zurückkunft für nahe anſiehſt. Auguſt 
ſchreibt auch ſo in einem Brief an Adelheid, den ſie heut empfängt. 
Nun auf das alles ſtelle ich, mein Herz, mein Horoſkop fo: Wenn 
Auguſt zurückkommt, kann Caroline und Hermann mit dem Hof— 
meiſter bei ihnen bleiben, und ich reiſe mit Gabriellen zu Dir und 
bleibe bei Dir, bis Du wieder herkommſt. Geht Auguſt mit 
ſeiner Frau nach dem Rhein, und es iſt nicht zu früh im Jahre, 
ſo kann ja Caroline mit, ich komme von Paris, bringe ſie in das 
Bad, deſſen ſie bedarf, und nach vollendeter Badekur erweiſt es 
ſich, ob ſie mit mir zu Dir zurückgeht, oder ob Du uns vielleicht 
abholſt, um mit uns nach Paris zu gehen. 

Schreibe mir, mein beſtes Kind, ob dieſer Plan dich anſpricht, 
denn alsdann leite ich hier gleich die Pläne des Quartier-Mietens 
für Auguſt und Adel. Ich habe noch niemand etwas geſagt. 
Genehmigſt Du dieſe meine Idee, und ſind die in den nächſten 
14 Tagen zu erwartenden Briefe Auguſts an ſeine Frau ſo, daß 
er den Zeitpunkt der Zurückkunft mit einiger Wahrſcheinlichkeit be⸗ 
ſtimmt, fo beruhige ich Adelheid in ihrem Suchen nach einem Quar⸗ 
tier, indem ich ihr meinen Plan entdecke und ihr ſage, daß ich ſie 
für den Winter, in welchem ſich die Beſtimmung des Prinzen doch 
entwickeln muß, in dem meinigen laſſe. Der ökonomiſche Teil der 
Hedemann⸗Humboldtſchen Wirtſchaft, wenn eine ſolche für die 
Wintermonate zuſtande käme, ließe ſich auch regulieren. Einen Be⸗ 
dienten hielten wir für Carolinen, Hermann und den Hofmeiſter be- 
ſonders, und Caroline zahlte für drei Perſonen Koſtgeld an Adelheid, 
und ich machte ihr außerdem eine kleine Kaſſe zu ihrem und des 
Bruders Anterhalt. So habe ich es mir ausgedacht. 

Von der Zeit an aber, daß Auguſt jetzt zurückkommt, wirſt Du 

25 


ihm doch ſagen müſſen, was Du Adelchen jährlich geben willſt, 
da das in die Einrichtung ihres Etabliſſements eingreift. Wenn 
Auguſt zurückkäme, ſo glaube ich, könnte ich den 1. November 
reiſen. Wie unendlich ich mich der Hoffnung freue, Dich, mein 
teures Leben, auf dieſe Art wiederzuſehen, vermag ich Dir nicht 
zu ſagen. Auch an Paris oder vielmehr an einigen Menſchen 
dort werde ich großes Gefallen haben. Schlabrendorff nenne ich 
vor allen. Er iſt für mich eine Welt. 

Die Verfeinerungen, Verbefferungen in meinem Neifeplan laſſen 
ſich alle noch machen, heute habe ich ihn Dir nur ſo in Bauſch 
und Bogen hingeworfen. 

Adieu, ich umarme Dich. Deine Li. 


16. Humboldt an Caroline Paris, 12. Auguſt 1815 


ber alle Maßen traurig iſt die fortdauernde, ja zunehmende 
Schwäche und Kränklichkeit des Staatskanzlers. Bei den 
— cſchon tauſendfachen Kolliſionen, die hier beſtändig und 
auf die unangenehmſte Weiſe eintreten, iff das eine Lähmung und 
Schwächung in allen Maßregeln, die gar nicht ohne bedenkliche 
Folgen ſein kann. Dies jedoch im engſten und tiefſten Vertrauen. 
Das Schickſal Napoleons iſt nicht durch England allein be- 
ſtimmt worden. Er iſt durch einen eigenen Vertrag der übrigen 
Höfe mit England als ein Gefangener der verbündeten Höfe an— 
erkannt worden, und man hat nur England unter ſeiner Verant⸗ 
wortlichkeit die Aufbewahrung anvertraut. Wo England ihn 
hinbringt, muß, wenn es verantwortlich ſein ſoll, allerdings von 
ſeiner Beurteilung abhängen; indes iſt das Bringen nach 
St. Helena doch zuſammen gebilligt worden. Die Inſel iſt auch von 
der Beſchaffenheit, und es ſind ſolche Inſtruktionen gegeben worden, 
26 


daß an ein Entkommen wohl diesmal nicht zu denken iff. Er 
hat ſehr widerſpenſtig getan, als man ihm angekündigt hat, wohin 
er gebracht würde, und ſich zu entleiben gedroht. Allein man weiß 
ſeit geſtern, daß er in See gegangen iſt, ohne ſich zu töten. Doch 
kennt man noch nicht die näheren Amſtände, und ich weiß nicht, ob er 
fürs erſte auf dem „Bellerophon“ in See gegangen iſt, oder ob man 
ihn ſchon auf den „Northumberland“ gebracht hat. Denn dies Lber- 
bringen von einem Schiff auf das andere konnte allein ſchwierig 
ſein, weil es dazu allein unangenehm iſt, ſeinen freien Willen zu 
entbehren. 

Von der Familie, d. h. den Brüdern hat man bloß Lucian 
in Turin. Joſeph und Hieronymus waren, wie man behauptet, 
hier, allein ihr Aufenthalt iſt jetzt nicht bekannt. Man will ſie 
allerdings verhaften und feſtſetzen, allein ſie müſſen doch immer 
Leute finden, die ihnen durchhelfen. Aber Lucian habe ich hier 
nicht Bedeutendes erfahren, vorzüglich nichts, was über die inneren 
Motive ſeines letzten Betragens Aufſchluß gäbe. Alle Parteien 
verſichern, daß er ſich hier erbärmlich genommen babe. . . : 


17. Humbolot an Caroline Paris, 14. Auguſt 1815 


Doch wohne ich bei Davout, aber übermorgen ziehe ich Rue 
| De Puniverfité 17. Ich wohne aber nicht gern bei andern 


Haus zu nehmen. 
Von Auguſts Sehnſucht, nach Berlin zurückzukommen, machſt 
Du Dir ſchlechterdings keinen Begriff. Die Armee an der Loire hat 
ſich großenteils aufgelöſt, und Davout iſt ſeit einigen Tagen ruhig 
hier im Hauſe. Da er aber nicht zu mir gekommen iſt, habe ich 
ihn nicht geſehen. 
rH 


Alſo haſt Du illuminiert zu des Königs Geburtstag? Ich ſehe 
zwar hier den König ſehr ſelten. Nur einmal habe ich bei ihm 
gegeſſen, und zweimal habe ich ihn in Geſellſchaft geſehen, bei der 
Herzogin D. [2] und bei Wellington. Er war aber immer ſehr 
freundlich. 

Geſtern iſt Labédonere*) zum Tode verurteilt worden. Er wird 
zwar appellieren, aber man weiß ſchon voraus, daß dies keine Ande⸗ 
rung hervorbringen kann. Er wird alſo in einigen Tagen füſiliert 
werden. Es iſt gewiß gut, daß dies Beiſpiel gegeben wird. Ney“) 
iſt auch verhaftet und wird bald hergebracht werden. Er wird 
ohne Zweifel das gleiche Schickſal haben. Die Frau des Labédoyere 
hatte die rührendſten Briefe geſchrieben, auch unter anderm an 
Alexander. Sie ſoll ihn wirklich ſehr lieben, iſt erſt eben ein Jahr 
verheiratet und vor kurzem mit einem Kinde niedergekommen, das 
ſie noch ſtillt. Man ſagte mir geſtern, er wäre beim Arteil von 
einer merkwürdigen Kälte geweſen. Allein Hedemann, der zugegen 
war, meint, daß er mehr durch Trotz ſeine Anruhe zu verbergen 
geſucht habe. Auch hat er in ſeiner Verteidigung doch zu rühren 
verſucht und von Frau und Kindern geſprochen. Das, ſowie die 
Schritte der Frau, könnte ich, wenn man je in eine ähnliche Lage 
kommen könnte, nie tun oder dulden. Es iſt vorzüglich eine Ent⸗ 
weihung des Verhältniſſes mit der Frau ſelbſt. Die Rechnung mit 
dem Schickſal muß in ſolchen Lagen bei beiden geſchloſſen ſein. 

) Charles Angélique Huchet Graf von Labédoyere, geb. 1786, + 1815, 
leidenſchaftlicher Anhänger Napoleons, hatte nach der Schlacht von Waterloo 
in Paris in der Sitzung der Pairskammer am 22. Juni heftig gegen die 
Bourbons geſprochen. Er ward am 19. Auguſt kriegsrechtlich erſchoſſen. 

) Michel Ney, Herzog von Elchingen, geb. 1769, + 1815, Marſchall 
von Frankreich, war nach Napoleons Sturz 1813 zu Ludwig XVIII. über⸗ 
gegangen und hatte den Befehl über die 6. Militärdiviſion, als er am 
14. März bei Auxerre mit ſeinen Truppen wieder zu Napoleon überging und 
damit den Sturz der Bourbons entſchied. Er ward am 7. Dezember 1815 
wegen Hochverrats erſchoſſen. 

28 


Außer Ney und Labédoyere hat man noch Lavalette*), der 
bei der Poſt war und vor die Zivilgerichte gehört, und Drouot ), 
der ſich ſelbſt geſtellt hat. Dieſer ſoll ein merkwürdiger Menſch 
ſein, arm, einfach, voller Talent und Kenntniſſe, ich glaube ehe⸗ 
mals ein Geiſtlicher, und der oft geſagt hat ſchon ſonſt, daß er 
wieder Mönch werden wolle. Er iſt bloß aus einem Gefühl von 
Treue bei Napoleon geblieben und hat auch, als er nach Elba ging, 
nicht erklärt, wie Bertrand! ), daß er doch Franzoſe bleiben wolle, 
was ſeinen Fall ſchwieriger macht. 

Savary +), der vorzüglich ſeinen Lohn verdient, iſt in den Händen 
der Engländer. Man weiß noch nicht, was ſie mit ihm machen 
werden. Ausliefern tun ſie ihn ſchwerlich. 

Lebe wohl, mein holdes, inniggeliebtes Kind. Amarme Adel— 
heid und die Mädchen. Ewig Dein H. 


*) Antoine Marie Chamans Graf von Lavalette, geb. 1769, + 1830, 
zuerſt Adjutant Napoleons, dann Generaldirektor der Poſt. Er wurde am 
19. November 1815 zum Tode verurteilt, entkam aber aus dem Gefängnis 
am Tage vor der Hinrichtung dadurch, daß er mit ſeiner Gattin die Kleider 
wechſelte, ward 1822 begnadigt. Seine Gattin ſtarb im Gefängnis. 

**) Antoine Drouot, geb. 1774, + 1847, von Napoleon „le sage de la grande 
armée“ genannt, Sohn eines Bäckers, ging mit Napoleon nach Elba und 
zurück nach Frankreich. 1816 des Hochverrats angeklagt, aber freigeſprochen. 

*) Henri Gratien Graf Bertrand, geb. 1773, + 1844, treuer Gefährte 
Napoleons, den er nach Elba und St. Helena begleitete. 

+) Anne Jean Marie René Savary, Herzog von Novigo, geb. 1774, 
+ 1833. Er hatte 1802 die Leitung der Geheimpolizei Napoleons und be— 
ſchleunigte die Erſchießung des Herzogs von Enghien. Von 1810—14 hatte 
er das Polizeiminiſterium inne und erhielt 1815 den Oberbefehl über die 
Gendarmerie. Die Engländer brachten ihn 1815 nach Malta, von wo er 
1816 nach Smyrna floh. 1819 ſtellte er ſich in Paris freiwillig dem Gericht. 
Ludwig Philipp vertraute ihm 1831 den Oberbefehl in Algier an. 


29 


18. Humboldt an Caroline Paris, 19. Auguſt 1815 


ch habe geſtern, liebe Li, Deinen Brief vom 10. bekommen 
2 und kann Dir nicht genug ſagen, welche unendliche Freude 
er mir gemacht hat, da er mir die Hoffnung Deines 
früheren Herkommens gibt. Ich ſtimme ganz in Deinen Plan ein, 
und je eher ich Dich hier umarmen kann, deſto lieber iſt es mir. 
Ich ſehe die Sache durchaus wie Du an. Carolinens Kur und 
Heilung iſt der einzige Amſtand, der uns jetzt trennt. Glaubſt Du, 
daß Du Caroline ohne Dich laſſen kannſt, fo kann unſer beider- 
ſeitiger Wunſch erfüllt werden. 

Aber Auguſts Kommen iſt es mir unmöglich, Dir etwas Gewiſſes 
zu ſagen. Das iſt ſicher, alle wünſchen zum Ziel zu kommen, und 
der Kaiſer Alexander behauptet, er bliebe nicht über die Mitte des 
folgenden Monats und laſſe auch ſeine Truppen nicht länger. Da 
er dies aber als Negoziationsmittel zugleich gebraucht, ſo weiß 
ich nicht zu entſcheiden, wie es mit ſeiner ernſtlichen Meinung ſteht. 

Eben ſchickt der Kanzler, daß ich zu ihm kommen möchte. 
Ich hatte noch eine Stunde Zeit bis zum Abgang des Kuriers. 
Logieren würde ich Dich auf jeden Fall, ſelbſt wenn Du heute 
kämſt, wenngleich etwas ſehr eng. Allein wir wären zuſammen, 
und das eine iſt Alles, wenn man gern miteinander iſt wie wir. 

Der Kanzler hatte mich bloß rufen laſſen, weil er einen Brief 
von der Frau Labédoyeres bekommen hatte. Dieſe Perſon, aus 
einer ganz royaliſtiſchen Familie, Chateleux, ſoll den Mann wirklich 
lieben und ſchreibt nun, ſeitdem der Mann angeklagt iſt, an alle 
Menſchen. Abermorgen ſoll das Konſeil in zweiter Inſtanz ſprechen, 
und vermutlich wird er denſelben Tag erſchoſſen. Man kann 
darin nichts tun. Es wäre ſehr ſchlimm, nicht das Beiſpiel der 
Strenge zu geben, und ich glaube nicht einmal, daß der König 


Ludwig XVIII. leicht zur Begnadigung zu bringen wäre. 
30 


—— 


Ich fahre jest in meinem angefangenen Brief fort, ſüßes Kind 
Ja, meine einzig Teure, wenn Du kommen kannſt, ohne Carolinen 
zu ſchaden, ſo tue es ja. Das Leben vergeht, und glaube mir recht 
aus innigſtem Herzen, das wahre Glück für mich iſt nur im Zu— 
ſammenſein mit Dir. 

Es iſt die Rede davon, ein Haus für die Geſandtſchaft zu 
kaufen, und ich habe heute das Negnaultſche zu dieſem Endzweck 
beſehen. Es iſt ein ſchönes Haus und hat unendliche Bequemlich— 
keiten. Aber ich wohnte noch viel beſſer wie Du, was ſich wohl 
mit Regnaults Manier gegen ſeine Frau, aber nicht mit der 
meinigen gegen Dich verträgt. Deine Wohnung iſt ſchon ſehr 
uſiert, und das ganze Genre des Hauſes iſt freilich nicht ſo groß 
und anſtändig wie die alten Häuſer des Faubourg St. Germain. 
Er fordert, wenn er noch einen größeren Eßſaal baut, 450 000 Franken 
mit allen Möbeln, an denen aber, die Spiegel ausgenommen, nicht 
viel iſt. Er geht nach Amerika, ſie bleibt noch hier. Es iſt eigen, 
daß, wie wir ſonſt Regnault kannten, er nun gerade uns ſein Haus 
anbieten muß. 

Bei dieſer Gelegenheit muß ich Dir von Deinen Kommiſſionen 
der Schnupftücher und Schals ſprechen. Die Schals ſind gekauft. 
Für die Schnupftücher mit Hohlnaht und ſo geſtickt, wie Du ver— 
langſt, hat man 16—18 Franken für das Stück gefordert. Dies 
würde für 8 Dutzend, die du wollteſt, 1536— 1728 Franken machen, 
zwiſchen 400 und 500 Taler. Darüber hat ſich Auguſt entſetzt, 
und wir ſind übereingekommen, Dir erſt zu ſchreiben. So machten 
wir es heute früh ab. Seitdem habe ich dies der Delambre erzählt, 
und fie will eine Perſon fragen, die für eine lingere arbeitet. Wie 
eine Hohlnaht franzöſiſch heißt, habe ich noch nicht ergründen 
können. Aber die Delambre hat ſich das Wort von mir deutlich 
aufſchreiben laſſen und wird nun einen Deutſchen, den ſie 
kennt, zu Nate ziehen. Antworte mir ja gleich auf die Schnupf— 

31 


tücher. Auguſt quält mich ſonſt zu Tode mit Fragen. Es 
gibt keinen ſo verliebten Menſchen. Er kommt meiſt alle 
Morgen zu mir. Ich warte immer mit dem Anziehen ſo lange, 
um weniger Zeit zu verlieren, denn Du glaubſt gar nicht, wie 
wenig Augenblicke ich habe. Er ſpricht dann, wie natürlich, von 
nichts als Adelheid, und fragt mich ſo nach den Datums der 
Briefe aus, daß, da es gar nicht meine Foree iſt, die zu wiſſen, 
ich alles immer neu nachſehen muß. Dann geht das Quälen 
an, wann es hier aus ſein wird, und wann der Prinz wird nach 
dem Rhein gehen? Dies Kapitel wird alle Tage abgemacht. Es 
iſt ein innig guter und lieber Menſch. So oft ich beim Reſtaura⸗ 
teur eſſe, nehme ich ihn mit, und wir gehen allein in ein Zimmer. 
Noch jetzt eben wird es der Fall ſein. 

Du erwähnſt der Summe, die wir Adelchen jährlich geben wollen. 
Meine Meinung iſt, daß wir 500 Taler als gewiß ausmachen, aber 
Hedemann ſagen, daß wir ſie, nach unſerer Möglichkeit, bis 1000 
Taler, wie wir können, vermehren wollen. Jetzt könnten wir ſo 
viel geben, allein wenn Gabriele auch heiratet, oder wir weniger 
Gehalt hätten, ginge es nicht. Du, die Du viel reicher warſt als 
Adelheid iſt, kriegteſt nur 400 Taler. Es iſt bis 1809 ſo geweſen, 
wo wir wirklich manchmal in recht fatalen Amſtänden waren, und 
wir haben lange Zeit ganz unabhängig, die übrige mit ſchlechtem 
Gehalt gelebt, und ich habe Dich an die Säulen des Herkules, nach 
Päſtum und nach Arkona gebracht. Was kann man mehr tun? 
Alſo muß es mit ihnen auch gehen. Auch iſt Adelchen nicht an 
Aufwand gewöhnt. 

Allein für meine Stelle hier und das Auskommen darin wird 
mir bange. Es iſt furchtbar teuer hier, und doch über 26 000 
Taler Gehalt zu haben, iſt eine reine Anmöglichkeit. Das Mißver⸗ 
hältnis entſteht vorzüglich, weil Preußen eine viel größere Rolle 
ſpielt als ſonſt, und ich nie werde ſo leben können, wie es der Hof 
32 


wünſchen müßte und Reifende fordern werden. Auf jeden Fall 
muß ich ſuchen, die Miete außer meinem Gehalt zu kriegen. 

Mit dem Kanzler geht es beſſer, aber langſam. Stein hat ihm 
geraten, beſtändig zu Hauſe und zur gleichen Stunde zu eſſen. Er 
hat es einen Tag getan, dann nicht mehr, vielmehr gleich drei Tage 
hintereinander aus. Er iſt mit einem Wort in allen Stücken wie 
Du, liebe, kleine Li, die Du Dich auch nie ſchonen willſt. Ich bin 
auch in mir überzeugt, daß ich darum ſo gut mit ihm fertig werde, 
und er mich ſo liebt, weil ich zu Dir und Deinem Leben paſſe. Seine 
Beſſerung macht mir eine unendliche Freude, ich kann Dir nicht 
ſagen, wie gut ich ihm bin. 

Gneiſenau habe ich die Stelle Deines Briefes vorgeleſen. Er 
grüßt Dich herzlich. Die Claufewig*), geborene Brühl, iſt hier, ich 
ſah ſie aber noch nicht. 

Lebe wohl, innig teures, liebes Weſen, mein einzig ſüßes Herz 
und meine ewige Sehnſucht. Amarme die kleine Frau und die 
Mädchen. Ewig Dein H. 


19. Humboldt an Caroline Paris, 22. Auguſt 1815 


ſchlabrendorff ſehe ich leider ſehr wenig. Ich kann es nur 
zwiſchen der Konferenz und dem Mittageſſen, und da ich 

2 meiſtenteils nach der erſten wieder ins Faubourg St. Germain 
fahren muß, ſo iſt es eine zu große Entfernung, um es oft zu tun. 
Nur einmal habe ich ihn eigentlich ausführlich geſprochen, denn oft, 
wenn man hinkommt und meiſtenteils ſind fremde Menſchen da, vor 
denen man ſich doch nicht gern ausläßt. 

Wenn Du mit ihm über die letzten Jahre und ihre Ereigniſſe 
ſprichſt, werden Dich ſeine Anſichten auf den erſten Anblick ſehr 


*) Gattin des preußiſchen Generals Karl v. Clauſewitz. 
Humboldt⸗Briefe. V. 3 33 


frappieren. Auch würden fie gewiß anders fein, wenn er in Deutſch⸗ 
land und namentlich bei uns geweſen wäre. Ein von langer Zeit 
her auf ſeine Meinung einflößender Umftand bleibt auch die Vor⸗ 
liebe, mit der er ſich doch immer die Möglichkeit einer guten und 
freien Verfaſſung in Frankreich gedacht, und die Meinung, die er 
von der Nation hat, die viel günſtiger iſt, als man ſie bei uns zu 
haben pflegt. Wenn Du hier ſein wirſt, was ich mir jetzt wieder 
viel näher denke, ſehe ich kein anderes Mittel, wie Du ihn oft ſehen 
willſt, als indem Du nachmittags oder abends eine Zeit mit ihm 
ausmachſt, in der Du allein bei ihm fein kannſt. Auf fein Aus⸗ 
gehen iſt ſchlechterdings nicht zu rechnen, und ſo den Morgen kommen 
ewig und ganz wunderbare Leute zu ihm. Der Bart iſt noch immer 
in der alten Länge. 

Ich glaube Dir ſchon geſagt zu haben, daß ich Gneiſenau die 
ihn betreffende Stelle Deines Briefes vorlas. Daß die Leute ſehr 
auf den Anteil acht gäben, den er an den Konferenzen nimmt, 
frappierte ihn erſtaunlich und ſo, als ſei es eine neue Verantwort⸗ 
lichkeit, die er auf ſich lade. Er meinte: Es ſei etwas Eigenes 
mit dem diplomatiſchen Weſen, das Publikum ſtelle ſich vor, es 
ſei ſo leicht, was vernünftig ſei und dem gemeinen geſunden Sinn 
entſpreche, auch bei andern durchzuſetzen, hernach finde ſich aber 
die Sache ganz anders. Auch ſucht er ſich, unter uns geſagt, ſehr 
von der Sache loszumachen. In vielen Briefen aus Berlin ſagt man, 
daß er Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten ſein werde, und 
Du kannſt nicht glauben, was dies ſelbſt auf Menſchen beim 
Departement für eine komiſche Wirkung macht. Ich für meinen 
Teil hätte nicht allein nichts dawider, ſondern recht ſehr viel 
dafür. 

Soeben bekomme ich Deinen lieben Brief, teures Kind, vom 14., 
der mich unendlich gefreut hat, weil ich ſehe, daß es fortwährend 


gut mit Carolinen geht. Es iſt unleugbar, daß der Magnetismus 
34 


eine Revolution in ihr hervorgebracht hat, der ihre Natur bedurfte. 
Grüße fie tauſendmal. 

Beim Magnetismus fällt mir etwas ein, das ich neulich, als 
ich mit Alexander auf dem Obſervatorium war, hörte, und das 
ſogar bei lebloſen Dingen eine unbegreifliche Sympathie zeigt. 
Man hat bemerkt, daß, wenn man zwei Pendeluhren an derſelben 
Wand hat, von denen eine ſteht und die andere ſchwingt, die 
ſchwingende von ſelbſt die andere, ohne ſie irgend zu berühren, in 
Gang bringt, und daß ſie dann gleich miteinander fortſchwingen. 
Doch ſcheint immer ein gewiſſes Verhältnis der Pendellänge dazu 
zu gehören. Dadurch iff Sréguet*) auf den Gedanken gekommen, 
in einem Gehäuſe zwei Ahren nebeneinander, aber ohne alle Be— 
rührung und mit zwei Zifferblättern zu machen. Im Anfang gingen 
die Sekundenzeiger natürlich, wie immer bei zwei Ahren, verſchieden, 
aber in kurzer Zeit ſetzten ſie ſich in ſolche Sympathie, daß ſie 
unverrückt zuſammen ſchlugen. Man glaubte, daß die umgebende 
Luft davon die Arſache ſei, allein auch unter der Luftpumpe blieben 
fie immer unverrückt gleich. Da zwei ſolche Uhren von ſelbſt eine die 
Anregelmäßigkeiten der andern ausgleicht, fo macht Breguet jetzt 
mehrere dieſer Art. Da dies wirklich eine der magnetiſchen ähn⸗ 
liche Wirkung iſt, glaubte ich, es würde Dich intereſſieren. 

Aber Dein Kommen habe ich Dir neulich geſchrieben, geliebte 
Seele, ſo daß Du meine Freude geſehen haben mußt, Dich nun 
früher erwarten zu können. Du haſt keinen Begriff von Auguſts 
Angeduld. Er liebt wirklich die Adel unendlich. Ich muß aber 
immer bewundern, wenn ich mit ihm, wie beſtändig der Fall iſt, 
über dies Verhältnis ſpreche, wie ganz andere Ideen die Leute jetzt 
haben, als zu unſerer Zeit. Gabrielen iſt er überaus gut und hält 
unendlich viel auf ſie. Neulich noch ſagte er mir, ſie müßte einen 

) Abraham Louis Breguet, geb. 1747, + 1823, berühmter Ahrmacher 


und Mechaniker. 
3* 35 


Mann haben, den fie für das Allervortrefflichſte hielte und 
recht über ſich erkennte. Solche Ideen, liebes Kind, nicht wahr, 
habe ich nie gehabt? 

Ich weiß nicht, ob man vielleicht auch in Berlin erzählt hat, 
daß der König von Sachfen*) denjenigen Offizieren, die in unſere 
Dienſte gegangen ſind, hätte den Heinrichsorden abnehmen laſſen, 
Schulenburg“) hat dies hier in einem oſtenſiblen Briefe an mich 
förmlich dementiert. Frage einmal Körner, was zu dem Gerücht 
Anlaß gegeben haben kann. Denn einigen Grund hat es vermutlich. 

An eine Anderung in den ſächſiſchen Verhältniſſen iſt hier 
nicht zu denken. Aberhaupt kommt es gewiß zu keiner Abtretung 
von Provinzen, ich bin froh genug, wenn man eine von feſten 
Plätzen erlangt. Darin, hoffe ich noch immer, geſchieht einiges. 
Aber die Lage iſt, wie Du ganz richtig vorausſiehſt, ſehr ſchlimm 
und meine gar nicht liebenswürdig. Ich bleibe auch ſehr ungern 
hier und tue es nur, weil es für mich doch wieder einen Reiz 
hat, eine ſchwierige Lage zu behaupten, wenn ich darin allein bin. 
Denn jetzt kann ich auch in dieſer Art an meinem Sein hier keine 
Freude finden. Das Abel liegt freilich ſehr ſtark in unſern Alliierten, 
aber es liegt auch in uns. Es fehlt eigentlich die ſtarke leitende 
Hand, ohne die nichts geht. Indes nimmt die Geſundheit des 
Kanzlers wieder zu, und inſofern hebt ſich auch meine Hoffnung. 

Der König iſt in Paris beſonders freundlich gegen mich. 
Ich habe ſchon zweimal bei ihm gegeſſen, das letztemal, geſtern, 
war keiner der anderen Miniſter, nur der Staatskanzler gebeten, 
und er ſpaßte über die Hitze, die Prinzeſſin Bagration! ) uſw. 


) Friedrich Auguſt I., König von Sachſen, geb. 1750, + 1827. 
**) Friedrich Albrecht Graf v. der Schulenburg⸗Kloſterrode, geb. 1772, 
+ 1853, vertrat 1814 den König von Sachſen beim Wiener Kongreß und 
unterzeichnete Mai 1815 den Traktat mit Preußen, Oſterreich und Rußland. 
*) Fürſtin Katharina Bagration, vgl. Bd. IV, S. 372. 
36 


Gegen Alexander hat er (das ganz unter uns) bei Gelegenheit, 
daß der Staatskanzler wegen ſeiner Kränklichkeit wenig zu ihm 
geht, neulich geſagt: „Ihr Bruder könnte zu mir kommen und mit 
mir von Geſchäften reden. Er weiß ja, daß es mir immer lieb iſt.“ 
Natürlich tue ich es aber nicht. Es würde dem Kanzler auf keine 
Weiſe recht ſein, wenigſtens ihm weh tun, was ich nie tun werde, 
und würde auch mich noch mehr in ein zerſtückeltes Wirken bringen, 
da der einzige Vorwurf, den man mir vielleicht gerechter Weiſe 
machen kann, ſchon der iſt, daß ich leide, ſeit dem Sommer von 
1813 in ſolchem zerſtückelten Wirken zu ſein. 

Nun lebe wohl, mein Alles, mein inniggeliebtes, ſüßes Herz. 

Ewig Dein H. 


20. Humboldt an Caroline Paris, 25. Auguſt 1815 


ber die Rückkehr kann ich Dir nichts ſagen. Das iſt ge- 
wiß. Der Kaiſer Alexander bleibt feſt dabei, daß er 
und ſeine Armeen nach der Revue, die er am 10. Septem⸗ 
5 bei Chalons halten wird, Frankreich verlaſſen ſollen. Daß bis 
dahin das Arrangement geſchloſſen ſei, iſt kaum glaublich. Ver⸗ 
mutlich hält er es aber (unter uns) für kein übles Anterhandlungs⸗ 
mittel, feine Plane gegen unſern und Oſterreichs Willen durchzuſetzen, 
wenn ſeine Armee ſich Polen nähert und darin nach ſeinem 
Gefallen ſtehen bleiben kann. Oſterreich, vermutlich nicht ohne 
Beſorgnis dafür, ſpricht auch von Abmarſch. Was nun 
daraus wird, ob wir allein bleiben werden, ob nicht, wer kann 
das beſtimmen? Die Lage der Dinge iſt nie gleich verwirrt 
geweſen. 

Dabei iſt es im Innern von Frankreich ſo, daß ich nicht an das 
Bleiben Ludwigs XVIII. glauben kann. Auch glaubt wohl niemand 
37 


recht im Ernſt daran. Im Mittag von Frankreich gehen alle 
horreurs vor, die man in der Revolution gekannt hat. Man rechnet 
die Zahl der dort in den verſchiedenen Städten Amgekommenen auf 
5000. In Nimes hat man einen Menſchen ordentlich lebendig 
auf einem Roſt gebraten. Dieſe Dinge rühren nicht von Jakobinern, 
ſondern von durch Wngouléme*) angeſtellten und unterſtützten 
Royaliſten her. Wenigſtens haben die von ihm Angeſtellten gewiß 
dabei konniviert, und auf jeden Fall iſt die Partei, die ſolche 
Greuel ausübt, eine ſich königlich geſinnt nennende. Es miſcht 
ſich zugleich Religionshaß hinein. Man beſchuldigt die Proteſtanten, 
ſich über Napoleons Rückkunft gefreut zu haben, und ganz ohne 
Grund iſt dieſe Beſchuldigung nicht, weil die Proteſtanten Beein⸗ 
trächtigung ihrer Rechte von der königlichen Regierung beforgten. 
Nun verfolgen die Katholiken ohne Anterſchied die Proteſtanten 
und gehen ſo weit, ſelbſt ihre Häuſer zu ſchleifen. Seitdem der 
König dem Herzog von Angouléme die Vollmacht genommen hat, 
die er ihm während ſeines Aufenthalts in Gent gegeben hatte, 
geht es allerdings etwas beſſer, aber gedämpft iſt die Anruhe lange 
noch nicht. 

Du fragſt mich über den Weg, den Du nehmen ſollſt, teures 
Herz. Auf alle Fälle durch die Niederlande, Köln, Lüttich, Namur 
oder Brüſſel. Aber bis Du kommſt, muß ich Dich erſt noch genauer 
davon unterrichten. Aberhaupt iſt noch eine Beſorgnis, die ich nicht 
ableugne, für mich bei Deinem Kommen. Ich kann es mir kaum 
denken, daß es hier ruhig bleibt. Geht es auch noch fo gut, fo 
ſteht meines Erachtens der König immer nur ſo, daß er wie ein 
Kartenhaus umfällt, wenn man ihn anbläſt, und es auf dieſes An⸗ 
blaſen ankommt. Die Wege ſind ſchon jetzt unſicher und können 


) Louis Antoine de Bourbon, Herzog von Angouléme, geb. 1775, 
+ 1844. Sohn des nachmaligen Königs Karl X. Entſagte infolge der Juli⸗ 
revolution mit ſeinem Vater der Krone. 


38 


es leicht mehr werden. Sei ficher, daß ich mich immer danach 
erkundigen und Dich benachrichten werde. 
Lebe jetzt innig wohl, mein einzig, ewig geliebtes Weſen. 


Ewig Dein H. 


21. Caroline an Humboldt Berlin, 28. Auguſt 1815 


Lieber, teurer Mann! 
75 fein Aberkommen nach Paris ſehe ich fo an, wie ich 
; es Dir in meinem Brief vom 10. gefagt habe. Die 
Trennung wird Carolinen immer ſchmerzhaft ſein, allein 
auf dem Punkt von Geneſung, auf dem ſie iſt, glaube ich nicht, 
daß es ihrer Geſundheit reellen Schaden bringen kann. 

Auguſt hat Adelheid ſagen laſſen durch den geſtern angefom- 
menen Kurier, ſie ſolle ein Quartier zum 1. Oktober nehmen mit 
ſechs Pferden Stallung. Ich werde alſo nun Adelheid meinen 
Plan entdecken müſſen. 

Der Kaiſer von Rußland braucht natürlich das Mittel ſeiner 
Abreiſe und des Abzugs der Truppen, um ſich bei den Franzoſen 
beliebt zu machen. Was geht es ihn an, ob Deutſchland geſichert 
iſt! Nach Rußland werden in Jahrhunderten keine Franzoſen 
wieder kommen. Es iſt eigentlich ſein Intereſſe, daß Deutſchland 
nicht zu ſtark werde und vor allem Preußen nicht. Wenn indeſſen 
Oſterreich treu und groß handelte und enger mit Preußen verbun- 
den wäre, fo könnte es ihm nichts helfen. Aber, aber! Anſere 
Lage, finde ich immer, iſt ſehr kritiſch und bedarf großer Klugheit 
und unermüdlicher Anſtrengung, um daß wir nicht übervorteilt werden. 

Doch genug davon. Wem ſag ich denn das? Du weißt ja 
alles ſo viel beſſer und haſt den reinſten und beſten Willen. Ach, 

f 39 


daß Metternich dächte wie Du! Wie würde dann das Schlechte 
und Kleinliche ſchweigen und ſich verkriechen müſſen! 

Die unglückliche Labsdoyere! Wie gerecht und verdient die 
Strafe des Mannes iſt, ſo ſchaudert einem doch vor ſolchem Schick— 
ſal. Mir tut das Herz phyſiſch weh, wenn ich daran denke. 

500 Taler ſcheint mir auch eine hübſche Summe zu ſein, die 
wir Adelchen geben als etwas Fixes. Was wir dann mehr tun 
können, wird Effekt machen. Ach! und wir tun ja gewiß das Mög⸗ 
liche. Schon dadurch erwächſt Auguſt ein bedeutender Vorteil, daß 
er umſonſt wohnt, und das, was er für Quartier bekommt, zu 
anderen Ausgaben verwenden kann. 

Ich muß hier abbrechen. Ich umarme Dich und richte nun 
alles vorläufig auf meine Abreiſe im Oktober ein. Gott, wie werd 
ich mich freuen, Dich wiederzuſehen! 


22. Humboldt an Caroline Paris, 29. Auguſt 1815 


ich Dir eine Entdeckung mitteilen, die ich neulich über 
Auguſt gemacht habe, und die mir nicht recht lieb iſt. 
Indes ſind die Menſchen, wie ſie ſind, und man kann ſie nicht 
ändern, auch iſt die Quelle, aus der dies, was ich Dir ſagen werde, 
ſtammt, immer gut und liebenswürdig. Wie ich neulich mit Auguſt 
über Dein und ſein Quartier und über die Leichtigkeit ſprach, daß 
er mit Dir im nämlichen Hauſe wohnen könnte, fand ich ihn ganz 
entſchieden, dies nicht zu tun, ſondern eine eigene Wohnung zu 
nehmen. Mit den liebevollſten und gewiß durchaus wahren Ver- 
ſicherungen gegen Dich, mit dem herzlichſten Beteuern, daß er 
nirgend ſo gern ſei als bei Dir, behauptete er, daß es für eine 
40 


sy ür dieſen letzten Fall [des Kommens nach Paris] muß 


junge Frau doch beſſer fei, fiir ſich mehr Selbſtändigkeit zu gewinnen. 
Dies geht in die Erziehungsideen ein, mit denen ich nicht ſympa⸗ 
thiſieren kann, weil wir uns unter ganz anderen Amſtänden 
geheiratet haben. Aber was viel hübſcher und rührender in Auguſt 
iſt, iſt, daß er ſich einbildet, daß der Friede nur kurzdauernd ſein 
wird, daß man nicht aus jedem Krieg ſo wohlbehalten zurückkehrt, 
und daß alſo das Wichtigſte, was er im Leben zu tun hat, iſt, 
ſich ganz innig und eng mit Adel zu verbinden, wo ihm jetzt die 
Gegenwart jedes anderen Weſens außer ihnen beiden eine Art der 
Störung ſcheint, wenn er auch viel zu zart iſt, es ſo auszuſprechen. 

Ich ſage Dir dies ſo ausführlich, weil ich auf einmal eine 
Art Schreck bekommen habe, daß auch der Plan, Carolinen und 
gar Heyſe und Hermann bei ihm und Adel zu laſſen, ihm viel— 
leicht im Tiefſten der Seele nicht angenehm iſt. Dagegen geäußert 
hat er nie das Mindeſte und Leiſeſte, das kann ich verſichern, 
allein ſeitdem er die Theorie des abſoluten Alleinſeins offenbart 
hat, habe ich auch nie das Herz gehabt, die Sache wieder recht 
zur Sprache zu bringen. Dir wird das Wirken auf ihn beſſer 
gelingen, und Du wirſt dann bald ſehen, wie es zu machen iſt. 
Auf keinen Fall, denke ich, kann es ſo weit gehen, daß Du darüber 
ſpäter kämſt. Es wäre wirklich traurig, wenn, damit Adel und er 
recht unauflöslich zuſammen wären, wir getrennt ſein müßten. 

Es iſt mir unendlich ſüß, mit Dir ſo offen und ohne allen 
Rückhalt über dieſe Eigenheit Auguſts reden zu können. Wir ver- 
ſtehen uns beide in jeder Beurteilung, wir fühlen beide das Glück 
für Adelheid, einen Mann gefunden zu haben, der wirklich keinen 
anderen Gedanken, keine andere Empfindung, als ſie, hat. Wir 
ſind beide überhaupt im Leben gewohnt, jeden Menſchen in ſeiner 
und nicht in unſerer Art zu nehmen. Es iſt aber ſehr wichtig, 
daß Du von dieſem allen genau unterrichtet biſt. 

Ich gehe zu einer anderen Sache über, die mir aber auch ſehr 

41 


wichtig iſt, zu dem Blücherſchen Briefe). Er hat mich im höchſten 
Grade intereſſiert, und Du kannſt ſicher ſein, daß ich niemandem 
ein Wort davon ſage. Es iſt nicht recht von dem alten Manne, 
ſolche Dinge, wie das übereilte Fordern ſeiner Entlaſſung und andere 
offenbar gegen den Kanzler gehende Phraſen ſeiner Frau zu ſchreiben, 
ohne ihr ein ſtrenges Geheimhalten anzuempfehlen. Es kommen 
überdies ſogenannte Fakta im Briefe vor, die durchaus falſch ſind, 
und ich muß mich, ſelbſt wenn es Dich nicht intereſſiert, länger 
dabei aufhalten. Ich wünſche nicht, daß Du von dem, was ich 
ſage, eigentlich Gebrauch machen mögeſt, aber es iſt wichtig, daß Du 
es wiſſeſt. Ohne eigentlich etwas von dem, was ich Dir ſage, mit⸗ 
zuteilen, wird es Dich in Deinen Reden leiten. 

Du weißt erſtlich, wieviel ich auf Blücher ſelbſt halte, wie 
ich immer von Teplitz aus Grolman geſchützt und ihm gezeigt habe, 
wie gut ich mit Gneiſenau bin, Du kennſt außerdem meine Anpar⸗ 
teilichkeit. Die ganze Blücherſche Darſtellung geht dahin, daß er 
das Rechte gewollt hat und von den Miniſtern, uns mit einge⸗ 
rechnet, daran gehindert worden iſt. Daß er den Frieden mit 
Frankreich beſſer gemacht haben würde, als er jetzt gemacht 
werden wird, will ich ſehr gern zugeben. Allein das hätte vor⸗ 
ausgeſetzt, daß er allein, ohne Alliierte gehandelt hätte. Mit 
den Alliierten und dieſen hätte er wohl viel weniger hervor⸗ 
gebracht, oder man müßte denn annehmen, daß Preußen ſich 
geradezu in Krieg gegen die Alliierten und Frankreich ſetzen ſolle. 
Wenn man aber auf das geht, was ganz in ſeinem Wirkungskreis 
lag, ſo kann man mit Recht behaupten, daß ein anderes Syſtem, 
als das von ihm befolgte, bei weitem beſſer geweſen wäre. Ich 
will nicht einmal von den wahren Exzeſſen und Anordnungen bei 


) Frau v. Humboldt hatte ihrem Gatten am 21. Auguſt einen Brief 
Blüchers in Abſchrift geſchickt mit den Worten: „Du wirſt vielleicht nicht 
ungern ſehen, wie ſich der Alte über die Angelegenheiten herausläßt.“ 

42 


der Armee reden, die doch nun nicht abzuleugnen find. Allein 
es iſt nicht zu leugnen, daß unſre Armee in ihren Hand— 
lungen und Reden das Syſtem befolgt hat, Frankreich ſtrafen und 
ſich für das erlittene Anrecht rächen zu wollen, und daß dies Syſtem 
vom Hauptquartier ausgegangen ift*). Das edlere Syſtem wäre 
unſtreitig das geweſen, in einer Proklamation den Soldaten zu 
ſagen, daß eine ſolche Rache ihnen unanſtändig fei, daß fie durch Ord⸗ 
nung, Diſziplin und Billigkeit auf die Franzoſen wirken ſollten. 
Die Benutzung des Landes ließ ſich alsdann weit ſyſtematiſcher 
und mit weit mehr Erfolg machen. So iſt überall mehr von uns ſelbſt 
gemachtes Geſchrei als Ernſt in der Sache geweſen. Wir ſind 
durchaus verhaßt, es heißt durchaus, daß wir lauter Exaktionen 
und Erpreſſungen machen, wir haben mehrere Präfekten arretiert 
und einen nach Aachen geſchickt, und weißt Du, welches die ganze 
Summe iſt, die mit allem dieſem Lärmen ſeit dem Einrücken in 
Frankreich bis zum 20. Auguſt bar und in Naturalien herausge- 
bracht worden iſt? Fünf Millionen Franken. Es iſt wirklich lächerlich. 
Mit ſtillen Maßregeln, mit gar keinen Drohungen, aber mit ernſtem 
Vorſtellen der Notwendigkeit bei ſonſt ſtrenger Diſziplin und ge- 
wöhnlicher Höflichkeit hätte man mehr als das Vierfache erhalten 
müſſen. 

Ich weiß wohl, daß Blücher ſagen wird, daß die miniſteriellen 
Maßregeln ihn gehindert haben. Aber dieſe Maßregeln haben 
erſtlich nicht gleich angefangen, und dann hat er uns gerade die 
Sache erſchwert, weil wir immer Gewaltmaßregeln zu verteidigen 
gehabt haben, die aufs mindeſte unnütz waren. Die Nanküne iſt 
zu keiner Sache in der Welt gut, und mit dieſer iff immer gehan- 


*) Bei den wenigen Berührungspunkten, die zwiſchen den beiden grund- 
verſchiedenen Naturen Humboldts und Bismarcks beſtehen, iſt es intereſſant 
ſich hier das Bismarckſche Wort in „Gedanken und Erinnerungen“ B. II, 
S. 46— 73 zu vergegenwärtigen: „Ich erwiderte, wir hätten nicht eines Rich⸗ 
teramts zu walten, ſondern deutſche Politik zu treiben.“ 

43 


delt worden. Aus Klugheit wenigſtens hätte er doch Ludwig XVIII. 
und ſeinen Hof nicht ganz vernachläſſigen ſollen. Allein weil 
Ludwig XVIII. ihn nicht im vorigen Jahre eingeladen hat, iſt 
diesmal kein preußiſcher Offizier zu ihm gegangen. 

Alle Maßregeln, die im allgemeinen gut ſein möchten, aber 
im einzelnen notwendig Modifikation erfahren ſollten, werden mit 
eiſerner Strenge und Einſeitigkeit durchgeſetzt. So z. B. die Ent⸗ 
waffnung des Landes in den Provinzen, wo wir jetzt ſtehen. Dieſe 
find ganz königlich geſinnt, es reizt fie ungeheuer, die Waffen ab- 
geben zu ſollen, die ſie nur mit uns gegen die Feinde des Königs 
gebrauchen möchten, es iſt auch unmöglich, fie ihnen ganz abzuneh⸗ 
men, da ſie ſie immer verſtecken und in der letzten Bedrängnis 
zerbrechen. Allein man will auf alle Vorſtellungen der einzelnen 
Generale doch nicht die geringſte Milderung eintreten laſſen. Bei 
den beſten Menſchen verkehren ſich die Sdeen von Recht und An⸗ 
ſtand. Selbſt mit Auguſt habe ich ſolche Streitigkeiten gehabt. 
So haben fie faft aus allen Bibliotheken die caſſiniſchen) Karten 
weggenommen. Es iſt natürlich, daß man gute Karten haben 
muß, alſo iſt nichts dagegen zu ſagen. Aber beim Abmarſch 
ſollte man ſie doch wiedergeben. Da ſie zu kaufen ſind, iſt es ein 
bloßes Mitnehmen von ſo viel Geld. Allein ſo etwas iſt ſchwer 
begreiflich zu machen. Ich bin gewiß kein Franzoſenfreund und 
brauche dieſen Vorwurf von niemand zu fürchten. Aber ich kann 
es nicht genug wiederholen, daß dieſe Dinge weder dem Staat, 
noch der Armee nützlich ſind und vielmehr den Franzoſen Waffen 
gegen uns in die Hände geben. 

Es war natürlich, daß Neid auch bei den Alliierten gegen 
uns entſtand, man muß noch bewundern, wie er wirklich in den 


) So genannt nach Céfar Francois Caſſini, der 1733 die große trigo- 
nometriſche Vermeſſung Frankreichs veranlaßte, die von ſeinem Sohn voll- 
endet wurde, und deren Nefultat die „carte topographique de la France“ war. 


14 


Oſterreichern noch nicht iſt. Dieſen Neid mußte man durch ein 
recht ſtilles und gemäßigtes Betragen niederſchlagen. Das iſt nicht ge⸗ 
ſchehen. Was ich da ſage, fage ich nicht von mir allein. Bülow“) 
Zieten ), Clauſewitz! ) reden ebenſo. 

Auf der anderen Seite ehre und achte ich gar ſehr Blüchers 
Anſicht und die derer, die ihn umgeben, und teile ſie ſelbſt. Es 
wird allerdings jetzt oft diplomatiſch verdorben, was gut erſtritten 
iſt, und auch diesmal wird Frankreich viel zu gut davonkommen. 
Allein dieſe wahrhaft gute Sache hätte nach dem Siegen durch 
die Armee und den Impuls des Hauptquartiers anders gefördert 
werden können und müſſen als durch ein ſtörriſches Befolgen 
eines entgegengeſetzten und auch irrigen Syſtems. 

Am auf ſeinen Brief zurückzukommen, ſo ſehe ich nicht, wie 
der König und der öſterreichiſche Kaiſer erkannt haben, daß er 
ganz recht habe. Wenigſtens iſt nichts danach geſchehen. 

Was er bewirkt für die Armee nennt, möchte ich ſchon wahr 
wiſſen. Er hat allerdings die Sachen ausgeſchrieben und Gewalt 
an einigen Orten, wo ſie nicht einkamen, ausgeübt. Allein es hat 
bis jetzt nur, was ich Dir ſage, gefruchtet, da die Bekleidung der 
Armee gewiß 40 Millionen erfordert. Erſt durch den Kanzler 
kommt jetzt ein Arrangement darüber zuſtande. Die 100 Millionen 
werden, wie man ſie hier ausgeſchrieben hat, nie einkommen. Man 
fing es ſchon darin verkehrt an, daß man nicht einmal Wellington 
fragte, der doch das gleiche Recht hatte. Hätte man 25 ſtatt 
100 gefordert, ſo hätte man ſie, jetzt hat man nichts. 

Blücher iſt ein trefflicher Mann, gegen den ich nichts zu ſagen 
gemeint bin, Grolman in andrer Art auch. Allein ihre Anſicht 


) Friedrich Wilhelm v. Bülow, ſeit 1814 Graf von Dennewitz, 
geb. 1755, + 1816. 
**) Hans Graf v. Zieten, geb. 1770, + 1848 als Generalfeldmarſchall. 
*) Karl v. Clauſewitz, geb. 1770, + 1841. General. 
45 


über die Mittel zu ihren Zwecken kann ich nicht teilen und habe 
es einzeln Grolman ſelbſt geſagt. Es iſt dabei ein Unglück bei 
uns, daß ſehr oft der einzelne glaubt, das Ganze gehe nicht wie 
es ſolle, und es könne nur beſſer werden, wenn er auf jede Weiſe 
um ſich her wirke. Mir iſt die ganz entgegengeſetzte Handlungs- 
weiſe eigen; ich weiß wohl, daß man mir Schuld gibt, nicht 
genug zu handeln und zu viel geſchehen zu laſſen, ich bin auch 
manchmal mit dem, was geſchieht, unzufrieden, ich bin aber feſt 
überzeugt, daß ein Eingreifen, ein Handeln außer der feſten Form, 
auch in der beſten Abſicht unternommen, ein ſchädliches Handeln 
iſt, und darum ziehe ich mich lieber in ſolchen Fällen zurück. Nur 
wer in ſeinen Grenzen und mit aller Verantwortlichkeit handelt, 
kann Gutes wirken, außerdem iſt es nie ein ganz nützliches und oft 
ſchädliches Stückwerk. Der Kanzler hat ſich in dieſen ganzen Alte— 
rationen mit Blücher, von denen ich, wenn er es nicht zuerſt täte, 
nie geſprochen haben würde, mit einer Mäßigung und Würde be- 
tragen, die ihm die größeſte Ehre macht. 

Ganz ſchlecht wird übrigens das Arrangement mit Frankreich 
vielleicht doch nicht. Ich tue, was ich kann, allein ich gehe davon 
aus, nicht ſo zu handeln, daß es Geſchrei macht, daß die Leute in 
Berlin ſagen, ich dächte wohl ſo oder ſo, könne aber nicht durch— 
dringen, ſondern ſo, wie es praktiſch von Nutzen iſt, wenn auch 
das Reſultat nicht ſehr in die Augen fällt. Ich will noch immer 
lieber mich wegen eines zu kleinen tadeln laſſen, aber in mir wiſſen, 
daß ohne mich ein noch kleineres herausgekommen wäre, als auf eine 
ſtolze Weiſe tadeln und zurücktreten. Ich bin nun einmal ſo, daß 
ich in allen dieſen Dingen vorzüglich nur die Pflicht achte, und 
das gibt mir eine Sicherheit und Ruhe und eine Anabhängigkeit 
von der Beurteilung anderer, die mir natürlich ſind, und die ich 
mir darum im geringſten nicht zum Verdienſte anrechne. 


Du weißt, daß man von Berlin aus häufig hierher ſchrieb, 
46 


Gneiſenau werde Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten. In 
hieſigen Zeitungen ſtand es auch. Ich weiß nicht, ob das ihn ver— 
droſſen hat, er hat ſich aber ſeit mehr als drei Wochen ganz von 
den Konferenzen zurückgezogen. Der Kanzler geht oft auch nicht 
hin, und ſo bin ich ſehr häufig allein darin. Es gehört nicht zu 
den liebenswürdigen Geſchäften, und wie wenig die andern mich 
lieben, wirſt Du einſehen, wenn ich Dir ſage, daß Metternich 
jetzt mein größeſter Freund iſt. Aber ich habe gerade zu Konferenzen 
mehr Talent, als zu anderen Dingen, und ſo weigere ich mich nicht, 
das auf mich zu nehmen. 

Lebe innigſt wohl, mein einzig teures, inniggeliebtes Weſen. 

Die Balgration] iſt angekommen; als ich heute (!) in ihre 
Stube trat, war der Ofen im Eßſaal geheizt, und alle Kamine 
loderten. 


23. Caroline an Humboldt Berlin, 31. Auguſt 1815 


SE eX eftern habe ich denn den Kindern in Hinficht auf unfern 
Plan geſagt. Ich erwartete eine betroffene Stimmung 
Nw in Carolinen, allein es ging leidlich damit. Sie fagte 
und zeigte zwar, daß es ihr ſehr weh tue, einige Monate von mir 
entfernt zu ſein, allein der Wunſch, unausgeſetzt in Wolfarts Pflege 
zu bleiben, ſchien doch überwiegend. Adelheid wird mehr fühlen, 
daß ſie doch auch etwas mit mir verliert, wenn ich fort ſein werde, 
als jetzt, wo ſie in Erwartung und Sehnſucht nach dem lieben 
Mann eigentlich lebt und aufgeht. Gabrielle war die eigentlich 
am tiefſten bewegte. Sie hatte die Augen in Tränen ſchwimmend 
und warf ſich mir mit dem Ausdruck der innigſten Liebe in die 
Arme. 

47 


Ich fprad mit den Kindern in Wolfarts Gegenwart, den ich 
früher präveniert, weil er ſo etwas Mildes, Ausgleichendes in ſeinem 
Weſen hat, und ich mehr Aufgeregtheit in Carolinen vermutete. 
Allein Caroline blieb ſehr gehalten. Sie ſagte ſelbſt, daß ſie ein⸗ 
ſähe, daß wir nicht immer ſo getrennt ſein könnten, und wenn Du 
länger in Paris bliebeſt, ſo würde ſie ja hoffentlich im Sommer 
1816 ſo geſund ſein, daß von ihrer Seite keine Verhinderung mehr 
obwalten würde, mich nach Paris zurückzubegleiten. Wünſchen 
aber täte ſie freilich mehr, Du kämſt hierher. Nun, mein 
liebſtes Weſen, ich werde alſo kommen, wenn Auguſt ange⸗ 
kommen iſt. 

Der Kanzler hat, wie mir jemand hier für ganz gewiß ſagen 
wollte, in Paris ſein Teſtament gemacht. Der Gute muß ſich 
doch wohl ſehr ſchwach gefühlt haben. Ich habe zu dem Kanzler, 
den ich doch nur einmal hier ſah und ſprach, wie man wohl ſo 
zum erſten Male bei einer Bekanntſchaft ſpricht, ein ſolches Gefühl 
wie zu einem teuren Weſen, das man pflegen, dem man recht viel 
und mit eigener Aufopferung zuliebe tun möchte, und gerade darin 
einen rechten Genuß findet. Du verſtehſt mich gewiß. Er hat 
etwas ungemein Anziehendmenſchliches, und das air de grand- 
seigneur, was er in hohem Grade hat, hat jenes nicht ver- 
drängt. Da habe ich denn auch das vornehme Ausſehen eigent- 
lich recht gern. 

Ich habe recht in mir lachen müſſen, daß Du findeſt, daß ich 
ſolche Gemütsähnlichkeiten mit dem Staatskanzler habe. Allein 
es ſcheint nur in ſeinen Fehlern, daß er ſich nicht ſchonen will uſw. 
Wer kann ſich ſchonen? Da müßte man nicht leben! 

Adieu, mein Herz! 


48 


24. Humboldt an Caroline Paris, 1. September 1815 


lie es mit den Anterhandlungen hier gehen wird, läßt fic 
zwar mit vollkommener Beſtimmtheit jetzt noch nicht vor- 
Q! ausſagen. Allein allem Anſchein nach iſt das Reſultat 
weit unter den billigſten Erwartungen. Ich weiß, daß Du damit 
niemanden im voraus unruhig und unzufrieden machen wirſt. Die 
einzige und wahre Arſache davon iſt Rußland, die mitwirkende 
England, die nicht hindernde Oſterreich. Preußen iſt unſchuldig 
daran, es hat getan, was unter den Amſtänden möglich war. Mehr 
zu tun, weiter zu gehen, würde Dinge vorausſetzen, die, wie Menſchen 
und Sachen ſind, zu den Anmöglichkeiten gehören. Abrigens iſt 
indes freilich noch nichts in letzter Inſtanz entſchieden. 

Auch die vier Kabinettsminiſter, die über dieſe Angelegenheit 
allein ihre Konferenzen halten, ſind noch nicht zu einem Schluß 
gekommen. Die Sachen ſtellen ſich nur ſo, daß ich dies Ende 
vorausſehe. In welcher Zeit nun das Endarrangement zuſtande 
kommen wird, iſt ſchwer und kaum möglich vorauszuſagen. Wie 
die Mächte unter ſich einig ſind, muß mit Frankreich unterhandelt 
werden. Bei dem allen gehen die Souveräne am 9. zu einer 
ruſſiſchen Revue in die Champagne und etwa am 25. zu einer 
öſterreichiſchen nach Lyon, indem fie zwiſchen beiden Revuen zurück— 
kommen. 

Ob bis dahin nun alles beendigt ſein wird, wie läßt ſich das 
beſtimmen? Ich glaube immer, daß es noch gar die ſchöne Wen— 
dung nehmen wird, daß man während der Anweſenheit der Sou— 
veräne bloß Präliminarien unterzeichnet, und das übrige den 
weiteren Verhandlungen überläßt. Es heißt, daß der Kaiſer 
Alexander mit dem Kaiſer Franz') nach Mailand gehen wird. 
In dieſem Fall würde ich unſerm König auch ſehr dazu raten. 


) Franz II., Kaiſer von Sſterreich, geb. 1768, + 1835. 
Humboldt⸗Briefe. V. 4 49 


Denn fo ein paar Kabinette allein zu laſſen, tut nie gut. Daß es 
im September wirklich zu einem endlichen und gänzlichen oder zu 
einem vorläufigen und nur die Hauptpunkte betreffenden Schluß 
kommt, iſt meine feſte Meinung. Mit dem Sold und den Beklei⸗ 
dungen iſt man nun wirklich fertig. Wir bekommen für beides 
47 Millionen Franken, wofür das Gouvernement ſchon Sicherheiten 
gegeben hat, mit denen Bülow“) zufrieden iſt. 

Schrieb ich Dir ſchon, daß Canova“) hier iſt, um die Kunſt⸗ 
werke zurückzufordern? Es geht auch damit ſehr närriſch. Eigentlich 
ſind alle für das Zurücknehmen. Von uns brauche ich nicht zu reden. 
Unter den Nuſſen intereſſiert ſich Razoumoffsky ) laut für den Papſt. 

Der Staatskanzler iſt ſo gut als ganz wiederhergeſtellt und 
in voller Tätigkeit. 

Von den Schnupftüchern wird ein Dutzend zur Probe gemacht 
für 17 Franken das Stück. Die Valgration], ſtell Dir vor, hat 
hier jetzt auch welche gekauft, aber zu 4 Karolin (96 Franken) das 
Stück. Das iſt doch eine offenbare und große Torheit. 


25. Humboldt an Caroline Paris, 6. September 1815 


f huguſt ijt heute früh mit dem Prinzen von hier abgereiſt. 
Sie gehen zum General Bülow, wo auf einem Schloß 
— Villebon, das Sully r) bewohnt haben ſoll, ein Feſt zur 
Feier der Schlacht von Dennewitz gegeben werden ſoll. Ver— 


) Ludw. Friedr. Hans Graf v. Bülow, geb. 1774, + 1825, Neffe Harden⸗ 
bergs, ſeit 1813 preußiſcher Finanzminiſter. 
**) Antonio Canova, geb. 1757, + 1822, italieniſcher Bildhauer. 
*) Andrei Cyrillowitſch Graf Razoumoffsky, geb. 1752, + 1836, ruſſiſcher 
Staatskanzler. 
1) Maximilian Béthune Herzog v. Sully, geb. 1560, + 1641, bedeutender 
Staatsmann unter Heinrich IV. 


50 


mutlich befucht dann der Prinz auch feine eignen Truppen und 
kommt etwa in fünf Tagen wieder zurück. Er behauptet, dies 
ganz unter uns, zu wiſſen, daß Gneiſenau dagegen arbeitet, daß 
ſein Prinz an den Rhein komme. Da dies nun auch in die Pläne 
mit Adel einſchlägt, ſo kannſt Du denken, daß er das gar hoch 
aufnimmt. Kurz alles, was man bei ihm berührt, dreht ſich um 
die liebe Kleine, und wir ſind wirklich mehr als gewöhnlich glücklich 
geweſen auch darin, dies ſo zu finden. Denn ſo rein, ſo treu, ſo 
tief und ſo gar nicht ſelbſtſüchtig leidenſchaftlich einer Frau ergeben 
zu ſein, iſt unendlich ſelten. 

Auf Dein Kommen rechne ich ganz gewiß, ſüße Seele. Ich 
höre auch jetzt nichts von der Anſicherheit der Straße auf dieſer 
Seite. Ich habe ein Haus ſo gut als gemietet in der Rue de 
Lille Nr. 53 vom 1. Oktober an auf ſechs Monate. Es iſt ein 
ganzes Haus, wo nur wir darin ſind, entre cour et jardin. Die 
unterſte Etage iſt ganz in Seide, reich und geſchmackvoll möbliert, 
und die Meublen ſo gut als neu. Für dies Haus mit den Meublen 
gebe ich für ſechs Monate 8000 Franken. Du wirſt ſagen, daß 
ich noch hätte warten können und wahrſcheinlich einen oder zwei 
Monate für Miete wohnen werde, wo ich einquartiert zu wohnen 
fortfahren könnte. Aber ich habe ganz auf Dein Kommen gerech— 
net, und mit ſeiner Frau ganz breit einquartiert zu leben, ob es 
gleich all unſere Staats- und Geheimen Staatsräte und Bülow, 
und ich weiß nicht wer tun, geht ganz gegen meine Empfindung. 
Nur die Notwendigkeit des Geſchäfts, die auf die Frau nie tiber- 
geht, macht, beſonders bei Zivilperſonen, die Einquartierung noch 
erträglich. Ich wohne immer ungern ſo. Es iſt immer eine Laſt 
und eine höchſt empfindliche, die man verurſacht. 

Ich glaube, daß ich Dir ſchon ſchrieb, daß ein ganz vorteil⸗ 
haftes Arrangement mit der hieſigen Regierung gemacht iſt, ver 
möge deſſen fie uns 10 Millionen für Sold und 37 für Belklei⸗ 

4* 51 


dung zahlt, daß aber nun auch alle Einmiſchung in die franzöſiſche 
Adminiſtration aufhören ſoll. Altenſtein iſt, um das einzurichten, 
bei Blücher geweſen und hat den Alten, wie Grolman ſehr ver- 
nünftig und nachgiebig gefunden. Es kommt wirklich ſehr oft nur 
auf die Art an, die Dinge zu machen. Auch mit dem Betragen 
der Truppen ſollen die Einwohner ſehr zufrieden ſein. 


26. Caroline an Humboldt Berlin, 4. September 1815 


Mein teures Herz! 

Hein am Freitag empfangener Brief vom 22. Auguſt hat 
mir ſehr viel Freude gemacht. 

Was Du mir von Schlabrendorff ſagſt, hat mich 
nicht ſo ſehr frappiert, als Du glaubſt. Wenn man, wie er, ſich 
das ganze Leben hindurch mit einer Lieblingsidee und noch dazu 
mit einer ſo ſchönen wie die einer freien Verfaſſung für ein großes 
Volk beſchäftigt hat, ſo ſcheidet man nicht davon, beſonders nicht 
an der Neige des Lebens. Auch muß das deutſche Weſen ihm 
doch fremd geworden fein, denn da dem Menſchen die Allgegen⸗ 
wart nicht gegeben iſt, ſo kann er ſich nicht hineindenken und ſieht 
nur noch die Zeiten Friedrichs des Großen hier. 

Es iſt doch eigentlich unbeſchreiblich, was mit dem bloßen 
Sein in einem deutlich wird, und alles, was auch über den Geiſt 
einer Zeit oder einer Nation geſchrieben wird, belebt einen nicht 
ſo mit einem klaren Erkennen als das Daſein, die Gegenwart, die 
verſchiedenartigen Berührungen, in die man kommt. 

Ich muß mich wundern, wie Gneiſenau die Berliner nicht mehr 
kennt, um nicht zu ahnden, welchen Eindruck ſein Sitzen und Arbeiten 
in den Konferenzen gemacht hat und noch macht. Daß er zum Miniſter 
der auswärtigen Angelegenheiten beſtimmt ſei, habe ich nicht ſagen 
52 


hören, die allgemeine Anſicht iſt wohl mehr die, daß er den Staats- 
kanzler abhalten werde, unvorteilhafte Bedingungen für Preußen 
zu machen. Der gute Staatskanzler iſt nicht geliebt, und weil die 
Refultate der Diplomatik nie glänzend wie die einer Campagne 
ſein können, ſo wirft beinah ein jeder einen Stein auf ihn. 

Auguſt hat an ſeine Mutter fo preſſant über ein Quartier 
geſchrieben, als wenn er den 1. Oktober hier ſein könnte. Ich 
mußte, um nur die Mutter zu ſteuern, ihr ſagen, wie ich über 
mein Hierbleiben denke. Auguſt ſcheint verſeſſen darauf zu ſein, 
mit Adelheid allein zu ſein. Hermann und Heyſe können aber 
meiner Einſicht nach recht gut mit in dem Olſenſchen Hauſe wohnen, 
denn ich wüßte nicht, was Auguſt und Adelheid mit dem weit⸗ 
läufigen Quartier machen wollten. Du führſt unſer Beiſpiel an, 
mein Süßes, aber andere Zeiten, andere Sitten. Ich glaube behaupten 
zu können, daß eigentlich nur ſehr wenig Menſchen ſo einfach wie 
wir von Natur find. Anſere Kinder find es ſchon bei weitem 
nicht. Am meiſten noch iſt es Caroline. 

Ja wohl hat Auguſt mitunter ſonderbare Ideen über das 
eheliche Verhältnis. Gabrielle liebt er fo, daß, wenn er nicht Adel— 
heid geliebt hätte, er unſtreitig unendlich verliebt in Gabriellen ge— 
worden wäre. 

Man macht hier Wetten auf Neys Leben und Begnadigung. 
Ich muß geſtehen, auch ich glaube nicht, daß er verurteilt wird. 
Labédoyere iſt der Sündenbock geweſen. Heimlich wird man ſagen, 
die Emotionen müßten zu vielfach ſein, man mache Ludwig XVIII. 
verhaßt uſw., allein eigentlich will man ſolche Leute wie Ney er— 
halten. Es iſt auch horrende, daß ſolche Menſchen, wes Namens 
fie find, fallen, und Fouché!) lebt und die höchſte Gewalt in 
Händen hat. 

*) Joſeph Fouché, Herzog von Otranto, geb. 1759, + 1820, Polizei— 
miniſter unter Napoleon I. und Ludwig XVIII. 

53 


Ich ſchließe, Deine heut zu erwartenden Briefe find noch nicht 
da. Der Adel ihre Wäſche und Kleider werden jetzt zur Aus⸗ 
ſtattung gemacht. Im vorigen Monat habe ich allen drei ragazze 
wattierte Mäntel machen laſſen, die netto 75 Taler gekoſtet haben. 
Auch habe ich Schleiermacher“) eine Ahr geſchenkt, koſtet 98 Taler. 

Adieu! 


27. Caroline an Humboldt Berlin, 7. September 1815 


Indem ich das Datum ſchreibe, bekomme ich Deine Nr. 21, 
mein teuerſtes Herz. Adelheid und Gabrielle ſind ſeit 
Dienstag früh in Tegel. 

Es ſind auch zwei Briefe von Auguſt an Adelheid mit 
dem Kurier gekommen, die ich ihr foeben mit dem Milch— 
wagen hinausſpediert habe. In dieſen, hoffe ich, wird Auguſt 
ihr ſeine wahre Meinung über das Sein hier an den Tag 
geben, und den Rückklang werde ich bekommen, wenn ich del 
heid ſehe, die ich Sonntag von Tegel abholen werde. Denn ich 
habe Auguſt deutlich meine Abſicht geſagt, nach Paris zu gehen, 
wenn er zurückkäme und die Zügel des häuslichen Regiments über⸗ 
nähme. Daß er mir darauf noch nicht geantwortet, daß er, feit- 
dem er dieſen Brief haben muß, ſeiner Mutter dringend um ein 
Quartier zum 1. Oktober geſchrieben, iſt mir ein leiſer Wink, daß 
dies Arrangement ihm nicht lieb iſt. Was Du mir nun in Deinem 
eben heut empfangenen Brief ſagſt, war mir nicht ganz unerwartet. 
Doch iſt es mir, ich kann es nicht leugnen, ſchmerzlich. Das 
ſchönſte und vollſtändigſte Sein in einem Menſchen iſt, wenn er 
die Bedürfniſſe ſeines Herzens mit dem Leben in eine Harmonie 


) Friedrich Ernſt Daniel Schleiermacher, geb. 1768, + 1834, Bahn⸗ 
brecher der neuen proteſtantiſchen Theologie. 

) Brief vom 29. Auguſt. 
54 


rr 


—— 


* 

2 
— 
2 


zu bringen vermag. Hier, dünkt mich, ijt viel gegeben, ein zu ängſt⸗ 
liches Modeln könnte leicht ſehr unwohltätig ſein. Was heißt das 
eigentlich, er müſſe die Zeit ſo benutzen, damit er und Adel ſich 
im tiefſten Herzen erkennten uſw. Die Liebe, das Erkennen, das 
aus ihr hervorgeht, iſt keine Wiſſenſchaft, ſondern eine Flamme, 
die mächtig das Innere belebt und ergreift und auf alles Äußere 
einen heiligen Glanz wirft. 

Doch ich will nicht mehr darüber ſchreiben, wir ſprechen wohl 
einmal darüber, doch wann nun? wird mir zweifelhafter, denn 
dies, fühl ich, geht nicht, und weil ich das fühle, darf ich es nicht 
vor Adel zum Ausſprechen kommen laſſen. 

Den 8. 

Je mehr ich, mein ſüßes Leben, über Deinen vorigen Brief 
nachdenke, je deutlicher iſt es mir, daß Auguſt nicht die Sorgen 
einer Häuslichkeit übernehmen will, wie er es täte, wenn ich fort- 
reiſte, und Caroline in ſeinem Schutz bliebe. Ich geſtehe, daß 
es mir unerwartet gekommen iſt. Mit Frau v. Hedemann ſprach 
ich geſtern über die Notwendigkeit, ein Quartier zu nehmen, und 
ſie zeigte mir bei dieſer Gelegenheit Auguſts Brief, den erſten vor 
dem 26. geſchriebenen. Er ſagt in ſelbigem deutlich, er wünſche 
mit Adelheid allein zu wohnen, es ſei gut, wenn ſie ſich gewöhne 
ſelbſtändig zu ſtehen, auch könnte es im Hauſe, da ſie die jüngere 
Schweſter ſei, unangenehme Kolliſionen mit der älteren Schweſter 
geben, die ſtörend würden. Er fügt dann freilich noch viel Liebes 
und Zärtliches für mich hinzu, allein, mein beſter Wilhelm, fein 
Wunſch iſt ſehr klar ausgeſprochen, und ich geſtehe, daß ich, da 
ſich dies alles in ihm ſo ſtellt, Carolinen nicht ohne Beſorgnis bei 
ihm laſſen würde. Denn fühlte ſie ſich nicht gern geſehen und 
liebend getragen, ſo könnte das ſchlimm wirken. 

Alſo, mein geliebtes Leben, ci vuol pazienza! — Entſagen iſt 
ein Wort, deſſen ganze gewichtige Bedeutung das Leben einen 

ö 55 


jeden Tag mehr lehrt. Behalte Du mich nur recht lieb, wie ich 
Dich, im Frühjahr komme ich dann mit Carolinen und Gabriellen. 
Wenn Deine Stelle dauernd wird, d. h. wenn ſich die öffentlichen 
Dinge beruhigen, hat Caroline ſich ſchon ganz hinein ergeben. 

Man ſagt hier, der Kaiſer von Rußland und die beiden Groß— 
fürſten würden einige Tage hier bleiben, und die Verlobung beider 
Großfürſten mit Prinzeß Charlotte“) und der Nichte des Königs, 
Prinzeß Friederike“) Louis, würde ſtatthaben. Sara? non lo so. 

Das Wegziehen der ruſſiſchen Armee unter den in Frankreich 
obwaltenden Amſtänden und den notwendigen Folgen, die das auch 
für die anderen Armeen hat, iſt immer eine nicht erfreuliche Sache 
und ließe auf manchen tieferen Plan Rußlands ſchließen. Ach 
Gott, mein Herz, wo man hinblicken mag, überall iſt doch nichts 
wie Verwirrung, und wer von den jetzt Lebenden wird das Ende 
dieſer Kämpfe ſehen, die man zu dem ſchon vorhandenen Stoff 
auch noch ausſäet!! 


28. Humboldt an Caroline Paris, 9. September 1815 


„„ % % U Bie 21) Tene 


acral man, was in dem Frieden der Nation mißfallen kann, 
den Miniſtern zuſchreiben, ſo fällt es jetzt mehr wie je 
auf den armen Kanzler. Kein Menſch als er iſt bei den 


Konferenzen über die Endarrangements, und kein Menſch brauchte 
alſo die Verantwortlichkeit zu teilen, ſelbſt dann nicht, wenn andere, 
wie z. B. ich, auch den Frieden mit unterſchreiben ſollten. 


*) Prinzeſſin Charlotte, älteſte Tochter Friedrich Wilhelms III. und der 
Königin Luiſe, geb. 1798, + 1860 als Kaiſerin von Rußland. 

**) Prinzeſſin Friederike, geb. 1796, + 1850, verm. 1818 mit Leopold, 
Herzog von Deſſau. 
56 


Der Staatskanzler wird überdies ſchon genug einen harten 
Stand haben, da man auch in der inneren Verwaltung mit vielen 
Dingen unzufrieden iſt, und man nicht leugnen kann, daß manche 
arge und böſe Fehlgriffe da gemacht worden ſind. Abrigens wundere 
ich mich nicht über dies Gerede. 

War nicht dasſelbe neulich der Text des Blücherſchen Briefes 
und in wie vieler Leute Hände mag der gekommen ſein? Schreiben 
nicht höchſtwahrſcheinlich ſo auch eine Menge anderer Offiziere 
ſelbſt ohne im geringſten gerade übelgeſinnt zu ſein? Die Gründe 
liegen am Tage. Es iſt wirklich wahr, daß die GFriedensarrange- 
ments, die auf die Kriege ſeit 1813 gefolgt ſind, für Preußen 
weder ſo glorreich noch ſo nützlich geworden ſind, als die Kriegs— 
erfolge dazu berechtigt hätten. Das liegt in den natürlichen Ver- 
hältniſſen der Dinge. Die Armee und die Nation war und iſt in 
großem Feuer, ſie ſetzte alſo ihrem Mut gar keine Schranken, ſie 
focht überall mit der äußerſten Anſtrengung, und man ließ ſie da 
recht gern die erſte ſein. 

Bei der Anterhandlung aber wurde das Gewicht nicht gerade 
durch dieſe Anſtrengungen hervorgebracht, ſondern durch die natür— 
lichen Kraftverhältniſſe Preußens, die natürlich ſo groß nicht ſind. 
Der Staatskanzler weiß außerdem, daß der König es nicht zu 
Extremen kommen läßt, die andern wiſſen es noch mehr. Alſo 
fehlt unſern Worten der von der Tat imponierende Nachdruck. Auf 
Krieg mit allen Alliierten können wir uns unmöglich einlaſſen, und 
einen Bundesgenoſſen unter den andern finden wir ſchwer. Oſterreich 
wäre der einzige, auf den man vielleicht zählen könnte; nun aber 
weißt Du, wie ſchwach Metternich iſt, wie er immer dem Haufen 
folgt, und wie er ſelbſt wieder eine innere Furcht vor Preußen hat. 

Denn es iſt nicht zu leugnen, daß zu den Nachteilen, in denen 
wir find, noch die beiden hinzukommen, einmal daß unſere geogra- 
phiſche Lage uns faſt immer, wo wir unſern Vorteil befördern 

57 


wollen, zu Planen zwingt, die anderen direkt entgegen find, dabin- 
gegen Rußland am Herzogtum Warſchau, Oſterreich an Italien 
Länder fanden, in denen ſie freie Hand hatten. Endlich, und das 
iſt nur zu wahr und ſchadet jetzt mehr als je, haben die anderen 
Kabinette, und namentlich Oſterreich, eine Furcht vor den, wie ſie 
es nennen, revolutionären Elementen, die bei uns und in unſerer 
Armee herrſchen ſollen. 

Wir ſtehen in allen Fragen, die jetzt verhandelt werden, auf 
einer Linie der Rechtsanſicht, welche niemals die ihrige fein wird, 
ja die mitunter ihr eigenes Verfahren geradezu mißbilligt. Dies 
wendet ſie von uns ab und flößt ihnen das Mißtrauen ein, zu 
dem ſich jetzt noch der Neid auf den Waffenruhm geſellt. Nie⸗ 
mals wirkten dieſe allgemeinen Gründe ſo ſtark als jetzt, denn 
alle anderen Alliierten ſind an ſich und durch ihre Miniſter mehr 
oder minder mit Frankreich verbunden, teilen mehr oder minder 
ſeine Geſinnungen. Alle fürchten ſich vor den Forderungen Preußens, 
wenn man es zu hoch emporkommen läßt. 

In dieſer höchſt nachteiligen Lage muß der Staatskanzler unter⸗ 
handeln, und ich behaupte, das Reſultat wird noch immer beſſer 
werden, als ich, der ich die individuelle Lage genau kenne, mir es 
dachte, da ich Berlin verließ; wie ich denn überhaupt immer und 
ewig dabei bleiben werde, daß, [wenn] der Staatskanzler zwar ganz 
evident manchmal Fehler in den Anterhandlungen begeht, die in 
ſeinem Charakter liegen, er ſie auch immer wieder durch eben dieſen 
Charakter gut und oft mehr als gut macht. Wenn ſich daher 
auch Leute mit Wahrheit berühmten, die Fehler nicht zu begehen, 
ſo wären ſie darum noch weit entfernt, ihm gleich zu ſtehen. 

Wenn ich ſagte, daß er Charakterähnlichkeit mit Dir hätte, ſo 
meinte ich gewiß ſeine beſten Seiten. Da dies gerade die am 
tiefſten aus der Natur hervorgehenden ſind, ſo ſind ſie freilich auch 
mit einigen kleinen Fehlern am nächſten verwandt, und ſo geht die 
58 


Ahnlichkeit auch darin über. Aber ſeine inneren und wahren Ge- 
finnungen, ſeine erſten Bewegungen würden Dir immer wie aus 
der Seele geſchnitten ſein. Auch das tief edle und ganz und gar 
nicht leer vornehme Weſen, aus dem die echte Würde entſteht, iſt 
in euch beiden. Dann ſind freilich, wie natürlich, die größeſten 
Verſchiedenheiten. Seine Heftigkeit bricht nach außen aus und 
verraucht gleich, Du biſt immer ſanft und mild, aber das Gefühl 
untergräbt Dich innerlich. Er iſt ſinnlich und leichtſinnig, wovon 
keine Spur in Dir iſt. Aber traurig iſt's allerdings zu ſehen, daß 
die meiſten Menſchen, die ihn umgeben, mehr ſeine leichten Seiten 
benutzen, als die tieferen und edleren zu ſchätzen wiſſen. 

Der Kaiſer von Rußland iſt, wie ich Dir oft ſagte, das wahre 
und faſt einzige recht große Hindernis bei der Ausführung jedes 
gerechten und vernünftigen Plans. Sein eigentlicher Grund iſt, 
darüber waltet mir kein Zweifel ob, daß er nicht will, daß Preußen 
und Deutſchland durch ſich ſelbſt ſicher ſein ſollen. Im Munde 
aber führt er nichts als moraliſche Gründe, daß man die Heiligkeit 
des Anternehmens dieſes Krieges nicht durch Eigennutz entweihen, daß 
man auf nichts hinarbeiten muß, als die legitime Regierung in Frank⸗ 
reich zu befeſtigen, und davon, als von dem Ende der Revolution, 
die ſittliche und politiſche Verbeſſerung Europas abzuwarten. In 
dieſen Begriffen geht er nun auch ſogar auf myſtiſche Art weiter. 
Da er ſeiner einſeitigen Erziehung nach gar keinen Begriff von 
etwas anderem als ruſſiſcher Barbarei und franzöſiſcher Kultur hat, 
ſo hat alle Anſittlichkeit und Verderbtheit der Welt, die nun außer 
Frankreich gar nicht vorhanden iſt, nur in Frankreich und in der 
Revolution ihren Arſprung genommen, und durch den ungeheuren 
Einfluß, den in ſeinem irrigen Wahne Frankreich durch Sprache, 
Literatur und ich weiß nicht was auf das übrige Europa ausübt, 
kann auch die Heilung und Bekehrung nur von Frankreich aus— 
gehen. In Frankreich ſelbſt muß ſie durch den legitimen König 

59 


geſchehen, dem man ja kein Haar krümmen muß, und fo ſiehſt Du, 
wie das myſtiſche Naiſonnement zum ganz platt eigennützig Nuſſiſch⸗ 
politiſchen zurückführt. 

Daß dies ſo im ganzen wahr iſt, leidet keinen Zweifel. Es 
iſt auch ſicher, daß, wie ich Dir öfter ſchrieb, der Kaiſer alle Woche 
einige Abende bei Frau v. Krüdener“) zubringt, die ihn in dieſen 
Ideen beſtärkt, und die ich mir, ob ich ſie gleich nicht ſelbſt kenne, 
als ein Gemiſch urſprünglich deutſcher Empfindſamkeit und franzö⸗ 
ſiſcher Erbärmlichkeit, wie ſich das in der elenden Valérie“) ausſpricht, 
denke. Ob zugleich die Details und Anekdoten wahr ſind, die man 
erzählt, laſſe ich dahingeſtellt fein. Die neueſte iſt, daß Labédoyere 
ihr im Traum erſchienen ſei, ihr ungefähr das oben auseinander⸗ 
geſetzte Syſtem entwickelt und ſie mit einem Kuß auf dem Halſe 
entlaſſen habe, von dem ihr beim Erwachen ein ſchwarzes Stipschen 
geblieben ſei, das nun vom Kaiſer in gleicher Heiligkeit gehalten 
werde. Bei ſolchen Leuten iſt alles möglich, und die Sucht, den 
Labédoyere, der nichts als ein ganz gemeiner liederlicher Menſch 
und nachher ein bloßer Verräter war, zu einer Art Heiland zu machen, 
deſſen Blut hat fließen müſſen, den man aber allgemein bejammern 
muß, iſt ja ſogar auf die franzöſiſchen Zeitungen übergegangen. 

Was die Engländer ſo an dies ruſſiſche Syſtem bindet, iſt 
ſchlechterdings nicht zu begreifen. In England ſelbſt iſt die Stim⸗ 
mung dergeſtalt gegen Caſtlereagh“ ) und Wellington deswegen, daß 
ſie Mühe haben werden, ſich in ihren Stellen zu erhalten. Auch 
der Prinzregent f) war gegen fie. Da fie aber ihm haben durch 

*) Barbara Juliane v. Krüdener, geb. v. Vietinghoff, geb. 1764, + 1824, 
die bekannte Pietiſtin. 

*) Roman in Briefen der Frau v. Krüdener. 

***) Geb. 1769, + 1822, ſeit 1812 engliſcher Miniſter des Auswärtigen. 

+) Georg IV., König von Großbritannien und Hannover, geb. 1762, 
+ 1830, führte für ſeinen geiſteskranken Vater von 1811 bis zu deſſen Tod 1820 
die Regentſchaft. 

60 


Stewart“) erklären laſſen, daß fie ihren Abſchied nähmen, wenn 
er nicht in ihr Syſtem einginge, und der Regent dadurch noch mehr 
in Verlegenheit geſetzt wird, ſo hat er nachgegeben. 

Perſönlicherweiſe kann man ſich die Sache dadurch erklären, 
daß Wellington durch die Ruſſen und namentlich Pozzo di Borgo“) 
hat auf ſich wirken laſſen, und daß ſein entſchiedener und herriſcher 
Ton Caſtlereagh unterjocht hat. Vernünftige Gründe kann man 
keine abſehen, als daß ſie ſich, wenn Abrüſtungen in bedeutender 
Größe vor Frankreich geſchähen, vor dem Streit über ihre Vertei- 
lung fürchteten, und daß ſie in der ſicherlich irrigen Meinung ſtehen, 
daß durch eine Abrüſtung eher Krieg mit Frankreich, als durch 
eine temporäre Beſetzung erregt wird. 

Oſterreich wankt, billigt im Innern unſere Plane mehr als 
die entgegengeſetzten, aber fürchtet ſich eigentlich, ſich mit uns, 
als mit Leuten, deren Grundſätze immer weiter führen können 
als man will, zu verbinden, und ſträubt ſich über alles, die Träg⸗ 
heitskrücke dieſer vierköpfigen Allianz zu verlieren. Es iſt daher 
wohl auf unſerer Seite, aber immer mit tauſend wieder alles Gute 
wegnehmenden Einſchränkungen und Mittelwegen. 

Aus allem dieſen wird nun, ſoviel man ſich erlauben kann zu 
weisſagen, daß gewiß Sardinien ſein Savoyen bekommen, Landau 
abgeriſſen und Oſterreich zur Dispoſition gegeben werden wird, 
wir Saarbrücken und die Feſtung Luxemburg erhalten werden, der 
König der Niederlande die Stücke Belgiens, die im vorigen Jahr 
Frankreich gelaſſen wurden; vielleicht Hüningen an die Schweiz 
fällt, Bitche auch zu Oſterreichs Dispoſition kommt, wir Saarlouis 
und die Niederlande einige Feſtungen kriegen. In beiden Fällen 
bleiben 150000 Mann in Frankreich ſtehen und beſetzen, vermutlich 


*) Vgl. Bd. IV, S. 226. 
») Ruſſiſcher Diplomat, geb. 1764, + 1842, Korſikaner, ruſſiſcher Ge⸗ 
ſandter in Paris. 


61 


fieben Jahre lang, die Hauptfeftungen von Belgien an bis zur 
Schweiz, teils um zur Anterſtützung der Regierung zu dienen, teils 
um die Kontributionszahlung zu ſichern. 

Dies hat nun allerdings ſein Gutes, da die Gebietsabtretungen 
ſo beſchränkt ſind, allein an ſich iſt es eine abſurde Idee, einer 
wahrlich nicht bis auf dieſen Grad gedemütigten Nation eine euro- 
päiſche Zuchtarmee auf den Nacken zu ſetzen, und muß in ewige 
Streitigkeiten und vielleicht zuletzt neue Kriege verwickeln. Es wäre 
unſtreitig viel einfacher geweſen, den Elſaß mit Straßburg, einen 
Teil Lothringens und einen Hennegaus mit den Hauptfeſtungen 
abzureißen und dann bloß ein paar Orte bis nach Bezahlung der 
Kontribution zu beſetzen. Daß man einer Nation Provinzen nimmt, 
die ſie ſelbſt ehemals genommen hat, iſt weder ungerecht noch 
unnatürlich, allein daß man ihr vorſchreibt und die Naſe darüber 
hält, wie ſie ſich regieren laſſen ſoll, was wenigſtens drei von denen, 
die es tun, ſelbſt nicht verſtehen, iſt das eine und das andere. Wie 
man von dem Plan hinlänglicher Abreißungen abgeht, ſchwimmt 
man in einem Ozean, wo ich keine Richtung mehr anzugeben weiß, 
und daher leugne ich nicht, daß ich mich jetzt für keinen Plan warm 
intereſſieren kann. 

Kontribution fordert und erhält man gewiß. Aber die Summen 
gehen die Meinungen entſetzlich auseinander. Hierin hält aber auch 
Metternich feſter. Ich glaube nicht, daß ſich der Staatskanzler 
beruhigen wird, wenn er nicht zwiſchen 250 und 300 Millionen 
Franken für Preußen allein bekommt. 

Ich habe Dir mit Fleiß heute ſo beſtimmt und ausführlich 
über die öffentlichen Gegenſtände geſchrieben. Die Gelegenheit!) iſt 
durchaus ſicher, ſicherer als je; ich weiß, daß Du keiner einzelnen 
Sache erwähnſt, gegen wen es auch ſei. Dabei aber iſt es mir 
wichtig, daß, wenn die Leute ſo große Beſorgniſſe affektieren, 

) Der Brief ging durch den Rittmeiſter v. Loön. 

62 


Du ihnen geradezu ſagen kannſt, daß aus meinen Briefen doch 
gar nicht hervorginge, daß die Sachen ſo ſchlimm ſtünden, und 
nur, daß die Grenze des Pariſer Friedens würde überhaupt oder 
in Rückſicht Preußens unverändert bleiben, daß es aber vor allen 
Dingen darauf ankomme, ſich nicht zu große Hoffnungen zu machen, 
die Schwierigkeiten einzuſehen, die in der franzöſiſchen Regierung, 
deren Beſtehen uns doch ſelbſt wichtig iff, und in den andern Ver- 
bündeten liegen, die nicht das gleiche Intereſſe mit uns haben, 
endlich, daß es ganz wunderbar ſei, jeden neuen Krieg als einen 
Eroberungskrieg zu betrachten, daß es auch Erhaltungskriege gebe, 
daß die Frucht des jetzigen die künftige Sicherung des linken 
Rheinufers fei, daß man um Schleſien drei Kriege geführt habe, und 
man wohl nicht den Hubertusburger Frieden darum getadelt habe, 
daß er keine neue Eroberung hinzugefügt habe. Dies ſind wirklich 
alles ſehr wahre und triftige Gründe, und die dieſe ins Geleg 
hinein ſchnatternden Menſchen nicht einſehen oder, da es auch heim— 
tückiſche darunter gibt, nicht einſehen wollen. 

Aber die römiſchen und belgiſchen Kunſtſachen hat ſich der 
Kaiſer von Rußland gleichfalls ganz verneinend erklärt. Er hält 
auch dies für ungerecht und unmoraliſch und ſtellt nun gar den 
Grundſatz auf, daß, da man voriges Jahr ſie nicht genommen habe, 
ſie durch den Pariſer Frieden Frankreich rechtmäßig geblieben 
wären. Indirekt tadelt er alſo auch unſer Wegnehmen. Allein 
für Belgien wird es dabei nicht bleiben. Nur vermute ich, daß, 
weil Rußland, auch ſogar meinetwegen, dem Papſt nicht wohl 
will, es die Sache dahin ſpielen wird, daß der König Belgien 
freiwillige Reſtitutionen macht. Iſt alsdann dies einmal geſchehen, 
ſo hat England kein Intereſſe mehr an der Sache, und Metternich 
weiß noch heute nicht, was er tun will. 

Es gibt jetzt hier allerlei ſchöne Kunſtſachen zu verkaufen, und 
der König hat Luſt. Ich befördere zwar das nicht gern, denn wir 

63 


bedürfen doch ſehr des Geldes, und es geht damit immer eine be- 
trächtliche Menge weg. Allein ich ſehe voraus, es kommt doch 
dazu. So hat der König Alexandern aufgetragen, ſich nach dem 
Preis der vier Canovaſchen Statuen in der Malmaiſon, Amor und 
Pſyche, Hebe, Paris und einer Tänzerin zu erkundigen. An dem 
Paris und der Tänzerin hätte man nun meines Erachtens nicht 
viel. Ich habe daher geſtern dem Kanzler durch Jordan“ vorſchlagen 
laſſen und werde ihm heute ſelbſt davon ſprechen, ſogleich Rauch 
kommen zu laſſen. Er verſteht ſich ja auch auf Gemälde und hat 
auch Dreiſtigkeit genug, dem König zu ſagen, was gut und nicht 
gut iſt. Ganz gewöhnlichen franzöſiſchen Dreck, und wo doch ein 
Stück 8000 Franken koſtet, will der König, wozu Alexander gewiß 
nicht beiträgt, kaufen. Die ſchönſten Churheſſiſchen Claude-Lorrains 
waren bei Beauharnais ), dem fie Napoleon, ohne alles Recht, 
geſchenkt hat. Um fie zu retten, hat der Kaiſer Alexander fie ge⸗ 
kauft, oder ſo getan!! Merkwürdig iſt es auch, daß der Kaiſer, 
den doch ſonſt ſeine Eitelkeit zu allen berühmten Männern treibt, 
Canovan noch nicht einmal hat vor ſich kommen laſſen. 

Morgen iſt die berühmte Revue in der plaine des vertus. Flore 
Wrbna“* ), die Prinzeſſin Thereſe, Molly Zichy, die Herzogin 
von Kurland r) und die Gagan++) haben, wie fie ſagen, mehr Befehl 
als Einladung vom Kaiſer Alexander bekommen, hinzugehen und 
folgen alſo. Flore und Thereſe haben, da Stein fie zu Alexander ge- 


) Jordan, Geheimrat der Hardenbergſchen Staatskanzlei. 
**) Eugene Beauharnais, geb. 1781, + 1824, Sohn erſter Ehe der Kaiſerin 
Joſephine. Vgl. Bd. IV, S. 423. 
***) Gräfin Flore Wrbna, geborene Gräfin Kageneck. 
+) Dorothee, Herzogin Biron von Kurland, geborene Gräfin Medem, 
geb. 1761, + 1821. 
tt) Wilhelmine, Herzogin von Sagan, älteſte Tochter des Herzogs Peter 
Biron von Kurland, geb. 1781, + 1839, vermählt 1. mit Louis Prinz Rohan 
Guémence, 2. mit Waſſili Fürſt Trubetzkoy, 3. mit Karl Graf v. der Schulenburg. 
64 


führt hat, die mexikaniſchen Malereien beſehen. Stein geht morgen 
ab. Er war bloß hergekommen, um auf den Kaiſer Alexander zu 
wirken, und geht, weil er ſich von der Anmöglichkeit überzeugt hat. 
Er wird (dies ganz unter uns) vermutlich Bundestagsgeſandter in 
Frankfurt a. M. von unſerer Seite. Wegen des Namens iſt es 
gut, ſonſt aber auch gar nicht. 

Gneiſenau hatte ein mémoire geſchrieben und auf des Königs 
Verlangen dem Kaiſer Alexander geſchickt. Es war recht gut, aber 
freilich mehr eins von denen, die berechnet ſind, gut gefunden zu 
werden von den Gleichgeſinnten, als praktiſche Wirkung auf die 
andern zu machen. Darauf hat der Kaiſer durch eins antworten 
laſſen, das anfängt: „Il est temps de mettre un sentiment moral 
dans la politique“ uſw. Danach kannſt Du Dir die übrige Predigt 
denken. Bei aller dieſer Moral gibt er Thorn noch nicht heraus 
und hält alſo die Verträge nicht. Freilich ſagt er, daß wir das 
Gleiche mit Oſtfriesland gegen Hannover tun, und hat recht. Nur 
geht das ihn nicht an, und wir ſprechen auch nicht von Moral. 

Deinen lieben Brief vom 31., liebes, ſüßes Kind, habe ich 
geſtern bekommen. Die Szene mit den Kindern hat mich ſehr 
gerührt. Es iſt natürlich, und ich fühle es ſehr tief, daß die armen 
Mädchen die Trennung, die die Reiſe mit ſich bringt, ſchwer 
empfinden. Prüfe Dich wohl, ob es Dir nicht, wenn es geſchehen 
iſt, auch bleibend ſchmerzlich ſein wird. Von Gefahr, hier zu ſein, 
will ich gar nicht reden. Der Himmel, aber kein Menſch kann 
wiſſen, ob einige, ob keine iſt? Es würde uns ewig reuen, die arme 
kleine Gabrielle in irgend eine geführt zu haben. Von Dir rede ich 
nicht, wie es mich auch im Tiefſten bewegt. Ich kenne Deinen 
Mut, und Mann und Frau ſind in allen Dingen eins. Mich 
macht Dein Kommen unendlich glücklich, aber laß mich nicht der 
einzige Grund ſein. Das Herz der Kinder iſt natürlich mit Deinem 
und meinem ebenſo verwachſen, als das unſrige ſelbſt. Ich würde 
Humboldt⸗Briefe. V. 8 65 


ſtill die unendliche Sehnſucht nach Dir dem Frühling entgegen- 
tragen. Du, die Du, wie Auguſt zurück iſt, ſehen wirſt, wie Du 
alles machen kannſt, Du kannſt dies allein beurteilen und bleibſt 
immer Herr Deiner Entſchlüſſe. 

Der Kanzler, liebe Seele, hat nicht in Paris, ſondern in Berlin 
ſein Teſtament gemacht. Er hat es ſehr ungern getan, iſt aber 
gewiſſermaßen genötigt worden. Dies beweiſt alſo gar nichts. 

Eben waren der Staatskanzler und Stein bei mir. Der erſte 
hat wieder neue, ſehr gute, und da auch Metternichs Meinung der 
ſeinigen gemäß geweſen iſt, vermutlich nicht unfruchtbare Schritte 
getan. Er verſichert Nachrichten, wie die über S., viele zu haben, und 
klagt in dieſer Hinſicht auch über Gneiſenau. Er meint, eine feſt 
in Berlin angenommene Meinung ſei, daß Gneiſenau ſchon jetzt 
Kabinettsminiſter geworden ſei und an ſeiner Stelle werde Staats⸗ 
kanzler werden. Er ſpricht ihn ſelbſt von allem Teil an dieſer 
Dummheit frei, ſetzt aber ſehr gut und ſehr in ſeiner Art hinzu, 
daß, wenn dies den Staat retten könnte, er gern zurücktreten würde. 

Lebe innigſt wohl. Grüße Adel und die Mädchen. 

Ewig Dein H. 


29. Humboldt an Caroline Paris, 13. September 1815 


Ilie Sachen werden hier noch immer mit einer Schnelligkeit 
betrieben, von der man glauben ſollte, daß ſie in ſehr kurzem 

zum Ziele, was ich hier nur das Ende nenne, führen müßte. 
Die Souveräne werden vom Kaiſer Alexander gedrängt, weil es nicht 
anſtändig ſein würde, daß ſich hier die Kammern verſammelten 
(ſie kommen am 25. zuſammen), wenn die Souveräne noch hier 
wären. Die Kammern aber verſammeln ſich, weil Ludwig XVIII. 
hier iſt, und von dieſem erſten falſchen Schritt, den Wellington 
66 


(unter uns) mit Pozzo di Borgo gemacht hat, ſtammt das meifte 
Abel. Metternich benimmt ſich in dieſer letzten Zeit noch ausge- 
zeichnet ſchwach und doppelſinnig. Was auch herauskommen mag, 
ſo wird es ein halbes, ſchlecht angelegtes Werk ſein, eine Art 
Waffenſtillſtand, von dem man kaum wird vorausſehen können, 
wie lange er dauern wird. Der Kanzler hat noch getan und tut 
noch, was nur irgend möglich iſt. Eine uns günſtigere Richtung 
gibt er der Sache auch gewiß, allein die Hauptſachen ſind nicht 
zu ändern. Es iſt mir ſehr leid, auch aus Deinem Briefe wieder 
zu ſehen, daß der Staatskanzler wirklich nicht geliebt iſt. Das iſt 
aber bloß den Amſtänden, den übertriebenen Erwartungen der immer 
frondierenden Menge und der Verblendung, in der man jetzt iſt, 
zuzuſchreiben. Ich bin daher auch überzeugt, daß es ſich geben 
und beſſer werden wird, wenn er nach Berlin zurückkommt. 

Aber Schlabrendorff haſt Du ſehr recht. Die Gegenwart iſt 
eine große Göttin, und Deutſchland in ſeinem jetzigen Zuſtand 
nach Erinnerungen aus den Jahren vor der Revolution und zu— 
fällig hier erſcheinenden Deutſchen beurteilen zu wollen, iſt eine 
rein unmögliche Sache. Wenn er Dich öfter ſprechen wird, wird 
ihm manches Licht aufgehen, davon bin ich überzeugt. 

Aber die Beſchäftigung der Menſchen in Berlin mit Gneife- 
naus Arbeiten und Sitzen in den Konferenzen muß er ſelbſt lachen. 
Er iſt etwa zehnmal dabei geweſen und bei ſehr unbedeutenden. 
Seit ſehr langer Zeit hat er ſich ganz losgeſagt. Bei den wichtigen 
Konferenzen iſt der Kanzler ganz allein. Es iſt aber recht gut, 
die Menſchen in ihrem Wahn zu laſſen. Wenn Du mir etwas 
mehr von den Gerüchten über Gneiſenau ſagen kannſt, ſoll es mir 
lieb fein. Ich habe Arſach, perſönlich mit ihm ſehr zufrieden zu fein. 

Die Luſt Hedemanns, mit Adelheid allein zu ſein, haſt Du 
alſo auch bemerkt? Ich bin überzeugt, daß nach den erſten acht Tagen, 
die er mit Adelheid zugebracht haben wird, er ſelbſt ganz anders 

5* 67 


— —— ee 


feben wird. Hier iſt er zugleich wie ein vertiefter und heftig leiden⸗ 
ſchaftlicher Menſch, der ſich nicht einbilden kann, daß er es nur 
erleben wird, Adelheid wiederzuſehen, der ſchon im voraus die Angſt 
hat, daß dies Zuſammenſein doch nicht ſehr lange dauern wird, 
und alſo ein Leben in ein paar Wochen preſſen möchte. Sehr hübſch 
iſt dieſe heftige Liebe doch, und wenn er nur erſt wieder mit Adel 
zuſammen iſt, wird ſich alles leichter ſtellen. 

Es iſt furchtbar teuer hier, und mit meinem Gehalt (8000 
Franken monatlich ungefähr) unter den jetzigen Amſtänden, wo ein 
preußiſcher Geſandter viel mehr als ſonſt tun muß, auszukommen, 
iſt rein unmöglich. Stein hat neulich in ſeiner largen Manier 
dem Kanzler in meiner Gegenwart gefagt, man müſſe mir 50 000 
Taler Gehalt geben. Wie gefällt Dir das? 

Aber Niebubr*) habe ich mit dem Kanzler geſprochen. Nie⸗ 
buhr iſt (unter uns) ſo ſchwerfällig und ſpitzfindig, daß er durchs 
praktiſche Leben niemals ſo kommen wird. Jetzt hat er nun wieder 
einen Stein des Anſtoßes an der Inſtruktion. Sei ſo gut, und 
laß ihn Dir kommen, und ſage ihm in meinem Namen folgendes: 
Die Inſtruktion wäre wörtlich, bis auf einige durch die Zeitumſtände 
veranlaßte Zuſätze, dieſelbe, die ich gehabt hätte, unter Alvens⸗ 
leben““) von Naumer engherzig und pedantiſch gemacht. Dagegen 
indes, daß man dem Papſt, den man nicht mit der Katholizität 
verwechſeln müſſe, eine direkte Einmiſchung bei uns erlaube oder 
ſich von ſeiten der Biſchöfe Widerſpenſtigkeiten ausſetze, wie jetzt 
der König der Niederlande“ ) erfährt, müſſe ich auch gar febr fein. 
Der Kanzler hatte mir die Inſtruktion zur Prüfung zugeſchickt, 


*) Berthold Georg Niebuhr, geb. 1776, + 1831, Staatsmann und Ge⸗ 
ſchichtsforſcher. Zuerſt im däniſchen Staatsdienſt, ſeit 1806 im preußiſchen, 
von 1816-1823 Geſandter in Rom. 

%) Bei Humboldts Dienſteintritt Miniſter des Außeren. 

% Wilhelm J., geb. 1772, + 1843, ſeit März 1815 König. 
68 


und ich hatte ihm geſchrieben, fie fet ſehr ftreng und pedantiſch, 
hatte es ihm an einzelnen Stellen bewieſen, ihm aber nicht geraten, 
was zu nichts helfen kann, jetzt hier einzeln zu ändern, da unſer 
Verhältnis zum Papſt ja in Abſicht der rheiniſchen Provinzen 
doch feſt und ſicher beſtimmt werden müſſe, oder wir allgemeinen 
Vorſchlägen, die man in Deutſchland machen wird, beitreten werden. 
Ich habe ihm aber angegeben, die Inſtruktion, wie es ſich gehört, 
an das Miniſterium des Kultus zur Prüfung und Abänderung 
zu ſchicken, wo Schmedding) und Nicolovius “) ſchon das ihrige 
tun werden. Niebuhren verſichere nur, daß, was ſeine Perſönlich— 
keit betrifft, er ſich um die Inſtruktion keine grauen Haare wachſen 
laſſen ſoll. Ich bin gewiß auch pedantiſch, unter niemandem iſt 
dieſe Inſtruktion ſtrenger als unter mir befolgt worden, niemand 
hat härtere Dinge beim Papſt durchgeſetzt, wir haben dabei, wie 
Du ihm mit Beiſpielen belegen kannſt, mit weniger Gehalt als 
er hat und unſrer ganzen Familie gar nicht prächtig gelebt, und 
Du und Rauch, und wer Nom kennt, kann ihm gewiß mit Grund 
ſagen, daß kein Geſandter und Botſchafter beſſer mit dem Papſt 
und den Kardinälen geſtanden hat als ich. Das iſt perſönlich und 
wird nicht durch Nachgiebigkeit erreicht. 

Inſofern das ganze Syſtem ſeinen Grundſätzen nach zu ſtreng 
iſt, muß er nun ſelbſt urteilen, ob er nicht das Vertrauen hegen 
kann, daß man es mildern und daß er ſelbſt ſogar ſehr dazu bei— 
tragen kann. Bitte ihn aber in meinem Namen nochmal, daß, 
wenn ihm wirklich der Poſten, nach dem jeder ringt, und den ich 
heute gerade ſo, wie er ihm angetragen iſt, annehme, nicht ange⸗ 
nehm iſt, er ihn noch jetzt rund und ohne weiteres ausſchlägt, da 


) Schmedding, geb. 1774, Staatsrat, einziger Katholik in der Kultus- 
ſektion. 

**) Georg Heinrich Ludwig Nicolovius, geb. 1767, + 1839, Staatsrat, 
unter Humboldt Direktor der Kultusabteilung. 


69 


es viel fataler wäre, nach einigen Monaten feinen rappel zu ſuchen. 
Sage ihm nur, daß ich ihn ſehr glücklich fände, eine glücklichere 
Lage zu kennen, als die ihm in Rom angeboten iſt. Wirklich (dies 
unter uns) iſt mir dies ekle Annehmen und Verwerfen, was am 
Ende auf lauter Furchtſamkeit und darauf, daß er Berliner und 
engliſche Zeitungen ſpäter bekommt, beruht, zuwider]. Wenn dieſe 
Menſchen nur einmal gefühlt hätten, wieviel man, wie gern, jen⸗ 
ſeits der Alpen vergißt und nicht weiß! Aber wer keine innere 
Ruhe im Buſen hat, dem flößt ſie freilich kein Himmelsſtrich ein. 
Lebe wohl, teures, einzig ſüßes Weſen. Ewig Dein H. 


30. Caroline an Humboldt Berlin, 14. September 1815 


t flexandern, deſſen Geburtstag heute iſt, bitte ich in meinem 
Namen herzlich zu grüßen, geliebter Wilhelm, und ihm 
Glück zu wünſchen. 

Es iſt auch zugleich der Jahrestag unſrer Abreiſe nach Rom, 
und wenn man, wie wir es nun doch auch ſchon können, die Ver⸗ 
gangenheit aus einer gewiſſen Entfernung betrachtet, ſo kann man 
ſie mit einem Strom vergleichen, in dem ſich die Ereigniſſe, die 
die Zeit gebracht hat, ſpiegeln. Ich kann oft ſtundenlang ſinnend 
darüber zubringen, und es löſt ſich mir das innerſte Herz in Weh— 
mut und einer Freude, die die Menſchen gewöhnlich Schmerz 
nennen, die aber keiner iſt, obgleich aus Schmerzen geboren. And 
iſt das nicht alles im Leben? Geht dieſer geheimnisvolle Schmerz 
der Geburt nicht durch, durch die ganze moraliſche und phyſiſche 
Welt? Wenigſtens läßt ſich beweiſen, daß nichts etwas wert iſt, 
als das, was aus dem Kampf entſtanden und entſproſſen iſt — 
ach, wo gerate ich hin! Vergib, geliebtes Herz, daß mein Brief 
in ſo wehmütiger Stimmung beginnt. 

70 


Quguft hat mir nun durch den heutigen Kurier auch geſchrieben. 
Er nimmt zwar in ſeinem Brief mein Anerbieten an, ihn im Hauſe 
wohnen zu laſſen, meint aber, das Verhältnis mit Caroline, die die 
ältere Schweſter und Adelheid die Frau ſei, nachdem Caroline 
gewohnt geweſen, ſie noch bis vor ganz kurzer Zeit als Kind zu 
behandeln, werde kein leichtes ſein. Mit einem Wort, mein ge- 
liebter Wilhelm, dies geht nicht. Mir iſt in meiner argloſen Seele, 
die alles, ich darf es keck ſagen, nach dem Maß meiner inneren 
Liebe beurteilt, die Möglichkeit einer ſolchen Anſicht nicht einge— 
fallen. Allein ſie iſt, iſt ausgeſprochen und dadurch da, und ich 
würde Carolinen unter keiner Bedingung jetzt allein bei Auguſt 
laſſen. 

Ich habe ſehr teure Pflichten gegen Caroline und will ſie 
wahrhaftig nicht nachläſſiger erfüllen als gegen die anderen. Caro⸗ 
linens lange Kränklichkeit kann ſie vielleicht für andere weniger 
liebenswürdig machen, mir legt ſie eine doppelte Pflicht auf, ihr 
das Leben ſüß und angenehm zu machen, und es iſt auch ganz 
bei ihr durchgedrungen, daß ſie von mir unausſprechlich geliebt wird. 

Alſo Geduld, mein liebſtes Herz, ich komme mit ihr wohl nun 
erſt im Frühjahr. Alles Entbehren fällt auf uns zurück, mein 
liebes Herz. Laß es uns ſtill tragen. Fürchte auch nicht, daß ich 
Auguſt Bitterkeit zeigen werde. Die erſte kleine Aufwallung der- 
ſelben iſt ſchon überwunden und hat dem Schmerz Raum gemacht, 
mit dem man ſich ſo gut im Leben vertragen lernt. Das Leben, 
je weiter man darin vorſchreitet, lehrt einen immer nachſichtiger 
gegen alle fremde Individualität zu werden. So habe ich auch 
das genommen. 

Adieu für heute, meine teure Seele. Wie ſehr ſehne ich mich 


71 


31. Humboldt an Caroline Paris, 16. September 1815 


Dein letzter Brief [vom 7. September], mein ſüßes Kind, 
9 hat mich eigentlich geſchmerzt. Denn es iſt wirklich 
— cſchmerzlich, wenn das Verhältnis, das einem bloß Freude 
und Glück gegeben hat und verſpricht, auch nur die mindeſte Wolke, 
die leiſeſte Ahndung einer ſchiefen Stellung gibt. Ich habe gar 
nicht gewußt, daß Du Auguſten ſelbſt über Deine Abſicht geſchrieben 
haſt, zu mir zu kommen, wenn er indes das Regiment führte. 
Auch hat er mir nie davon geſprochen. Nimm aber übrigens, 
teure Seele, die Sache auch nicht zu hoch auf. Wie ich Dir 
öfter in meinen Briefen geſagt habe, wenn er erſt ſelbſt in 
Berlin ſein wird, ändert ſich die Anſicht vielleicht um vieles und 
die hier egoiſtiſch und ſchneidend erſcheinende Leidenſchaft geht in 
einen milderen Genuß über. Dann aber iſt freilich manches auch 
nicht zu ändern, und man muß ſich darin ergeben. 

Was Du über Hedemanns Brief an ſeine Mutter und über 
die wahre und eigentliche Liebe ſagſt, iſt allerdings die tiefe und 
richtige Anſicht der Empfindung. Aber, ſüße, teure Li, eine ſo 
freie, unbefangene, ſo aus der Größe und Tiefe der Menſchheit 
geſchöpfte Anſicht haben die Menſchen am wenigſten jetzt. Wie 
gut Hedemann iſt, muß man das auch bei ihm nicht ſuchen, es 
liegt ſelbſt nicht in den guten Seiten der jetzigen Zeit, und tauſendmal 
kommt es mir jetzt, daß ich gegen ihn, gegen andere gleich Gute 
und noch Geiſtreichere ſtillſchweige und ſie Anathema ausſprechen, 
Schranken ſetzen, Feſſeln ſchmieden ſehe, von denen allen ich keinen 
Begriff habe. Engherzige Ideen des Mittelalters, ſogenannte 
alte Deutſchheit, übelverſtandene von Moral und Religion ſind 
aus dem freilich noch viel ärgeren Gegenteil von alle dem entſprungen 
und herrſchend geworden. Schreibt nicht die kleine Adelheid ſelbſt 
in den ſehr hübſchen Briefen aus Tegel bei Gelegenheit eines 
72 


Briefes an Auguſt: „und dann erft nach erfüllter Pflicht werde 
ich einen weiten Spaziergang machen“? Wir hätten nie ſo etwas geſagt. 

Alſo, wie Du mir neulich ſchriebſt: „Andre Zeiten, andre 
Sitten.“ And dann, wo findet man auch ein Gemüt, in dem, wie 
in Dir, eine ſo ſich durch ihre eigene Tiefe und Wahrheit ſelbſt 
beſchränkende Freiheit herrſcht! Mir iſt ein zweites, gleiches nie 
erſchienen, und man kann es wohl einzig auf Erden nennen. 

Alexander läßt, unter uns, Hedemann durch Steuben für Adel— 


heid malen. 2 


32. Humboldt an Caroline Paris, 20. September 1815 
Süßes, teures Herz! 
Ich habe Deine beiden Briefe bekommen und ſehe mit 
Schmerzen, daß Du auf Deine Reiſe nun ganz Verzicht 
leiſteſt. Verdenken kann ich es Dir freilich nicht, denn, 
wie die Sache mit Auguſt ſteht, wäre es wirklich, ſelbſt wenn es 
ſich noch tun ließe, gewagt, die arme Caroline bei ihm und ſeiner 
Frau zu laſſen. Eine einzelne Perſon bei zwei ſo Verliebten iſt 
immer zu viel und verlaſſen. Zwar waren wir gewiß auch recht 
ſehr verliebt, und die Wolzogen“) war doch ſehr vergnügt mit uns. 
Ich ſehe gar keinem glücklichen Winter entgegen, mein liebes 
Kind, viele und unangenehme Geſchäfte, auch häusliche Sorgen, 
da ich nicht zu viel ausgeben will, und mich doch auch nicht ent- 
ſchließen kann, meiner Stelle unangemeſſen zu leben. Bei dem 
allen eine Einſamkeit mitten in der Geſellſchaft, da Du mir fehlſt. 
Das ausgenommen, daß wir auf dieſe Weiſe getrennt bleiben, 
was mir eine wahre Trauer iſt, muß Dich die Sache, als innere 
Stimmung in Auguſt, nicht ſchmerzen, ſüße Seele. Er liebt uns 
alle wirklich unendlich und iſt herzensgut. 
Ich hatte bis hierher heute früh geſchrieben, teures Herz, und 
) Vgl. Bd. I, S. XIX. 


73 


wurde zum Kanzler abgerufen. Ich glaubte, nachher noch fertig 
werden zu können, aber ich ſehe, ich werde nur noch zu wenigen 
Zeilen Zeit haben. Der Kanzler ſagte mir nämlich, was mir uner⸗ 
wartet kam, daß heute die erſte Konferenz mit den verbündeten 
Bevollmächtigten und den franzöſiſchen ſein würde, und damit iſt 
der größte Teil des Vormittags hingegangen. 

Den franzöſiſchen Bevollmächtigten, es iſt Talleyrand)), Dal⸗ 
berg“) und der Finanzminiſter Louis, iſt nun heute von uns das 
Projekt des Friedens vorgelegt worden, das zugleich temporären 
Beſitz einer Reihe von Feſtungen und Abtretung einiger außer 
der Kontribution enthält. Es hat tiefe Senſation gemacht, fie 
erklärten gleich, einige Bedingungen ſeien inakzeptabel. Es iſt immer 
möglich, daß noch militäriſche Bewegungen gemacht werden müſſen. 

Wellington hat auf einmal alle Popularität in der Geſellſchaft 
verloren, weil er die belgiſchen Bilder hat mit Gewalt wegnehmen 
laſſen. Das Muſeum hat engliſche Wachen. 

Lebe innigſt wohl. r Ewig Dein H. 


33. Caroline an Humboldt Berlin, 18. September 1815 


eftern beim Zurückkommen von Tegel, wo wir einen aus- 
nehmend ſchönen Tag hatten, fand ich Deinen lieben, 
umſtändlichen Brief vom 9., mein teures Herz, den Losen 
mitgebracht hat. 

Dein Brief, mein teures Herz, gibt mir die Gewißheit und 
den Aufſchluß über viele von mir geahndete Dinge, und allerdings 

) Charles Maurice Prinz v. Talleyrand, geb. 1754, + 1838, der be- 
rühmte Diplomat. 

**) Emmerich Joſeph v. Dalberg, geb. 1773, + 1833, ſeit 1809 in fran- 
zöſiſchem Staatsdienſt, 1810 von Napoleon zum Herzog ernannt. Seit 1814 


eins der fünf Regierungsmitglieder, welche die Neftauration der Bourbonen 
beförderten. 


74 


* 
D&S 


kann ich hie und da einen guien Wink geben. Es iſt hier ein 
entſetzliches Geſchnatter und Gerede an der Tagesordnung! und 
beſonders glaube ich, tragen die Juden viel dazu bei. Da die 
öffentlichen Dinge ſich in die Angelegenheiten des Intereſſes ſehr 
verflechten, ſo öffnet das dieſem Zirkel von Menſchen ein ganz 
beſonderes Feld der ſchwatzenden Tätigkeit. Nächſtdem iſt der 
Zirkel des Hannövriſchen Geſandten und ſein Haus eins, wo am 
meiſten politiſiert wird, und Ompteda ſcheint wohl der Meinung zu 
ſein, daß er ſeine Hannövriſche Miniſterpflicht am gewiſſenhafteſten 
erfüllt, wenn er Preußens Prätenſionen exageriere. Ein Nachhall 
aus jenem Zirkel kommt mir zuweilen durch den Geheimen Me— 
dizinalrat par excellence“) zu. Dieſer nimmt nur die Sache wieder 
anders und ſchimpft nur blindlings auf die ſogenannten Jakobiner. 
Er beehrt viele mit dieſem Namen, unter anderen auch Gneiſenau. 
Allerdings ſpricht man auch viel von den Briefen dieſes, und man 
muß ſich wundern, wie er namentlich ſo vielen Damen ſchreibt. 
Wegen meiner Reife liegen die Dinge, wie ich fie Dir aus— 
einandergeſetzt habe. Ich kann mich nicht überwinden, Carolinen 
mit Auguſt und Adelheid zu laſſen, da Auguſt Bedenklichkeiten 
äußert, die meiner Natur fremd ſind, die aber etwas werden, wenn 
man etwas daraus macht. Ich lege Dir Auguſts Brief an mich 
bei. Ich könnte nicht ruhig ſein, wenn ich Carolinen nicht ebenſo 
liebevoll getragen wüßte, als ſie das jetzt von mir wird, ich muß 
alſo wohl bleiben. Mich ſchmerzt es unendlich, nicht bei Dir zu ſein, 
ich hatte nie eine tiefere Sehnſucht darnach. Gabriellen hätte die 
Veränderung nicht geſchadet, im Gegenteil, und was die etwaige 
Gefahr betrifft, ſo wäre es mir ſüß geweſen, ſie mit Dir zu teilen. 
Ich muß ſchließen. Ewig Dein. 


) Kohlrauſch. Vgl. Bd. II, S. 114f. 
75 


34. Humboldt an Caroline Paris, 23. September 1815 


L 


f n° habe geſtern abend ſpät Deinen Brief vom 14. bekommen, 
BS liebe Li, und danke Dir unendlich, daß Du mir fo aus 
tiefer und ganzer Seele darin ſchreibſt. Wenn Du auch 
wehmütig geſtimmt biſt, unterdrücke es nicht vor mir. Das ganze 
innere Leben iſt eigentlich eine fortwährende Wehmut, Schmerz 
und Freude gehen in Grenzen, die keiner mehr zu unterſcheiden 
vermag, ineinander über, und das ſtille Brüten über der Empfindung, 
in die der ganze Strom der Begebenheiten, die das Leben hindurch 
geſchmerzt und gefreut haben, ſich zuſammendrängt, iſt das tiefe 
und eigentliche Glück. 

Ich muß Dir in allem beiſtimmen, was Du über Dein Bleiben 
und die Sorge für Carolinen ſagſt, ſüßes, teures Herz. Du biſt 
die Liebe ſelbſt, und das ſtete Wirken dieſer Liebe auf Carolinen 
muß und wird auch auf ihren Charakter und ihr ganzes künftiges 
Leben einen unendlich wohltätigen Einfluß haben. Anſere fortge⸗ 
ſetzte Trennung ſchmerzt mich freilich dabei mehr, als ich es Dir 
ſagen kann. So vollendet das dritte Jahr, in dem wir den ſchönſten 
und reinſten Lebensgenuß entbehren, und wer weiß, was die Folge 
für neue Hinderniſſe uns in den Weg ſchiebt. Ich habe viel und 
genau überlegt, ob und wie ich von dieſer Stelle loskommen könnte, 
die mit dem, was fie im vorigen Jahre war, nicht mehr zu ver- 
gleichen iſt. Ich will nicht davon reden, daß Frankreich auch im 
Innern jetzt noch weniger Ruhe verſpricht als damals, dies kann 
vielmehr den Poſten innerlich intereſſanter machen; allein was ihn 
mir jetzt verleidet, iſt, daß eine beträchtliche Menge von Truppen 
werden in Frankreich ſelbſt ſtehen bleiben, und es daher ein fort⸗ 
dauerndes unangenehmes Verhältnis ſchon darum zwiſchen den 
Verbündeten und der Regierung geben wird. Es iſt aber keine 
Möglichkeit, mich davon loszumachen. Obgleich ich ſelbſt bei 
76 


dieſem Poſten gegen mich habe, daß ich in Paris nicht geliebt 
fein kann, nachdem ich in alle Anterhandlungen verwickelt geweſen 
bin, die ihnen hier unangenehm find, fo iſt unſere Armut an brauch⸗ 
baren Menſchen doch ſo groß, daß man ſchlechterdings niemand 
hat, den man hierherſchicken kann. Ich ſelbſt weiß niemand vor- 
zuſchlagen und würde es alſo wirklich für Anrecht halten, mit 
Feſtigkeit auszuſchlagen und ſelbſt nur auf meinem alten Wiener 
Poſten zu beſtehen. Ich ſehe es als den letzten Dienſt an, den 
ich in der Fremde erweiſen muß, und will es alſo auch mit Tätig⸗ 
keit und ausharrender Geduld durchſetzen. Lange kann es nicht 
dauern; wie die Sachen ſind, muß man Bedürfnis nach mir in 
Berlin in weniger Zeit fühlen, und dann werde ich natürlich zurück— 
gerufen. 

Für Dich indes tut es mir immer weniger leid, daß Du jetzt 
nicht herkommſt; der Winter hat überall und hier große Unan- 
nehmlichkeiten; die Reiſe wäre unbequem und fatal, und Paris ver- 
liert jetzt einen ſeiner größten Reize für Dich, die Kunſtſachen. 
Die belgiſchen ſind, wie ich Dir ſchon ſchrieb, eingepackt, alles, 
was Ofterreich wegen Italien zu reklamieren hat, wird jetzt auch 
weggenommen, die Mediceiſche Venus wird eingepackt; von den 
Sachen des Papſtes hat man zwar noch nichts angerührt, allein 
ich intereſſiere mich ſelbſt dafür, und ich zweifle nicht, daß auch 
dies wegkommt. Es bleibt alsdann nur die alte franzöſiſche und 
die Borgheſiſche Sammlung, und da man dies doch wieder wird 
in die leeren Räume einpaſſen müſſen, fo wird das Muſeum ver⸗ 
mutlich auf einige Zeit und auf den ganzen Winter geſchloſſen ſein. 

Du kannſt nicht zweifeln, daß ich dieſen Maßregeln der Zu⸗ 
rückerſtattung gewogen bin. Es iſt nicht allein gerecht, ſondern 
es iſt auch wahrer Gewinſt für die Kunſt und die Bildung. 
Eine ſchöne Statue, wäre ſie auch die einzige auf einem großen 
Strich Landes, verſcheucht da die Barbarei und weckt, wovon man 

Th 


nie einen Begriff gehabt hätte. Allein individuell fühlt man freilich 
ein Bedauern, in alle Weltteile gehen zu ſehen, was man hier ſo 
bequem vereint fand. Wir werden das einzelne nun nie mehr, 
wenigſtens gewiß nicht auch nur alles Schönſte ſehen. Denn wer 
durchwandert die einzelnen Städte in Flandern und Italien? 

Im Publikum, doch nicht gerade im Volk, macht die Zerſtörung 
des Muſeums den größten Effekt. Es iſt wunderbar, wie die 
Dinge der Welt gehen. Wie zuerſt unter den Miniſtern von dieſem 
Wegnehmen die Rede kam, wurde die Sache ungefähr mit eben der 
Gleichgültigkeit aufgenommen als im vorigen Jahre. Caſtlereagh 
empfing auch Canova ſehr kalt. Auf einmal kam der Amſtand, 
daß viele belgiſche Provinzen negative Stimmen zur neuen Kon⸗ 
ſtitution gegeben hatten. Man ſuchte nun etwas, ſie zu beruhigen 
und beſchwichtigen, und glaubte es in der Zurückgabe der Kunſt⸗ 
ſachen zu finden. Zugleich kam ein Engländer, Hamilton, Anter⸗ 
ſtaatsſekretär, hierher, der entſchieden für die Wegnahme war und 
ſprach, endlich war die Stimmung in England ſelbſt ſo ſehr gegen 
das nachſichtige Benehmen der engliſchen Miniſter gegen Grant: 
reich, daß man ihr doch in einem Punkt nachgeben zu müſſen 
glaubte. So wurde Caſtlereagh auf einmal andrer Meinung und 
ſprach und ſchrieb auf die beſtimmteſte Weiſe für die Wiederer- 
ſtattung von allem, ohne Ausnahme. Rußland war dagegen und 
äußerte es ſchriftlich, aber der Kaiſer Alexander tat doch weiter 
nichts, ſondern ließ geſchehen. Die Franzoſen, an die man ſich 
zuerſt wandte, hatten die Angeſchicklichkeit, ſo zu antworten, daß 
die Antwort nur noch mehr reizte. Man ergriff nun die Partie, 
alles wegzunehmen, nicht diplomatiſch, ſondern militäriſch zu Werke 
zu gehen, und auf dieſe Weiſe geſchieht es jetzt. Da nun Wel- 
lington ſieht, daß er dadurch in der Geſellſchaft ſehr geſunken iſt, 
ſo reizt ihn das wieder, und ſo ſind durch dieſe Bilderſtürmung die 
Engländer überhaupt härter und ſtrenger gegen Frankreich geworden. 
78 


Ich ſchrieb Dir ſchon neulich, daß die Friedensunterhandlungen 
mit Frankreich jetzt eröffnet find. Frankreich hat auch nun geant- 
wortet. Es verweigert (dies alles unter uns) bis jetzt jede Ab— 
tretung eines Platzes des alten Frankreich, ſo wenig man ihm auch 
in dieſer Art zugemutet hatte, und ſperrt ſich gegen eine zu lange 
dauernde Beſetzung des Landes. Allein ich hoffe, die Alliierten 
bleiben feſt. Aberdies haben, nachdem Fouchs aus dem Miniſte⸗ 
rium herausgetreten war, alle Miniſter, auch Talleyrand, ihre Ent⸗ 
laſſung gegeben und erhalten. Vermutlich bloß, weil fie voraus- 
ſehen, daß die Kammern, die äußerſt und vielleicht zu royaliſtiſch 
geſinnt ſein werden, ſie angreifen würden. Ihre Nachfolger kennt 
man noch nicht, allein es iſt wahrſcheinlich, daß die Friedensunter— 
handlung mit ihnen leichter gehen wird. 

Wegen des Friedens muß ich Dir doch eine deutſche Schrift 
von Butte, die ungefähr den Titel „Aber die Friedensbedingungen 
mit Frankreich“ führt, anempfehlen. Sie iſt dem Kanzler und mir wie 
aus der Seele geſchrieben. Er will eine bedeutende, vielleicht ſogar zu 
weitgehende Territorialabreißung und keine weitere Beſetzung, auch 
hat er über die Kontribution gemäßigte und ausführbare Grundſätze. 

Der Kronprinz von Bayern!) war bei mir, und dann mußte 
ich ausfahren, ſo bin ich unterbrochen worden, liebe Seele. Dem 
Kronprinzen von Bayern bin ich ein einziger Troſt. Er kommt 
meiſt alle Woche zu mir, und ich bin ihm wahrhaft gut. Er hat 
die beſten Geſinnungen der Welt, ſieht ein, daß es Preußen auch 
gut meint, und ſcheint mir ſehr gut. 

Die Abreiſe der Souveräne iſt wieder aufgeſchoben. Der 
Kaiſer Alexander wollte morgen gehen und geht nun erſt Dienstag, 
die anderen bleiben wohl länger. Hedemanns Angſt kannſt Du Dir 
dabei denken, doch hält ſein Prinz noch feſt und will noch über— 
morgen fort. 

*) Ludwig I., 1825-1848 König von Bayern, geb. 1786, + 1868. 

79 


Auguſt ift hier gegen mich, und fo oft er von Dir ſpricht, 
die Liebe ſelbſt. Daß er Dir geradezu geſchrieben und ſeine Mei 
nung geſagt hat, iſt mir ſehr lieb. Ich kann ihm nicht beiſtimmen 
und ihn nicht billigen. Denn Caroline und Adel haben ſich immer 
ſehr gut vertragen, und es wäre natürlich und der Adel recht gut, 
für eine ältere und kranke Schweſter égards zu haben. Caroline 
dagegen hätte ſich gewiß keine Herrſchaft angemaßt. Indes iſt 
ein offenes Erklären immer beſſer als Schweigen. Ja, ſüßes, 
teures, einziggeliebtes Weſen, ich ſehe es wohl ab, alles trennt 
uns, indes wir im Innern ſo unendlich gern miteinander wären. 
Wir müſſen die ſechs Monate mit Geduld abwarten, dann wird 
es ja endlich einen Vereinigungspunkt geben. 

Die Sachen, die ich Dir ſchicke, ſollen Dir, denke ich, gefallen. 
Du kriegſt nun zwölf geſtickte Schnupftücher mit „v. H.“ zu 132 Fran⸗ 
ken, drei Stück Battiſt zu 12 Ellen jedes, zu 8 Franken die Elle. 
Freilich iſt der zu den geſtickten Schnupftüchern, bei denen auch 
einige Aberreſte ſind, feiner, er koſtet aber auch 11 Franken 10 Centimes 
die Elle, zwei ungemachte geſtickte Perkalekleider, eins zu 260 Franken, 
das andere zu 235 Franken, die mir ſehr hübſch erſcheinen. Anter 
200 Franken hat man nichts Ordentliches, es gibt aber bis zu 500 
und 600 Franken. Endlich ſechs Paar ſeidene Strümpfe mit ganz 
durchbrochener Arbeit unten zu 14 Franken das Paar, was ich ſehr 
wohlfeil finde. 

Sachen hierher brauche ich allerdings höchſt nötig, vorzüglich 
drei Artikel. 1. Bettwäſche, 2. Tiſchwäſche, 3. mein Silber, bis 
auf das, was Du brauchſt. Könnteſt Du durch den kleinen Poft- 
meiſter oder die Kuriere einiges ſchicken, ſo bitte ich um Tiſchwäſche 
und Silber, nur müßte es ſicher gehen. Fuhrmannsgelegenheiten, fürchte 
ich, find noch nicht ſicher. Ich bin jetzt noch unentſchieden, ob ich einen 
Koch nehme oder einen Kontrakt mit einem Reſtaurateur ſchließe. 
Ein Koch iſt angenehmer, allein ich muß dann Küchenzeug kaufen. 
80 


Dieſe häuslichen Arrangements machen mir um fo mehr zu 
ſchaffen, als Wernhart') und Boisdeslandes*) mich beide verlaſſen 
werden, und ich doch auch für einen Legationsſekretär im Hauſe 
ſorgen muß. Wernhart geht vermutlich mit vier Pferden zugleich 
mit der Equipage des Prinzen nach Berlin ab. Du bekommſt die 
beiden großen Notſchimmel, mit denen ich Dir zu fahren rate. 
Sie find bei mir nie krank geweſen; dann einen der kleinen Not- 
ſchimmel, der aber mehr Fuchs iſt, und die kleine Life, die gut zu⸗ 
ſammen gehen, aber für den Wiener Wagen zu ſchwach ſind. Will 
Auguſt die, ſo ſchenke ſie ihm, ſonſt verkaufe ſie. Ennuyiren Dich 
auch die großen, ſo verkaufe ſie auch. Hier gelten die Pferde 
wenig, und da das Futter nichts koſtet, und die Pferde mir noch 
das Reiſegeld für die Stalleute, die ich zugleich zurückſchicke, er⸗ 
ſparen, ſo ſchicke ich ſie Dir trotz Deiner Proteſtation. Wenn ſie 
ankommen, iſt Auguſt ſchon da und nimmt Dir alle Sorge dafür 
ab. Ich wünſchte aber ſehr, daß Du eigene Equipage hätteſt. Es 
iſt bequemer und anſtändiger. Von meinen ſechs Braunen ver— 
kaufe ich einen, der zu wild iſt, und behalte dann fünf ſehr hübſche 
und tüchtige Pferde, was für mich allein genug und faſt zu viel 
iſt. Wenn Du kommſt, kaufe ich ein ſechſtes dazu. Die ſchöne 
Stute iſt fo kränklich, daß ich nicht daran denken kann, fie zurück— 
zuſchicken. Ich laſſe ſie jetzt nur kurieren und verkaufe ſie dann auch. 

Verzeih dieſe Stall- und Wirtſchaftsdetails, aber Du nimmſt 
ja doch Intereſſe daran. 

Lebe wohl, ſüßes, teures Herz. Amarme die Mädchen, Adel 
und den kleinen Hermann, von dem jetzt alle Leute Gutes ſchreiben. 


Ewig Dein H. 


) Legationsſekretäre bei Humboldt. 
Humboldt⸗Briefe. V. 6 81 


35. Humboldt an Caroline Paris, 27. September 1815 


ee daß die Kunſtſachen [in Berlin]! ſchlecht eingepackt 

angekommen ſind, ſollte man einen Bericht an den König 
oder Staatskanzler veranlaſſen. Es iſt ein gewiſſer Grote, 
ein n Künſtler, der dies beſorgt, der aber vorzüglich nur das Talent 
hat, unnütz grobe Briefe zu ſchreiben und mit ſeiner Deutſchheit 
zu prahlen. Er hat neulich in einem Aufſatz im „Rheiniſchen 
Merkur“ Alexandern ſehr mitgenommen wegen gewiſſer Säulen, 
die auf königlichen Befehl hiergeblieben ſind. Alexander weiß es 
bis jetzt nicht, und es iſt unnütz, es ihm zu ſagen. Ab⸗ 
rigens iſt der Hauptumſtand ausgelaſſen, daß die Säulen, 
über die der König einen Befehl erteilt hat, das Gewölbe 
des Muſeums tragen, und alſo eine große Schwierigkeit war, ſie 
wegzunehmen. 

Die Wegnahme geht aber immer weiter. Die Medieeiſche 
Venus iſt nun auch verſchwunden. Die Sachen des Papſtes ſtehen 
noch, allein vermutlich auch nur noch auf Tage. Daß Paris da- 
durch einen ſeiner größten Reize verliert, ijt nicht zu leugnen. 

Der König hat (ſage aber noch nichts davon) die Giuſtinia⸗ 
niſche Galerie gekauft. Wenigſtens iſt es beſchloſſen und nur der 
Handel zu berichtigen. Sie ſoll 600 000 Franken koſten, und es 
wird wenig davon abgehen. Ich war gegen allen Kauf jetzt; man 
hat das Geld nicht übrig und wird es nicht haben. Ich hatte 
geraten, wenn man ja kaufen wollte, Rauchen kommen zu laſſen, 
auch das hat man nicht getan. Ich war gegen das Kaufen einer 
ganzen Galerie beſonders, da man da immer viel Mittelmäßiges 
mitkauft. Es iſt jetzt hier ſo viel zu haben, daß man mit 600 000 
Franken einzeln viel etwas Schöneres kaufen konnte. Der Rron- 
prinz von Bayern hat fo im einzelnen für 200000 Franken ſehr 
guten Handel gemacht. Der Kanzler wollte, daß ich den Handel 
82 


ſchließen follte, ich habe es aber abgelehnt, und nun wird es der 
Finanzminiſter tun. 

Meine häusliche Einrichtung macht mir viel Schererei, und 
noch bin ich nicht fertig damit. Küchenzeug, behaupten mir die 
Leute, würde vollſtändig 3000 —4000 Franken koſten, das iſt ſchrecklich. 
Auch ein Porzellanſervice ſuche ich. Dazu werde ich noch am 
erſten kommen, weil hier doch mehr Gelegenheiten find. Aberhaupt 
iſt es aber ſehr teuer hier. Mein Hauswirt, der General Dijeon [2], 
der ſehr eingeſchränkt lebt, gewiß eine wirtſchaftliche Einrichtung, 
aber freilich Familie hat, braucht z. B. für 4000 Franken jährlich 
Holz, die Kohlen ungerechnet. Da brauchen wir gewiß 6000. Die 
Bülow, deren Mann hier einen franzöſiſchen Koch genommen hat, 
der mit nach Berlin geht, ſagt mir, daß ihr gewöhnlicher Tiſch 
für vier Perſonen und ein Kind 40 Franken täglich koſtet. Auch 
das alles vermehrt gar nicht meine Luſt hierzubleiben. 

Der Kanzler hat neulich mit mir viel davon geſprochen, daß 
er Dich bei ſeiner Rückkunft viel zu ſehen hofft. 

Lebe innigſt wohl, ſüßes, teures Kind. Ewig Dein H. 

Der Kanonikus aus Granada, der mir nach Wien ſchrieb, 
und der den ſeligen Wilhelm ſo liebte, hat wirklich auf meine Ver⸗ 
wendung Erlaubnis bekommen, nach Spanien zurückzukehren und 
eine Penſion. Ich lege den Brief bei. Es freut mich noch um 
den lieben verſtorbenen Jungen ſehr. 


36. Humboldt an Caroline Paris, 30. September 1815 
ch ſchreibe Dir, liebe Li, ſchon heute abend, weil ich fürchten 


J muß, morgen nicht die gehörige Zeit zu finden. Wir 
haben jetzt tägliche Konferenzen über dieſen leidigen Frieden, 
der aber doch immer nicht unter 14 Tagen zuſtande kommen wird. 

6* 83 


Der „Mheiniſche Merkur“ hat vor kurzem gefragt, wie die Miniſter, 
die ihn unterſchrieben, es machen würden, um nach Deutſchland 
zurückzukommen? Er wird alſo mich konſequent finden, daß ich 
hier bleibe. Er würde mit mir noch mehr zufrieden ſein, wenn er 
wüßte, wie ich eigentlich die Baſen dieſes Friedens mißbillige. 
Indes bleibe ich immer dabei, daß er noch beſſer wird, als ich 
dachte, wie ich Berlin verließ. 

Richelieu), der jetzt allein mit uns unterhandelt, iſt faſt noch 
peinlicher, als Talleyrand mit ſeinen Genoſſen war. Dieſe nahmen 
einen hohen verneinenden Ton an, dem man leicht begegnen konnte. 
Dagegen iſt Richelieu durchaus bittend, wendet ſich nur immer an 
die Großmut und ſagt alle Augenblicke „je vous supplie a genoux“ 
und ſolche Phraſen mehr. 

Die Bildergalerie hat ſchon viel mehr leere Stellen als volle, 
und doch hat der Papſt noch nichts genommen. Dies zieht Met- 
ternich (unter uns) wieder ſehr unangenehm hin. Die eigenen öſter⸗ 
reichiſchen Sachen ſind ziemlich ſchon alle fort, namentlich die Me⸗ 
diceiſche Venus für Toskana. Aber die venetianiſchen Pferde 
koſten viele Mühe. Sie ſtehen jetzt auf einem infamen Triumph⸗ 
bogen vor den Tuilerien. Dieſer Triumphbogen hatte auch für 
uns anſtößige Basreliefs, die man wenigſtens jetzt mit Platten 
zugedeckt hat. Die Pferde ſind ſo geſtellt, daß es ſehr ſchwer iſt, 
ſie ſchnell wegzunehmen. Bei Tage will man nicht daran arbeiten, 
weil der Auflauf zu ſtark iſt. Der Platz iſt ſeit Wochen nie ohne 
Menſchen, die den Bogen angaffen. Man hat alſo zwei Nächte 
gearbeitet. Die erſte hatte man vergeſſen, die Schloßwache zu be- 
nachrichtigen, daß der König die Sache nicht hindern will. Ob 
alſo gleich Nationalgarden die Arbeiten zu beſchützen da waren, 
trieb die Schloßwache alles auseinander. In der vergangenen Nacht 

*) Armand Emmanuel Dupleſſis Herzog v. Richelieu, geb. 1796, + 1822, 
zuerſt in ruſſiſchen Dienſten, 1815 unter Ludwig XVIII. Miniſter. 

84 


ift einige Volksbewegung geweſen, die aber die Arbeiten nicht ge- 
hindert hat. Allein diefe nächſte Nacht weiß man, daß es ärger 
werden ſoll, und ich vermute, daß man dieſe Nacht nicht arbeiten 
wird, ob es gleichviel klüger wäre, es nur mit ſtärkerer Wache zu 
tun. Rede hiervon aber noch nicht, ehe man den Ausgang recht weiß. 

Der Kaiſer Alexander iſt geſtern und der Kaiſer Franz heute 
weggegangen, erſterer nach Brüſſel, letzterer nach Dijon. Der König 
geht vermutlich am 4. ab, da er am 3. noch eine Revue des dritten 
Thilmanniſchen Armeekorps hat. 

Meine Einrichtung beſchäftigt mich hier ſehr. Ich kaufe nur 
das Notwendigſte. Allein das Mieten iſt ſo teuer, daß es gar nicht 
Rat iſt, dieſen Ausweg zu nehmen. So z. B. hat das ſonſt ſehr 
gute und auch wohlfeile Haus zufällig keine Lüſters. Nun ſoll 
ein Lüſter, den man für 900 — 1000 Franken kauft, zu mieten auf ſechs 
Monate 180 Franken koſten. Da iſt er in zweieinhalb Jahren bezahlt. 
Ich werde vermutlich zwei kaufen. Aber ein Porzellanſervice bin 
ich im größten Handel. Alle Berliner ſagen mir, daß das hieſige 
wohlfeiler iſt. Allein auch nicht ſehr ſchön, aber mit 15 Dutzend 
Tellern und einem vollſtändigen Deſſert, doch ohne Schüſſeln und 
Terrine, wird es immer gegen 2500 Franken koſten. Außerdem 
braucht man einen Surtout mit Bronzen, da ſonſt nichts hier Mode 
iſt, was auch ungefähr dasſelbe koſtet. Am wohlfeilſten ſind Gläſer. 
Für 3—400 Franken hat man viel und ſchöne. Aber bei Küchen— 
zeug fällt man beinah in Ohnmacht. Außer dieſen Dingen brauche 
ich einen Wagen, ſonſt aber für jetzt auch nur Kleinigkeiten, müßte 
ich aber nach ſechs Monaten ein unmöbliertes Haus mieten, ſo ſehe 
ich nicht hin. Jedermann iſt hier in Seide mit unendlichen Bronzen, 
und fo, daß fünf bis ſechs Stuben gleich 30, 40 000 Franken koſten 
können. Ich denke aber immer, daß es beſſer iſt, etwas mehr Miete zu 
geben und ſich nur nach und nach einzurichten, wenn der Aufenthalt 
hier lange dauern ſollte, was aber freilich wohl nicht der Fall ſein wird. 

85 


— — 


Dein Ameublement, mein geliebtes Herz, muß freilich auch 
koſten, allein wir mußten doch auch etwas in Tegel haben. Auch 
habe ich wieder eine Doſe bekommen, vom König der Niederlande, 
nun möchte ich gern nur mit dieſen Doſen alle Schulden tilgen. 
Ich habe jetzt ſechſe ſtehen, lebe von der ſiebenten von Dänemark, 
die in Geld gegeben wurde, noch, und erwarte, was mir Jordis“) 
für die achte, die ſchwediſche, bieten werden. 

Caroline hat mich ſehr gerührt. Das arme Kind ſcheint doch 
noch viel zu leiden. Grüße ſie tauſendmal von mir. 

Ich war heute in der Giuſtinianiſchen Galerie, die freilich für 
Berlin und auch an ſich ſchön iſt, aber mir immer teuer ſcheint. 
Ich habe da die ſpaniſchen Bilder geſehen, die ein gewiſſer Bonne⸗ 
maiſon, der Mitbeſitzer der Galerie iſt, für den König von Spanien 
reſtauriert. Die Perle hat ſehr wenig gelitten, die Viſitation auch 
nicht an den Figuren ſo viel, der Spaſimo iſt kaum zu erkennen. 
Die Madonna del Pex iſt in ſolchem Zuſtande, daß die ganze 
Farbe abgehen will, und man alſo eine Gaze darüber gezogen hat. 
Du glaubſt nicht, wie rührend das Bild nun ausſieht. Die Zeich⸗ 
nung ſieht man ganz, und der himmliſch ſchöne Kopf der Madonna 
hat gar nichts gelitten, aber die Farbe iſt freilich ſehr vergangen. 
Ich habe nicht davon wegkommen können. Es iſt für mich der 
ſchönſte aller Raphaels. Die Kaſten mit dieſen Bildern haben, 
weil man nicht wußte, was darin war, monatelang in Tours allem 
Wetter und Regen ausgeſetzt gelegen. 

Niebuhrs Heirat mit Lund) finde ich ganz natürlich. Seine 
ſelige Frau hatte auch gar nichts Weibliches. Welche ſonderbare 
Natur, dieſer Niebuhr! In Schriften immer überkräftig und im 
Leben ſo mutlos und unbeholfen. 


) Bankier in Paris. 
**) Johann Ludwig Lund, geb. 1777, + 1867, däniſcher Maler. 


86 


37. Caroline an Humbolot Berlin, 2. Oktober 1815 

Franzöſiſche Straße Nr. 42 
Ich bin umgezogen und lebe noch, geliebteſtes Herz. Die 
Nacht vom 30. zum 1. habe ich zuerſt hier geſchlafen .... 

Ich habe Deinen lieben Brief vom 20. den 28. 
empfangen. Meine Geſundheit iſt leidlich, doch habe ich oft Schmerz, 
Unrube und Angſt an der linken Seite. 

Ich mußte über Deinen Brief lachen, daß Du mir ſagſt, wir 
wären zwar auch ſehr verliebt geweſen, und doch hätte Caroline 
Wolzogen ſehr vergnügt und glücklich bei uns gelebt. Ach, wohl 
war es ſo, und wohl möchte ich dieſe goldne Zeit der Stille und 
Einſamkeit noch einmal leben. Aber das Vergangene bleibt ver— 
gangen, und ſtill die Zukunft erharrend, umſtrömt uns der mächtige 
Drang der Gegenwart. — 

Adelheid erwartet nun Auguſt, ſie hat heut ein Mädchen ge— 
nommen, und in acht bis zehn Tagen wird ſie nicht mehr unter 
einem Dach mit mir ſchlafen. Alles Lostrennen iſt fürchterlich, 
ſchmerzlich und zerreißend. — 

Es ſtürmen ſo viel Menſchen auf mich an, mein geliebtes 
Leben, daß ich ſchließe und Dich nur noch umarmen kann. Die 
Kinder grüßen. Ewig Deine Li. 


38. Caroline an Humboldt Berlin, 5. Oktober 1815 


Geliebtes Herz! 
gachdem ich am 2. meinen Brief geſchloſſen und fortgeſchickt 
| hatte, bekam ich Deinen teuren, lieben Brief vom 23. Ich 
muß in allem beiſtimmen, was Du über unſere Lage und 
über Carolinen insbeſondere ſagſt. Caroline iſt, wie Du Dir denken 
kannſt, ſehr froh, daß ich den Winter nun, wie es ſcheint, doch gewiß 
87 


hier bleibe. Sie ahndet indeſſen nicht, daß die eigentliche Urfache 
meines Entſchluſſes zu bleiben darinnen liegt, daß Auguſt ſie nicht 
gern als ſeine Hausgenoſſin haben will. Ich habe gefürchtet, daß 
dieſe Entdeckung ihr eine große Bitterkeit in die Seele hauchen 
möchte. . .. Es bleibt von fo etwas ein Stachel zurück, und man 
kann junge Gemüter nicht genug davor hüten. 

Deine ganze Lage fühle ich, geliebtes Herz. Du kannſt Dich 
jetzt von dem Poſten von Paris nicht losmachen. Niemand fühlt 
das mehr wie ich. Darum eben wäre ich ſo gern zu Dir gekommen, 
die Gefahr der möglich ausbrechenden Unruhen hätte mich nicht zu- 
rückgehalten. Wo Du bleibſt, bleibe auch ich. Nun muß man 
ſehen, wie die Dinge ſich gegen den Sommer hin ſtellen. Ich bin 
ſehr begierig darauf und glaube an keine Ruhe in Frankreich. 

Die Bildergeſchichte iſt ſehr intereſſant, ich kann beinah nicht 
zweifeln, daß Canova nun das meiſte für den Papſt zurückerhält, 
und für die Kunſt iſt das Zurückkommen der italieniſchen Sachen 
eigentlich das Wichtige und Bedeutende. Paris verliert natürlich 
für Menſchen von unſerm Geſchmack und Anſichten ſein größtes 
Intereſſe. 

Was haſt Du zum „RMheiniſchen Merkur“ geſagt, wie er 
Alexanders, Deines Bruders, Protegieren für das Franzöſiſche 
zelebriert? Mir war es ſehr ärgerlich, unſeren Namen ſo genannt 
zu ſehen. Alexandern wird es in ſeiner Art zu ſehen und zu 
denken außerordentlich aufreizen und erbittern, obgleich er äußerlich 
einen Spaß darüber machen wird. Alexander erlebt, ſo wenig alt 
er auch iſt, durch ſein Ergreifen des franzöſiſchen Weſens als 
Deutſcher, eigentlich das Antergehen einer ganzen Zeit. 

Mit Schlabrendorff iſt es ganz etwas anderes. Er knüpfte 
ſeine Hoffnungen, ſeine Träume wenn Du willſt, an die franzöſiſche 
Revolution — und was ihm verloren geht, geht ſeinem Herzen, 


ſeinem Gemüt mehr noch wie ſeinem Geiſt verloren. Alexander 
88 


hingegen iſt ſchärfer gekränkt, weil er nur durch feine eigene Citel- 
keit mit den Franzoſen zuſammenhängt. 

Ich danke Dir im voraus für die ſchönen Sachen, die Du für 
Adels Ausſtattung ſchickſt. Die kleine Adel freut ſich ungemein 
zu den Kleidern und den Strümpfen ganz beſonders. Ich ſitze bis 
über die Ohren in Bettzeug und Handtüchern für fie... . 


39. Humboldt an Caroline Paris, 3. Oktober 1815 


Der Kanzler läßt den Kurier, der gewöhnlich morgen erpediert 
D wird, heute abgehen, liebes Herz, und man hat vergeſſen 
2 2} es mir heute morgen zu ſagen. Ich erfahre es jetzt erſt, 
nachdem ich hier gegeſſen habe, und kann Dir alſo nur dieſe zwei 
Worte ſagen. 

Geſtern iſt unter den Bevollmächtigten ein Protokoll unter- 
ſchrieben worden, das alle Hauptbedingungen des Friedens enthält. 
Die mich wahrhaft freut, iſt, daß wir Saarbrücken (das ſo gern 
preußiſch werden wollte) und Saarlouis bekommen. Sage hiervon 
und vom Anterſchreiben noch nichts, bis man es Dir ſagt. Ver⸗ 
mutlich wird der wahre Friede noch vor dem 15. unterſchrieben, 
dann geht der Kanzler noch vor dem 20. weg. Lebe wohl, meine 
inniggeliebte Seele. Amarme die Kinder. Ewig Dein H. 


40. Humboldt an Caroline Paris, 4. Oktober 1815 
f Augufts Brief iſt, wie Du ſagſt. Allein des Mangels an 


A Aufrichtigkeit zeihe ich ihn nicht ſo ſehr oder rechne 
i ihm dieſe nicht fo hoch an. Glaube mir, teures Herz, 
wenn er nicht mit mir darüber geſprochen hat, ſo war es 
89 


nur, weil er mich nicht betriiben und mich nicht in Bere 
legenheit ſetzen wollte. Auch war es wirklich ſchlimmer, als Dir 
zu ſchreiben. 

Er mußte einſehen, daß die Schwierigkeiten, die er macht, 
unſere Trennung verlängerten, mir das nun ſelbſt zu ſagen, mit 
mir darüber zu reden, Du empfindeſt, wie das geweſen wäre. 
Engherzig iſt die Anſicht und die Art des Benehmens und Schreibens 
freilich. Allein, ſüße, teure Li, darüber dürfen wir uns keine 
Täuſchung machen. Auguſt hat wirklich eine unendlich große 
Leidenſchaft für Adelheid, eine ſolche Leidenſchaft fordert ein 
großes Gemüt, ein größeres, als er hat, als ich ihm auch je gu- 
getraut habe. Neben dieſer Leidenſchaft drängen ſich religiöſe, 
vaterländiſche, ſogar ritterliche Ideen“) in ihm zuſammen, da fehlt 
es denn natürlich an der Freiheit, an der Größe der Empfindung, 
die Du, aus der Erfahrung Deiner eigenen ſchönen, freien, großen 
Natur vorauszuſetzen gewohnt biſt. So iſt er nicht, ſo kann er 
nicht ſein. Seine Leidenſchaft unterjocht, zwingt, ängſtigt ſogar 
leicht ſeine Natur, ſtatt daß dieſe ſie in ſich aufnehmen und eins 
mit ihr werden ſollte. Es iſt auch nicht zu leugnen, daß darum 
auf der einen Seite ſeine Leidenſchaft eigenſüchtiger iſt, als es ſchön 
iſt, und auf der anderen gleichſam beſchränkt durch Pflichtbegriffe, 
die von ſelbſt aus ihr hervorgehen ſollten. Da Adel ihn ebenſo 
liebt und ſo jung iſt, wird alles gewiß gut gehen. Aber wenn 
je der Fall käme, daß Adelheid, wie es doch ſo leicht möglich iſt 
und ſo gar nicht getadelt werden kann, einmal die unſchuldigſte 
Neigung für einen anderen faßte, ſo weiß ich nicht, wie unglücklich 
er werden könnte. Darum muß man ja leiſe gehen und nie die 
mindeſte Störung eintreten laſſen. Wohl ſagſt Du mit Recht, 
teures Kind, daß alles auf uns zurückfällt, ich kann Dir nicht be⸗ 


*) Das Ritterliche in Hedemanns Weſen war fo hervortretend, daß 
er ſpäter im Bekanntenkreiſe nur „der Ritter“ genannt wurde. 


90 


ſchreiben, wie ich es empfinde, hier den Winter allein zu bleiben. 
Man liebt ſich immer gleich herzlich; aber man iſt manchmal mehr 
wie ein anderes Mal der Sehnſucht fähig, wie man nicht immer 
im Leben gleiches Vermögen hat, auch das Eigentümlichſte zu um— 
foſſen, und mir iſt, als hätte ich mich nie ſo geſehnt, Dich hier zu 
haben, als diesmal. Aber ich begreife alles und billige Dich ganz und gar. 

Ich hatte nicht Zeit, Dir neulich die Friedensbedingungen zu 
ſchreiben. In kurzem ſind es (ganz unter uns) folgende: Frankreich 
gibt heraus, was man ihm im letzten Frieden gelaſſen hat und 
bleibt in den Grenzen von 1790, alſo bekommt Belgien, Deutſchland 
und Sardinien das damals Abgetretene zurück. Was vom alten 
Frankreich außerhalb lag, verliert es auch, alſo namentlich die 
Feſtungen Landau, Philippeville und Marienburg. Landau be- 
kommt Oſterreich oder Bayern, wer von beiden auf dem linken 
Rheinufer bleibt. Die beiden anderen erhält der König der 
Niederlande. Dann gibt Frankreich an uns die Feſtung Saarlouis 
mit gehörigem Gebiet. Hüningen wird geſchleift und innerhalb 
drei Lieues von Baſel darf keine Feſtung angelegt werden. Frankreich 
zahlt 700 Millionen Kontribution, wovon ein Viertel zu neuen 
Feſtungen verwandt wird. Wir und England bekommen, als die 
am meiſten getan haben, 50 Millionen mehr. Anſer ganzer Anteil 
wird gegen 140 Millionen Franken machen. Endlich bleiben 17 
franzöſiſche Feſtungen von 150000 Alliierten auf franzöſiſche 
Koſten fünf Jahre lang beſetzt, wenn man nicht nach drei findet, daß 
Frankreich gehörig ruhig iſt. 

Jetzt ſteht auch in franzöſiſchen Zeitungen, daß die Aachener 
Säulen sur les instances du Baron de Humboldt hier geblieben 
find. Eine Bosheit eines Deutſchen, vielleicht Varnhagens). Dieſer 
hat es, im Vorbeigehn geſagt, doch dahin gebracht, daß ſelbſt der 
ſo unendlich gutmütige Kanzler ihn giftig und boshaft nennt. Er 


) Karl Auguſt Varnhagen v. Enſe, geb. 1785, + 1858, Schriftſteller. 
91 


kommt aber doch zu Rrujemard*) nach Wien. Alexander läßt 
einen Gegenartikel einrücken. Canova läßt einpacken. Die Wut 
der Franzoſen darüber kannſt Du Dir nicht denken. Sie werfen 
nun alle dem Papſt vor, daß er Bonaparte gekrönt hat. Die 
drei Mächte, denn Rußland iſt immer dagegen geweſen, haben be- 
ſchloſſen, den Papſt zu beſchützen. Es ſollte alſo von jeder wechſelweis 
Wache auf dem Muſeum ſein. Der König hat es aber (unter 
uns) ſchlechterdings nicht von ſeinen Truppen zugeben wollen. 
Auch kann es nun nicht geſchehen, doch geht das Wegnehmen 
darum immer fort. Den Kanzler ſetzte dieſer Befehl des Königs 
in einige Verlegenheit. 

Ich habe geſtern vom König Abſchied genommen. Er war 
ſehr freundlich. 

Flemming“) wollte ſchlechterdings nach Braſilien gehen, wo 
man jemand hinſchicken will, einen Handelstraktat zu machen. 
Allein der Kanzler und ich haben gefunden, daß es unvernünftig 
wäre, jemanden, der gut iſt, gleich übers Meer zu ſenden, und 
auch nicht vorteilhaft für ihn. Er wird alſo vermutlich bei mir 
fürs erſte bleiben. Wagner hat mich auch gebeten, ihm auszu⸗ 
machen, daß er noch einige Monate hier bei mir ſein kann, und 
ich habe es getan. So bleibe ich unter Bekannten. Boisdeslandes 
will zwar abſolut nach Berlin, weil er alles Geld, das er hat, in 
Meubles geſteckt hat, die nun, wie es ſcheint, ausſchließend ſein 
Herz beſitzen. Allein er wird auch noch einige Monate hier bleiben 
müſſen. Eigentlich zu ernähren brauche ich freilich nur Flemming. 
Allein die andern gehen doch nie ganz leer aus, und ſo vermehrt 

) Friedr. Wilh. Ludwig v. Kruſemarck, geb. 1767, +1822, war 1810 
Geſandter in Paris, 1813 und 1814 im Hauptquartier des Kronprinzen von 
Schweden. 1815 Geſandter in Wien. 

) Graf Flemming, Neffe Hardenbergs, Legationsſekretär bei Hum- 
boldt, wurde 1816 Geſandter in Rio de Janeiro, dann in Liſſabon und 1823 
in Neapel. 

92 


das die Koſtbarkeit der Miſſion. Vor dieſer ſcheue ich mich ent- 
ſetzlich, und gleich kann ich keine Zulage erhalten. Ich werde aber 
doch ſuchen, einen außerordentlichen Zuſchuß zu bekommen. Nur 
wird das immer erſt in einigen Monaten möglich ſein. 

Lebe wohl, meine innigſtgeliebte Seele. Amarme die großen 
und kleinen Kinder. Ewig Dein H. 


Wellington iſt, wie ich Dir ſchon ſchrieb, auf einmal in die 
größte défaveur gekommen. Außer dem Muſeum wirft man ihm 
vor, daß er Fouché im Miniſterio erhalten wollte, und, woran er 
freilich ſehr Anrecht tut, daß er mit Madame Hamelin [?], die ſchon 
den Franzoſen ein Anſtoß in Lucchefinis*) Salon war, und ein 
paar anderen, ganz bonapartiſtiſchen, und deswegen und wegen ihrer 
Aufführung gar nicht in der Geſellſchaft geduldeten Damen, faſt 


ausſchließend umgeht. 


41. Humboldt an Caroline Paris, 5. Oktober 1815 


Ich habe Dir durch denſelben Kurier, der Dir dieſen Brief 
bringen wird, geſtern geſchrieben und ſchreibe Dir heute 
wieder, um Dir etwas Anvermutetes mitzuteilen, was 
aber, wie ich mir ſchmeichle, auch Dir angenehm ſein wird. Ich 
bin wieder auf einige Zeit vom Pariſer Poſten befreit, gehe, ſo— 
bald man hier fertig iſt, weg und habe eine zwar ungewiſſe aber 
doch entfernte Hoffnung, Dich zu ſehen. Wie man überſchlagen 
hat, was noch nach dem hieſigen Arrangement zu tun wäre, hat 
ſich eine wichtige, höchſt épineuse und ſchwierige Anterhandlung“) in 


) Graf Girolamo Luccheſini, geb. 1751, + 1825, preußiſcher Diplomat, 
1793-1797 Gefandter in Wien, 1802 1806 Geſandter in Paris. 

**) Ohne jede Berechtigung erhob Bayern, für den Fall, daß der Mannes- 
ſtamm der regierenden badiſchen Linie ausſtürbe, Anſprüche auf die Rhein⸗ 


93 


Frankfurt am Main, die Preußen und Ofterreich über Ländertauſche 
mit Bayern, Baden und Darmſtadt führen müſſen, gefunden, und 
wie es immer geht, der Kanzler hat nicht gewußt, wen er dazu 
beſtimmen ſollte. Alſo hat er mir vorgeſchlagen, dies noch abzu— 
machen und erſt nachher hierherzukommen, und ich habe es gern 
angenommen, weil es mich jetzt von hier in einer ſehr unangenehmen 
Periode wegbringt, weil ich die Hoffnung habe, Dich zu ſehen, 
da ich wohl leicht nach Beendigung des Geſchäfts einen Arlaub 
auf 14 Tage nach Berlin bekomme, und da, weil man nie weiß, wie 
lange eine Sache währt, wohin ſie führt und was in der Zwiſchenzeit ge⸗ 
ſchieht, ich vielleicht auf dieſe Weiſe die ganze Pariſer Stelle los werde. 

Was mir aber das Liebſte iſt, iſt, daß ich durch einen Aufent⸗ 
halt in Frankfurt jetzt, alſo im Mittelpunkt der deutſchen Ange⸗ 
legenheiten, in Deutſchland beſchäftigt bin und dort Anſehen gewinne 
und forterhalte. 

Der Kanzler glaubt, dies Geſchäft wird nur ſehr kurzdauernd 
ſein. Ich ſtelle mir das nicht vor, nur wäre es unnütz, ihm zu 
widerſprechen. Ich weiß, wie ſchwierig das durchzuſetzen iſt, was 
man will, und glaube nicht an weniger als 2, 3 Monate. Indes 
geht die Bundesverſammlung an, wer weiß, welche Schwierigkeiten 
da vorkommen, geht es dann hier ruhig zu, ſo daß ich hier weniger 
nötig ſcheine als dort, ſo läßt man mich für andere Gegenſtände, 
kurz es iſt etwas Neues und nicht zu Berechnendes. Du beſchul— 
digſt mich ſo immer, das Neue zu lieben, alſo kannſt Du begreifen, 
daß es mir angenehm iſt. Lachen aber muß ich in mir, daß, fo- 
lange der Kanzler die wirklich wunderbare Idee beibehält, daß 
etwas irgend Erhebliches nur durch mich gemacht werden kann, es 
unmöglich iſt, daß ich zu einiger Ruhe komme. Davon, daß, Du 
nach Frankfurt kommen könnteſt, rede ich nicht. Du weißt, wie 


pfalz, den Main- und Tauberkreis. Oſterreich unterſtützte im eigenen Intereſſe 
Bayern, während Preußen auf Badens Seite ſtand. 


94 


glücklich es mich machen würde, allein die Schwierigkeiten, die Dich 
hinderten, nach Paris zu kommen, ſind hier, abgerechnet, daß die 
Abweſenheit kürzer wäre, dieſelben. 

Außer Auguſten und den unendlich verſchwiegenen Kindern 
ſage noch niemandem etwas von dieſer Sendung, liebes Kind. 
Lebe innigſt wohl, ſchon der Gedanke, Dich doch vielleicht in kurzer 
Zeit zu ſehen, macht mich unbegreiflich glücklich. Ewig Dein H. 


Unter uns: Der Prinz kommt nicht an den Rhein, er müßte 
denn Gouverneur in Mainz werden. Gneiſenau hat das gemacht. 
Sage es nicht Auguſten. Nur wenn er häusliche Plane gerade 
darauf macht, daß es, und noch in dieſem Winter, geſchehen würde, 
die ſonſt nachteilig ſein würden, ſo halte ihn zurück, und ſtell ihm 
vor, daß doch wohl noch der Winter darüber hingehen würde, 
ſage ihm auch allenfalls, ich habe das als eine faſt gewiſſe Ver- 
mutung geſchrieben. 


42. Humboldt an Caroline Paris, 7. Oktober 1815 


Ich habe Dir neulich von dem Auftrag geſchrieben, den ich 
i für Frankfurt habe, und Du wirſt gefehen haben, daß 
Y ich ihn gerne übernehme. Ich habe wirklich eine ordentliche 
Sehnſucht nach Deutſchland zurück, die aber im Grunde nichts iſt, 
als eine Sehnſucht, Dir nahe zu ſein. Es iſt mir, als hätte ich nie 
eine ſo tiefe, innere, geiſtige gefühlt, mit Dir zu ſein, ich bin es 
nicht mehr in Frankfurt, als hier, allein ich habe doch die Hoffnung, 
vielleicht von da nach Berlin zu kommen.. 

Bei Deutſchland fällt mir ein Streit ein, den der König neulich 
bei Tiſch mit dem Erbprinzen von Mecklenburg“ über die deutſche 


) Georg, geb. 1779, + 1860, wurde 1816 Großherzog von Mecklenburg- 
Strelitz. 


95 


Kaiſerwürde gehabt hat, und der von Adelheid angefangen hat. 
Alexander war dabei, ich nicht. Der Erbprinz, von dem man nicht 
leugnen kann, daß er immer ſehr freundſchaftlich, treu und liebens⸗ 
würdig iſt, hat angefangen, von unſern Kindern zu ſprechen. Zuerſt 
von Carolinens Krankheit; der König hat geſagt, daß dies die 
Arſache ſei, wie er höre, daß Du nicht den Winter herkämſt. Dann 
hat er von Adelheids Schönheit geſprochen, wo ihm der König 
beigeſtimmt iſt, und von Gabrielen. Alexander hat geſagt, daß 
beide auch bewieſen hätten, daß man nicht in Deutſchland von klein 
an zu ſein brauche, um ſehr gut Deutſch zu ſprechen, denn beide 
ſprächen jetzt ausgezeichnet gut. Der König hat geantwortet mit 
Lächeln: „Das glaube ich, ein ſo deutſcher Mann wie Hedemann 
würde keine Frau genommen haben, die nicht gut Deutſch redet.“ 
Einen Augenblick darauf aber hat er ſich wieder zu Alexander 
gewendet und hat geſagt: „Wenn ich Hedemann einen deutſchen 
Mann nenne, ſo meine ich das im recht guten Sinn und nicht, 
wie es jetzt ſo viele gibt.“ Hier iſt nun der gute Erbprinz mit 
einem Stoßſeufzer: „Ach! Wenn es nur recht viele gäbe!“ einge- 
fallen. Darauf iſt der König in ſeine alten Sätze verfallen: 
Oeutſchland im ganzen fei nichts, es wären wohl Oſterreicher, 
Preußen, Bayern, nirgends aber Deutſche, im kleinſten Teil der 
öſterreichiſchen Staaten rede man Deutſch, in einem bedeutenden 
der preußiſchen andere Sprachen. Der Erbprinz iſt aber immer 
dabei geblieben: Deutſchland müſſe eins ſein, es müſſe jetzt einen 
Kaiſer haben, und der müſſe der König ſelbſt ſein, und in Wien 
ſei der Augenblick dazu dageweſen, und er habe ſich ſchon gefreut, 
(und dabei hat er das Glas genommen) auf die Geſundheit eines 
proteſtantiſchen Kaiſers trinken zu können. Vor allen Leuten war 
dies etwas ſtark. Der König hat geſagt, er habe es nicht gewollt 
und die andern hätten ihn nicht gewollt, ſo hätten ſich beide Teile 
begegnet. Der Erbprinz aber iſt weiter gegangen; man habe ihn 
96 


wohl gewollt, die Mehrzahl der Fürſten, nur die Intrigen Metter: 
nichs hätten es verhindert. Da iſt denn die Anterredung vom 
König abgebrochen worden. Ich weiß dies von Alexander. Er⸗ 
zähle es doch Auguſten und den Madchen, die find alle ſehr ver— 
ſchwiegen. Ich denke mir, daß es Dich und ſie amüſieren wird. 

Der König iſt heute noch hier. Er hat ſchlechterdings, natürlich in- 
kognito, der Eröffnung der Kammern heute beiwohnen wollen. Morgen 
ganz früh geht er aber ab. Wir Miniſter ſind nicht zu der Eröffnung 
gegangen. Es ſchien in jeder Rückſicht anſtändiger, es nicht zu tun. 

Die Statuen und Bilder des Papſtes werden mit größtem 
Eifer eingepackt. Der Apoll und Laokoon ſind nicht mehr im 
Muſeum. Du wirſt in den Zeitungen leſen, daß die Medieeiſche 
Venus beim Abnehmen zerbrochen iſt. Auf dem Muſeum behauptet 
man es. Aber die Oſterreicher leugnen es. Aberzeugen kann 
man ſich nicht mehr, weil ſie ſchon eingepackt iſt. 

Wie die Franzoſen gegen den Papſt wüten, davon hat man keinen 
Begriff. Beſtändig fort wird ihm nun die Krönung Napoleons vor⸗ 
geworfen. Die Pallas von Velletri ſoll gekauft ſein und bleibt alſo hier. 
Ebenſo die ganze Borgheſiſche Sammlung. Daß die Engländer Sta- 
tuen und Gemälde des Papſtes gekauft hätten, iſt ganz unrichtig. Was 
geſchehen iſt, aber als ein großes Geheimnis behandelt wird, iſt, daß 
ſie dem Papſt das Geld vorſchießen, welches das Einpacken koſtet. 

Ich habe geſtern ein Diner gehabt. Der Staatskanzler, der 
Perfide*), Gneiſenau, Boyen, Bülow, Altenſtein, der alte Jacobi“), 
Jordan und Alexander. Hätte ich einige Tage früher gewußt, 
daß ich nach Frankfurt ginge, hätte ich es nicht getan. Aber ſo 
wollte ich einen Koch probieren. Er hat bei Davout gedient und 


) Graf Ernſt von Hardenberg. 

) Vermutlich der Diplomat Jacobi-Klöſt, geb. 1744, der im Herbſt 
1815 von Wien nach London ging. 
Humboldt⸗Briefe. V. ii 97 


ſcheint ein ſehr ordentlicher Menſch. Auch iſt er der wohlfeilſte, 
der ſich präſentiert hat. Denn er fordert nur 100 Franken mo- 
natlich. Hardenberg, der bei Eſſen und Trinken ein vortrefflicher 
Richter iſt, hatte erſt mit mir den Küchenzettel verbeſſert, dann, 
mit dem Küchenzettel in der Hand, hat er gegeſſen, Du glaubſt 
nicht, mit welchem Eifer, aber auch mit welcher Treue. Denn er 
hat gar nicht geſprochen, ſondern immer wie ein Höllenrichter da⸗ 
geſeſſen und hernach ſeinen Ausſpruch getan. Das Refultat iſt 
geweſen, daß der Koch vortrefflich iſt, viel beſſer als der, den Bülow 
genommen hat, und dem er wenigſtens 20 —30 Franken monatlich 
mehr gibt. Nun muß meiner freilich noch durch die Feuerprobe 
der Rechnungen gehn. Beſteht er die auch, und iſt er nicht zu 
teuer, ſo werde ich ihn mir wenigſtens zu ſichern ſuchen, um ihn, 
wenn ich wieder herkomme, haben zu können. 

Sonſt iſt es noch recht glücklich geweſen, daß ich gerade jetzt 
erfahren habe, daß ich nach Frankfurt gehen ſoll. Gerade zwiſchen 
hier und dem 15. hätte ich Leute angenommen, Sachen gekauft 
und allerlei Ausgaben gemacht. Jetzt ziehe ich vermutlich gar nicht 
in mein eigenes Haus vor meiner Abreiſe ein. 


Lebe wohl, innigſt geliebtes Herz. Ewig Dein H. 
HS 
43. Caroline an Humboldt Berlin, 12. Oktober 1815 


Ich habe, mein teures Leben, Deine lieben Zeilen vom 3. d. 
M. ſchon vorgeſtern abend bekommen und danke Dir ſehr 
für Deine Liebe. 

Auguſt iſt geſtern um 4 Ahr angekommen. Am Morgen 8 Ahr 
kam ein Brief von ihm mit einem vorausgeſchickten Kurier, der 
Adelheid fagte, er werde zwiſchen 3 und 4 Ahr ankommen. Daß 
ſie ihn in ſeinem Quartier erwarten ſollte, war längſt eine von ihm 
98 


beftimmte Sache. Am Morgen ließen wir das Bett hintragen, 
alles übrige war vorbereitet. Adelchen frühſtückte à la fourchette 
zu Hauſe und begab ſich um 2 Ahr allein in ihre Wohnung. 
Auguſt hat erſt hierher kommen müſſen, um ſich zu orientieren, er 
hatte die Zimmer nicht finden können, in denen Adelheid ihn er⸗ 
wartete. Er kam aber nicht herein, ſondern erſt ſpäter mit Adelheid 
zurück, wo er dann hier aß, und die Mutter, Tante und Schweſter 
den Abend hier zubrachten. Auguſt iſt ganz unverändert im Ausſehen. 
Er fand Adel ſehr ſchön und blühend. Sie iſt es auch wirklich mehr 
noch, als da er ging. Am Abend, wie er nach Hauſe ging, kann ich 
Dir nicht leugnen, war es mir ſehr weh, ſie von mir zu laſſen. 

Ich ſchicke Dir heut, liebes Herz, eine Kiſte mit dem hierbei 
bezeichneten Silber. Die Leute machen mir alle bang und ſagen, 
ſowie die Truppen den Rücken gewendet haben würden, ſo werde 
der König gewiß auch gehen müſſen, und folglich auch Du. Ach, 
wie möchte ich bei Dir ſein, mein liebes Herz, um alles mit Dir 
zu teilen, was Dir irgend begegnen möchte! 

Ich bin außerordentlich begierig, wie das mit den venetianiſchen 
Pferden ablaufen wird, und fände es ein arges Dementi, wenn ſie 
nun ſtehen blieben. Allein die Art des Wegnehmens will mir nicht 
recht gefallen. Bei uns und in Italien nahmen die Franzoſen 
nicht die Nacht. Warum denn die, die ihr Eigentum wieder nehmen? 
Ich vermiſſe unendlich oft das wahre Gefühl von Würde und Recht 
in den Dingen, die geſchehen. 

Verzeih mein unterbrochenes Schreiben heut, ich will auch 
lieber aufhören. Ich habe einen kranken Bedienten. Nun kommen 
heut tauſend Sachen zuſammen und ein ewiges Ein-und⸗aus⸗laufen 
wegen Adels noch nicht eingerichteter kleiner Wirtſchaft. 

Adieu, geliebtes Herz. Ewig Dein. 


S 


44, Humboldt an Caroline Paris, 14. Oktober 1815 


— 


Ab ich vom Pariſer Geſandtenpoſten loskomme, mag ich 
D freilich noch nicht zu ſagen wagen. Allein Frankfurt iſt 


e ein erſter Schritt. Wie ich den Kanzler kenne, geht die 
Sache fo: Benimmt ſich Goltz“) zu ſeiner Zufriedenheit, d. h. vorzüg⸗ 
lich begünſtigen ihn die Amſtände dazu hinlänglich, fo wird der 
Kanzler mir ein Geſchäft nach dem andern in Frankfurt zu meinem 
jetzigen auftragen, und mein Aufenthalt wird ſich dadurch unfebl- 
bar verlängern. Ferner wird der Gang der Geſchäfte im Bundes⸗ 
tag einen großen Einfluß auf meine Sache haben. Geht dort etwas 
vor, was von Wichtigkeit iſt, ſo kann ich ſehr leicht hinzutreten 
müſſen. Unter uns gefagt, iſt Stein mit Küſter“) dazu beſtimmt. Das 
geht, man mag einen allein oder gar beide zuſammen, die inkompa⸗ 
tibelſten Naturen, nehmen, nicht einige Monate lang. Habe ich aber 
einmal mit Bundesgeſchäften zu tun, ſo kann das ſehr weit führen. 

Für uns, unſere Familienlage und ſelbſt unſer Vergnügen 
wäre vielleicht Frankfurt und der Bundesgeſandtenpoſten keine 
üble Sache. Wien gefällt uns allen nicht. An Petersburg wird 
keiner von uns je denken. London iſt zu teuer. Paris hat mit 
den Kunſtwerken ſeinen höchſten Reiz verloren und hat ſonſt viel 
Anangenehmes. Frankfurt iſt gewiß an ſich nicht angenehm, aber 
wir bilden uns leicht einen eigenen Kreis. And rund herum iſt 
die Gegend hübſch, und Reiſen für Dich überallhin im Sommer 
leicht. Du wirſt ſagen, daß das alles nur meine Manier iſt, den 
Ort für den beſten zu halten, an den ich gehen muß, und das mag 
auch ſein. Allein wirklich iſt doch vieles, was ich hier ſage, unpar⸗ 


) Karl Heinr. Friedr. Graf v. d. Goltz, geb. 1772, + 1822. Gefandter 
in Paris von 1814 bis 1822. 

*) Johann Emanuel v. Küſter, geb. 1764, + 1833, ſpäter preußiſcher 
Geſandter in München. 


100 


teiiſch genommen, wahr. Auf jeden Fall bleibe ich gern den Winter 
hindurch in Frankfurt, warte Dich dort im Frühjahr ab, und wir 
gingen ſo nach Paris. Daß Paris jetzt bis aufs Letzte alle fremden 
Kunſtſchätze verliert, weißt Du nun ſchon gewiß. Die Franzoſen 
haben ſich ſcheinbar darin ergeben, allein es iſt ein Stachel zurück⸗ 
geblieben. Das gedenkt ihre Eitelkeit ewig. Caſtlereagh )), der ſonſt 
ſelten etwas ſo Richtiges ſagt, behauptet aber immer mit Necht, daß 
die Demütigung ihrer Eitelkeit gerade das Wichtigſte dabei war. 
Müffling“) hat auch der Heidelberger Bibliothek 39 Manuſkripte 
mit Canovas Einwilligung wiedergeſchafft, die man im Dreißigjäh⸗ 
rigen Krieg geraubt und dem Papſt gegeben hatte, wie Du weißt. 
Alles mit der Kraft der Baguette. Es iſt die einzige Sache, in 
der das Rechte geſchehen iſt. 


45. Humboldt an Caroline Paris, 16. Oktober 1815 


fan hat (unter uns geſagt), geſtern die letzten detaillierten 
ö Arrangements über die Kontributionszahlung und die 
Verpflegung der in Frankreich bleibenden Truppen unter⸗ 
ſchrieben, und es ſind jetzt nur noch Artikel über die Reklamationen 
der Privatleute zu machen übrig. In acht Tagen, glaube ich, 
kann alles unterzeichnet ſein. In den Vorbereitungen zur Unter- 
handlung, die ich in Frankfurt übernehmen ſoll, zwiſchen Oſterreich 
und Preußen, haben fic) zwar noch Anſtände gefunden, die ge- 
hoben fein müſſen, ehe ich mit den deutſchen Höfen etwas an⸗ 
fangen kann; allein ich denke, es wird geſchehen, und es wird bei 
meiner Reife nach Frankfurt bleiben. Ich wünſche es von Herzen. 
) Vgl. S. 60. 


*) Friedrich Ferdinand Karl Frhr. v. Müffling, geb. 1775, + 1851, 
zuletzt Generalfeldmarſchall. 


101 


Alexander prangt wieder, wie er mir ſelbſt ſagt (denn ſeit jenem 
berühmten Blatt ſcheint er nach dem Grundſatz, daß man den 
Feind im Angeſicht behalten muß, regelmäßig den „Nheiniſchen 
Merkur“ zu leſen), jedoch nur mit Anfangsbuchſtaben wegen der 
Säulen in einem der neueſten Stücke. Allerdings iſt auch mir 
das, wegen des Namens, nicht angenehm. Allein ich glaube doch 
nicht, daß ſelbſt der „Merkur“ mich im Verdacht der Beſchützung 
der Franzoſen hat. Wenigſtens hätte er vollkommen Anrecht. 
Denn ich empfange hier manchmal die unzweideutigſten Beweiſe, 
daß die Franzoſen vielleicht niemanden ihrem Intereſſe ſo entgegen⸗ 
geſetzt halten, als mich. 

Einen wirklich luſtigen Fall muß ich Dir doch darüber unter 
uns mitteilen. Blücher hat hier mehrere ihm verdächtig ſcheinende 
Briefe aufgefangen. In einem unter dieſen iſt bloß von mir und 
Wellington die Rede. Die Hauptſtelle lautet folgendermaßen: 
„Alexandre ne se dément pas de la belle conduite qu'il a tenue 
en 1814; mais il a à combattre des puissances d'une avidité bien 
perfide. C'est surtout la Prusse et son Ministre Mr. de Humboldt 
que nous avons pour plus grand ennemi. II y a encore quelques 
jours que ce perfide Ministre engageait les puissances“ uſw. Nun 
kommt, daß ich eine Art Teilung Frankreichs vorgeſchlagen hätte, 
in der England Bretagne bekäme, und ſolche hirnloſe Dinge mehr. 
Hernach wird von Wellington erzählt, wie ihm nach ſeiner Expedition 
im Muſeum bei der Herzogin Duras [?] und der Seville jedermann 
den Rücken zugekehrt habe, und ſehr gut (weil es wirklich wahr 
und ſchwach von Wellington war) hinzugeſetzt: il s’en alla piqué, 
et peut-étre trop sensible à ce froid accueil. 

Mit dem Einpacken des Muſeums geht es ſehr gut.. 


102 


46. Caroline an Humboldt Berlin, 16. Oktober 1815 


„Die Nachricht, daß Du nach Frankfurt gehen wirſt, hat mich 

. unendlich überraſcht und erfreut. Wenn auch wir uns 
nun nicht ſehen ſollten, fo ſchneidet es die Zeit. Ich 
könnte doch auch vielleicht auf einige Wochen hinkommen und irgend— 
ein Arrangement für Caroline machen. Wirſt Du den 10. No- 
vember wohl dort ſein? Auguſt habe ich es geſagt und den drei 
Mädchen, fie waren alle ſehr erfreut.. 

Woher aber mag dieſe Anſicht Gneiſenaus kommen? Er wird 
dort Gouverneur, das war wenigſtens vor dem diesjährigen Krieg 
ſeine Beſtimmung, und er nahm darüber Komplimente an, allein 
ſollte dieſe wichtige Provinz, die man ein zweites Preußen nennen 
könnte, nicht ein Vizekönig haben? And eignet ſich der Prinz, 
vorzüglich wegen der Prinzeſſin, nicht ganz beſonders dazu? Die 
Prinzeſſin rechnet noch darauf. Sie fragte mich, warum Auguſt 
nicht zu mir ins Haus gezogen wäre, ſo könnte ich ja Deinen Wunſch 
erfüllen und zu Dir nach Paris gehen. Ich antwortete, weil er 
in der Meinung ſtände, daß er den Prinzen wohl an den Rhein 
begleiten würde, wenn dies des Prinzen Beſtimmung ſei, und in 
ſolchem Falle wäre dann Caroline ohne Stütze hier. Die Prinzeſſin 
ſchien dies, Auguſts Attachement an den Prinzen und die Ausſicht 
des Prinzen, an den Rhein zu kommen, ſehr gern zu hören. Die 
Prinzeſſin würde gewiß eine viel lebendigere Perſon ſein, wenn 
ihr ein bewegterer Kreis vorgezeichnet würde. Man ſagt auch 
hier allgemein, daß die große Zurückgezogenheit, in der ſie lebt, 
mehr der Geſchmack des Prinzen als der ihrige ſei! 


103 


47. Caroline an Humboldt Berlin, 19. Oktober 1815 


Ach habe letztens gar nicht auf die ſehr hübſche Anekdote in 
Deinem Brief, auf das Geſpräch des Erbprinzen von 
Mecklenburg mit dem König, geantwortet. Ich finde es 
außerordentlich hübſch, und es hat mich, Auguſt und die Kinder 
ſehr amüſiert. Es iſt immer gut, daß dem König dergleichen ge⸗ 
ſagt wird, wennſchon ich zugeben will, daß der Erbprinz etwas weit 
in einem Geſpräche ging, das bei Tiſche gehalten wurde. Das iſt 
eine troſtloſe Idee, daß es kein Deutſchland gäbe. Freilich geſtehe 
ich, daß es in gewiſſem Sinne noch immer ein unſichtbares Reich 
iſt, aber wer hat nicht in dieſer Zeit an das Anſichtbare glauben 
gelernt, das über dem Sichtbaren waltet, und wer möchte leugnen, 
daß dieſe Kriege, und vor allem die glänzenden Schlachten des 
Jahres 1813, mehr durch die heilige Glut, die in den Herzen der 
Kämpfenden lebte, als durch die materielle Kraft ihres Armes aus⸗ 
gefochten ſind? 

Ich muß mich ärgern, zu ſehen, daß die Jahrestage der Schlacht 
von Leipzig ohne alle öffentliche Erinnerung, ohne alles Feſt⸗ und 
Dankgebet vorübergehen. Das iſt nicht recht. Den Sinn des 
Volkes ſollte man fortdauernd auf ſo große Begebenheiten richten, 
denn die Zeit träger Ruhe, die in un ſerer Kindheit war, die 
iſt gewiß noch auf lange Zeit vorbei. And wohl uns, daß ſie 
vorbei iſt, und im Amſchwung der Dinge kann die wohl ſo leicht 
nicht wiederkommen. Das Volk, des man bedarf, ohne das man 
in letzter Inſtanz eigentlich nie das Große ausführt, in deſſen Sinn 
ſollte man auch das geſchehene Große recht im Anden ken erhalten 
und es daran für die Zukunft erziehen. 


104 


48. Humboldt an Caroline Paris, 21. Oktober 1815 


ich ſoll recht wundern, was Du zu Frankfurt fagen wirſt. 
ö Wenn nur mein Aufenthalt dort, nämlich ſeine Dauer, 
nicht ſo gar ungewiß wäre; allein es iſt unglaublich, wie 
fich auch darüber nichts ſagen läßt. 

Der Poſten hier wäre, wenn man die Sache in ſich, nicht 
wie ſie ausgeführt werden wird, anſieht, von unendlicher Wichtigkeit 
Die Armee, die in Frankreich bleibt, ſoll eigentlich den König hier 
halten, der ſonſt vielleicht nur ſehr kurze Zeit ſich ſelbſt behaupten 
könnte. Es bleiben (unter uns) ſelbſt in Paris fürs erſte, und 
bis der König eine eigene Garde hat, Truppen. Alles dies fom- 
mandiert Wellington, und mehr oder weniger hat er es in Händen, 
ob er will marſchieren laſſen oder nicht, wenn hier Unruhen entſtehen. 

Mit dem nächtlichen Wegnehmen der Venetianiſchen Pferde 
haſt Du vollkommen recht. Nur der Bijou“) kann fo etwas er- 
finden. Auch hat er es bei Tage vollenden müſſen. Von den 
übrigen hat niemand ſo etwas getan. Ich lege Dir eine Zeitung 
bei, welche einen Brief von Wellington über ſein Wegnehmen der 
Kunſtſachen enthielt, der trefflich iſt. Hätte er nur immer und 
über alles ſo geſprochen! Allein ſo iſt er, immer abhängig vom 
Augenblick, immer perſönlich und egoiſtiſch, ein ſcharfer Verſtand 
und ein eiſenfeſter Wille, allein kein großer Kopf und noch weniger 
ein großer Charakter. 

Mit dem armen Staatskanzler geht es noch immer nicht ganz 
gut. Er hat faſt immer Kopfweh und iſt wenig aufgelegt. Wenn 
ich dies und die äußere und innere Lage der Dinge bedenke, ſo 
ſehe ich ſehr trübe und weiß nicht, was daraus werden ſoll. Der 
gute Staatskanzler hat durch ſeine ganz perſönliche Regierung 
alle Formen ſo auseinander gehen laſſen, daß es kaum Fäden 


*) Metternich. 


105 


gibt, wo man Kraft und Einheit, die nicht wieder fo perſönlich 
ſind, anknüpfen kann. Dabei begnügen ſich wenige, in ihrem Wir⸗ 
kungskreis zu bleiben. Alles will darüber hinaus. 


49. Humboldt an Caroline Paris, 28. Oktober 1815 


Ich habe Deinen lieben Brief vom 19. bekommen, geliebtes 
0 i Herz. Der Erbprinz, deffen Wuferungen über Deutſch⸗ 
1 land Du ſehr recht haſt, hübſch zu finden, wird vielleicht 
mit dieſem Briefe ſchon ſelbſt bei Dir fein. Seine Geſinnung iſt 
immer tadellos, aber die Jugend gab ihm ehemals eine liebens— 
würdige Lebendigkeit, die jetzt faſt auf die Geſtikulation eingeſchränkt iſt. 

Allerdings iſt es eine troſtloſe Idee, daß es kein Deutſchland 
geben ſollte. Du haſt aber ſehr recht, zu ſagen, daß es ein un⸗ 
ſichtbares gibt, und ich glaube wie Du, daß es in kurzem ans 
Licht treten wird, aber ſchwerlich auf dem Wege, den man ihm 
vorbereitet. Was Du vom Volk ſagſt, hat mich unendlich durch 
ſeine Wahrheit ergriffen. Allerdings kann man nichts ohne das 
Volk ausführen und bedarf ſeiner beſtändig. Aber man bedarf 


noch viel mehr, um recht zu handeln und verkehrtem Handeln zu⸗ 


vorzukommen, ſeines Sinns und Gemütes, und die ganze, aber 
darum auch für den Augenblick unheilbare Krankheit der Zeit iſt 
dieſer furchtbare Zwieſpalt zwiſchen denen, die das Rechte wollen, 
und denen, die für das Rechte auch nicht einmal Sinn haben, 
ſondern in Schlaffheit und Blindheit alles halb und verkehrt machen. 
Ehe das nicht aufhört, und ſolange die Menſchen die Geſchäfte 
machen und regieren, die weder Grundſätze, noch Gemüt, noch Emp- 
findung haben, und die anderen, die wenigſtens fühlen, daß man 
dies alles nicht entbehren kann, ſich zwar das Regieren gefallen 
laſſen müſſen, aber ſich bewegen, tadeln, ſchreien, ſolange muß es 
106 


ſchlecht gehen. Ja, was das Schlimmſte iſt, fo macht dieſer laut 
werdende Widerſtreit die ſchlechte Partei nicht beſſer und verführt 
ſogar noch die gute, auch wieder aus ihrem Gleis herauszutreten. 
Die ganze Frage iſt nun bloß die: wird dieſer Streit zum recht 
wahren Ausbruch kommen, aus dem dann mehr oder weniger eine 
Inſurrektion wird, oder wird es fic hinſchleppen, bis die Gene 
ration, die einmal unverbeſſerlich frivol iſt, dahingeht, und eine 
beſſere folgt? Denn in allen Ländern hat die Jugend, die ſchon 
darum dem Volk näher iſt, weil das Volk eine ewig jugendliche Maſſe 
bleibt, beſſere Geſinnung. Der Verderb liegt in Deutſchland und in 
allen Deutſch redenden Ländern in der undeutſchen Art der höchſten 
Klaſſen, in dem furchtbaren und elenden Weſen, das man Geſellſchaft 
nennt, in der ſchlaffen, nicht einmal ſich wahrhaft auf Genuß verſtehen⸗ 
den Appigkeit der Lebensart, in der gräßlichen Leere des Kopfes und 
des Herzens. In Preußen hat das Anglück mehr Volksmäßigkeit 
und Einfachheit hervorgebracht, und ein beſonders glückliches Schick⸗ 
ſal gemacht, daß der König und ſeine Familie denſelben Sinn hat. 
Dazu kommt der Staatskanzler, der darin wie in allen Eigenſchaften, 
die das Weſen des Charakters treffen, untadelhaft iſt. Allein 
darum iſt auch Preußen, wie das gute und böſe Prinzip, in be 
ſtändigem Streit mit den übrigen Höfen, und kommt wieder (ndm- 
lich als Regierung) in Streit mit ſeinem eigenen Volk, weil es in 
jenem Streit gar nicht anders kann als oft oder wenigſtens manch— 
mal nachzugeben. 

In Frankreich find alle Klaſſen ohne Anterſchied in der beſchrie— 
benen Verderbnis. In keiner gibt es Grundſätze, in keiner Gemüt, bloß 
bis auf einen gewiſſen Punkt und in gewiſſen Fällen eine Art mit- 
leidiger Weichheit und leichtſinniger Gefälligkeit, an deren Stelle 
denn in anderen empörende Härte und Grauſamkeit tritt. 

In England iſt der Zuſtand für alle inländiſchen Angelegenheiten 
auch bei der höchſten Geſellſchaft viel beſſer als in Deutſchland, aber 

107 


nur ausſchließend für dieſe. Bei den auswärtigen hat man den 
gleichen Kampf mit Halbheit und Kälte, nur iſt doch immer Sinn 
für Grundſätze da, und ſelbſt das Anrecht geſchieht nur, indem man 
einen Grundſatz dafür ſich erdichtet. 

Von den Nuſſen ſehen wir eigentlich nie die Nationalität in 
ihrer guten Eigentümlichkeit. In dieſer kommt ſie nicht über die 
Grenze. Was wir kennen, iſt faſt ganz ausländiſch gebildet und 
geartet. 

So denke ich mir, teure Seele, die innerliche Lage Europas, 
aus der allein immer eigentlich die äußere hervorgeht, die beſondere 
Preußens, die noch beſtimmtere der preußiſchen Regierung, an der 
ich leider noch vielleicht lange teilnehmen muß. Ich tue es ungern, 
nicht, daß ich nicht manches hätte, was mich wohl fähig macht, 
die Sache zum Beſſeren zu lenken, und noch weniger, daß es mir 
am ſchlichten Willen fehlte, meine ganze Exiſtenz daranzuſetzen. 
Das, weiß ich, würde keiner mit ſo wenig Aufwand und Aufheben 
tun als ich; denn ich lebe fo ſehr in meiner innerlichſten Ein⸗ 
ſamkeit, daß es mir gar nicht in den Sinn kommt, daß ich bei 
irgend etwas, das nicht dieſe, die auch der Tod nicht entreißt, an⸗ 
geht, ein Opfer mache. Allein ich bin feſt in mir überzeugt, daß 
bei uns ein ſolcher Widerſtreit auch der guten Elemente iſt, daß 
ſo viele wollen, und ſo wenige recht wiſſen was, daß es jetzt ſo 
allgemeine Stimmung iſt, nur vorzüglich recht zu zeigen, daß man 
etwas will, daß kein einzelner verhindern kann, vom Strom fort⸗ 
gezogen zu werden, und endlich vielleicht das Beſte iſt, ſich fort⸗ 
ziehen zu laſſen, was aber meiner Natur entgegen iſt, da ich nie 
anders als mit Beſonnenheit handeln kann und mag, und dann 
leicht und immer gleich das Extreme, wenigſtens für mich, Halten 
oder Brechen, wähle. 

Dann iſt es ſichere Erfahrung bei mir, daß, obgleich es ge⸗ 
wiß wenige Menſchen von meiner Treue in jedem Verhältnis gibt, 
108 


id) doch, was bei großer Wirkſamkeit unumgänglich nötig iſt, nie 
bei vielen Vertrauen haben werde. Das liegt in meiner beſonderen 
Individualität, die ich nun einmal für keine Sache aufgeben werde, 
dann auch wirklich in gewiſſen Mängeln. Das Volksvertrauen iſt 
ein Glück, dem aber in dem, der es hat, auch immer eine beneidens— 
würdige Anlage, eine Art Genie des Charakters entſpricht. Endlich 
kann ich ſelbſt nicht leugnen, daß alle Erfolge in privaten und 
öffentlichen Dingen mir immer gleichgültiger ſind als die Konſequenz 
des Handelns, ſie hervorzubringen. Ich weiß recht gut darum, 
daß ich deswegen nicht weniger eifrig und nicht weniger einfach 
auf den Erfolg hinwirke. Allein anderen bringt man dieſe Lber- 
zeugung nie bei, und die Art, was in der Beurteilung bei anderen 
ſchaden kann, zu vermeiden, oder, was ich beſitze, bei anderen geltend 
zu machen, iſt nicht die meinige und wird es nie ſein. Es iſt 
vielmehr eine wahre Anart, die ich oft bekämpfen muß, daß ich 
faſt das Gegenteil tue. 

Aus allen dieſen Gründen ſehe ich meine Geſchäftswirkſamkeit 
nur ſicher an, ſolange ich unter dem Kanzler ſtehe. Nachher wird 
die Kriſe kommen, die mich vermutlich bald dem Privatleben 
wiedergibt, für das ich vielmehr geboren bin. 

Verzeih die lange Stelle über mich. Dein Brief brachte 
mich darauf, und es gibt wenig Menſchen, die es ſo ſehr der 
Mühe wert halten, ſich Rechenſchaft von ſich ſelbſt abzufordern, 
als ich. And wem gäbe ich ſie lieber als Dir? die Du alles, 
die einzelnen und allgemeinen Verhältniſſe, immer von innen aus 
durchſchauſt, immer richtig beurteilſt, und, wenn du ſprichſt oder 
ſchreibſt, ſo behandelſt, daß das tiefſte Gemüt ſich darin ausſpricht. 
So war auch die Stelle in Deinem letzten Brief wundertreffend 
und wundergut geſagt. Daß der 18. Oktober nicht in Berlin ge- 
feiert worden iſt, iſt unbegreiflich und unverzeihlich. Ich habe dem 
Kanzler geſagt, daß er es notwendig rügen muß. Er meint zwar, 

109 


es würde wohl am folgenden Sonntag ein eigener Gottesdienſt des⸗ 
halb geweſen ſein. Allein immer hätte die Feier den Tag ſelbſt 
ſein ſollen. 

Warum Gneiſenau nicht den Prinzen am Rhein haben will? 
Ja, liebes Kind, niemand will mehr, ſei es auch nur dem Namen 
nach, unter jemand ſtehen. Ich habe mehrere Male mit ihm davon 
geſprochen. Aber wie es im Homer heißt: „Einer ſei Herrſcher!“ 
war ungefähr immer die Antwort. Dann aber meinte er auch, 
und darin kann er recht haben, daß dieſer Provinz, in der wenig 
Adel mehr iſt, und wo doch Gewohnheiten franzöſiſcher Konſtitution 
ſich eingeniſtet haben, mit einem Prinzen wenig gedient ſei. Nach 
meiner Anſicht wäre allerdings dies eher ein Grund für die Sache 
geweſen. Ein Prinz und eine Prinzeſſin, wie dieſe ſind, hätten 
gerade die Leute von manchem bloß durch ihre Gegenwart zuriic: 
bringen und neue Gewohnheiten begründen helfen können. Es 
war indes mit Gneiſenau nichts zu machen, und er ſelbſt hätte, 
glaube ich, nie bei dem alten Plan die Stelle angenommen. Mußte 
denn einer zurückſtehen, ſo mag freilich Gneiſenau noch nötiger 
ſein. Die Prinzeſſin tut mir dabei faſt allein leid. 

Ich lege wieder eine Zeitung bei. Lies den Brief des hin⸗ 
gerichteten Perlin an ſeine Frau darin. Er iſt für mich unendlich 
rührend, aber auch recht echt ſpaniſch, daß er von Gehorſam 


der Frau darin ſpricht. 


50. Humboldt an Caroline Paris, 1. November 1815 


erp tis, geliebtes Herz, kann es noch immer bis zum 15. 
9 DS währen, ehe wir von hier fortkommen. Für den armen 
— Konzler iſt es mir ſehr leid. Er iſt hier keinen Tag wohl. 
Jetzt leidet er an unaufhörlichem Kopfſchmerz, der vermutlich rheu— 
110 


matifd iff. Er hat noch überdies die Gewohnheit, nicht nur ſehr 
viel, ſondern auch meiſt ſehr harte Sachen zu eſſen. Ich bin ſehr 
wohl und habe die alte Sitte wieder angefangen, nur mittags eine 
Taſſe Bouillon mit einem Ei zu nehmen. Ich tue es immer des 
Morgens beim Kanzler, und er iſt fo ſorgſam, daß, wenn er manch— 
mal ausfährt, ehe ich komme, er mich fragt, ob ich auch meine 
Bouillon ordentlich gekriegt habe. 

Pauline Wiefel*), ſtell Dir vor, war hier und iſt von hier 
nach Frankfurt gegangen, wo ſie einige Zeit bleiben will. Ich 
ging nicht zu ihr, da ich ſie wenig kannte. Aber die Mendelsſohn 
ſagte mir, ſie wäre bei mir geweſen. Alſo ging ich zwei Tage 
vor ihrer Abreiſe auch hin. Ich fand ſie nicht, aber ſie ſchrieb 
mir, daß ſie den Abend zu mir kommen wolle. Das ſchien mir 
etwas bedenklich, ich zog alſo vor, zu ihr zu gehen. Sie iſt im 
Geſicht ſehr alt und häßlich geworden. Aber der Körper mag 
noch recht hübſch ſein. Im Weſen iſt ſie wie ſonſt. Sie ſpricht 
noch ganz berliniſch, wirklich zur Verwunderung. Man hätte den 
ſchönſten Dialekt nicht ſorgfältiger in ſeiner Reinheit erhalten 
können. Mir ſagte ſie ſehr naiv, ſie hätte mich ſchlechterdings 
ſprechen müſſen, um mir zu danken, weil ſie wüßte, daß Du und 
ich immer bei ihrer Familie und ſonſt gut von ihr geredet hätten 
„Das“, ſagt ſie, „gibt mir einen Druck in der Geſellſchaft“. Sie 
hat wirklich bei allem, freilich noch viel höher geſtiegenen Philinen⸗ 
artigen Weſen, eine große Offenherzigkeit und Gutmütigkeit. Ihr 
Hauptumgang hier war Gentz“ ). Sie iſt mit Varnhagen nach 
Frankfurt gereiſt. 

Varnhagen iſt Geſchäftsträger in Karlsruhe geworden. Eigent— 


) Geliebte des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, Freundin der 
Rahel Varnhagen. 

) Friedrich von Gens, Publiziſt und Staatsmann, geb. 1764, + 1832, 
ſiehe Bd. III, S. 337. 


111 


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lich freilich nur Legationsſekretär bei Olgner*). Da diefer aber zu⸗ 
gleich in Stuttgart und Karlsruhe akkreditiert iſt, ſo iſt er eigent⸗ 
lich ſo gut als immer allein. Ich ſagte ja lange, daß die kleine 
Levy“) Exzellenz werden würde. Wieviel fehlt nun daran? Die 
Lohnbedienten nennen ſie gewiß ſchon in Karlsruhe ſo. Der gute 
Kanzler hat dieſe Wahl gemacht, ohne mir und Jordan ein Wort 
zu ſagen. Ich habe ihm, wie ich's leider zu ſpät erfuhr, Vor⸗ 
ſtellungen dagegen gemacht. Ich hätte noch nichts gegen den ſo— 
genannten Jakobinismus von Varnhagen, wenn wahrer Ernſt 
dabei wäre. Aber es iſt mehr Eitelkeit, und ein taquines Weſen, 
die Leute zu ärgern und zu äffen. Dabei die Dame, der Stamm 
Levy, die Bundeslade! Wie ſoll das auf den Großherzog“) wirken, 
und was iſt gerade für ein Gewinn dabei, daß er dort angeſtellt 
iſt, ſolche Nachteile zu überwiegen? 

. . . Bei unſeren Finanzen fallen mir die des Staates ein. 
Auch das geht nicht übel. In dieſem erſten Jahr, nämlich vom 
Einrücken unſrer Truppen in Frankreich bis 1. Januar 1817 be- 
kommt Preußen, wenn man das ſchon Erhaltene und noch zu Be⸗ 
zahlende zuſammenrechnet, doch ungefähr 90 Millionen Franken, 
immer eine anſehnliche Summe und mehr, als irgendein anderer 
der Alliierten. Dies unter uns. 

Lebe wohl, teure, ſüße Seele, umarme die Kinder. 

Ewig Dein H. 


) Konrad Engelbert Olsner, geb. 1764, geſt. 1828, preußiſcher Le- 
gationsrat. Siehe Galerie von Bildniſſen aus Nahels Amgang 2, 113ff. 
**) Rahel Levin, geb. 1771, + 1833, ſeit 1814 vermählt mit Varnhagen. 
) Karl Ludwig Friedrich, Großherzog von Baden, geb. 1786, + 1818. 
Seit 1806 vermählt mit Stephanie Beauharnais, Nichte der Kaiſerin 
Joſephine, Adoptivtochter Napoleons. 
12 


51. Caroline an Humboldt Berlin, 2. November 1815 


ie ganze Stadt iff nicht etwa mit dem Kaiſer und den 
D hohen Perſonen beſchäftigt, die um und neben ihm ſind, 
8 ſondern einzig und allein mit der Schmalziſchen Gefchicdte*). 
Du kannſt Dir gar nicht denken, welch ein Aufſehen das Verleihen 
des Ordens unſeres Königs an einen Menſchen wie Schmalz nach 
einer ſo miſerablen Schrift wie die ſeinige und nach dem Empfang 
des Württembergſchen Ordens macht. Wer das dem Könige geraten 
hat, kann es nicht aus reinen Abſichten getan haben, und ich ver— 
mute eine doppelt ſträfliche Abſicht dabei und vermute es beſonders 
um des Zuſammentreffens willen des Ordens und der Schrift von 
Niebuhr. Denn wäre die Schrift oder der Orden um 48 Stunden 
einer dem andern zuvorgekommen, ſo wäre eins unterblieben, die 
Schrift oder der Orden. 
Schuckmann “), will man für gewiß wiſſen, hat Schmalz für 
die Schrift bei ſeinem Zurückkommen aus dem Bade umarmt. Zichy“ ) 
hat, wie ich unwiderruflich weiß, in ſeiner Dummheit geſagt, da 
er das Geben des Ordens erfahren: „Nun erſt kann ich meinem 
Kaiſer für die Geſinnungen des Königs einſtehen.“ Mit einem 
Wort, Du wirſt es kaum glauben, welchen Effekt dieſe elende Schrift 
macht, Triumph bei den Bornierten und geradezu Schlechtgeſinnten, 
Indignation bei den Beſſeren und reines Bedauern, daß man Mittel 
gefunden, den König einzunehmen. Daß man aber den König ver: 
mocht, dieſem Schmalz den Orden zu geben, ſcheint geſchehen zu 


*) Schmalz, geb. 1760, + 1831, Profeſſor der Rechts- und Staatswifjen- 
ſchaften, veröffentlichte eine Schmähſchrift gegen das neue Deutſchtum und 
geheime Verbindungen. Vgl. „Schmalz und ſein Roter Adlerorden“ in 
Treitſchkes „Deutſcher Geſchichte“, Bd. III, Beilage 6. 

**) Friedrich v. Schuckmann, ſeit 1834 Freiherr, geb. 1755, + 1834, ſeit 
1814 Miniſter des Innern. 

) Graf Zichy, öſterreichiſcher Geſandter in Berlin. 
Humboldt⸗Briefe. V. 8 113 


fein, um den König unpopulär und weniger geliebt zu machen. 
Auch der Kronprinz ſoll ſehr indigniert über Schmalz' Schrift ſein, 
und von dem Aufſehen, das ſie im Auslande und beſonders im 
Oſterreichiſchen gemacht hat, haben uns fremde Leute erzählt. 

Nach Frankfurt hätte ich die größte Luſt zu reiſen und Dich 
zu beſuchen, mein teures Herz, wenn es auch nur auf kurze Zeit 
wäre. Allein ich weiß niemand, dem ich indeſſen Carolinen und 
die Gabrielle übergebe. Obgleich ſie ſich ſelbſt hüten, muß doch 
der Anſtand beobachtet werden. Gabriellen laſſe ich jetzt zu Schleier⸗ 
macher gehen, um ſie, falls ich nicht hierbleibe, im Frühjahr kon⸗ 
firmieren zu laſſen. 

Adelheid und Auguſt ziehen morgen in ihr neugemietetes, eigen 
möbliertes Quartier. Es iſt der Dreifaltigkeitskirche, wo Adelheid 
getraut iſt, gegenüber, alſo ziemlich weit von mir. Die Pferde er⸗ 
wartet Auguſt den 8. Da es wegen ſeiner Arrangements gut und 
notwendig iſt, ſo ſagte ich ihm heute, daß Du ihm die zwei kleineren 
Pferde ſchenkſt, welches er ſehr dankbar aufnahm und außerordentlich 
erfreut darüber ſchien. Er wird auch in dieſer Woche ſich von 
mir die 500 Taler geben laſſen. Er hat eine königliche Zulage 
von 600 Talern als Oberſtleutnant bekommen. Er hat alſo jetzt 
1900 Taler mit einigem Abzug, der immer vorfällt: 


1800 

vom Prinzen, ſoviel ich weiß, Zulage 560 
von uns 500 

2860 


Mit Holz und noch einigen Kleinigkeiten kann man ſagen 3000 Taler. 
Da ihm die Furage nichts koſtet, fo dünkt mich, können fie gut 
auskommen hier, und ſo lange er in dieſem Verhältnis zum Prinzen 
iſt eigentlich noch mehr, als wenn er wo anders wäre, denn er 
braucht auch gar nichts zu machen. Anterdeſſen rückt er weiter 
114 


vor, und er fagt ſelbſt, daß es nicht gut fehlen könne, daß er in 
vier bis fünf Jahren General ſei. 

Ich habe wegen Tieck“), dem Bildhauer, mit Nicolovius ge— 
ſprochen. Er meint, das Beſte ſei, dem Staatskanzler Tiecks Brief 
an Dich mitzuteilen, der in kurzem ein wahrer Lebenslauf von Tieck 
ſei. Trifft Dich der Brief nicht mehr mit Hardenberg zuſammen, 
ſo ſchicke ihn mir wieder. Gewiß ſehe ich den Staatskanzler und 
will ihn dann einmal gelegentlich für Tieck zu intereſſieren ſuchen. 
Tieck verdient allerdings, daß die Akademie etwas für ihn tue. 
Allein Nicolovius ſagt und mit connaissance de cause, wendete 
er ſich an Schuckmann, ſo konſultiere Schuckmann ſeine Frau (die 
ſelber zeichnet und malt) und dieſe den Papa Schadow“), der dann 
alles, was die Akademie auf Anterſtützung verwenden kann, allein 
auf ſeine Söhne“ ) leiten möchte. Auf dieſem Wege ginge Tieck 
leer aus. 

Du haſt mir auch die Abſchrift eines Briefes aus Madrid 
von einem Don Pedro Cevallos an Don Pedro Gomez Labrador 
geſchickt, der die Begnadigung des armen Kanonikus und die Zu— 
ſicherung einer Penſion enthält. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie 
ſehr es mich im Gedanken an den lieben, ſeligen Wilhelm tief ge— 
rührt hat und auch im Gedanken an Deine Liebe und Treue, mein 
beſtes, teuerſtes Weſen. Ich erinnere mich noch recht gut, wie wir 
einen Nachmittag die berühmte Schokoladenart bei dem Ranoni- 
kus tranken. Er dachte wohl damals nicht, daß nach mancherlei 
Leiden und Irrſal die Erleichterung ſeines Schickſals an der Erinne— 
rung des ſchönen, lieben, herrlichen Knaben hängen könntel ) Der 


) Chriſtian Friedrich Tieck, geb. 1776, + 1851, Bildhauer. 
**) Johann Gottfried Schadow, geb. 1764, + 1850, Bildhauer. 
) Rudolf Schadow, geb. 1786, + 1822, Bildhauer. Friedrich Wilhelm 
Schadow, geb. 1789, + 1862, Maler. 
t) Vgl. „Gabriele v. Bülow“, S. 26. 


8* 115 


Brief von Cevallos aus Madrid iff am 15. Auguſt, Wilhelms 
Todestag, elf Jahre nach ſeinem Dahinſcheiden geſchrieben. Auch 
das iſt ſonderbar! 
Ich umarme Dich, geliebtes, teures Herz. 
Ewig Deine Caroline. 


52. Humboldt an Caroline Paris, 4. November 1815 


Ilie kannſt Du Dich entſchuldigen, teures Kind, den Brief von 
Friedländer aufgemacht zu haben? Wir ſind ja nicht 
— auf dem Fuß, Geheimniſſe zu haben. . . 

Einige Mühe werden wir auch haben, in dieſen Monaten nichts 
zuzuſetzen, und in Paris in der erſten Zeit iſt dies unvermeidlich. 
Wirklich bin ich darüber in Verlegenheit. Mit 26 000 Talern, 
wenn man ſelbſt noch dazu die Miete bezahlt und ſo leben ſoll, 
wie es jetzt Preußen zukommt, iſt unmöglich, und doch habe ich den 
inneren Mut nicht, mehr zu verlangen. 6000 Taler Einrich⸗ 
tungsgelder, von denen ich noch gar nichts genommen, ſind 
auch bei weitem nicht hinreichend. Ich denke nur immer, daß 
irgendein magiſcher Schlag noch meine ganze Beſtimmung ab- 
ändert, und forge darum, nur hier gar keine vorläufigen Aus- 
gaben zu machen und im ganzen ſo ſparſam zu ſein als möglich. 
Aber es iſt unbegreiflich, wieviel Geld man doch immer aus- 
geben muß. 

Daß die Leute nicht wiſſen, was ſie aus meiner Sendung nach 
Frankfurt machen ſollen, begreife ich. Doch iſt der Grund ſehr 
ſimpel. Es iſt eine alte Krankheit bei uns, daß man immer meint, 
keine Menſchen für die vorkommenden Geſchäfte zu haben, und 
einen oder ein paar für alle brauchen zu müſſen. Darum fährt 
116 


man dann mit dieſen aus einer Ecke Europas in die andere. Es 
iſt aber keine gute Manier, eine große Stetigkeit iſt den Menſchen 
und den Sachen heilſamer. Ich für mich freue mich ſehr auf den 
Aufenthalt in Frankfurt. Ich ſehne mich nach Deutſchland und 
nach Einſamkeit. In Frankfurt brauche ich nicht viel in Geſell— 
ſchaft zu gehen und werde es alſo auch nicht tun. Einige Menſchen, 
wie z. B. Schloſſer, ſehe ich gern.“) 

Mit dem Staatskanzler geht es zwar im ganzen nicht übel, 
aber ſeine Geſundheit hat doch bedeutend und weſentlich gelitten. 
Nur hoffe ich immer, ſie ſtellt ſich bei ſeiner wundervoll ſtarken 
Konſtitution in Berlin wieder her. Aber die, die ihn bei ſeiner 
jetzigen Rückkehr mit der Zeit vergleichen werden, wie er 1813 Berlin 
verließ, werden einen ſehr bedeutenden und unangenehm auffallenden 
Anterſchied finden. Verdruß und Kummer tun auch nicht wenig 
manchmal dazu. Der preußiſche Staat iſt jetzt der ſchwierigſte zu 
regieren, und eine treffliche und recht das innere Edle ſeiner Natur 
beweiſende Eigenſchaft des Kanzlers, alle Kräfte immer anzuregen 
und nie eine als zu ausgreifend zurückzuweiſen, hat die Schwierig 
keit vermehrt. So fängt es an, ſelten zu werden, daß einer, der 
einen bedeutenden Platz hat, gehorcht, und jeder greift über in das, 
was auch nicht beſtimmt ſeines Amtes iſt. 

Mit der neuen Konſtitution hat der Kanzler ſich wieder eine 
große Verlegenheit bereitet. Ich hätte nicht eine bloße, ganz unbe- 
ſtimmte Hoffnung erregende Ankündigung gemacht. Die Sache iſt 
ſehr gut und ſogar notwendig, aber ſie iſt auch unter den gege— 
benen Amſtänden höchſt ſchwierig, und nie hätte man durch eine 
ſo unbeſtimmte Ankündigung allen Anſprüchen dergeſtalt die Tür 
öffnen müſſen. | 

Der arme alte Blücher hat ſich die Schulter neulich bei einem 
Sturz mit dem Pferde ausgefallen. Er iſt aber doch abgereiſt und 

) Fritz Schloſſer, Neffe von Goethes Schwager. 

117 


ſchien auch gar keine bedenklichen Zufälle, nur Schmerzen zu haben, 
die freilich natürlich ſind. 
Lebe innigſt wohl, umarme die Kinder. Ewig Dein H. 


53. Caroline an Humboldt Berlin, 9. November 1815 


Liebſtes, teuerſtes Herz! 


ein letzter Brief [vom 28. Oktober! hat mir durch ſeine 
tiefe Wahrheit einen unendlichen Eindruck gemacht. Ich 
kann und mag aber nicht von der Hoffnung ſcheiden, daß 
der offenbare Zuſtand des Streites, in dem man fühlt, daß die 
Menſchheit begriffen iſt, zu einem beſſeren Zuſtand führen wird, 
und glaube eher, daß dieſer in dem gemeſſenen Fortſchreiten der 
Zeit, die die ſchlechte Partei mit ſich hinwegnimmt und alſo den 
Tätigkeitskreis der Beſſeren vermehrt, geſchehen wird, als durch 
eine gewaltſame Revolution. Jener Weg ſcheint mir auch der 
ſicherſte. 

Die Ruſſen ſollen es an einer gewiſſen durchgehenden Konſter— 
nation des Militärs und den unaufhaltbaren Tränen des ganzen 
weiblichen Teils des Hofes gemerkt haben, wie ungern man die 
Heirat der Prinzeß Charlotte mit dem Großfürſten Nicolas“) ſieht. 
Es iſt darüber nur eine Stimme im Publikum. Die Prinzeſſin, 
die wirklich ein liebenswürdig, gemütliches Mädchen iſt, iſt all⸗ 
gemein beliebt. Die Heirat“) wird erſt in einem Jahr ſein, allein 
die Veränderung der Religion und das Hinbringen der Prinzeß 
nach Rußland zur Vermählung empört alle Menſchen. Auch wird 


) Großfürſt Nicolaus, geb. 1796, +1855, Bruder Alexanders I., von 
1825-1855 als Nicolaus I. Zar. 
) Fand am 13. Juli 1817 ſtatt. 


118 


fie niemand von allen ihren Amgebungen, höheren und niederen, 
durchaus niemand bei ſich behalten. 

Die Ruſſen haben ſich gar nicht hier beliebt gemacht, durch— 
aus ein air de supériorité annehmen wollen, wie wenn man es 
ihnen allenfalls zu danken hätte, daß man chez soi wäre. Be⸗ 
ſonders iſt unſer Militär ſehr ſchwierig gegen die Ruſſen, und die 
Bürger ſind durch das hier durchgekommene ruſſiſche Regiment, 
König von Preußen, weidlich geplagt worden. Mit einem Wort, 
dieſer ganze séjour des Kaiſers hat gar nicht zu ſeiner Verherrlichung 
beigetragen. 

Rauch hat am letzten Tage den Kaiſer für Oſtermann model⸗ 
liert, wobei Se. Majeſtät ſehr gnädig geweſen ſind. 

Ich danke Dir für den Brief von Perlin in den franzöſiſchen 
Zeitungen. Ich finde ihn echt ſpaniſch, aber ſehr hübſch. Mit 
einer ſolchen entſchiedenen Natur könnte auch eine fremde Eigentüm⸗ 
lichkeit wie z. B. die deutſche gegen die ſpaniſche beſtehen, mit dem 
franzöſiſchen Weſen aber durchaus nicht. Doch halte ich es für 
eine der allerſchwierigſten Lebensaufgaben für eine deutſche Frau, 
einen anderen als einen deutſchen Mann zu haben. And umge- 
kehrt, obgleich das Verhältnis der Geſchlechter es dem Mann etwas 
leichter macht. 

Ich erwarte, daß Du mir ſchreibſt, ob ich Dir vielleicht nun 
nach Frankfurt ſo viel Tiſchwäſche und Bettwäſche ſchicken ſoll, als 
Du etwa in Paris, bis ich komme, brauchen könnteſt. Ach, ich 
fürchte, Du kommſt, wenn in Paris nicht etwas Anberechenbares 
vorgeht, nicht von dem Poſten los. Ich will gewiß kommen, ſobald 
ich kann, ach, aber Monate gehen immer darüber hin! 

Nun Adieu, ſüßes, teures, einzig liebes Weſen. 


Ewig Deine treue Li. 


119 


! aus der Konferenz von mir weg. Da ich aber von morgen 
— früh an gleich belagert ſein werde, ſo will ich Dir doch lieber 
noch heute einige Worte ſagen. Ich habe Deinen ſüßen Brief vom 2. 
bekommen. Es hat mich ſehr glücklich gemacht, zu ſehen, daß Du 
wirklich Luſt hätteſt, mich in Frankfurt zu beſuchen. Ich würde 
mich unendlich freuen, Dich zu ſehen. Für die Kinder, dächt ich, 
ließe ſich Rat ſchaffen. Sollte die Stock“) nicht Dir zu Gefallen 
fo lange in Deine Wohnung ziehen? Ob fie gleich auch unverhei- 
ratet iſt, hat ſie ſo ein anſtändiges Alter, daß dagegen wohl nichts 
zu ſagen wäre. Von der Herz“) weiß ich nicht, ob fie den Mädchen 
ſo angenehm ſein möchte. Aber die wichtigſte Einwendung gegen 
die Reiſe ſcheint mir der Winter, die Wege und die Anſtrengung. 
Auch müßteſt Du jemand haben, der Dich begleitet. Sich ſo viel 
Mühe zu geben, bloß um mich zu ſehen, kommt mir ſelbſt ganz 
wunderbar vor, und ich kann es Dir auf keine Weiſe zumuten, 
teures Kind. Aber mit Dir, auch ſelbſt nur kurz zu ſein, würde 
mir wie die Stillung einer langen Sehnſucht gelten. Selbſt daß 
Du ganz allein kämſt, ſo unendlich lieb ich auch die Kinder habe, 
hätte einen eigenen Reiz. 

Ich werde im Mohrengarten wohnen. Der Tag unſerer Ab— 


reiſe läßt ſich zwar noch nicht beſtimmen, allein es iſt jetzt alles 


zu wetten, daß wir in der künftigen Woche fortkommen. Ich ar- 
beite dazu, wie Du ſiehſt, Tag und Nacht. In Frankfurt hoffe 
ich, in der erſten Zeit wenigſtens, deſto müßiger zu ſein. Es geht 
mir darin ſehr närriſch und recht meiner Natur gemäß. Ich kann 


) Dora Stock, Tante Theodor Körners. 
**) Henriette Herz, geb. 1764, + 1847, Jugendfreundin Humboldts. 
Vgl. Band J. 


120 


mir feit langer Zeit nichts Erwünſchteres denken, als Muße und 
Freiheit von Geſchäften, und doch kann ich nicht ſagen, daß ſie 
mir, ſolange ich darin bin, zuwider ſind. Ich habe einmal wenig 
Empfindlichkeit gegen das Anangenehme und eine erſtaunliche für 
das Gegenteil. 

Den Lärm um die Schmalziſche Geſchichte begreife ich ſehr gut. 
Niebuhrs Buch habe ich noch nicht geleſen. Der Kanzler hat es 
mir, wenn er damit fertig iſt, verſprochen. Ich fühle, daß es Nie- 
buhr ſehr unangenehm ſein muß, daß Schmalz den Orden bekommen 
hat. Der Kanzler iſt daran ganz unſchuldig. Er denkt über die 
Schmalziſche Schrift wie wir und hat Schmalzen mit keinem lo— 
benden Wort geantwortet. Wer indes hier ſehr und außerordent— 
lich für die Schrift war, iſt Kneſebeck. Allein auch dem König 
perſönlich und ganz aus eigenen Stücken hatte ſie ſehr gefallen. 
Dies alles weiß ich durch Alexander. Vom Orden war hier keine 
Rede. 

Die Geſchichte mit Tieck läßt wieder einen tiefen Blick in 
Schuckmanns Miniſterium werfen. Hier, liebe Seele, kann ich 
nichts mit dem Kanzler darüber anfangen, er vergißt es tauſendmal 
wieder. 


Lebe innigſt wohl, umarme die Kinder. Ewig Dein H. 


Mir fällt eben ein, daß leicht Wncillon*) den Nat zum Orden 


gegeben haben kann. 


) Johann Peter Friedrich Aneillon, geb. 1767, + 1837, 1790 Prediger 
der franzöſiſchen Gemeinde in Berlin, 1810—1814 Erzieher des Kronprinzen, 
dann im Miniſterium des Auswärtigen, 1831 Staatsſekretär und 1832 an der 
Spitze des Miniſteriums. Seine Politik ſchloß ſich eng an Oſterreich an. 

121 


55. Caroline an Humboldt Berlin, 13. November 1815 


eine Nummer 41 vom 1. November habe ich ſpäter wie ge⸗ 
wöhnlich bekommen, geliebteſtes Herz. Ich bin ſehr begierig, 
ob Ou den 15. von Paris wegkommſt. Daß der Kanzler 
immer unwohl iſt, ſchmerzt mich ſehr. Hier warten aller Augen und 
vermutlich auch aller Hände auf ihn. Das Gerücht ſeiner Unwobhl- 
heit iſt im Publikum, obgleich ich mich wohl hüte, ſie zu erwähnen. 
Goltz), der ehemalige Miniſter, hat ſich, ſagt man, Rechnung 
gemacht, nach Frankfurt zum Bundestag zu kommen. Er oder viel⸗ 
mehr fie, die Gräfin“), ſprechen auch von London, und daß ihr Mann 
den Poſten nicht annehmen könne, weil er der Sprache nicht kundig ſei. 
Wie hier die Klagen über das Abnehmen der Aniverſität zu⸗ 
nehmen, das kannſt Du nicht glauben. Man gibt im Publikum 
Schuckmann ſchuld, daß er die Aniverſität eingehen laſſen wolle. 
Alſo Pauline Wieſel iſt auch noch allant! Die Arme! Für 
dergleichen Schickſal hat man immer ein tiefes Mitleiden. 
Varnhagens Ernennung nach Karlsruhe hat mich allerdings 
frappiert. Er macht eine ſchnelle Karriere. Ich kann es nicht ap- 
probieren, und obgleich ſeine Frau gewiß beſſer als er iſt, ſo iſt 
ſie doch bei einem Poſten der Art gewiß ein reelles Hindernis, 
was man in Erwägung hätte ziehen ſollen. Die Judenliberalität 
kann ich nicht ſo unbedingt protegieren. Sie macht uns höchſt lächer⸗ 


— 


lich im Auslande und ſchadet dadurch in viel andern Beziehungen. 


Wir haben überhaupt nach außen hin gar noch nicht den Aplomb, 
den wir der Größe des Staats nach, der Größe der Begebenheiten, 
die wir herbeigeführt oder entſchieden, und dem Gewicht, was unſre 


) Auguſt Friedrich Ferdinand Graf v. d. Goltz, geb. 1765, + 1832, 
Miniſter des Auswärtigen von 1807 bis 1814. Geſandter am Bundestag 
von 1816-1824, 1817 Staatsrat. Vor und nach dem Bundestag Ober- 
hofmarſchall. 

*) Juliane v. Schack, verwitwete Gräfin von Czettrig-Neuhaus. 

122 


Armeen ſich fo glorreich erworben haben, haben follten. Das kann 
mich immer tief verdrießen; nicht aus Eitelkeit, Gott weiß es. Aber 
es gibt ein Gefühl der Würde, was man nie bei Seite ſetzen muß. 
Indem der Staat es tut, kränkt er auch tief die Individuen, die 
alle ihre Kräfte für ihn aufwenden, und lähmt dadurch die mora— 
liſche Kraft des Beſſeren. 

So hat man die Regierung von Merſeburg jetzt mit vier Re— 
gierungsräten beſetzt, die alle, ohne Ausnahme, recht eigentlicher 
Auswurf find. So ſucht man jetzt durch Bülow), den Miniſter, 
einen Menſchen in unſere Dienſte zu placieren, der ein verruchtes 
Buch zum Lob der weſtfäliſch-franzöſiſchen Regierung Anno 1813 
geſchrieben. Es geſchehen in der Art hier unglaubliche Dinge. 
Dagegen bleiben andere wirklich ausgezeichnete Menſchen ganz in 
den unteren Klaſſen. 

Ein recht ausgezeichneter der Art ſcheint mir Beuth“). Er 
hat ein fatales Außere, keinen Bart und eine feine Stimme, 
aber in ſeinen Geſinnungen iſt er deſto männlicher. Er iſt auch 
ein großer Protegé von Auguſt. Er beſitzt ungemein ſchöne Runft- 
kenntniſſe, beſonders wohl der Kunſt und der Literatur des Mittel 
alters und iff durchaus ein edler, feſter, rechtdenkender und -han- 
delnder Menſch. 

Wir haben bei dem Ehepaar [Hedemann] Sonnabend den 11. 
zum erſten Male Tee getrunken. Außer mir und meinen Hausge- 
noſſen waren nur Rochow* ) und Beuth und Wolfart da. Alles 
große Protegés von Auguſt. Sie find ganz hübſch eingerichtet. 

*) Vgl. S. 50. Bülow war 1808 unter Sérdme weſtfäliſcher Finanz— 
miniſter geweſen. 

**) Peter Chriſtian Wilhelm Beuth, geb. 1781, + 1853. Geheimrat im 
Finanzminiſterium. 1821 Staatsrat. Bedeutender Förderer des Gewerb- 
fleißes in Preußen. 

*) Vermutlich Adolf v. Rochow, geb. 1788, Adjutant und ſpäter Hof- 


marſchall des Prinzen Wilhelm (Bruder). 
123 


Die Gegend bleibt immer häßlich, wo fie wohnen, und weit von 
mir und ſehr weit vom Schloß für Auguſt. Die Equipage iſt in 
Bewegung gekommen ſeit dem zweiten Tag, wo ſie die Pferdchen 
hatten. 

Die Adel ſaß mit mir auf dem Sofa, machte den Tee, ſchellte, 
kommandierte, ſchickte Auguſt und Gabriellen hierhin und dorthin. 
Das Kommandieren verſteht Adel überhaupt viel beſſer als ich. 
Auguſt findet alles admirabel, was ſie tut. 

Zinſen aus Polen find gekommen, ſagt mir Runth*). Wenn 
wir nur die Goldſtangen aus Braſilien aufheben könnten! Künf— 
tige Chroniken würden davon ſchreiben. In einer alten Scharteke 
habe ich gefunden, daß einer Deiner Vorfahren in Frankreich Le- 
gationsrat geweſen ijt! Ein anderer iſt im Krieg gegen die Tal— 
patſchen geblieben!! 

Durch eine Konnexion weiß ich, daß Weſſenberg“), der, ich glaube, 
nach Frankreich öſterreichiſcherſeits geht, immer in beſtändiger Ror- 
reſpondenz mit einem franzöſiſchen Exilierten, Dürbach war, der ſich 
den Sommer und Herbſt über in Teplitz aufgehalten hat. Es ſollen 
doch noch immer Negoziationen über die Regentſchaft der Marie 
Louiſe“ ) und den kleinen Popanz, den Napoleon II., im Schwange 
ſein und von Eugen Beauharnais die Rede als Vertreter des Kleinen. 
Allein der Dürbach hat gemeint, um Sſterreich für dieſen Plan 
zu gewinnen, könne man auch den Erzherzog Karli) als Vormund 
des Kleinen ſich gefallen laſſen. Wie weit nun Weſſenberg in 


*) Gottlob Johann Chriſtian Kunth, geb. 1757, + 1829, Erzieher der 
Brüder Humboldt. 

*) Johann Philipp Freiherr v. Weſſenberg-Ampringen, geb. 1773 
+ 1858, öſterreichiſcher Staatsmann. Siehe Bd. IV, S. 290 f. 

*) Marie Louiſe, Tochter des Kaiſers Franz, geb. 1794, + 1847, 1810 
mit Napoleon vermählt. 

+) Karl Erzherzog von Oſterreich, geb. 1771, + 1847, jüngſter Bruder 
des Kaiſers Franz, berühmter Feldherr. 


124 


diefe Ideen eingegangen, weiß ich nicht, allein in Korreſpondenz 
war er mit dieſem Dürbach über Gegenſtände der Art. 

Adieu, liebes Herz, ich muß nun ſchließen und umarme Dich 
aus ganzer Seele. 


56. Humboldt an Caroline Paris, 16. November 1815 


Ach ſchrieb Dir, glaube ich, liebe Li, daß ich mit zwei fran- 
zöſiſchen dazu ernannten Kommiſſarien die letzte Anter— 
handlung zu machen hatte, von der noch die Anterzeich— 
nung des Friedens abhing, und welche die Forderungen der ein— 
zelnen Perſonen, Gemeinden uff. in Frankreich betrifft. Ich habe 
zehn Tage dieſe Sache mit unausgeſetztem Eifer betrieben, alle 
Abend die halbe Nacht durch Konferenzen gehabt, den Tag mit den 
langweiligſten Menſchen zugebracht, allein auch endlich die vorige 
Nacht um 2 Ahr unterzeichnet. Heute um 12 werden wir nun ver- 
mutlich mit Richelieu die Konzepte des ganzen Friedens und Sonn— 
abend etwa den Frieden ſelbſt unterſchreiben. 

Der Staatskanzler will ſchlechterdings am Montag fort. Ich 
weiß aber doch nicht, ob das möglich ſein wird, da wir auch noch 
notwendig zum König gehen müſſen. Allein Dienstag oder Mittwoch 
kommen wir unfehlbar fort. 

In meine Anterhandlung iſt auch Bentheim aus Wien, der 
hier iſt, gefallen. Er hatte eine beträchtliche Forderung an Frank— 
reich, die er aber auch viel höher berechnete, als er eigentlich 
konnte. Ich habe es dahin gebracht, daß er, und in ziemlich kurzen 
Terminen, 1200000 Franken bekommt. Er kann mir dafür ſehr 
dankbar ſein, denn ohne mich wäre es nie dahin gekommen. Ich 
möchte indes nicht dafür ſtehen, daß er es iſt, denn die Menſchen 
ſind nie zufrieden. Dagegen ſind die Bentheim ſtolz und wollen 

125 


noch immer die Souveräne ſpielen. So weiß ich durch Jordan, daß 
Bentheim, des Generals Vater, mir eine Doſe mit ſeinem Bild 
geben wollte. Jordan hat ſchon für mich vorgebeugt, daß ich 
hoffe, daß ſie mir die Mühe des Zurückſchickens erſparen werden. 

Mit unſerer Armee iſt etwas Sonderbares und eben nicht zu 
Lobendes vorgegangen. Der Abmarſch der Truppen wardurch beſtimmte 
Kabinettsorder in die Hände des Staatskanzlers gelegt. Er zeigte dem 
Feldmarſchall an, daß die Anterhandlung keine Schwierigkeiten 
mehr übrig ließe, die eine Beſetzung erforderten, und daß er räumen 
könnte. Der Feldmarſchall zog mit der ganzen Armee ab. Auf 
einmal hat er alle Korps Halt machen laſſen und einen Befehl 
ausgegeben, daß fie nicht eher weiter gehen und Frankreich ver- 
laſſen ſollen, ehe ihnen auf der einen Seite nicht Charlemont und 
die Scheldefeſtungen, auf der anderen Saarlouis und Thionville 
eingeräumt ſind. Der Kanzler hat gleich einen Kurier an den 
Feldmarſchall geſchickt, aber es iſt noch keine Antwort gekommen. 
Welches Aufſehen das hier bei den Franzoſen und ſelbſt den 
alliierten Miniſtern macht, iſt unglaublich; es iſt um ſo größer, 
als für die Abergabe der Feſtungen ohnehin Termine beſtimmt ſind 
und wir, außer Saarlouis, die anderen doch nicht behalten. Ich, 
wie ſehr ich den Leuten perſönlich gut bin, von denen dies herrührt, 
kann doch nicht anders als es mißbilligen. Ein Armeekommando 
muß, da es nur zur Ausführung beſtimmt iſt, gehorchen, nicht 
beratſchlagen und eigene Maßregeln ergreifen. Die Feſtungen zu 
fordern, iſt im Grunde eine Anterhandlung. Mit wem nun wird 
dieſe angefangen? Die franzöſiſchen Feſtungskommandanten können 
nicht übergeben, wenn ſie nicht von ihrer Regierung Befehl haben. 
Mit ihrer Regierung aber unterhandeln doch die Miniſter und 
haben bereits anders abgeſchloſſen. Wozu kann das alſo alles 
helfen, als den Kanzler und ſelbſt den König, in deſſen Namen er 
befiehlt, zu kompromittieren und die Meinung zu verbreiten, daß bei 
126 


uns ein Zwieſpalt der Meinungen herrſcht, der es bedenklich macht, 
mit uns ſich in Anterhandlungen einzulaſſen. Was kann daher 
der Nutzen ſein als einzig, daß die, die das beginnen, ſagen können: 
Wir haben etwas Kräftigeres gewollt und haben es, ſolange wir 
Gewalt hatten, auf unſere eigene Hand durchgeſetzt. Einer ſolchen 
Genugtuung nachzugehen, liegt außerhalb meiner Grundſätze. 

Dies alles bleibt unter uns, ich ſchreibe es Dir nur, weil ich 
mich gern mit Dir über alles ausſpreche, was uns beſonders in 
jeder Beziehung ſo nahe liegt, und weil es mir auch lieb iſt, daß 
Du weißt, wie die Sache zuſammenhängt, denn geſprochen wird 
gewiß in Berlin darüber. 

Gneiſenau iſt fortdauernd hier, iſt aber nicht, wie es ſcheint, 
außer aller Schuld oder Verdienſt, wie man es nimmt. Nur hat 
er immer eine Manier, ſich nur ſo weit einzumiſchen, als es ihm 
ratſam ſcheint. 

Ich muß hier aufhören, ſüßes Kind. In Frankfurt hoffe ich Ruhe 
zu finden. Ich ſehne mich nicht ſowohl nach der als nach Deutſchland. 

Lebe innigſt wohl. Ewig Dein H. 


57. Humboldt an Caroline Paris, 22. November 1815 


Ich reife mit dem Kanzler dieſe Nacht um 4 Ahr ab und habe 
nur Zeit, Dir dies zu ſagen, einzig liebes Herz. Ich habe 
drei Briefe von Dir und bin ſehr glücklich darüber. Du haſt 
fo ausführlich und fo unendlich gut geſchrieben. Ach! ich kann 
Dir nicht ſagen, mein einziges Leben, wie glücklich ich wäre, Dich 
zu ſehen. Aber ich glaube nicht, daß ich nach Berlin werde kommen 
können, und das Wetter iſt zu fürchterlich, um Dich nach Frankfurt 
einzuladen. Ewig Dein H. 


127 


58. Caroline an Humboldt Berlin, 23. November 1815 

Mein teures, geliebtes Weſen! 
ſſie doppelt dankbar ich für Deinen letzten Brief geweſen, 
glaube ich Dir letzthin in der Eile nicht geſagt zu haben. 
— Du gutes, liebes Weſen! Mir noch in der Nacht, nach 
einer wahrſcheinlich ſehr ermüdenden Konferenz, geſchrieben zu haben. 
Glaube nur, daß ich es mit innigſtem Dank empfinde. 

Deine Sehnſucht nach Muße und Freiheit von Geſchäften denke 
ich mir wie die Sehnſucht, die man in der Starrheit des Winters 
nach den erſten linden Lüften des Frühlings in ſich ſpürt. Ach, 
die letzten Tage wird es noch ſehr bunt durcheinandergegangen 
ſein. Ob Du wohl heutigen Tags weg von Paris biſt? Das 
Publikum fixiert hier des Fürſten Abreiſe auf den 20. Die Leute 
zerbrechen ſich den Kopf darüber, was Du in Frankfurt machen ſollſt. 

Friedländer, unſer Bankier, hat die Gräfin Schlabrendorff'“) ge- 
fragt, ob die kleine Levy als Frau v. Varnhagen nun hoffähig 
ſein würde. Ich glaube, er hat es getan, um die Schlabrendorff 
zu ärgern. Die Frage wäre doch ſonſt zu läppiſch. 

Die kleine Schrift“) iſt von Körner. Er hat mich gebeten, ſie 
Dir zu ſchicken. Sie greift nicht ſtark genug auf bewegte Gemüter 
ein, obgleich alles gut und wahr iſt, was darinnen ſteht. Ancillons 
Schrift ſcheint mir mit mehr Prätenſion als Tiefe geſchrieben zu 
ſein und ein gewiſſes Durchwinden durch die Klippen der Zeit. 
Sie ſoll frei geſchrieben ſein und iſt es nicht. 

Es geht in Berlin ein Gerücht, unſer Kronprinz werde eine 
Reiſe nach Italien machen, begleitet von Aneillon und Hirt“ “) und 
einem Adjutanten. 


*) Nichte des Grafen Guſtav Schlabrendorff, geborene Gräfin Kalckreuth. 
**) Stimmen der Warnung bei dem Gerücht von geheimen politiſchen 
Verbindungen im preußiſchen Staate, Berlin 1815. 
*) Aloys Hirt, geb. 1759, + 1836, Archäolog und Kunſthiſtoriker. 


128 


Zweiter Abſchnitt. 


In Frankfurt a. M bis zur Wiedervereinigung 
der Familie daſelbſt 30. November 1815 bis 6. Auguſt 1816 


59. Humboldt an Caroline Frankfurt, 30. November 1815 


P 
N > 


ch bin beſchämt und traurig, liebe Seele, Dir 
WI in fo langer Zeit gar nicht und auch die letzten Male 
ſo wenig ausführlich und ordentlich geſchrieben 
SB ay zu haben. Allein es blieb mir in den letzten 
—Dagen in Paris wirklich auch für das Liebſte und 
Nötigſte kein Augenblick übrig, und ſeit unſerer Abreiſe am 23. 
iſt kein Kurier abgegangen. Der Dir dieſen Brief überbringt, geht 
unmittelbar vor oder mit dem Staatskanzler. Dieſer ſelbſt reiſt 
übermorgen von hier ab, und von da an werde ich freilich mich darin 
ergeben müſſen, Dir einfach und bürgerlich durch die Poſt zu 
ſchreiben, ſo traurig es iſt. 


Wir find hier vorgeſtern abend bei ziemlich guter Zeit ange- 
Humboldt⸗Briefe. V. 9 129 


— 
Sx 

——ů— 

S14 


kommen, Caroline), die hier iſt, hatte eine ſehr große Freude, mich 
wiederzuſehen, und ich habe geſtern vormittag eine Stunde und 
dann den ganzen Abend allein mit ihr zugebracht. Adolf“) iſt 
auch hier, er kam nach dem Schauſpiel zu Hauſe. Er iſt groß 
und ganz hübſch geworden. 

Mein erſter Gedanke hier iſt die Möglichkeit geweſen, Dich, 
mein teures Leben, hier zu ſehen. Ich habe viel mit Carolinen 
und Stein, der ſich auch ſehr daran freuen würde, davon geſprochen 
und ſchreibe Dir nun zuerſt natürlich von dem, was meinem Herzen 
und meiner Sehnſucht am nächſten liegt. Im Grunde aber glaube 
ich nicht an die ſchöne Hoffnung und weiß auch nicht einmal, ob 
ich dazu raten ſoll. Von der Schwierigkeit mit den Kindern rede 
ich nicht, aber eine zweite Betrachtung iſt Deine Geſundheit und 
der furchtbare Winter. Auf keinen Fall müßteſt Du, wie Du 
einmal ſchriebſt, bloß auf acht Tage kommen. Die kürzeſte Zeit 
wären vier Wochen. Sonſt iſt wirklich die Anbequemlichkeit und 
ſelbſt die Gefahr zu groß. Dann mußt Du hübſch mit Muße, 
und wie ſich von ſelbſt verſteht, in ganz zugemachtem Wagen reiſen. 
Da Dein alter ſo groß iſt, wäre es wohl beſſer, einen zu mieten. 
In einem zweiſitzigen iſt man immer wärmer. Amüſieren würdeſt 
Du Dich, dafür glaube ich einſtehen zu können. Mich würdeſt 
Du unendlich glücklich durch Deine Gegenwart ſehen, Carolinen, 
Stein, Schloſſer würdeſt Du gern haben. Langweilige Menſchen 
ließen wir nur ſehr wenig an uns kommen, und auszugehen brauchteſt 
Du, wenn Du nicht wollteſt, gar nicht. Anterwegs beſuchteſt Du 
Goethe. Aber die Kälte! Die fürcht' ich nicht bloß unterwegs, 
ſondern auch hier. Ich bewohne zwar ein Haus allein und kann 
Dir eine Etage abtreten. Nur muß ich Dich bitten, mir es vor- 


) Caroline v. Wolzogen, geb. v. Lengefeld, geb. 1763, + 1847. Vgl. 
Bd. I., S. XIXf. 
**) v. Wolzogen, Sohn der Caroline. 


130 


her zu ſchreiben, weil dann Flemming und Boisdeslandes ausziehen. 
Das Schlimme aber iſt, daß dieſer Palaſt eigentlich ein Gartenhaus 
iſt, das überall Fenſter und dann nur eiſerne, gleich glühende (was 
Du nicht liebſt) und dann kalte Ofen hat. Eine andere Wohnung 
zu finden, würde ſchwer halten. Wüßte ich indes, daß Du kämſt, 
ſo ließe ich auch vielleicht Flemming und Boisdeslandes allein im 
Sommerhauſe und zöge mit Dir auf ſo lange in einen Gaſthof. 
Prüfe Dich alſo nur, aber unternimm ja nichts zu Gewagtes für 
Deine Geſundheit, ich bitte Dich inſtändigſt darum. Wie unendlich 
gern ich Dich ſähe, ſo wäre es ſchrecklich, wenn wir uns die Zeit 
des ruhigen Zuſammenſeins, die ja doch mit dem Frühjahr kommen 
muß, dadurch verbitterten. Biſt Du nicht Deines Wohlſeins recht 
gewiß, ſo bleibe lieber ruhig in Berlin, wo Du natürlich beſſer 
und geſünder eingerichtet biſt als hier. Je mehr ich im Schreiben 
daran denke, je weniger Mut habe ich, Dich in dieſen Palaſt zu 
bringen. Sage mir, ſüßes Leben, in Deinem nächſten Brief Deine 
Entſchlüſſe. Auch Caroline wartet darauf und geht vermutlich 
gleich, wie ſie erfährt, was Du machſt, nach Meinungen. Kämſt Du, 
ſo bliebe ſie vermutlich ſo lang als Du. 

Nachdem ich Dir eben viel Böſes von meiner ig ge⸗ 
ſagt habe, muß ich das Gute hinzuſetzen. Sie iſt wunderſtill, ein⸗ 
ſam und allein. Mir konveniert ſie ganz. Es iſt übrigens eine 
ſehr närriſche Wohnung. Der ganze Bezirk, in dem ſie liegt, heißt 
der Mohrengarten und hat vorn ein ziemlich verfallenes Tor. Durch 
dies geht man in eine ziemlich lange Gaſſe mit einigen Nebenwinkeln, 
und im Hintergrund iſt mein mit einem auf Säulen ruhenden Balkon 
geſchmückter Palaſt. Hinten iſt ein Garten, der Wall, und von oben 
eine weite und ſchöne Ausſicht. Vor dem Tor geht die Straße, 
und gegenüber wohnt eine alte Frau v. Holzhauſen, der dies wun⸗ 
derbare Weſen gehört, und die es beherrſcht. Caroline wohnt bei 
dieſer. In dem Mohrengarten wohnen nun die wunderbarſten 

9⸗ 131 


Menſchen durcheinander. Ich kenne nur bis jest einen alten Biſchof 
von Trier, einen Domdechanten, zwei bejahrte engliſche Fräuleins, 
Frau v. Ciiftine*) mit ihrem Sohn, ein paar Bundesgeſandte. 
Alle dieſe Vaſallen verſammelt Frau v. Holzhauſen von Zeit zu Zeit 
zu einem Tee, der, wie Caroline verſichert, einzig ſein ſoll. Der 
Mann der Frau v. Holzhauſen verachtet dies bürgerliche Gewerbe 
und tut, als ginge es ihn nichts an. Er hat aber dafür eine Ge- 
mäldegalerie, die meiſt aus Fragmenten beſteht, denn wo ihm in 
einem Gemälde eine Figur gefällt, läßt er ſie herausſägen und kon⸗ 
ſerviert ſie ſo. Ja manchmal duldet er nur ein Stück von einer 
Figur und hat ſo mehrere Figuren ohne Kopf. 

Auf der Reiſe habe ich zwar den Anfall gehabt, daß an 
meinem Wagen drei Poſten von Paris der Langbaum brach, ſo 
daß die Reparatur 500 Franken gekoſtet und 42 Stunden gewährt 
hat, allein mich hat es nicht aufgehalten. Ich ließ Boisdeslandes 
beim Wagen und ſetzte mich mit Flemming in ein von dieſem ge- 
kauftes Kabriolett. Kaum aber waren wir einige Poſten weiter 
gefahren, ſo brach auch dies. Der Zug hatte ſich nun zerſtreut, 
und wir fuhren traurig im Schritt nach der Poſt zurück, die wir 
eben verlaſſen hatten. Auf einmal kam uns eine Kurierchaiſe ent⸗ 
gegen, ich ließ anhalten, und ſiehe da, es war der Feldjäger des 
Prinzen Wilhelm. Nun ſetzte ich mich zu dem und kam ſo kurz 
nach dem Kanzler in Epernay an. Ich kann Dir nicht ſagen, wie 
froh es mich gemacht hat, ſo unvermutet bei Sternenſchein einen 
Menſchen zu finden, der Dich erſt vor wenigen Tagen geſehen hatte. 
Wenn er wieder zu Dir kommt, ſo danke ihm noch für ſeine Aufnahme. 

Am anderen Tag ſetzte ich mich in Jordans Wagen. Jordan 
fährt immer mit dem Kanzler und läßt ſeinen Wagen leer 


) Frau v. Cüſtine, geborene v. Sabran, Schwiegertochter des Revo- 
lutionsgenerals. Ihr Sohn Aſtolphe Marquis de Cüſtine, geb. 1793, + 1857, 
war 1814 beim Wiener Kongreß, 1815 in Frankfurt a. M. 

132 


folgen. Ich mochte darin nichts ändern, weil Jordan darauf hält, 
und dann auch, weil der Kanzler niemals das Fenſteraufmachen 
laſſen kann, ſondern immer Luft haben will. Jordans Wagen iſt 
freilich eine offene Chaiſe, man kann ſie aber ganz, faſt luftdicht 
verſchließen, dabei waren ſo viele Sachen darin, daß ich nur eben 
hineinpaßte, und außer meinem Fußſack hatte ich eine Schwanen⸗ 
boydecke, die Jordan immer bei fic) hat. Roreff*) hatte mir eine 
Mütze von ſeidenem Trikot über die Ohren gegeben, darüber tat 
ich meine Pelzmütze, und ſo bin ich den ganzen Weg von Epern ay 
an gereiſt, daß ich, wenn ich mich am Morgen eingepackt hatte, 
mich erſt am Abend wieder auspacken ließ. Du glaubſt nicht, 
welch eine göttliche Einſamkeit in ſolchem Fahren iſt. Die Leute 
auf den Poſten ahndeten meiſt gar nicht, daß ein lebendiges Weſen 
im Wagen ſaß. Am Abend aßen wir immer ſehr vergnügt zu⸗ 
ſammen, und die Nacht ſind wir nie gereiſt. 

In Saarbrück war eine ſo herzliche Freude, daß Du Dir 
keinen Begriff machen kannſt. Ehrenpforten, Bürgergarde zu 
Pferde, Mädchen mit Gedichten, Straßenjungen, die Spottlieder 
auf die Franzoſen ſangen, ein großes Mittageſſen und am Abend 
ein Ball, auf dem ſehr hübſche Mädchen waren. Eine ſah Gabrielen 
ähnlich, und von einer anderen behauptete Koreff, ſage aber das 
ja nicht Auguſt wieder, daß fie Schultern und Nacken wie Adel⸗ 
heid habe. 

Wie lange ich hier bleiben werde, weiß ich noch nicht. Es 
kann lang, es kann auch ganz unerwartet kurz hier werden. Mir 
wäre das Lange lieber, denn ich fühle voraus, daß es mir in 
meiner Einſamkeit ſehr wohl ſein wird, und kämſt Du je hierher, 
ſo wäre es ein Himmel. Ich fühle mich ſchon ſo ſehr glücklich, 
wieder in Deutſchland zu ſein. 

) Johann Ferdinand Koreff, geb. 1783, + 1851, praktiſcher Arzt und 
Schriftſteller. Im Gefolge des Staatskanzlers. 

133 


Ich bin unendlich reich an Briefen von Dir, ſüßes, teures 
Kind, und habe alle vom 9. bis 23. richtig bekommen, einige unter⸗ 
wegs, Du biſt fo unendlich gut, mir foviel zu ſchreiben. 

Ich gehe jetzt wenig zu Fuß aus, trage auch im Wagen 
Aberrock und Mantel und habe noch einen Fußſack außerdem. 
Allein ich tue das weniger aus Bedürfnis, als der Kälte zum 
Verdruß, die ich mehr wie je haſſe. Deutſchland könnte ſo gut 
als Italien ohne Eis beſtehen, und es iſt eine ganz unnütze Neckerei 
der Schöpfung, einen diesſeits immer in Schnee zu begraben und 
jenſeits ganz warm zu beſcheinen. Man nimmt das alles viel zu 
geduldig hin. Dabei fällt mir immer der Adelheid ihr göttliches 
pare vetro*) ein, das fie einmal in einem Garten in Rom fagte. 
Jetzt findet ſie, wie ich aus einem ihrer Tegelſchen Briefe ſehe, 
den Anfang des Winters ſogar ſchön. Was nicht die Liebe und 
das Vaterland machen. Das arme Kind! Sage das aber ja nicht 
Auguſt wieder. Doch ſiegen auch in mir die kindiſch nordiſchen Ideen 
manchmal. Noch heute früh, als ich die Fenſterſcheiben ſo gefroren 
jab, rührten mich die Blumen und wunderbaren Geſtalten ordent- 
lich und riefen mir meine Kindheit zurück, wo ich oft allein in die 
Fremdenſtube Mamas ging, die nicht gewöhnlich geheizt wurde, 
dieſe Pracht zu bewundern. 

Man iſt auf die Idee gekommen, die ſpaniſchen Rafaels 
kopieren zu laſſen, und ich bekam Auftrag deshalb. Die Sache 
rührt von Gneiſenau her, der jetzt meint, Preußen müſſe die Künſte 
durch Kaufen beſchützen, und er verlangte, daß ein Franzoſe ſie 
kopieren ſollte, weil die Franzoſen nicht zum freien Malen, aber 
zum ſklaviſchen Kopieren großes Talent hätten. Mir tat es zwar 
leid, das Kopieren ſo behandelt zu ſehen, aber warum ſoll man 
ſtreiten, und ich trug es Steuben auf. Man mußte mit der Perle 
anfangen, die am wenigſten verdorben iſt. Wir haben bei dieſer 

*) Es ſcheint Glas zu fein. 

134 


Gelegenheit auch Deine Beſchreibung in der Lit. Zeitung nach- 
geleſen und ſehr treu befunden. Ach, überhaupt, liebes Herz! 
Alexander malt, und nicht übel, kennt die Sachen ſehr gut und iſt 
ſehr nützlich beim Bilderkaufen. Allein mit welchen Worten er 
alles Gefühl wegſpricht, davon haſt Du keinen Begriff. Er hat 
ſeine eigentümlichſten Ideen für fremde Phraſen verkauft. Es tut 
mir innig leid, eine ſeltene Natur ſo untergehen zu ſehen, und 
es ermüdet auch furchtbar die Ohren, da ſein Redefluß unerbittlich 
dahinrauſcht. Gentz, der dies auch fühlte und mich oft in Paris 
im Gegenſatz mit Alexander verteidigt haben will, hat über uns 
etwas ſehr Hübſches, wenn auch nicht gleich Wahres geſagt. Wir 
wären beide eigentlich ein und dieſelbe Form, und unſer ganzes 
Weſen beſtände in einer totalen Gleichgültigkeit und Geringſchätzung 
alles Möglichen; der Anterſchied wäre bloß, daß der eine fein Ich 
immer blicken, der andere nie ſehen ließe. 

Bei Charakteriſtiken fällt mir ein, haſt du denn die kurze 
geſehen, die neulich der „Rheiniſche Merkur“ von mir gemacht 
hat? „Humboldt kalt und klar wie die Dezemberſonne.“ Es iſt 
närriſch, daß er nie recht gewagt hat, mit mir anzubinden. Der 
arme Kanzler iſt in derſelben Stelle ſehr ſchlecht behandelt, wie 
eine vollkommene Null; er hat es tief gefühlt. 

Gegen die Religionsänderung der Prinzeſſin Charlotte habe 
ich ſchon früh dem Kanzler geſprochen. Es iſt unanſtändig und 
war nicht notwendig. Andern denn die ruſſiſchen Großfürſtinnen 
je? Aber was hilft es? 

Du weißt, daß Perlins Frau ihm gefolgt iſt und von 
ſelbſt, ohne Gewalttätigkeit, eine wahrhaft edle Natur, die nur den 
tiefen Schmerz des Gemüts braucht, um ſich vom Daſein zu befreien. 
Es hat mir recht die Spanier der alten Romanzen zurückgerufen, 
die aus reiner Liebe ſtarben. 

Goltz zum Bundestag wehre ich ab. Es wird freilich ein 

135 


Poſten fein, auf dem vielleicht nichts geſchehen kann. Aber es ift 
wichtig, daß immer für Preußen ein Mann da in deutſchem Sinn 
und mit Kraft und Klugheit rede. Kann das Goltz? Vermutlich 
wird Stein die Stelle erhalten. Es hat auch manches gegen ſich; 
aber wo ſind die Menſchen? Man müßte ſie beſſer zuſammen⸗ 
halten, anders ziehen, ſo würden ſie nicht fehlen. So läuft alles 
blind durch- oder auseinander. 

Es iſt ſpät geworden, ſüßes Herz, und ich muß mit Carolinen 
zum Kanzler zum Abendeſſen fahren. Lebe wohl, mein einzig 
Leben. Wage ja nichts, um herzukommen, Du weißt ja doch, wie 
innig ich fühle, daß Du es möchteſt. Ewig Dein H. 


60. Humboldt an Caroline Frankfurt, 1. Dezember 1815 


Ich habe Dir geſtern, ſüßer Engel, durch den heute früh 
0 abgegangenen Kurier geſchrieben, muß Dir aber durch 

Jordan, der morgen mit dem Kanzler abreiſt, noch einige 
Worte ſagen. Die Gelegenheiten, ſich frei zu ſchreiben, ſind leider 
jetzt nicht ſo häufig mehr. 

Ich war heut abend noch in großer Geſellſchaft mit dem 
Kanzler bei Bethmann). Da Caroline und die Cüſtine auch da 
waren, amüſierte ich mich recht gut. Die Cüſtine tut ſehr artig 
mit mir und rechnet vermutlich ſehr auf mich, die Frankfurter 
Langeweile, die ſie wohl empfinden mag, zu unterbrechen. Aber 
ſo gern ich auch mit ihr umgehe, iſt mir meine Stube immer noch 
mehr wert. 

Ich habe heute dem Kanzler noch zwei Skripta hinterlaſſen. 

*) Simon Moritz Bethmann, geb. 1768 + 1826, der damalige kunſtſinnige 
Chef des Bankhauſes. 

136 


Eins über Wolfart, Koreff und Kunth, ein zweites über Alexander 
und mich. Der Kanzler ſelbſt iſt ſehr für den Magnetismus. 
Für mich habe ich die Dotation in Erinnerung gebracht. Da 
mir eben ſo viel als an der Dotation ſelbſt an der Art liegt, wie 
ſie mir gegeben und im Publikum aufgenommen wird, ſo habe ich 
vorzüglich das ins Licht geſtellt. Ich habe dem Kanzler geſagt, 
daß nur mein Wirken zum Beitritt Oſterreichs zur Allianz mir, 
meiner eigenen Empfindung nach, einen Anſpruch auf eine ſolche 
außerordentliche Auszeichnung geben könnte. Da aber glaube ich 
ohne Anmaßung ſagen zu können, daß ohne mich der Beitritt nicht 
oder minder gut erfolgt wäre. Mir iſt es wirklich wichtig, daß 
die Sache von der Seite angeſehen werde; denn über die Anter— 
handlungen, was ich natürlich dem Kanzler nicht geſagt habe, da 
es wahrhaftig nicht ſeine Schuld iſt, hat, und nicht mit Anrecht, 
genug Anzufriedenheit geherrſcht, ſo daß ich für dieſe keine Dotation 
einmal haben möchte. Ich habe ſie mir dann, wenn man ſie in 
den alten Provinzen geben wollte, im Mansfeldiſchen oder Schleſien, 
wenn es in neuen fein ſollte, auf der Inſel Rügen oder in Schwediſch— 
Pommern erbeten. Auf Rügen beſäße ich ſehr gern etwas. Des 
Betrags habe ich natürlich nicht erwähnt. Anter 4000 Taler 
wird es nicht ſein, und damit bin ich ſehr zufrieden. Ich dächte, 
wir müßten dann 10000 Taler Einkünfte haben, und damit könnteſt 
Du mit den Kindern nach meinem Tode ſehr anſtändig leben. 
Wie ich dem Kanzler die beiden Sachen brachte und ihm bloß 
von Wolfart ſagte, antwortete er gleich: „And vorzüglich muß man 
etwas für Sie tun.“ Er kam mir ſo ſelbſt zuvor, und ich denke, 
die Sache ſoll gehen. Iſt das gemacht, ſo bin ich für unſere äußere Lage 
am Ziel meiner Beſtrebungen. Schuldenfreiheit, eine Dotation und ver⸗ 
mutlich auch noch eine beſſere Mobiliareinrichtung ſind dann erreicht, 
und ich habe Dich in eine wirklich dauernd gemächliche Lage verſetzt. 
In der Tat denke ich dabei faſt nur auf Dich und die Kinder. 
137 


Ich werde, was ich auch manchmal für Plane darauf mache, doch 
ſchwerlich, ſolange ich lebe, aufhören zu dienen, und ſo bin ich 
durch meine Beſoldung immer geſichert. 

Mit der Varnhagen haſt Du ganz recht. Indes konnte ich 
es heute nicht laſſen, da mir einer ſagte, was die feine, pariſiſch 
erzogene Großherzogin ſagen würde, wenn die Jüdin zu ihr käme, 
lzu erwidern] daß fie beide Parvenüs wären und fic) recht gut 
zuſammen ſchickten.“) 

Aber die Würde des Staats urteilſt Du auch, wie man immer 
ſollte. In den Stellenbeſetzungen hat der Kanzler allerdings zu 
lave Begriffe, und überhaupt ijt es wunderbar, daß er bei hoher 
innerer und äußerer Würde ſich wenig ſcheut, auch mit den darin 
ſehr Angleichartigen ſich einzulaſſen. Ich kämpfe oft, aber ver⸗ 
geblich dagegen. 

Es iſt mir ſehr lieb, daß Du mir einen beſſeren Begriff von 
Beuth beibringſt. Er gehörte zu denen, die den Kanzler umgaben, 
ehe er in ſeine jetzige Stelle eintrat, als er einige Wochen in der 
Nähe von Berlin war, und ſtand nicht in gutem Ruf. Ich ſelbſt 
hatte Vorurteil gegen ihn. 

Canova hat alles [an Kunſtwerken] wegnehmen können, er hat 
aber den Tiber und die große tragiſche Muſe ſtehen laſſen. 
Aberhaupt haben alle einiges gelaſſen. Oſterreich die Hochzeit von 
Cana von Paul Veroneſe und anderes. Der König der Niederlande 
auch einige bedeutende Stücke. Wir bloß die unter dem Gewölbe 
ſtehenden Säulen und einen Kirſchkern, auf dem 140 Geſichter ge- 
ſchnitten find. Dies letzte ſage ich im Spaß, D[?] nämlich machte 
die Preußen immer damit lächerlich, daß ſie ihn ängſtigten, um den 
Kirſchkern aufzuſuchen, und Alexander wußte das ſehr drollig zu 
erzählen. Ich erinnere mich wirklich, dieſen Kirſchkern als Kind in 

*) Die Gemahlin des 1811 bis 1818 regierenden Großherzogs Karl von 
Baden war Stephanie Beauharnais, Adoptivtochter Napoleons. 

138 


OO ̃ ͤ³ ü ˙ Ä ²⁰ö EÜʃẽ— jm; ̃ꝓ—⁵̃ V. ⁵—QuN ²˙ wrTLUᷣ ö̃— A , ⏑’ . — ˙r ö! 


der Kunſtkammer gefehen zu haben, nämlich da ich ein Kind war, 
denn der Kern mochte wohl alt genug ſein. 

Die Negoziation über die Forderungen der Partikuliers iſt 
die, über die ich Dir Eichhorns“) Brief ſchickte. Es hat mir, um 
die Ruffen zu ärgen, wahren Spaß gemacht, dieſe Sache durchzu— 
ſetzen, und es iſt mir allerdings ſehr gelungen. Du mußt wiſſen, 
daß eine ganze Kommiſſion von Geſandten für dieſe Sache zuſam— 
mengeſetzt war, bei der ich nicht war. Dieſe machte nichts, zankte 
ſich und brachte einige elende Artikel zuſtande, die niemanden be- 
friedigt hätten. So kam die Sache an das Konſeil der Miniſter 
zurück. Die Sache war ſehr verwickelt, weitläuftig und ſchwierig, 
das Ende der Unterhandlungen vor der Tür. Kein Menſch wußte, 
was man damit anfangen ſollte. Ich übernahm, einen Bericht 
darüber zu machen. Ich kannte ſie gar nicht, allein Eichhorn und 
Altenſtein hatten das einzelne gut vorgearbeitet, ich ſetzte mich 
hinein und übergab den Miniſtern meinen Bericht und einen Kon— 
ventionsentwurf in mehr als 20 Artikeln. Sie lachten, verſicherten, 
die Franzoſen täten das nie, wußten indes doch nichts Beſſeres 
und mußten mir ſelbſt die Unterhandlung übertragen. Hinter meinem 
Rücken verſicherte Capo d' Iſtria“ ), Caſtlereagh und alle, es könnte 
und würde nie etwas aus der Sache werden. Ich fing ſie an, und 
in zehn Tagen und gleich viel Konferenzen habe ich alles durch— 
geſetzt, was man billigerweiſe verlangen konnte. 

Die Sache war darum noch fataler, weil von der erſten 
Konferenz an alles andere bis auf dies fertig war, und man 
mich alſo fürchterlich drängte, und weil ich es nie zu einem 


*) Johann Albert Friedrich v. Eichhorn, geb. 1779, + 1856. 1817 
Staatsrat, 1840—1848 im Kultusminiſterium. 

%) Johann Anton Graf Capo d’Sftria, geb. 1776, + 1831. Griechiſcher 
Staatsmann, ſeit 1809 in ruſſiſchen Dienſten, ſeit November 1813 Geſandter 
in der Schweiz. 

139 


ſtarken Widerſpruch mit den Franzoſen kommen laſſen durfte, 
denn dann wäre mir nichts übrig geblieben, als die andern Mi⸗ 
niſter zu Hilfe zu rufen, und die hätten mich alle mit Hohn— 
lachen zurückgewieſen. Ohne aber je ſie nur einmal um Nat 
zu fragen, habe ich ihnen die Konvention, von den Franzoſen 
unterſchrieben, gebracht. Es war eine der komiſchſten Szenen. 
Metternich und Weſſenberg, die ſich bis dahin gar nicht um die 
Sache bekümmert hatten, taten nun, als wollten ſie ſie verſchlingen, 
da ſie ſahen, daß man hatte etwas machen können und die Angſt 
hatten, daß, obgleich meine Konvention für alle galt, für ſie doch 
vielleicht dabei verſäumt wäre. 

Wellington las die Konvention vor, und Capo d' Iſtria knurrte 
bei jedem Paragraphen, wie hart das für die Franzoſen fet. Wenn 
ich ihm dann ſagte, daß ſie ja alles ganz gutwillig unterſchrieben 
hätten, ärgerte er ſich noch mehr. Dazu kam, daß die Warſchauer 
auch eine ähnliche Konvention gefordert hatten, und Rußland ihnen 
die abgeſchlagen hatte. Er begriff nun wohl, wie man dort murren 
würde. Mir lag an dem Gelingen dieſer Sache teils dieſer kleinen 
Perſönlichkeiten wegen, teils weil ſie ſo viele einzelne intereſſiert, 
und weil ich ſie ſo evident ganz allein und im Widerſpruch mit 
allen durchſetzte, alles, und wenig Dinge haben mich ſo gefreut. 
Selbſt der Kanzler hat die Konvention erſt nach der Anterſchrift 
geſehen. In den Rheinländern hat mir ein Artikel beſonders ſehr 
viel Dank verſchafft. Bonaparte hatte Waren, die ſeine vormaligen 
Antertanen von ihm ſelbſt als erlaubte Kolonialwaren gekauft hatten, 
konfiszieren laſſen. Darüber hatten mehrere Kaufleute Banke⸗ 
rott gemacht. Dieſe Sache gehörte gar nicht in dieſe Unterhand- 
lung. Ich habe aber noch am vorletzten Tage Mittel gefunden, 
dafür einen Artikel zu machen und Entſchädigung zu erhalten. So 
auch habe ich Zinſen hineingebracht, die die Franzoſen ſeit dem 
Lüneviller Frieden nicht bezahlt haben. Ich ſage Dir das fo aus⸗ 
140 


führlich, weil ich weiß, daß es Dich intereffieren wird. Gegen andere 
erwähne deſſen weiter nicht. 
Lebe wohl, mein innigſt geliebtes Kind. Ewig Dein H. 


61. Humboldt an Caroline Frankfurt, 5. Dezember 1815 


„Iie ſchöne Zeit der Kuriere iſt vorüber, liebe Li, und wir 
müſſen ganz bürgerlich durch die Poſt ſchreiben. Das iſt 
ſehr traurig, aber einzelne Gelegenheiten werden ſich hof⸗ 
fentlich doch finden. Du wirſt ſehr lachen, wenn ich Dir ſage, daß 
ich ſchon ſo eingerichtet bin, als hätte ich zehn Jahre hier gewohnt, 
und mich ausnehmend glücklich fühle. Mein Haus iſt in den wee 
nigen Tagen zu einem wahren Kleinod geworden, alle Fenſter ſind 
verklebt, es wird beſtändig aber mäßig geheizt, der Antugend der 
eiſernen Ofen, daß ſie einem ordentliche Flammen gegen die Stirn 
blaſen und die Füße kalt laſſen, habe ich durch vorgeſetzte Schirme 
und Fußteppiche abgeholfen, und ſo iſt freilich nicht viel Luft, aber 
eine göttliche Temperatur bei mir. Zum Arbeiten habe ich eine 
ſehr kleine Stube und einen ungeheuer großen ehemaligen Eßtiſch, 
meine Schlafſtube iſt dicht dabei, was kann man mehr verlangen. 
Höchſt anziehend iſt beſonders die unendliche Stille, ich bin wie 
auf dem Lande und kann jeden Angriff, der auf mich geſchieht, 
von weitem ſehen und gleich abſchlagen. Geſchäfte habe ich jetzt 
eigentlich noch gar keine, und ſie werden auch nur nach und nach 
anfangen. Dennoch ſuche ich ſo viel zu Hauſe zu bleiben als nur 
immer möglich iſt. 

Caroline ſehe ich täglich. Ich bringe den Abend bei ihr zu, 
oder wir gehen zuſammen aus. Sie iſt heiter und ſehr liebens- 
würdig. Ob ſie ſelbſt in dieſer Zeit etwas gedichtet oder ſonſt ge⸗ 
macht hat, weiß ich nicht. Wir haben noch immer ſo viel von der 

141 


Zeit, den Ereigniffen, den Menſchen zu fprechen gehabt, daß wir 
darauf noch nicht gekommen ſind. Ihr Arteil hierüber iſt zwar 
nicht immer gerade tief und eingreifend, aber ihre Milde und Klar⸗ 
heit, die gegen die frühere Zeit ſehr zugenommen hat, erſetzen dies. 
Adolph bleibt noch einige Tage hier, und die Mutter ſelbſt nicht 
länger. 

Die Cüſtine gibt ſich viel Mühe mich für ihre Tees zu gewinnen, 
und ich ſehe recht, welch ein Anterſchied zwiſchen Deutſchland und 
Frankreich iſt. In Paris war ſie mir ein ordentlicher Troſt. Sie 
hatte ſo nichts von dem, was ich an den übrigen nicht mochte, in 
allem, was ſie ſagte, lag vergleichungsweiſe mehr Gemüt, und es 
wurde mir immer wohler mit ihr. Hier iſt das ganz anders. Hier 
iſt ſie in deutſchen Geſellſchaften mir nur eine Art Störung, und 
in ihrer eigenen fühle ich eine unbequeme Leere, ob ich gleich alles 
Gute an ihr wiedererkenne, was ich im Sommer in Paris fand. 
Der Sohn iſt gewiß nicht unintereſſant, allein ſowie ich allein bin, 
komme ich gar nicht dahin, irgendeinen Menſchen kennen zu lernen. 
Jeder Beſuch wird eine Art Geſchäft und ſucht einen Zweck, und 
der Hang der Einſamkeit reißt mich ſo hin, daß es mir wie ein 
Anglück erſcheint, ausgehen zu müſſen. Wenn ich mit Dir bin, ſind 
einmal gewiſſe Stunden, die man immer zuſammen verlebt, denen 
es mir nie, da Du mit den Kindern da biſt, einfallen könnte, das 
Alleinſein vorzuziehen, und in dieſen kann ſich allein auch mit anderen 
ein freies Geſpräch entwickeln. 

Bei Stein war ich geſtern mit Carolinen und Pfuel*) — dem 
Schwimmer — der aber ein höchſt intereſſanter Menſch iſt und ſich 
jetzt noch mehr entwickelt hat, den ganzen Abend. Sie war nicht 
zu Hauſe, was eigentlich die Anterredung noch mehr zuſammenhielt, 
die mit mehreren ſich natürlich zerſtreut. 

*) Ernſt v. Pfuel, geb. 1779, + 1866, ſeit 1815 im preußiſchen General- 
ſtab. 

142 


Ich wurde unterbrochen, und ſiehe da, Du bekommſt diefen Brief 
doch durch einen Kurier. Mein Feldjäger wurde nämlich von 
Saarbrück aus nach Paris geſchickt und iſt jetzt wiedergekommen. 
Ich ſende ihn nun weiter nach Berlin, da er Briefe von Goltz hat, 
die wichtig ſein können. 

Vor allen Dingen ſchicke ich Dir einen Brief Alexanders, 
den Du mir natürlich nur mit einem Kurier zurückſchicken kannſt. 
Er iſt in vieler Rückſicht merkwürdig, hiſtoriſch für das, was in 
Paris vorgeht, und was man über mich ſagt, und dann auch vor— 
züglich wegen Alexander ſelbſt. Du wirſt ſehen und haſt das viel- 
leicht nie bisher ſo klar empfunden, welch politiſches Treiben er 
immer hat, und wie ſich eine ganz neue Seite in ihm entwickelt 
hat, nämlich die Beſchützung der institutions libérales, der Krieg 
gegen den Despotismus und die Vervollkommnung der menſch— 
lichen Geſellſchaft. Gott weiß es, daß alle dieſe Dinge ſehr wichtig 
und lobenswert ſind, und ich begreife recht gut, wie man auch neben 
ganz einſamen literariſchen Beſchäftigungen dafür Sinn und In— 
tereſſe haben kann. Allein in Alexander kann ich das alles nur 
höchſt flach und ſchal finden. Die Kraft guter Verfaſſungen be- 
ruht auf einem weſentlich ſtarken und reinen Charakter, man empfindet 
ſelbſt nicht einmal das Bedürfnis der Freiheit ohne die Richtung 
des Charakters darauf. Das iſt z. B. in Schlabrendorff äußerſt 
ſichtbar. Nun aber liegt teils in Alexanders Charakter gar nichts, 
was ſich eben da hinneigt, er könnte unter jeder Verfaſſung und 
ſehr unbekümmert darum leben, und damit meine ich wahrlich keinen 
Vorwurf, der ſonſt auch leicht mich ſelbſt treffen könnte; teils aber 
dringt er auch gar nicht bei dem Volk, für das er nun Partei 
zu nehmen ſcheint, auf einen ſolchen Charakter, iſt vielmehr bei allen 
Völkern oft gegen die Charakterſeiten, die das wahre Fundament 
der Freiheit ſind, harmoniert nicht einmal in Paris mit denen, 
die eigentlich ſehr kräftig find; mit einem Wort, ſeine Freiheits- 

143 


und Verfaſſungsliebe iſt ſchlechterdings nicht Liebe zum Volk, nicht 
Abereinſtimmung mit ſeiner einfachen und geraden Sinnesart, nicht 
Mitleid mit ſeiner Lage oder ſeiner Anbehilflichkeit, für die reine 
und gute Abſicht paſſende Mittel zu finden, es iſt Liebe zu einem 
Teil der Geſellſchaft und in Paris wirklich zu dem ſchwatzenden, 
faft nie handelnden, zu dem Lafayette“), Tracy und ſolche Menſchen 
gehören. Daher iſt er auch ganz verſöhnt mit denen, die die Anti⸗ 
poden aller Möglichkeit von Freiheit find, wie Talleyrand, Cau- 
laincourt“), weil ſie doch immer einen Firnis von liberalen Ideen 
herausſtecken, und wäre Napoleon nur ein bißchen weniger will⸗ 
kürlich geweſen, ſo hätte allen dieſen Herren das Maß ſeiner Frei⸗ 
heit vollkommen genügt. Du wirſt in dem ganzen Brief eine Art 
Theaterſprache finden. 

Es ſchmerzt mich wirklich, ſo zu urteilen, aber es iſt doch nicht 
anders. Dabei iſt Alexander doch immer ſehr viel und hat auch 
ſehr gute Seiten, aber dieſe hier ſind mir furchtbar, es kann mir 
ordentlich manchmal mit ihm bange und unheimlich werden. 

Es iſt närriſch genug, daß Talleyrand meine Rechtfertigung 
übernimmt. Ich bin ihm faſt immer, namentlich in Wien, ſehr ent⸗ 
gegen geweſen und habe ihn in Paris ſehr vernachläſſigt; aber es 
iſt ſchon mir unverkennbar geweſen, daß er eine gewiſſe Zuneigung 
zu mir hat. Es liegt vermutlich nur daran, daß ihn oft in Kon⸗ 
ferenzen Worte amüſiert haben, die ich geſagt habe. 

Was aber auch Alexander ſagen mag, wirſt du deutlich ſehen, 
daß es gar kein angenehmes Leben für mich in Paris geben kann. 

Jetzt noch einiges zum Verſtändnis. Der Abend bei Frau 
v. Jasmund. Wir hatten mit dem Kanzler, der Jordis und der 


) Marquis de Lafayette, geb. 1757, + 1834, berühmter franzöſiſcher Ge- 
neral und Staatsmann. 

**) Armand Auguſtin Louis Graf Caulaincourt, geb. 1772, + 1827, fran- 
zöſiſcher Miniſter. 
144 


Jasmund zuſammen in Geſellſchaft gegeſſen. Es wurde vorgeſchlagen, 
da wir um 4 Ahr die Nacht fortfahren wollten, die Nacht bei 
Jasmunds zuzubringen. Es war noch die Jordis, eine franzöſiſche 
Malerfrau, Gneiſenau, Koreff, der aber mit Alexander wegging, 
und Flemming da. Ich gebe gern zu, daß man geiſtreichere Ge— 
ſpräche haben kann, es wurde gelacht, geſungen (deutſche, zum 
Teil Soldatenlieder), kleine Spiele geſpielt. Alexander ging nach 
Mitternacht weg. Ich kann nun nicht leugnen, daß ich mich gut 
amüſiert habe. Es mag wohl kindiſch fein, aber ich habe nun ein⸗ 
mal an nichts die Luſt verloren, und was ich in Göttingen gern 
tat iff mir noch lieb. Le ministre du faubourg und le faubourg 
iſt immer Goltz“). Er iſt freilich nicht angenehm, aber die letzte Nacht 
hat mich ſehr mit ihm verſöhnt. Er war auch dabei und ſehr luſtig 
und natürlich. 

Nun lebe wohl, geliebtes, teures Leben, umarme die Kinder, 
ewig Dein H. 


Die Charlotte“) hat mir wenigſtens fünf enge Briefbogen 
nach Paris hin geſchrieben. Ihre Geſundheit hat fic) fo gebeſſert, 
daß ſie 140 Pfund wiegt, gerade, ſchreibt ſie, ſo viel als ſie in 
Pyrmont gewogen hätte. Das iſt eine eigene Manier, die Schönheit 
zu rekonſtruieren. 


62. Humboldt an Caroline Frankfurt, 8. Dezember 1815 


fir geht es hier ſehr wohl, ja wirklich ſo wohl, als es mir, 
N ohne Dich, leicht je gehen könnte. Es iſt mir ordentlich 
wunderbar, wie das Gefühl in Deutſchland zu ſein auf 
‘nich wirkt. Ob es gleich in meiner Empfindung viel mehr iſt, als 
) Vgl. S. 100. 
% Diede, vgl. S. 18. 
Humboldt- Briefe. V. 10 145 


bloß nicht in Frankreich zu fein, fo gewinnt doch auch dies negative 
Gefühl ordentlich durch ſeine Stärke etwas Poſitives. Ich halte 
ſehr viel auf das Element, in dem man lebt, es iſt ſogar meines 
Bedünkens das echte Glück, das man ſich ſchaffen kann, ſich mit 
dem rechten zu umgeben, und alles Haſchen nach dieſem oder jenem 
Genuß iſt nichts dagegen und nur ein unverſtändiges Streben. Was 
auch ſo errungen werden mag ſteht immer einzeln da und erhält erſt 
ſeinen Wert, wenn es in die Vergangenheit tritt und nun zur Er⸗ 
innerung wird, dem wohltätigſten aller inneren, geiſtigen Elemente. 

Ich ſehe Carolinen alle Tage, und ſelten iſt einer, an dem 
wir nicht einige Stunden miteinander zubringen. Vorgeſtern habe 
ich ihr den Agamemnon vorgeleſen, an dem fie viel Freude ge- 
funden hat. Auch hat er ihr, was mich ſehr freut, nicht dunkel 
geſchienen. Ich habe ihn in dieſen Tagen geendigt und mit Fleiß 
die erſten dazu genommen, die immer die arbeitfreieſten ſind. Die 
vorletzte Szene, die große der Klytämneſtra, hat Pfuel mit nach 
Leipzig genommen, fie an Hermann!) abzugeben, es bleiben mir 
jetzt noch einige 20 Verſe durchzuſehen übrig, dann will ich noch 
einmal das Ganze genau überleſen, noch vielleicht einzelne Härten 
wegzubringen, und dann die Hand davon abziehen. Aber ich kann 
mich nicht eher davon trennen, bis ich nicht mehr daran zu tun 
weiß. Ich habe eine innere Liebe dazu, die mich immer wieder 
dazu zurückführt. 

Aber die Länge meines hieſigen Aufenthalts weiß ich noch 
ſchlechterdings nichts zu ſagen und werde es vielleicht, ja ſogar 
wahrſcheinlich, bis gegen das Ende nicht können, da die Haupt⸗ 
ungewißheit in den Verhandlungen liegt, die man jetzt in München 
macht. Wie dieſe beendigt ſind, müße es hier nicht lange dauern. 
Ich rechne nur bis auf die Hälfte des Januars. 

„) Gottfried Hermann, geb. 1772, + 1848, Philolog, Profeſſor der 
Philoſophie und Beredſamkeit. 

146 


Ordentlich lächerlich iſt es zu ſehen, wie hier nun die Bundes⸗ 
geſandten verſammelt ſind und alle auf eine große Tätigkeit hoffen, 
da man vorausſehen kann, daß ſie nur ziemlich unbedeutend werde 
ſein können. Mir tun die hier Anweſenden ſehr die Ehre an, zu 
wünſchen, daß ich hier bleiben möge, und ich leugne nicht, daß ich 
es gern täte. Du könnteſt, und ich mit Dir, denn man kann ja 
hier nicht viel zu tun haben, im Sommer den Rhein wohl auf, 
wohl ab ziehen, und der Rhein und die ihn umgebenden Länder 
bleiben auch in der ganzen Welt immer ein einzig ſchöner, charak— 
teriſtiſcher Punkt, in dem ſich Deutſchheit und Naturgröße und 
Anmut vereinigen. Die Geſellſchaften hier ſind langweilig, aber 
die ſollen uns auch wenig angehen. 

Wunderbar kommt es mir manchmal vor, wie ohne Stein 
und mich an keinen deutſchen Bund gedacht worden wäre. Stein 
hatte ſeinen Plan ſchon früher gemacht. Ich machte den erſten 
hier im Jahre 1813. Viel, begreife ich wohl, wird und kann aus 
der Sache nicht werden. Allein einmal iſt es doch ſehr ſpaßig, 
daß auf eine Idee, die man gehabt hat, nun die Leute von allen 
Ecken hier zuſammenkommen, fic) ennuyieren und andere, gravi- 
tätiſch ſich zuſammenſetzen, und daraus ein ordentliches, mit Händen 
zu greifendes Weſen wird; und dann werden doch Begriffe des 
Rechts aufrechtgehalten, wo ſonſt alles in bloße Willkür ausarten 
würde. So eine aufgeſtellte Idee iſt wie die Sterne am Himmel. 
Sie mengen ſich auch nicht unmittelbar in die Dinge der Erde 
und laſſen unter ſich jeden Frevel begehen. Aber die Menſchen 
trieben ſich doch noch verwirrter und wilder untereinander herum, 
wenn ſie nicht immer über ihnen ſtänden wie ſtrafende und tröſtende 
Augen. 

Einzelne intereſſante Menſchen gibt es hier gewiß und ſogar 
nicht wenige, allein wenn ich von Dir getrennt bin, exiſtiert das 
für mich nicht. Es gibt kein Zuſammenſein des Abends, es wird 

10* 147 


alles abſichtlicher Beſuch. So ſehe ich voraus, daß ich auch Schloſſer 
wenig genießen werde. 

Ich kriege eben hier einen Brief von Wilken“) aus Heidel- 
berg über die Heidelberger Bibliothek. Was davon in Paris 
war, hat der Papſt förmlich, nach ſeinem Ausdruck, der Ani⸗ 
verſität geſchenkt. Conſalvi“) ſchrieb es mir offiziell, ich ließ 
aber, wie billig, den Kanzler nach Heidelberg es verkündigen. Auf 
meine Veranlaſſung haben Metternich und der Kanzler eine von 
mir abgefaßte Note an Conſalvi erlaſſen, auch den noch in Rom 
befindlichen Teil der Bibliothek zu geben. Lebzeltern“ ) ſoll die 
Sache unterſtützen. Ramdohr c) habe ich nicht darein miſchen 
mögen, er verdirbt leicht. Aber wenn Niebuhr hinkommt, wird die 
Sache vielleicht noch nicht abgemacht ſein. Erzähle ihm darum 
davon und bitte ihn, ſich von Jordan die Akten geben zu laſſen 
und zu machen, daß dieſer Punkt in ſeine Inſtruktionen aufgenommen 
wird. Sollte der Papſt auch ſchwierig ſein, ſo glaube ich, erhielte 
man doch die deutſchen Manuſkripte, die auch der wichtigſte Teil 
für uns ſind. 


63. Caroline an Humboldt Berlin, 9. Dezember 1815 


f Teein Brief vom 30. November aus Frankfurt hat mich un⸗ 
1 endlich glücklich gemacht, teures liebes Herz. Seitdem iſt 
E =| Koreff zu mir gekommen. Er trat vorgeftern abend unver- 
mutet ins Zimmer, wie wir um den Teetiſch herumſaßen, und brachte 
mir Deine und Flemmings Grüße. Der Staatskanzler iſt erſt 


) Friedrich Wilken, geb. 1777, + 1840, Hiſtoriker. Profeſſor in Hei⸗ 
delberg und Direktor der Aniverſitätsbibliothek. 
**) Conſalvi, geb. 1757, + 1824, Kardinal und Staatsſekretär Pius’ VII. 
***) Lebzeltern, v., öſterreichiſcher Diplomat. 
+) Ramdohr, v., geb. 1752, + 1822 als preußiſcher Geſandter in Neapel. 


148 


geftern in die Stadt gekommen, die vorgeftrige Nacht hat er noch 
auf ſeinem Gute geſchlafen. 

Sobald ich Deinen Brief empfing, und da ich mich wirklich 
viel wohler fühle als Ende Oktobers und im Anfang des Novem— 
bers, ſprach ich mit Wolfart wegen der Reiſe, die Du und ich ſo 
ſehr wünſchen. Er bat ſich ein paar Tage zur Aberlegung aus, 
ſagte mir aber geſtern abend, er könne es nicht gewähren, einmal 
könne er die magnetiſche Behandlung nicht ſo Knall und Fall ab— 
brechen, dann fürchte er auch ausnehmend die Kälte und müſſe be— 
rechnen, daß ich Hin⸗ und Zurückreiſe in der allerbitterſten Kälte 
zu machen haben würde. Ich kann nicht leugnen, daß Wolfarts 
Ausſpruch in Hinſicht auf die magnetiſche Behandlung mich ſehr 
wundert, denn ich werde nur ſelten magnetiſiert. Nur von Zeit 
zu Zeit läßt er mich eine Nacht magnetiſch ſchlafen. Die Erquickung 
ſolcher Nacht, das Gefühl erhöhter Geſundheit und Lebensfülle, 
was ich dann aber auch in den nächſten Tagen habe, kann ich Dir 
gar nicht beſchreiben. Ich muß hierbei eines Amſtandes erwähnen, 
den ich nicht oder doch nur ſehr leicht in meinen vorigen Briefen 
berührt haben mag, um Dich nicht zu beunruhigen. Vorgeſtern 
vor vier Wochen bekam ich nachmittags einen ſolchen heftigen 
Herzkrampf, daß ich auch von dem Augenblick an den ganzen Nach— 
mittag und bis Abend nichts mehr von mir gewußt habe. Iſt dies 
nun die Kriſe des Abels geweſen? Ich muß es glauben, denn von 
da an, und nachdem ich die Mattigkeit, die mir in den nächſten Tagen 
davon blieb, überwunden hatte, von da an ging und geht es beſſer 
mit meiner Geſundheit wie den ganzen Sommer und Herbſt hin— 
mur... 

Seit drei Tagen iſt nach dem gelindeſten nebligen Wetter der 
heftigſte Froſt mit ganz heiterem Himmel und Oſtwind eingetreten, 
der ſo hübſch durch alle Gebäude durchpfeift, daß man ſich kaum 
im Zimmer erwärmen kann. 

149 


Ach, liebes, gutes Weſen, teurer Wilhelm! Wie leid tut es 
mir, daß ich Dich noch nicht ſehen ſoll. Die Reiſe nach Frankfurt 
hätte mir eine unendliche Freude gemacht und bis jetzt hoffte ich 
immer und immer, es könne ſich noch ſo fügen. — 

Ich danke Dir für den Brief von Eichhorn, ja wohl lobt man 
Dich, und mit Recht, liebe, „klare, kalte Dezemberſonne!“ 


64. Humboldt an Caroline Frankfurt, 15. Dezember 1815 


u kommſt alſo nicht, mein innig geliebtes Herz! Ich ahn— 
dete es vorher und hätte mich, wenn Du gekommen wärſt, 
gewiß die ganze Zeit für Deine Her- und Deine Rückreiſe 
ſehr geängſtigt. Allein ſo iſt der Menſch. Jetzt hat es mir doch, 
wie Dir, unendlich leid getan. Aber ich billige durchaus, daß Wolfart 
Dich abgehalten hat. Die Kälte und die Unterbrechung der Kur 
hätten Dir unfehlbar geſchadet, und nun werde ich Dich im Früh— 
jahr bei Deiner Ankunft in Paris ganz wohl und geſund wieder— 
ſehen. Ich kann Dir nicht ſagen, wie unendlich ich mich danach 
ſehne. Du wunderſt Dich vielleicht, daß ich nicht davon rede, vor 
meiner Rückkehr nach Paris zu Dir nach Berlin zu kommen. Gott 
weiß, wie gern ich es täte. Gewiß ſage ich es auch nicht ab, 
weil es möglich iſt, daß mir der Staatskanzler dazu ſelbſt Veran⸗ 
laſſung gibt. Allein ohne dies mag ich es nicht tun. Viele Leute 
glauben, daß ich auf das Bleiben in Berlin hinſteure, was ich 
wahrlich nur tue, weil ihr am liebſten und bleibendſten in Berlin 
beiſammen ſeid, alle wiſſen, daß ich ungern nach Paris zurückgehe. 
Da ſag' ich wie Kaſſandra: „Nicht wie ums Gebüſch der Vogel 
flattr' ich, gebt Zeugnis deſſen mir“, und ſtürze mich téte baissée 
in die Langeweile der mir unausſtehlichen Pariſer Geſellſchaft, 
150 


des nie endenden Klatſches und des ewig nichtigen Pbhrafen- 
machens. 

Was Du mir über Deine Geſundheit ſagſt, hat mich zugleich 
ſehr erſchreckt und gefreut. Wie nah man, ohne es zu ahnden, 
an einem Abgrund ſteht! Du hatteſt mir nicht von dem lang— 
dauernden Herzkrampf und der Bewußtloſigkeit geſchrieben. Solche 
Anfälle ſind doch äußerſt beängſtigend. Verhehle ſie mir aber ja 
ein andermal nicht. Doch hoffe ich, ſoll es wirklich die Kriſe ge— 
weſen ſein. Da Koreff und Wolfart nun zuſammen für Dich ſorgen 
können, fo hoffe ich, ſoll der Winter Dich wirklich in Deiner Wieder- 
herſtellung viel weiter bringen und ſie ſogar ganz vollenden. Von 
der magnetiſchen Kur kann man ſolche Hoffnungen ſchöpfen, denn 
ſie iſt durchaus wundervoll und unbegreiflich, und wenn ſie auf 
irgend jemand wohltätig wirkt, ſo iſt es gewiß auf Dich, die Du ge— 
rade ſo gebaut und geartet biſt, daß Du gewiß eher als irgend 
jemand mit den geheimſten Kräften der Natur in der engſten Be— 
rührung ſtehſt. Du wirſt darüber lachen, aber wenn ich nicht bei 
Dir bin, ſüße Caroline, denke ich noch viel mehr an und über Dich, 
als wenn wir zuſammen ſind, und da weiß ich, daß Du am meiſten, 
und nur eine Frau kann es überhaupt recht, auf dem Punkt ſtehſt, 
wo das Ideale und Wirkliche, das Geiſtige und Körperliche ein— 
ander unbegreiflicherweiſe berühren, und daß Du am meiſten in der 
Verbindung jedem ſein Recht läſſeſt. 

Ich könnte das viel weitläuftiger ausführen und beweiſen, aber 
das holde Kind würde mich auslachen, und ſo bewahre ich meine 
Ideen, die aber keine Grillen ſind, lieber bei mir. Mir müſſen ſie 
lieb ſein, da ſie mich immer wieder dahin führen, aufs neue zu 
empfinden, wie ein einziges Glück es war, Dich zu finden und Dich 


zu beſitzen 


151 


65. Humboldt an Caroline Frankfurt, 17. Dezember 1815 


ö und der letztere geht nach Berlin voraus, um den Weih⸗ 
— ngnachtsheiligabend dort nicht zu verſäumen. Das ſcheint 
eine fixe Idee in allen Berlinern, die ich gar nicht tadle, die mir 
aber doch wunderbar vorkommt, wenn man nicht viele, noch kleine 
Kinder hat. Immer benutze ich die Gelegenheit, Dir, mein innigſt 
geliebtes Leben, einige Worte zu ſagen. Es geht mir ſehr wohl 
und gefällt mir mit jedem Tage beſſer. Ich finde immer, daß die 
Zeit die größeſte Göttin iſt, und wenn ich ſagen kann, daß ich etwas 
lange beſitze, ſo heißt es ſchon, daß ich es ſehr gern habe. Alſo 
wird es mir auch immer heimlicher in meiner Wohnung, obgleich 
in dieſen Tagen der Wind ſie fürchterlich umſauſt. 

Sagte ich Dir, ſüßes Herz, daß ich am vergangenen Mittwoch 
in Darmſtadt war? Man hat mich mit ſehr großer Auszeichnung 
und Höflichkeit aufgenommen. Aber die Höfe ſind nun einmal ſelten 
amüſant. Ich glaube aber wirklich, daß ich Dir das alles ſchon 
ſchrieb. Nur von der alten Zeichnung des Kölner Domes, weiß ich 
gewiß, ſchrieb ich Dir nicht. Es hat fie ein Architekt Moller “), 
deſſen Du Dich vielleicht von Rom aus erinnerſt. Er iſt eigentlich 
ein Hannoveraner und gehört zu Kohlrauſchens Protegés. Wirklich 
verdient er es, er iſt ein ſehr ausgezeichneter Menſch. Von der 
Schönheit dieſer Zeichnung und dieſes Turmes haſt Du kaum einen 
Begriff. Es iſt die reinſte Ausführung gotiſcher Baukunſt, die 
man ſich denken kann. Aberall bis ins Kleinſte hin wiederholen 
ſich dieſelben Glieder, alle ruhen aufeinander und entfalten ſich für 
ſich wie in einem organiſchen Leben, der ganze Turm gleicht einer 
ſtill und reich aufſtrebenden Pflanze und endigt ſich oben, wo er 


. Jer Miniſter Altenſtein iſt mit Eichhorn von Paris gekommen, 


) Georg Moller, geb. 1784, + 1852, Architekt, war vor 1810 drei Jahre 
in Italien. 


152 


— 


1 


nun durchaus dünn wird, in einer luftigen, ſchönen Blume. Man 
muß geſtehen, daß nur der gotiſchen Baukunſt eine ſolche unge— 
heure Höhe natürlich iſt. Das Aufeinanderſetzen von Säulen und 
Kuppeln hat nie dieſelbe Einfachheit und Erhabenheit. 

Ich bin auf den Gedanken gekommen, daß der König den Dom 
vollenden, d. h. die Kirche ausbauen und die Türme aufführen laſſen 
ſollte. Es wäre das ſchönſte Monument, was die preußiſche Herr- 
ſchaft über den Rhein ſich ſelbſt ſetzen könnte; ſchon das Anter— 
nehmen würde Enthuſiasmus in der ganzen Gegend hervorbringen 
und auf ein Menſchenalter hin wäre der Stadt Köln und der Gegend 
durch den Bau Nahrung gegeben. Man zerbricht ſich den Kopf 
jetzt um Plane zu Kunſtwerken, hier hat man ein im Entwurf bis 
auf das kleinſte Detail gegebenes vor ſich, das man nur in Wirk— 
lichkeit zu ſetzen braucht. Dann läge auch etwas Hübſches darin, 
daß ein Künſtler, der, wie der alte Baumeiſter des Doms, ſeine 
Idee niederlegt, einen Monarchen findet, der ihr nach Jahrhunderten 
Daſein gibt. Allerdings wäre der Bau ſehr koſtbar. Zuſammen 
könnte er wohl acht Millionen Gulden und mehr koſten. Allein 
warum müſſen wir ihn gerade noch vollendet ſehen? Man pflanzt 
auch die Bäume für ſeine Enkel, und ſolch ein Bau iſt wie ein Na⸗ 
turwerk. Wendete man nur 200 000 Gulden jährlich daran, und 
gewiß hat Friedrich II. oft mehr in elende Häuſer in Berlin und 
Potsdam verbaut, ſo käme es doch am Ende zuſtande. Denn läge 
auch wohl manchmal der Bau bei Krieg oder andern Hinder— 
niſſen, man finge ihn eben wieder an, und endlich würde er 
doch fertig und trüge noch in ſeinem Entſtehen die Geſchichte der 
Zeit in ſich. 

Ich habe dem Staatskanzler weitläuftig darüber geſchrieben. 
Sprich Du ihm und anderen in Berlin auch davon, beſonders dem 
Kronprinzen. Wenn ich König wäre, täte ich das, und zugleich 
ließe ich die Pferdebändiger in Bronze gießen und an den Anfang 

153 


der Linden vor dem Aniverſitätsgebäude hinſtellen. So hätte ich 
das ſchönſte Antike und Moderne verpflanzt und dem Lande zu eigen 
gemacht, dann ſollte mir aber auch niemand mehr von Kunſtwerken 
reden, das reichte für eine Regierung und für Bewunderung und 
Studium auf lange hin. 


Ich habe den Agamemnon noch einmal ganz durchgeleſen und 


verglichen und noch einiges geändert. Dieſe Anderungen nebſt 
meinen Beſtellungen wegen des Drucks nimmt nun Eichhorn mit 
nach Leipzig an Hermann und ſo kann der Druck gleich anfangen. 
Ich habe große Luſt doch auch noch den Pindar zu vollenden. 
Allein wenn ich das tue, ſo laſſe ich die ſchon überſetzten Oden ganz 
ſo abdrucken wie ſie ſind. Beim Agamemnon war das nicht möglich, 
da in demſelben Stück doch Gleichförmigkeit ſein muß. Zu dieſem 
Fertigmachen dieſer beiden Arbeiten zieht es mich wie eine Schuld 
hin, die ich gegen unſer erſtes einſames Zuſammenleben habe. Es 
waren die ſchönſten Zeiten unſers Leben, und mir iſt immer, als 
könnte man ihnen auch in der Erinnerung nie genug Sorgfalt 
weihen. 

Bei alle dem mußt Du aber nicht denken, daß ich gar nichts 
zu tun habe oder mich verſchließe. Ich nehme alle Menſchen an, 
gehe abends doch von drei Tagen gewiß zwei aus und bin keinen 
Brief ſchuldig. Aber ich weiß nicht woher es kommt, der Tag iſt 
hier beſonders lang und meine Stimmung ſehr gut. Jetzt, da ich 
einmal erſt vom Agamemnon komme, will ich noch einmal alle 
Tragödien leſen, die dieſe Fabel behandeln. Es ſind die größeſten 
Geſtalten des Altertums. 

Lebe wohl, mein teures, ewig liebes Weſen, umarme die Kinder. 

Ewig Dein H. 


154 


m, 7 . 


66. Caroline an Humboldt Berlin, 20. Dezember 1815 


Liebes Herz! 
u wirſt heute nur wenige Zeilen von mir bekommen, denn 
eins iſt mir auf das andere gefolgt. Es gibt, Du weißt 
es gewiß auch, fo unglückliche Tage, wo man mit nichts 
vorwärts kommen kann. Eben nun wollte ich Dir ſchreiben, als 
Auguſt mit Adelchen ins Zimmer tritt. Auguſt iſt nämlich zum erjten- 
mal geſtern wieder ausgegangen, er ſieht indeſſen noch ſchlimm aus)... 

Ich habe Deinen Brief vom 8. bekommen. Es iſt mir ſüß und 
rührend, daß Deutſchland als Deutſchland Dich ſo bewegt. Caro— 
linen wirſt Du nun nicht mehr in Deiner Nähe haben, es iſt mir 
oft ſchmerzhaft und verwunderlich, daß Caroline ſo bei nichts recht 
aushalten kann, ſie hat wie ein ewig irres Sehnen, was ſie mit 
ſich herumträgt, man könnte ſagen, dies Sehnen fet auf etwas Außer⸗ 
irdiſches gerichtet. Nein, das iſt es aber auch wieder nicht und 
gerade, daß es das nicht iſt, macht ihre Unrube etwas ſchmerzlich. 

Den Agamemnon haſt Du alſo vollendet? Ich freue mich ſehr 
dazu. Schicke mir doch, wenn Du ihn nicht bedarfſt, die erſte 
Ausgabe in gelbem Einband zu, ich bitte Dich. : 

Was Du mir über das Nichtherkommen nach Beendigung der 
Geſchäfte in Frankfurt ſagſt, begreife ich ganz. Es macht mich 
ſehr traurig, Dich jetzt nicht zu ſehen, aber tadeln kann ich Dich in 
nichts. Du wirſt mir aber auch nicht böſe ſein, wenn ich jetzt 
nicht nach Frankfurt kommen konnte. Wie ſehr ſehnte ich mich 
danach! Allein Wolfart ſagt und behauptet, er könne es in ſeinem 
Gewiſſen nicht zugeben. Ich vermute wohl, daß er die nächſten 
Momente der Muße dazu verwenden wird, Dir zu ſchreiben.. 

Lebe wohl, mein teures Leben. Sonnabend ein Mehreres. 


) Hedemann war an einer Halsentzündung gefährlich krank geweſen. 
155 


67. Humboldt an Caroline Frankfurt, 18. Dezember 1815 


ltenſtein reiſt dieſe Nacht ab, und da, wenn man ſich auch 
nichts beſtimmt Geheimes zu ſagen hat, es doch immer 
— beſeer iff, durch einen ſicheren Mann als durch die Poſt 
zu ſchreiben, ſo beantworte ich ſchon heute Deinen lieben, ſoeben 
empfangenen Brief vom 12., für den ich Dir herzlich danke, teure Li. 
Altenſtein wird gewiß zu Dir kommen, er iſt gerade nicht 
amüſant zu nennen, aber er iſt ein ſehr redlicher, gutmütiger Mann 
und hat mehr als ich es ehemals wußte, mannigfaltige und gründ⸗ 
liche Kenntniſſe. An mich hat er ſich, obgleich wir ehemals in Dienſt⸗ 
verhältniſſen ſehr miteinander geſpannt waren, jetzt ſehr eng ange- 
ſchloſſen und mir wirklich Vertrauen und Freundſchaft bewieſen. 
Seine Hauptſchwachheit, die Du ihm bald anmerken wirſt, iſt, daß 
er eigentlich ſehr gern wieder eine feſte Anſtellung hätte und doch, 
bald weil er es wirklich ſehr gut meint und wahrhaft nützlich ſein 
will, bald aus perſönlicher Suszeptibiliät zu keinem rechten Entſchluß 
darüber kommen kann. Indes glaube ich doch, wird er nach einem 
Aufenthalt von einigen Wochen in Berlin, ſich irgendwo aufs Land 
zurückziehen und abwarten, ob man ihm Vorſchläge macht. In Paris 
iſt er ſehr nützlich geweſen und hat in das Zurückfordern der uns 
genommenen Gegenſtände erſt Ordnung und Regelmäßigkeit gebracht. 
Bernſtorff!') hat ſich hier nur zwei Tage aufgehalten. Den erſten 
war er bei mir, den zweiten aber mußte ich nach Darmſtadt gehen, 
und ſo habe ich ihn nicht weiter geſehen. So wenig tauglich ich 
ihn zum Geſchäftsleben halte, fo gern habe ich ihn im bloß geſell— 
ſchaftlichen, doch war er früher intereſſanter und liebenswürdiger. 
Jetzt hat eine gewiſſe Apathie zu ſehr überhand genommen. 
Der alte Blücher iſt ſeit geſtern mittag hier, und ich war heute 


) Chriſtian Günther Graf Bernſtorff, geb. 1769, + 1835. 18111816 dani- 
{cher Geſandter in Wien. 1818-1832 preußiſcher Miniſter des Auswärtigen. 


156 


bei ihm. Ob er gleich ſagt, daß er fich leidend fühlt, fo fand ich 
ihn doch auf und recht munter aus ſehend. Seine Ankunft hat hier 
wirklich im Volk einen ſehr großen Enthuſiasmus erregt, der ſich 
noch mehr gezeigt haben würde, wenn er nicht ausdrücklich und ſehr 
beſtimmt alle öffentliche Freudenbezeugungen und allen feierlichen 
Empfang verbeten hätte. 

Ich meine aus Deinem Brief zu ſehen, daß Du jetzt auch den 
haſt, den ich dem Kanzler mitgab. Du mußt zugleich einen von 
Carolinen bekommen haben, ſonſt fordere ihn nur vom Kanzler. 
Ich begreife, daß der arme Mann ſehr viel zu tun haben muß. 
Soviel ich aus Deinem Briefe ſehen kann, hat man ihm bei ſeiner 
Rückkunft nach Berlin auch gar keinen Beweis öffentlicher Teil— 
nahme gegeben. Für einen Mann, der wirklich, wenn man nicht ganz 
unbillig ſein will, ſehr viel geleiſtet hat und der gewiß dieſem Leiſten 
noch täglich große Opfer bringt, iſt das ſehr niederſchlagend. Dazu fühlt 
es der Kanzler mehr als ich in der gleichen Lage es tun würde. 

Oelsner, der hier iſt, der Dir bekannte aus Paris, hat einen 
Probebogen eines Journals, ich glaube des „Journal des débats“ mit- 
gebracht, in dem eine Stelle über Neys Tod iſt, die die Zenſur ge— 
ſtrichen hat. Sie heißt wörtlich, fo: Placé en présence du peloton 
des vétérans chargés de tirer, il s’est écrié avec cette voix ter- 
rible qui avait si souvent porté l’effroi dans les rangs ennemis: 
„Soldats, je proteste devant Dieu et devant les hommes que le 
jugement qui me condamne, est un jugement inique. Soldats, 
droit au cœur!“ Ce furent ses derniéres paroles, il est à l'instant 
tombé percé de douze balles. 

Er hat fic) immer nod im Tode beffer benommen als man 
gedacht hat. 

Lebe wohl, mein innigſt geliebtes Weſen, umarme die Kinder. 

Ewig Dein H. 


157 


68. Humboldt an Caroline Frankfurt, 22. Dezember 1815 


Ach freue mich, liebe Li, daß der kürzeſte Tag vorüber iſt, 

das Jahr ſteigt nun wieder hinan, vor dem längſten Tag 
—MWbökboffe ich doch gewiß wieder mit Dir vereint zu fein, es 
ift meine einzige Hoffnung und meine einzige Sehnſucht. Ich weiß 
noch gar nichts vom Staatskanzler und auch das Departement ſchickt 
mir nicht einmal die Berliner Zeitungen wie ſonſt. Ohne Dich und 
Deine liebende Sorgfalt wüßte ich gar nichts von Berlin. 

Ich war geſtern in Hanau, Flemming war mit mir. Ich habe 
ihn ſehr gern. Ich glaube aber nicht, daß er ſehr lange mit mir 
bleiben wird, er bekommt gewiß bald eine eigene Anſtellung; er 
verdient ſie, und es iſt auch gut ſie ihm zu geben, da es ſehr an 
brauchbaren Menſchen fehlt und er recht gut arbeitet. Heute wird 
ein junger Bülow) bei mir eſſen, der halb und halb beſtimmt iſt, 
auch mit mir nach Paris zu gehen. Er will nämlich zuerſt umſonſt 
dienen, und ſo iſt es recht gut, einige Menſchen zuzuziehen. 

Der alte Blücher iſt noch hier und lebt hier wieder auf. Es 
geht viel beſſer mit ſeiner Geſundheit, und er fängt auch nun an 
auszugehen, ſelbſt des Abends, um ſeine Partie zu machen. Nur 
kann er des Nachts nicht ſchlafen. Er legt ſich meiſtenteils gar 
nicht zu Bett, bleibt angezogen, ſchlummert nur eine Stunde auf 
dem Sofa, geht dann herum, ſchläft wieder und verbringt ſo die 
Nacht. Es ſcheint, daß er noch einige Tage hier bleiben wird. 

Ich habe dieſe Woche faſt keinen Abend zu Hauſe zubringen 
können. Es ſind, vermutlich wegen der heiligen Woche, faſt alle 
Abende Geſellſchaften geweſen, und wo ich zum erſtenmal in 
Häuſern gebeten war, mochte ich nicht abſchlagen, hinzugehen. 

*) Heinrich v. Bülow, geb. 1791, + 1846, Humboldts künftiger Schwie⸗ 
gerſohn. Vgl. Gabriele v. Bülow, Tochter Wilhelm v. Humboldts. Ein 


Lebensbild aus den Familienpapieren Wilhelm v. Humboldts und ſeiner 
Kinder. 1791-1887. 14. Aufl. Berlin 1911, E. S. Mittler & Sohn. 


158 


Ich weiß nicht, ob Du in den Zeitungen bemerkt haſt, daß ein 
mémoire von mir über die Friedensunterhandlungen im „Morning 
chronicle“ wörtlich abgedruckt iſt. Ich habe es noch nicht ſelbſt 
geleſen und kann es auch nicht vergleichen, da ich meinen Aufſatz, 
da ich auf dieſe Art von Schriftſtellerei wenig Wert lege, nicht 
bei mir habe; der Abdruck iſt mir aber ſehr unangenehm. Kein 
Menſch iſt gewiß mehr für Publizität als ich, allein ein in einer 
Anterhandlung zu einem beſtimmten Zweck geſchriebenes mémoire 
iſt nie von der Art, daß es vor dem Publikum erſcheinen ſollte. 
Es drückt nicht einmal die Meinung deſſen, der es ſchreibt, ganz 
aus. Denn da keiner, der mehr die Sache wie ſich vor Augen 
hat, einen ſolchen Aufſatz macht, um ſich in ein gewiſſes Verhältnis 
mit dem Publikum oder dieſem oder jenem Teil desſelben zu ſtellen, 
wenigſtens mir dieſe Anſicht in Geſchäften ewig fremd ſein wird, 
fo iff ein mémoire auf den Effekt unter den gegebenen Amſtänden 
berechnet. Es bezieht ſich auf das Vorhergegangene und Nach— 
folgende, warum es nun aus dieſem Zuſammenhang herausreißen 
und einzeln hinſtellen? Meine Idee war von Anfang an in dieſer 
Unterhandlung und ijt es noch heute, daß der Friede auf einer 
geradezu umgekehrten Baſis ſteht. Man hätte alles, was nötig 
war, zur Sicherheit abreißen und keine Truppen in Frankreich 
laſſen ſollen. 

Man hat das Entgegengeſetzte getan. Meine Abſicht bei 
dieſem mémoire war, dieſe Amkehrung auszuſprechen und womöglich 
zu bewirken. Eben darum war es nur ein Anfang, hätte ſich die 
Umkehrung bewirken laſſen, fo mußte nur geſagt werden: Was 
und wieviel ſoll man abreißen? Dazu kam noch, daß mein mémoire 
das zweite in der Reihe (jede Macht machte eins) war und unmit- 
telbar auf das von Capo d' Iſtrias“) folgte. Nun hatte Capo d'Iſtrias 
alles darauf gegründet, daß die Verbündeten kein Recht hätten, die 

) Vgl. S. 139. 

159 


Integrität Frankreichs anzugreifen, fondern daß die Wiener Defla- 
rationen und Verhandlungen ihnen die Hände bänden. Es war alſo 
am wichtigſten, dies zu widerlegen, und dies macht daher auch den 
Hauptteil meines mémoire aus. Es hat endlich in mehreren Stellen 
etwas beißende Beziehungen auf große Blößen der Schrift Capo 
d'Iſtrias, und eine iſt eben von der Seite auch höheren Orts übel 
genommen worden, nämlich wo ich, obgleich mit vollkommener Wahr⸗ 
heit ſage, daß, wenn die Schlacht bei Vellealliance verloren gegangen 
wäre, es ſehr ſchlimm um die Sache geſtanden hätte. 

Aus allen dieſen Gründen hätte ich viel darum gegeben, daß 
es ungedruckt geblieben wäre. Sonſt enthält es nichts, was mir 
als öffentlich bekanntgemacht unangenehm ſein könnte. Es iſt mit 
meiner gewöhnlichen Mäßigung geſchrieben und doch alles darin 
geſagt, was notwendig war. Die Ausführung des Rechtspunkts 
iſt gründlich, und die verbündeten Mächte haben durch die Tat be- 
wieſen, daß ſie der gleichen Meinung waren, da ſie wirklich die 
Integrität nicht unangetaſtet gelaſſen haben. Sie bedürfen ſogar, 
wenn man will, in gewiſſer Art einer ſolchen Rechtfertigung, da 
man ihnen verdeckt ſelbſt in Pariſer Blättern oft ſchon die Wort⸗ 
brüchigkeit vorgeworfen hat. Nur wird mein mémoire, wie jede 
gemäßigte Schrift, doch das Schickſal haben, daß es keiner Partei 
gefallen wird. Der „Nheiniſche Merkur“ und die mit ihm überein⸗ 
ſtimmend denken, werden finden, daß die Anſprüche Deutſchlands 
nicht genug herausgehoben find. In Frankreich wird die antiroya⸗ 
liſtiſche Partei zwar damit übereinſtimmen, daß ich das Syſtem 
tadle, durch Fremde die Regierung erhalten zu wollen, aber ſie wird 
ſonſt genug Stellen darin finden, die ihr nicht anſtehen. Der Hof, 
der dieſen Frieden gerade ſo wollte, wie ich ihn bekämpfe, muß ganz 
unzufrieden ſein; das Publikum überhaupt, inſofern es davon Notiz 
nimmt, wird ſeine Eitelkeit beleidigt finden und übel aufnehmen, 
daß geſagt iſt, daß nicht die Armee allein verräteriſch gehandelt, 
160 


PFF 


fondern daß die ganze Nation an der Sache teilgenommen hatte. 
Es iſt mir ſogar wahrſcheinlich, daß man es von Frankreich aus 
nach London zum Abdruck geſchickt hat, um vielleicht zu verhindern, 
daß ich nach Paris käme. Damit wäre nun mir ſehr gedient. 

Ich werde eben geſtört, ſüßes Herz, da Weſſenberg zu mir 
kommt. Lebe innigſt wohl. 


69. Caroline an Humboldt Berlin, 23. Dezember 1815 


Teures, ſüßes Herz! 
ich habe Deine lieben Briefe vom 15. und 17. empfangen. 
Eichhorn war noch nicht bei mir. 

Der Weihnachtsabend iſt allerdings eine fixe Idee 
bei den Berlinern, denn nicht die Kinder allein, alles in der Familie 
und auch die näheren Freunde, alles beſchenkt ſich durcheinander. 
Immer iſt etwas Hübſches in dieſer Luſt, ſich gegenſeitig recht viel 
Freude zu machen. Mein Weihnachten wird diesmal ungemein 
brillant werden, die Krone wird, ſeitdem ſie im Salon hängt, hier 
zum erſten Male angeſteckt werden, und darunter der Tiſch mit allen 
Geſchenken. Die Kinder find ganz außer ſich vor Ungeduld, daß 
es morgen werde. Ach wärſt Du doch hier! 

Ich habe einen rechten Verdruß gehabt. Der Staatskanzler 
war vorgeſtern hier, und ich mußte gerade nicht zu Hauſe ſein. 
Doch hoffe ich, wird er bald wiederkommen, er hat mir viel Freund⸗ 
liches durch Koreff ſagen laſſen. 

Den Dom von Köln bin ich ſehr begierig zu ſehen, und im 
Frühjahr hoffe ich es auf jeden Fall. Bei Goifferées*) in Heidel⸗ 
berg ſah ich voriges Jahr die allerhimmliſchſten Zeichnungen davon. 


) In der bedeutenden Kunſtſammlung der kunſtſinnigen Brüder. Vgl. 
Bd. IV, S. 199. 


Humboldt⸗Briefe. V. 11 161 


. ˙ ˙Ä—ͤ—ß—T—ö— ß ⅛ͥeœh! qꝶmÄE ꝓæK m a ee — = 


Der Kronprinz, hieß es ſchon hier im vorigen Jahre, wollte den 
Dom ausbauen laſſen, wenn er einmal zur Regierung kommen 
werde. Auch der König ſoll einen außerordentlichen Wohlgefallen 
daran bezeigt haben. Ich werde ſchon hier auch darüber zu reden 
bekommen. 

Daß Du ſo rege wieder im Altertum lebſt, hat für mich 
einen eigenen Reiz und macht mir eine große Freude, denn ich 
weiß, daß dieſe einzig großen Geſtalten des Altertums Dich mehr 
erfüllen wie alles, was in der Gegenwart vorgeht. 


70. Caroline an Humboldt Berlin, 29. Dezember 1815 
Liebſtes Herz! 
Doedſtern gegen Abend war der Staatskanzler hier mit ſeinem 


Bruder. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie freundlich 
2 2 und gut er war und über Dich ſprach. Er iſt einer von 
den Menſchen, die einem bald das Herz in dem tiefen Buſen löſen. 
Ich hätte vielleicht noch mehr und inniger mit ihm geſprochen, 
wäre der Bruder nicht bei ihm geweſen, der mir eine nicht ſolch 
Vertrauen einflößende Geſtalt war. Der Kanzler hat für mich 
das einnehmendſte Außere, was man haben kann, Würde, Milde, 
Lebhaftigkeit und einen durchgehend liberalen Zug in allem, was er 
ſagt. Ich möchte, ich könnte ihn oft ſehen, er tut mir wohl. Ich 
möchte ihm etwas fein können. Er frug nach meiner Reife zu 
Dir nach Frankfurt, ich ſagte ihm, wie und warum ich darauf 
Verzicht leiſten müßte und jetzt nur darauf dächte, Dir nach Paris 
ſobald als möglich zu folgen. Ich ſetzte ſcherzend hinzu: „Da Sie 
uns nicht hierbehalten wollen.“ Er erwiderte den Scherz und ſagte: 
„Sie wollen ja nicht in Berlin bleiben,“ worauf ich ganz einfach 
antwortete, wie ich es meine: „O ſehr gern, verſuchen Sie es nur.“ 
162 


Er lächelte und ließ im Verfolg der Unterredung wohl merken, 
daß er nicht glaube, jetzt einen anderen als Dich dort haben zu können. 
Ich bat ihn, zu erlauben, daß Flemming als Kurier auf drei Tage 
herkommen möge, in der Tat würde es mir viel Spaß machen, 
Flemming zu ſehen, er meinte, Du hätteſt dann niemand, „obgleich“, 
ſetzte er hinzu, „Humboldt niemand braucht, er macht alles allein.“ 
Er ſprach über Dich mit einer Liebe, die meinem Herzen wohltat. 
Von Wolfart konnte ich ihm nicht ſprechen, ich hoffe wohl, ich ſehe 
ihn bald wieder, es muß ſich alles natürlich machen, wenn es 
fruchten ſoll. Ich werde, wenn die Gelegenheit ſich findet, es mit 
inniger Herzensüberzeugung tun, er iſt ein Engel von Sanftmut 
und liebevollem Gemüt. 

Der Weihnachten iſt auf das Schönſte ausgefallen. Ach, nur 
Du fehlteſt mir dabei, einzig liebes Herz! An zwei Enden eines 
langen Tiſches brannten zwei kleine Weihnachtsbäume, einen be- 
ſcherte die Gräfin Düben mit allerlei Spielſachen, die drum herum— 
ſtanden, ihren Kleinen, den anderen ich dem Hermann. Seine 
Hauptſpielſachen waren ein Theater, ein ſehr ſchönes Bauſpiel, 
eine Schwadron Koſaken uſw. In der Mitte des Tiſches lagen 
und ſtanden Carolinens, Adelheids und Gabriellens Geſchenke, auf 
einem Stuhl daneben Auguſts Geſchenk, ein Geſchirr auf zwei 
Wagenpferde. Da ſich die Schweſtern auch noch untereinander 
beſchenkt hatten, fo war kaum Naum genug, und die erleuchtete 
Krone und alle übrigen Lichter und Lichterchen machten den Anblick 
außerordentlich hübſch. Wenn nur Du dageweſen wärſt! Alle 
waren höchſt zufrieden und danken, denn ich habe alles mit in 
Deinem Namen geſchenkt. Auguſt ſagte, es wären fürſtliche Präſente. 

Ich bin geſtört worden und breche nun ab. Die Kinder grüßen. 


Ewig Deine Li. 


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71. Humboldt an Caroline Frankfurt, 9. Januar 1816 


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er Kanzler hat mir außerordentlich freundlich und lieb ge— 
ſchrieben, er fängt ſeinen Brief mit Dir an, ſagt, daß 
er Dich geſehen, daß er bedauert hat, daß es nur auf 
wenige Momente war, daß er aber hofft, Dich bald länger zu ſehen. 
Er ſcheint ſeinem Briefe nach geſund und trotz vieler Arbeiten 
heiter und aufgeräumt. 

Es freut mich ausnehmend, daß der Kanzler gerade dieſen 
Eindruck auf Dich gemacht hat. Ich bin überzeugt, daß er auch 
ſehr gern mit Dir ſein würde, wenn die Gelegenheit einmal gäbe, 
daß ihr einander näher kommen könntet. Allein das iſt ſehr ſchwer, 
da er fo viel zu tun und einmal ſehr beſtimmte Umgebungen hat. 

Der Papft hatte dem Staatskanzler eine Doſe nach Paris 
zum Geſchenk geſchickt, und ich wunderte mich, daß ich ganz übergangen 
war. Jetzt ſchreibt mir Vera“), daß er, um mir eine beſondere 
Auszeichnung zu gewähren, eine eigene Art Kunſtwerk machen läßt 
mit einer Inſchrift, die ſagt, daß es ein Geſchenk des Papſtes für 
mich iſt. Es ſoll aber noch geheim bleiben, da es noch nicht fertig iſt. 

Die Beſchreibung des Kunſtwerks iſt etwas dunkel, ich ſchreibe ſie 
Dir ganz ab: „Due colonne di rosso antico scannellato con piede- 
stallo e vaso al di sopra, dell’ altezza di 14 palmi Romani circa, 
ed una testa di Medusa (ganz antik und heidniſch) scolpita in 
granito Egizio bigio con le piccole ali ed i serpi, la maschera 
di cui è di un palmo Romano circa sopra un piedestallo di rosso 
antico. Nei piedestalli vi e l’iscrizione indicante che il Papa Le 
da quest’ attestato della sua riconoscenza per i meriti di Lei.“**) 

*) Römiſcher Agent. 

**) „Zwei Säulen von kannelliertem Roſſo antico mit einem Poſtament 
und Vaſen darauf von etwa 14 römiſchen Palm (165 Zentimeter) und 


ein in ägyptiſchem, grauem Granit geſchnittenes Meduſenhaupt mit den 
kleinen Flügeln und Schlangen, welches ſich auf einem etwa 1 Palm hohen 


164 


Ob die Sache ſehr hübſch fein wird, iſt aus der Beſchreibung nicht 
zu entnehmen, und ſchwer wird es fein, fein eigenes Lob in Roſſo 
antico aufzuſtellen. Indes können es die Kinder tun, und die 
Idee des Papſtes hat doch etwas, das mich gerührt hat. Es war 
ſo leicht, kalthin eine reiche Doſe zu geben, dies aber beweiſt wirklich 
perſönlichen Anteil. Man ſieht aber, was es tut, wenn man immer 
am Rechten hält. Ich bin gewiß in Nom kein gefälliger Geſandter 
geweſen, aber ich habe ihn ſeitdem mehrere Male vor großem Anrecht 
mit bewahren können. Wenn wir noch ſollten ein Gut auf Rügen 
kaufen, müßten wir das Muſeum und die Säulen dahin bringen.“ 
Du glaubſt doch auch, daß die Meduſa nicht zu den Säulen gehört 
ſondern es drei Stücke ſind? 


72. Caroline an Humboldt Berlin, 13. Januar 1816 


I3 tut mir ſehr leid, teures Herz, daß Du durch mein rheu- 
matiſches Zahnweh und Abelbefinden beunruhigt worden 
— :biſt. Nein, es geht in der Tat viel beſſer mit mir. 
Seit jenem bedeutenden Anfall von Herzkrampf im November, den 
ich Dir verſchwieg, habe ich keinen mehr der Art gehabt. And 
ſeitdem ich (es ijt heute ein Monat) fo lange ſchlief — ich will Dir 
nur geſtehen, daß es 27 Stunden geweſen ſind — ſeitdem habe ich 
auch nur äußerſt ſelten und geringen Schmerz in der linken Seite 
empfunden. Ich meine bemerkt zu haben, daß alles, was mich 
moraliſch angreift, weit mehr Einfluß auf dieſen Schmerz hat als 
körperliches Anwohlſein. 


Poſtament von Roffo antico erhebt. Auf den Poſtamenten befindet ſich die 
Inſchrift, welche beſagt, daß der Papſt Ihnen dieſen Beweis ſeiner Dank 
barkeit für Ihre Verdienſte gibt.“ Die Säulen befinden ſich im Antikenſaal 
zu Tegel, tragen aber keine Inſchrift, ſondern das Wappen des Papſtes. 


165 


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Das Geſchenk des Papſtes freut mich ſehr als Andenken, als 
Beweis, daß er ſich damit beſchäftigt hat. Allein als Kunſtwerk 
wäre es mir freilich lieber geweſen, wenn er eine Statue oder an⸗ 
tikes Basrelief geſchenkt hätte. Rauch meint auch, daß der 
Meduſenkopf für ſich iſt. Die iscrizione mußt Du, liebes Herz, 
ſchon verdauen. Des Papſtes Idee hat für mich etwas ſehr Rührendes. 
Wenn ich nach Nom komme, ſchenkt er mir nun auch gewiß einen 
Roſenkranz. Er hat es das erſtemal nicht getan. And nach 
Rom mußt Du mich doch noch einmal loslaſſen. Die Gräber am 
Teſtaccio muß man doch noch einmal wiederſehen. Ich bekomme 
manchmal eine ſolche unausſprechliche Sehnſucht dahin, daß ich mich 
eines Stromes von Tränen nicht erwehren kann. 

Pfuel war auch bei mir, lang und bis ſpät am Abend, und 
empfiehlt ſich Dir ſehr. Er ſpricht äußerſt hübſch, und die Welt und 
die große Zeit finden viel neue, tiefe und originelle Anklänge in ihm. 

Den Fürſten ſah ich nicht wieder, doch empfing ich geſtern ein 
liebes, freundliches Billett von ihm aus Glienecke und Deinen Brief 
an Adelheid. Der Fürſt ſagt mir, er werde bald wiederkommen, 
um mich zu beſuchen. Mich ſoll's innig freuen. Ich liebe und 
verehre ihn ſehr. 

Adieu, ſüßes Herz. Ewig Dein. 


g A 9 


73. Humboldt an Caroline Frankfurt, 19. Januar 1816 


Ich habe, liebe Seele, Deinen Brief vom 13. bekommen und 
5 er hat mich ſehr glücklich gemacht. Du ſagſt mir, daß 
IS} Du kein Zahnweh mehr hatteſt und nach einer ruhigen 
5 Dich wohlbefandeſt. Ich bin aber ordentlich ängſtlich, wie 
Du, wenn Du nicht mehr in Berlin biſt und alſo des nerven— 
beruhigenden Einfluſſes entbehrſt, Dich befinden wirſt .. 

166 


Da es gar keinem Zweifel unterworfen iſt, daß wir nach 
Paris gehen, ſo weiß ich nicht, liebes Kind, warum wir ſollten 
länger warten, unſere Sachen dorthin zu ſchicken. Ich bitte Dich 
alfo von jetzt an, dazu Anſtalt zu machen. 

Von hier koſtet der Zentner bis Paris 14— 18 Franken. Bei 
dieſer Gelegenheit fallen mir unſere Sachen in Rom ein. Alle Frag⸗ 
mente von Statuen, Büſten und ſo fort laſſen wir doch, nicht wahr, 
trotz unſerer Abweſenheit nach Berlin kommen? Es iſt zwar wahr, 
daß ſie Frankreich vorbeiſchiffen, aber Paris ſcheint mir für eine 
ſolche Laſt nicht ſicher genug .. . Ich bitte Dich, liebes Kind, dieſe 
ganze Sache recht ſorgfältig und mit großer Vorſicht zu behandeln, 
da ſie wirklich wichtig iſt, ſo leid es mir tut, Dir wieder mit Packen 
Mühe zu machen. Noch muß ich Dir ſagen, daß die Zölle außer 
der Fracht bezahlt werden. Wenn Du nicht über Frankfurt gehen 
läſſeſt, mußt Du mir gehörige Zeit vorher den Abgang melden. 
Wenn Du Sachen hierher ſchickſt, ſo hätte ich unendlich gern Dein 
Bild von Schick“), teures Kind. Ich ließe es dann hier doch noch 
auspacken. Es fehlt mir ſehr. Aber Dein anderes ſteht dos à dos 
mit der Zeichnung der Kleinen, und Tags find die Kleinen im An— 
geſicht, ſobald ich abends wie immer allein zu Hauſe bin, drehe ich 
es um, und dann herrſcheſt Du bis zum Morgen. Da ich nie vor 
1 Ahr zu Bett gehe, ſind das die hübſcheſten, ſtillſten Stunden. 

Es wäre mir auch lieber geweſen, wenn der Papſt uns eine 
Antike gegeben hätte, allein ich begreife, daß er das nicht konnte. 
Eine gute war es ſchwer wegzugeben, und eine mittelmäßige wäre 
nicht einmal anſtändig geweſen. Deine Sehnſucht nach Rom be- 
greife ich wohl, Du armes Kind, und gewiß ſollſt Du noch die 
Gräber am Teſtaccio ſehen. Sogar für mich rechne ich noch darauf. 
Ich muß Dir aber recht von ewigem Zuſammenbleiben geſchrieben 
haben, da Du ſagſt, ich müßte Dich noch einmal nach Rom los— 

) Gottlieb Schick, geb. 1764, + 1812, Maler. Das Bild ſiehe Bd. III, S. 1. 

167 


SS 


—— 


laſſen. Es hat mich ordentlich gerührt, Du ſollſt ja nicht gefangen 
ſein, teures, liebes Weſen. 

Die Zeitung vom 11. habe ich zugleich mit Deinem Brief be⸗ 
kommen. Wenn man die Anterſchriften: Schulenburg, Goldbeck“), 
Haugwitz“) lieſt, iſt es einem wie eine Auferſtehung der Toten. 
Da hätte man wohl recht gehabt zu ſagen: Ach! Laßt ſie ruhn, 
die Toten! 

Gruner) Minifter! Nun, alles fo etwas ſieht beſſer aus 
der Ferne aus. Ich wünſche, daß Du Pfuel oft ſehen mögeſt. 
Er iſt mir einer der Liebſten. 

Ich ſchicke Dir einen Aufſatz über die Schulpforta, den ich 
habe abſchreiben laſſen. Er rührt von der kleinen Ilgen p) her, 
und es wird Dich amüſieren, wie der Nentbeamte dort ein wirk⸗ 
licher Tyrann iſt. Nichts iſt ſo klein, worüber nicht einer gern 
herrſcht. Ich habe nun eine wahre Leidenſchaft, zu gehorchen, und 
nichts könnte mich fo glücklich machen, als wenn Du mich be- 
herrſchen wollteſt. Ich meine das wirklich ganz eigentlich ſo. 

Dann ſchicke ich Dir einen Brief des Profeſſors Wilken aus 
Heidelberg, der hier war, um bei mir die Heidelberger Manuſkripte 
abzuholen, die General Müffling mir aus Paris geſchickt hatte. 
Gib ihn Niebuhr. Er wird daraus ſehen, daß die Sache in Rom 
für den Aberreſt in gutem Gange iſt. 

Endlich gab ich Graf Pappenheim gi) ein kleines Paket mit. 


) v. Goldbeck war Miniſter von 1795-1807 geweſen. 
*) Graf Haugwitz, geb. 1752, + 1831, war 1802 Miniſter des Auswär⸗ 
tigen geweſen. 
**) Juſtus v. Gruner, geb. 1777, + 1820, war 1809 Polizeipräſident von 
Berlin, 1815 Chef der Deutſchen Polizei in Paris geweſen, wurde nicht Miniſter. 
+) Gattin des Schulmanns und Philologen Karl David Ilgen, geb. 1764, 
+ 1834. Seit 1802 Rektor in Schulpforta. 
++) Karl Graf zu Pappenheim, geb. 1771, + 1852, Schwiegerſohn des 
Staatskanzlers. 
168 


Dies enthält die Statuten des Falkenordens mit den Ordenszeichen, 
ſo daß Du mich nur brauchſt darunter malen zu laſſen, um genau 
zu wiſſen, wie ich als Ritter der Wachſamkeit ausſehe. Der 
Pappenheim iſt des Kanzlers Schwiegerſohn, ein guter harmloſer 
Menſch, er hat die bekannten 9000 Seelen bekommen und möchte 
nun gern wiſſen, wo ihre Körper wären. Er hofft mich dazu 
brauchen zu können und iſt mir ſehr ergeben. 

So oft Kuriere gehen, ſchreibe mir ja über die öffentlichen 
Dinge in Berlin. Es urteilt niemand ſo gut darüber als Du, 
und dieſe Gelegenheiten ſind ſicher. Mir will es gar nicht gefallen. 
Ich weiß nur die Fakta, aber ich reihe ſie mir ſo zuſammen, wie 
es mich nicht anſpricht. Schmalz' Orden, das Verbot des „Merkur“, 
worüber die Kabinettsorder damit ſchließt, daß man ein Geſetz 
über die Preßfreiheit machen will (wenn das Kind in den Brunnen 
gefallen iff), und das freilich noch nicht gewiſſe Gerücht, daß 
Ingersleben nach Aachen an Sacks“) Stelle kommen würde. Alles 
dreies ſcheint mir das anfangende Abergewicht einer Partei zu be⸗ 
weiſen, mit der ich nie in Abereinſtimmung ſein werde; iſt das 
wirklich ſo, ſo bleibe ich, ſolange ich noch diene, wie es auch 
kommen möge, in Paris oder außer Berlin. 

Die Nachricht vom „Merkur“ ſchrieb mir der Kanzler. Ich habe 
nichts darauf erwidert; ich kann die Maßregel (die übrigens an Ort 
und Stelle ſo ungeſchickt ausgeführt worden iſt, daß man den Drucker 
ohne alle Not verhaftet hat) nicht billigen und glaube, daß auch der 
Kanzler nur im Gewühl der Geſchäfte dazu vermocht worden iſt, 
ich mag aber den Mann, den ich ehre und liebe, und dem mein 
Arteil nicht gleichgültig iſt, nicht kränken. Gerade als ich den 
Brief bekam, hatte ich einen Bericht gemacht, um Abſchaffung 
aller Zenſur vorzuſchlagen. Ich habe ihn auch abgehen laſſen. 
Hörſt Du nicht davon, ſo rede nicht davon. Wozu ſich rühmen? 

) Oberpräſident der Rheinprovinz, geb. 1764, + 1831. 

169 


Es muß jetzt allerdings mit Feſtigkeit, aber auch mit viel Würde 
und den wahren und echten Grundſätzen regiert werden, ſonſt geht 
es ſchlimm, wenigſtens bleibt der gute Geiſt nur wirkſam für die 
Regierung, wenn ſie ihn auch hinlänglich zuſammenpreßt. Ich 
ſpreche darüber ſehr unparteiiſch, alles, wozu ich nichts tun kann, 
iſt mir ſogar mehr, als recht und billig iſt, gleichgültig. Ich habe nie 
arbeitſamer und einſamer gelebt als hier und ginge ebenſo gern 
und lieber von hier nach Auleben als nach Paris. Aber ich ſehe 
die Dinge nicht falſch, und dieſe Schritte ſind irrig. 

Es hat mich innig gerührt, daß Du ſagſt, es fei Dir gewefen, 
als überlegteſt Du mündlich mit mir. Wann wird die ſüße Zeit 
wiederkommen! Es iſt ſo nah, und ich kann es mir doch noch gar 
nicht recht denken. 

Lebe wohl, inniggeliebte Seele. Ewig Dein H. 


74. Caroline an Humboldt Berlin, 20. Januar 1816 


Dan war ſehr geſpannt auf die Veränderungen des 18. Der 
Berg hat indes eine Maus geboren, und es ſind keine 
— Miniſterialveränderungen erfolgt, die man zu erwarten 
ſchien. Das Miniſterium von Schuckmann, hieß es in der ganzen 
Stadt, ſolle geteilt werden, man nannte dieſen und jenen, unter 
anderen Nicolovius. Beyme“) ſollte bei der Ständerepräſentation 
obenan kommen und Vizekanzler derſelben werden. Allein auch 
darüber iſt es wieder ſtill. 


*) Karl Friedrich v. Beyme, geb. 1765, + 1838, war 1800-1810 Suftig- 
miniſter, 1814 Zivilgouverneur von Pommern, wurde November 1817 Chef 
der neuen Miniſterialabteilung für die Juſtizorganiſation in den neuen Pro- 
vinzen, trat am 31. Dezember 1819 zugleich mit Humboldt vom Staatsdienſt 
zurück. 


170 


Wer kommt denn nun eigentlich nach Frankfurt an den Gundes- 
tag? Stein wäre doch der beſte außer Dir. 

Aber des Miniſters v. Bülow Grafenerhöhung mokiert man ſich 
ſehr, da man vorausſetzt, daß er ſie doch heimlich nachgeſucht habe. 
Ich finde, daß, wenn man dergleichen gegen ihn willens war, er 
es hätte hintertreiben ſollen, da er einmal ſchon weſtfäliſcher Graf 
war. Allein die Leute haben andere Ideen von Ehre wie ich. 

Der Schwarze Adlerorden an Stein hat mich ſehr frappiert, 
weil ich nie gedacht hätte, daß er ihn nicht ſchon hätte. Es iſt 
der einzige Orden, den ich Dir noch wünſche, und mich dünkt, der 
König hätte ihn Dir diesmal geben können!). 

Geſtern war die Fürſtin Blücher“) und die Warſing mit Familie 
zum Tee bei mir. Morgen kommt der Feldmarſchall, hat ſich aber 
alle Feierlichkeiten verbeten. 

Wolfarts Anſtellung als ordentlicher Profeſſor wird durch eine 
Kabinettsorder durchgeſetzt werden, denn Schuckmann bleibt inflexibel. 

Das Verbot, geheime Geſellſchaften betreffend, welches bei Ge— 
legenheit der Schmalziſchen Schriften pro und kontra erneuert worden 
iſt, hat den traurigſten Eindruck unter allen wirklich Gutgeſinnten 
gemacht. Die Stimmung bei Hofe war allerdings mehr für Schmalz, 
die Schriften wurden bitterer und bitterer, und ich habe Arſache zu 
vermuten, daß der Staatskanzler der ganzen Sache ſo ein Ende 
hat machen wollen, um nicht immer tiefer hineinwühlen zu laſſen. 
Allein man war ſehr betreten darüber, man hat es dem Staats⸗ 
kanzler geſagt, es mache dies keinen guten Eindruck, und wieder 
dieſe Bemerkung hat ihn gekränkt. Er war in jenen Tagen ſehr 
unwohl, vielleicht hat auch dies Einfluß darauf gehabt. Das Zu— 


) Humboldt erhielt ihn 1830, ein Jahr nach dem Tode ſeiner Frau. 

**) Katharina Amalie, geb. 1773, + 1850, Tochter des Chefpräſidenten 
der Oſtfrieſiſchen Kammer v. Colomb, ſeit 1795 vermählt mit Blücher. Frau 
v. Warſing, Gattin des Geh. Finanzrats, ihre Schweſter. 


171 


fammentreffen mit dem Aufhören des „Nheiniſchen Merkur“ hat 
auch unangenehm frappiert. Rußland ſoll beſonders dringend wegen 
des „Merkur“ geweſen ſein. 

Auch das Gerücht von Sngersleben*) iſt wahr. Die alte Kruſe⸗ 
marck hat ſelbſt zu Auguſt geſagt: Mein Bruder bringt der Maje⸗ 
ſtät ein großes Opfer, denn die Nähe der Franzoſen (in den Rhein⸗ 
provinzen) iſt ihm ſehr anzüglich. Der Kruſemarck Deutſch iſt 
einzig ſchön. 


75. Humboldt an Caroline Frankfurt, 22. Januar 1816 


J. Sr = = = ie) 


&) 


Chemo DS 


ch habe Deinen Brief erhalten und freue mich herzlich, zu 

ſehen, daß es beſſer mit Deiner Geſundheit geht, und 
der Schmerz in der Seite nicht beſtändig und im ganzen 
ſchwächer iſt. Daß alles, was Dich moraliſch angreift, mehr Ein⸗ 
fluß auf Deine Geſundheit und namentlich auf den Schmerz in 
der Seite hat, begreife ich ſehr gut. Es ſchmerzt mich darum deſto 
mehr, was Du mir von Theodor ſchreibſt ... Ich glaube mit 
Dir, daß er ſich ewig auf meinen Einfluß und fein Vermögen ver- 
läßt; das wenigſtens iſt gewiß nicht unſere Schuld, denn in keinem 
Hauſe könnte ein Kind wohl weniger davon reden hören, oder ſeine 
Eltern ſelbſt darauf Wert legen fehen . 

Fürſten und Grafen mögen fie in Gottes Namen am 18. ge- 
macht haben, das iſt mein geringſter Kummer, allein wenn Wncillon 
Geheimer Kabinettsrat würde, wäre die Sache ernſthafter. 

Ich bin über eine Anterhandlung, die ich über Luxemburg 
habe, wieder in nähere Verbindung mit Gneiſenau gekommen. Er 
grüßt Dich herzlich. Er denkt über die letzten Ereigniſſe wie ich 
und Stein. Ich bedaure den armen Kanzler, wenn er zu dieſen 
9 Oberpräſident der Rheinprovinz zu werden. 


172 


Dingen die Hände hat bieten müſſen, und noch mehr, wenn er es 
gewiſſermaßen aus eigener Aberzeugung getan hat. Heute hören 
wir hier, und die Sache ſcheint gewiß, daß Ingersleben wirklich 
Oberpräſident am Rhein wird, und zwar ſeinen Sitz in Coblenz 
nehmen und Coblenz, Trier und Aachen beherrſchen ſoll. Es läßt 
ſich darüber weiter nichts ſagen, es iſt das letzte, was geſchehen 
konnte, um alles niederzuſchlagen, und zeigt den Sieg einer Clique 
an, der man durch blutige Jahre entgangen zu ſein glaubte. Auf 
Gneiſenau wird dieſe Nachricht einen ſehr böſen Eindruck machen, 
und ich ſtehe nicht dafür, daß er nicht ſeinen Abſchied fordert. 
Claufewig*), den er mir wegen der Luxemburgiſchen Sache geſchickt 
hat, iſt hier, und ich habe viel mit ihm darüber geſprochen. Ich 
fürchte von dem allen nicht gerade beſtimmtes und ſicheres Anglück, 
obgleich man auch dafür nicht einmal einſtehen kann. Allein das 
Schlimme und wahrhaft Traurige iſt, daß Preußen ein außeror⸗ 
dentliches Beiſpiel in Deutſchland und Europa geben konnte, und 
daß in Preußen ſelbſt Stoff zu dem Beſten und Kräftigſten war. 
Dies wird nun mit Füßen getreten und von ſich geſtoßen, wenn 
die Menſchen, denen man die neuſten Maßregeln zuſchreiben muß, 
wirklich Einfluß behalten. Ich rede gewiß mehr wie ein anderer 
mit Anparteilichkeit davon; denn meine Privatplane können mit 
dieſen Dingen in gar keine Kolliſion kommen. Ich diene wahrhaftig 
nicht zu meinem Vergnügen und meinem Nutzen, und es gibt darin 
auf Erden nichts Beweglicheres als mich. Auch wenn ich dienen 
bleibe, werde ich immer meine Stelle finden, wie ich ſie bis jetzt 
gefunden habe, und werde, wie bisher, ſchon ohne Aufſehen da 
herauszutreten wiſſen, wo es mir nicht wohl werden kann. Aber 
es iſt für das Ganze, das man nicht gern herabſinken ſieht. 
Im Hauſe leben wir ſehr heiter und vergnügt. Ich habe 
außer Flemming und Boisdeslandes noch einen Herrn v. Bülow, 
) Vgl. S. 45. 
173 


der in unſere Dienfte gehen will und ausdrücklich gebeten hat, nur 
bei mir angeſtellt zu ſein. Er iſt, ſoviel ich jetzt ſehen kann, ein 
ſehr guter junger Menſch, hat in Heidelberg ſtudiert und den Krieg 
von 14 mitgemacht. Wenn ich zu Hauſe bin, eſſen immer alle 
bei mir, und Flemming vorzüglich trägt viel zur Heiterkeit bei. 
Wir haben hier im Hauſe einen ſo ſchrecklichen Wind. Wenn er 
ſtark wird, ſchwöre ich Dir, iſt es ſo, daß Du die ganze Nacht 
gewiß kein Auge zutun könnteſt. Nun haben wir darauf geſonnen, 
den Wind wenigſtens auch zu benutzen, und ſind darauf gekommen, 
Aolsharfen anzulegen. Wir glaubten, der ganze Mohrengarten 
müßte ein Konzert werden, allein ſiehe da, der Wind iſt da, aber 
die Töne kommen nicht, und der einzige Ort, wo die Harfe endlich 
einige kläglich winſelnde Laute hervorgebracht hat, iſt Flemmings 
Abtritt. Dies hat denn aber auch Senſation gemacht und iſt 
ſelbſt bis zur Cüſtine gedrungen. Verzeih, daß ich mit der Albern⸗ 
heit ſchließe, aber Du lachſt ja manchmal auch gern. 

Lebe innigſt wohl, mein ewiggeliebtes Weſen. Amarme die 
Kinder. . Ewig Dein H. 


76. Caroline an Humboldt Berlin, 26. Januar 1816 


Wh weiß nicht, mein geliebtes Herz, ob ich fo glücklich fein 
werde, noch einen Brief an Dich zu vollenden, denn ſeit 
15 geſtern waltet wie ein Schickſal über mir, daß, wenn ich 
mich hinſetze, Dir zu ſchreiben, dieſer oder jener hereinſtürzt. Geſtern 
abend wollte ich die Gelegenheit benutzen, Dir durch den Inſpektor 
der Seehandlung zu ſchreiben, da läßt ſich der Prinz Auguſt Fer⸗ 
dinand“) anmelden. Er folgte dem Bedienten auf dem Fuß und 
ſcheint ſich ſehr gut amüſiert zu haben, denn er blieb bis nach 12 Ahr 
) Prinz Auguſt von Preußen, geb. 1779, + 1843, Sohn des Prinzen 
Ferdinand, des Bruders Friedrichs des Großen. 
174 


Mitternacht. Heute morgen, nach vielen anderen weniger vornehmen 
Beſuchen, kommt der Fürſt Nadziwill*), wie ich mir eben den Stuhl 
zum Schreibtiſch anrückte. Inmitten von allem dieſem kam der Poft- 
meiſter Reinecke, ein freundlicher Bote, und brachte mir Deinen lieben 
Brief vom 19. Januar, Theodors Geburtstag. Ich habe noch keine 
weitere Nachricht über ihn, und Du kannſt denken, wie ich ſie erwarte. 

Du wirſt geſehen haben, daß aus vielen Dingen, die man zum 
18. angekündigt hatte, nichts geworden iſt. So zum Beiſpiel die 
Miniſterſchaft Albrechts“) und Gruners! Dagegen erhält ſich das 
Gerücht, daß Schuckmann ſein Miniſterium teilen und Altenſtein den 
Kultus und Schulanſtalten bekommen ſoll. Altenſtein war geſtern 
in der erſten Hälfte der Soiree bei mir und war eben weggegangen, 
als Prinz Auguſt kam. Er iſt ein verſtändiger, etwas langſamer 
Mann, mit dem ſich die Anterhaltung erſt durch die einmal von alters 
her beſtimmten und feſtgeſetzten Formen zu etwas Beſſerem aufhebt. 

Die Einrichtungen der Regierungen werden, wie ich für gewiß 
höre, noch dieſen Monat zuſtande kommen und alle die fremden 
Oberpräſidenten wieder abziehen. Beyme ) hatte, wie Du vielleicht 
weißt, in jener Zeit (ich glaube damals, wo er mit ſeiner Familie 
reiſte), wo man den Staat für ſehr gefährdet hielt, auf ſeine aus- 
geſetzte Penſion von 4000 Taler Verzicht getan, wenn man ihm 
auf einmal 16000 Taler bar geben wollte. Dies iſt damals ge— 
ſchehen, und jetzt weiß ich für gewiß, daß Beyme 6000 Taler mit 
einem verbindlichen Schreiben bekommen hat, in dem ihm geſagt 
worden, daß man hoffe, ſich ſeiner Dienſte künftig noch zu erfreuen. 
Alle Menſchen glauben, daß man ihn bei den Ständeverſammlungen 
employieren wird. 


) Anton Fürſt Radziwill, geb. 1775, + 1833, Gemahl der Prinzeſſin 
Luiſe von Preußen. 
**) Albrecht, preußiſcher Kabinettsrat. 
gr S. 170. 


8 


Mit meiner Geſundheit geht es fo viel beſſer, daß es mit dem 
Oktober kein Vergleich iſt. Beſorgter wie für mich bin ich für Caro- 
linen. Alles macht ſich ſo unendlich langſam in ihr. Es mag 
wohl das Geiſtige im Menſchen mit dem Körperlichen in einer 
unergründlichen Verbindung ſtehen. Könnte man Carolinen für 
irgend etwas leidenſchaftlich erregen, ſo bin ich überzeugt, würde 
ſie bald ganz blühend und hergeſtellt ſein. Allein wer kann einem 
andern in dem Organismus der Seele beikommen! 

Wolfart war eben bei mir, und wir ſprachen lang und viel 
über Carolinens Geſundheit, wo er mir dann äußerte, daß er ein 
Seebad für Carolinen dieſen Sommer um ſo notwendiger und uner⸗ 
läßlicher halte, als es ihm das einzige zu ſein ſchiene, was den 
Einfluß des Magnetismus erſetzen könne. Müſſe ich nach Frank⸗ 
reich gehen, ſo ſchlüge er den Havre vor, obgleich er eigentlich das 
Mittelländiſche Meer gewünſcht hätte. Aberhaupt wolle er Dir in 
dieſen Tagen ſchreiben. Wenn das nun ſo käme, ſo müßte ich ſo 
viel wie möglich eilen, von hier wegzukommen, um doch einige Zeit 
mit Dir zu fein, denn ein ſolches Seebad wäre doch mit Hin- und 
Herkommen immer eine Sache von ſechs Wochen. Ich bitte Dich, 
kannſt Du Dich wohl durch jemand in Paris erkundigen laſſen, welches 
die gebrauchteſten Seebäder in Frankreich find? Wo ordentlich be- 
queme Anſtalten für Frauen find? . 

Nun Adieu, teures Leben, ich denke Deiner mit innigſter Liebe. 


77. Humboldt an Caroline Frankfurt, 26. Januar, 1816 


Ifit Deinem Brief find auch die Zeitungen gekommen, welche 
die Feier des 18. enthalten. Ich hatte einige Scheu 
0 J davor, aber ich kann nicht leugnen, daß ich mit dem 
Gane febr zufrieden bin. Daß Stein den Schwarzen Adlerorden 
176 


bekommen hat, ift ſchon in der Art, daß es gleich dem Sinn aller 
Belohnungen eine unverkennbare Deutung gibt, ſehr gut, und der 
König hat in ſolchen Dingen immer ſehr viel Takt. Man hat oft 
darüber geredet, daß Stein den Orden noch nicht hatte, was wäre 
es nun aber geweſen, wenn er ihn früher, wie ſo viele andere 
Miniſter, oder auch während des Krieges, wo es gar wie ein Mittel, 
ihn ſich geneigter zu machen, ausſehen konnte, bekommen hätte? 
So iſt es ein viel reineres und vollſtändigeres Anerkenntnis deſſen 
was er in dieſer Epoche an ſich und für Preußen getan hat. 

Anter den Erteilungen geringerer Grade habe ich ſehr viele 
bemerkt, die meinen vollen Beifall haben, und von denen ich es 
wenigſtens nicht für gewiß gehalten hätte, daß man ihrer gedenken 
würde. Daß in der Zahl auch andere ſind, verſteht ſich, allein das 
iſt nicht zu vermeiden. Im ganzen wird der Eindruck dieſer Er- 
teilungen immer gut bleiben. 

Ich habe Dir heute, liebes Kind, einen Auftrag zu geben, den 
ich Dich bitte, recht ordentlich und genau zu beſorgen, was ich 
übrigens nur ſage, weil mir wirklich daran liegt, nicht weil Du es 
je anders täteſt. Ich ſchrieb Dir ſchon neulich, daß ich wegen 
unſeres Auskommens in Paris nicht ohne einige Beſorgniſſe bin. 
Ich bin gewiß ſo wenig als Du habſüchtig, liebes Kind, und es 
iſt, wie Du weißt, ſogar mein Grundſatz, für den König zu erſparen. 
Allein, da man doch, es mag nun hernach dauern oder nicht dauern, 
kein Verhältnis eingehen muß als ſo, daß man auch wirklich darin 
bleiben könnte, fo muß ich auch ſo geſetzt fein, daß ich nicht zu⸗ 
ſetzen muß, was wir ſchon der Kinder wegen ſchlechterdings nicht 
können. Meine Abſicht iſt daher, eine genaue Rechnung zuerſt 
über unſere Einkünfte zu haben, damit ich dem Kanzler offen, aber 
auch ganz ſpeziell ſchreiben kann. Mache mir alſo, aber ganz kurz, 
einen Vermögensetat. Du wirſt vielleicht lachen und meinen, ich 
müßte das an den Fingern wiſſen. Allein, wenn es auch ſo ſein 
Humboldt-Briefe. V. 12 177 


follte, fo iſt es nicht fo. Was ich an Pfandbriefen habe, was 
Alexander mir ſchuldig iſt, weiß ich gar nicht, anderes ungewiß. 
Du mußt, wenn Du es machſt, die Kapitalien mit ihrem Betrage 
ſowohl als mit dem der Zinſen, von den Gütern die feſten Einkünfte 
(auch von Tegel), die Acker- und Mühlenpachten aufführen. 

Meine Idee iſt nun die: Wenn ich danach ſehe, wieviel Einkünfte 
wir genau haben, werde ich von den Gütern ein Fünftel für Bau⸗ 
koſten abziehen (da Tegel darunter iſt, das immer noch ſo viel 
koſtet, iſt das nicht zu viel), 2 500 Taler für die Kinder, die wir 
zurücklaſſen; 1000 Taler Theodor, 500 Adelheid, 500 Hermann 
und 500 für Anvorhergeſehenes. Was dann übrig bleibt, werde 
ich als das in Rechnung bringen, was wir in Paris zu unſerem 
Gehalt bei den Ausgaben hinzutun können. Sollen wir in Paris 
auskommen können, ſo müſſen wir, ohne Miete und Koſten zum Erſatz 
des Ameublements, wenigſtens 150000 Franken haben. Danach 
werde ich dann die Rechnung anlegen und dem Kanzler vorſchlagen, 
mir entweder die Beſoldung zu geben, die ich für die nötige halte, 
oder mich ein Jahr gewiſſermaßen auf Rechnung da fein zu laſſen, 
und am Ende des Jahres ſich ſelbſt zu überzeugen, was ich gebraucht 
habe, um danach ferner zu beſtimmen. Da mir der Kanzler und 
der König gut ſind, ſo ſcheint mir das ein Weg, der zum Zweck 
führen muß. 

Kruſemarcks Forderungen kenne ich. Ich hatte 13 400 Taler. 
Es iſt mir recht lieb, daß man ſieht, daß meine Nachfolger, auch 
unverheiratet, Niebuhr und Kruſemarck') teurer find als ich, und doch 
gewiß nicht gleichviel tun, da ſelten jemand eine ſo pedantiſche 
Treue hat als ich. Kruſemarck wird auch erhalten, was er will. 
Ich kann in den Tod das Betteln nicht ausſtehen. 

Bei dem Geſandtenweſen, und zumal bei dem leeren, fällt mir 
Metternich ein. Er iſt der närriſchſte Menſch von der Welt. Du 

) Als Geſandte in Rom und Wien. 
178 


weißt, daß er gar nicht fonderlich gut feit dem Prager Kongreß mit 
mir war, und plötzlich ſchreibt er mir ohne alle Veranlaſſung einen 
freundſchaftlichen Brief von vier Seiten, der anfängt: „Pai été 
habitué trop longtemps à passer des mois, des journées et surtout 
des soirées avec Vous pour ne pas sentir un grand vide dans mes 
alentours“ usw. Iſt Wltenftein je bei Dir geweſen? Er ift ſehr gut, 
gehört aber nicht zu den Amüſanten. 


78. Caroline an Humboldt Berlin, 31. Januar 1816 


Mein liebes Herz! 

Jeſtern abend empfing ich durch einen Feldjäger Deine lieben 
Zeilen vom 27. Er ſchickte mir den Brief herein, ich aber 
ließ ihn bitten, ſelbſt hereinzutreten, weil es mir lieb war, 
einen Menſchen zu ſehen, der Dich vor kurzem verlaſſen hat. Das 
tat er denn auch auf einen Augenblick. Nachher, wie ich Deinen 
Brief öffnete, war es mir unendlich rührend, daß ich, wie von einer 
inneren Ahndung ergriffen, dasſelbe empfunden hatte, wie Du es ſchöner 
in Deinen lieben, wehmütigen Zeilen ausdrückſt. Nun, bald hoffe 
ich ja, ſind wir wieder zuſammen, mein teures, treues, geliebtes Herz. 
Es hat ſich allerdings manches nicht beſtätigt, was man über 
Erwartungen des 18. hörte. Dein Arteil über Aneillon teilen alle 
rechtlichen Menſchen hier. Jemand hat mir erzählt, daß der Staats- 
kanzler gekränkt und empfindlich war, als er ihm ſeine Mißbilligung 
des Verbots des „Rheiniſchen Merkurs“ und der Bekanntmachung 
in der hieſigen Zeitung wegen der geheimen Verbindungen nicht ver⸗ 
heimlichen konnte. Ich begreife das auch ſehr gut, begreife, wie 
dem edlen Mann zugeſetzt wird, und welch ein Mittel, zu der Wahrheit 
zu gelangen, entgeht ihm ſchon allein durch ſein ſchweres Gehör! 
12% 179 


<a 


Eben das iſt's, was den Wunſch, ihm nabetreten zu können, zu 
dürfen, ſchmerzlich macht. 

Gneiſenau hat an ſeiner Popularität, hör' ich, durch ſeine 
unbegrenzte Eitelkeit verloren. Es gibt Leute, die behaupten, dieſe 
ginge bis zu einer Art Narrheit. Man gibt ihm hier die aller⸗ 
weitausſehendſten Plane ſchuld. In einigen Jahren könnte das 
Reiferwerden des Kronprinzen doch auch eine ganz andere Konſtellation 
hervorbringen. Wenn erſt die Schwefter*) und Prinzeß Friederike“ 
weg ſein werden, die ihm die Kindheit noch gar zu ſehr verwirklichen, 
ſo wird ſich ſein Geiſt viel mehr zum Ernſten wenden. Ich zittere 
vor dem Augenblick hier, wo der Staatskanzler einmal die Augen 
ſchließen wird, denn es kriecht ſehr vieles hier im Dunkel lichtſcheu 
umher. 

Wer wohl am allermeiſten hier gehaßt wird, iſt der Finang- 
miniſter. Antergebene ſowohl als alles, was nur ſeinen Namen 
nennt, deteſtiert ihn und gibt ihm Leichtſinn und Deſpotie zugleich 


ſchuld. 


79. Humboldt an Caroline Frankfurt, 2. Februar 1816 


huguſts und Adelheids Paſſion für Tegel iff mir zwar an 
ſich ſehr lieb, allein im Winter ſollte Auguſt nicht ſich 
deer freien Kälte fo ausſetzen. Es kann ihm wirklich leicht 
ſchaden, und in der Tat bin auch ich für ſeine Geſundheit beſorgt. 
Auch das iſt mir bei Heiraten von ſo ungleichem Alter immer ein 
peinlicher Gedanke, daß nun vermutlich der eine den andern ſehr 
lange überlebt. Wenn man ſich wirklich liebt, kann man es nicht 
) Prinzeſſin Charlotte und Prinzeſſin Friederike von Preuß en geb. 1796, 

+ 1850, Tochter des Prinzen Louis, des Bruders Friedrich Wilhelms III. 


und der Prinzeſſin Friederike von Mecklenburg ⸗Strelitz, Schweſter der Königin 
Luiſe, verm. 1818 mit dem Herzog Leopold von Anhalt-⸗Deſſau. 


180 


dem andern wünſchen und muß es für ſich ſchrecklich finden. Das 
Schönſte iſt, recht, recht lange zuſammenzuleben und dann ſo zu 
ſcheiden, daß der eine nicht länger nachbleibt, als um noch nachzu⸗ 
holen, was der Dahingegangene nicht ſelbſt mehr tun konnte, und 
ſich dann ſelber zur Folge anſchickt. Ans hat der Himmel in allem, 
was unſer inneres Leben miteinander betrifft, ſo unendlich günſtig 
behandelt, daß ich nicht verzweifle, daß es uns ſo wird. And 
etwas vermag vielleicht auch die tiefe Sehnſucht über das Schickſal. 
Der bloße Widerwille am Leben, der Schmerz, die Anzufriedenheit 
mit allem, was einen umgibt, tötet oft nicht, ſondern verbittert 
nur das Leben und zerſtört langſam das Daſein. Es iſt überhaupt 
immer eine Empfindung, die nicht in einer rein geſtimmten Seele 
waltet, und eine Angerechtigkeit ſchon gegen die Natur, die, was 
vorgehen mag, einen in Himmel und Erde immer ſo freundlich und 
mächtig umgibt, daß man wohl in Wehmut in ihr vergehen, aber 
nie ſich mit ihr entzweien kann. Allein die Sehnſucht über das 
Leben hinaus, die, verſöhnt mit allem auf Erden, nur zu etwas 
anderem und Höherem übergehen möchte, iſt ein Streben, das ſich 
in jeder Natur deutlich ausſpricht und nur dem Menſchen nicht 
immer einzeln klar wird. Dieſer Sehnſucht ſchreibe ich viel eher 
die Kraft zu, ſich ſelbſt ihre Erfüllung zu erringen und dem Leben 
ſanft und gewaltlos zu entrücken. 

Stein ſollte Bundesgeſandter ſein, aber er will keinen Poſten 
und iſt ſehr klug darin. Ich bin enger als bisher mit ihm ver- 
bunden, und wenn Du herkommſt, mußt Du ihn notwendig auf 
ſeinem Gut, das ſehr ſchön liegen ſoll, beſuchen. Daß es Dich frap- 
piert hatte, daß Stein den Schwarzen Adlerorden nicht ſchon hatte, 
begreife ich. Aber die jetzige Erteilung iſt ſehr gut. 

Wie es närriſch iſt, wie man die Dinge nimmt. Du ſagſt, der 
König hätte mir wohl den Schwarzen Adlerorden geben können. Ich 
habe die Sache bloß von der heiteren Seite genommen und mich ge- 

181 


freut, daß niemand vom Zivil die erſte Klaſſe des Eiſernen Kreuzes 
bekommen hat. Ich hatte ſchon im vorigen Frühjahr die Angſt, daß ich 
nun nicht mit dem Kanzler der einzige bliebe, der ſie hätte, und war 
auch darum aufs neue Bonaparte gram. Allein es iſt ſo geblieben 
und bleibt nun wohl immer ſo. 

Mit dem Schwarzen Adlerorden, finde ich, hat der König ganz 
recht gehabt und wieder den Takt bewieſen, von dem ich Dir neulich 
ſchrieb. Ich habe, wie ich ohne alle Affektation ſage, gewiß ſehr 
nützliche Dienſte in dieſer ganzen Zeit geleiſtet, allein da Orden 
nicht für jeden gewöhnlichen Dienſteifer gegeben werden müſſen, ſo 
iſt doch das, was ich eigentlich getan habe, nur die Bewirkung des 
Beitritts Oſterreichs geweſen. Dafür hat mir der König gleich das 
Eiſerne Kreuz und ſogar den Noten Adlerorden, ja noch darauf 
in Paris die Erſte Klaſſe und ganz aus eigenem Antrieb gegeben. 
Nachher habe ich wirklich nur das tun können, was jeder nicht 
ſchlechte Geſchäftsmann tun ſollte. Dazu aber kommt noch, daß 
die diplomatiſchen Verhandlungen doch, man fage, was man will, 
auch meiner eigenen Aberzeugung nach, nicht gut und gar nicht mit 
dem Kriege vergleichbar gegangen ſind, und daß das auch allgemeine 
Meinung iſt. Der König hat daher ſehr gut getan, dafür keine 
Orden, am wenigſten den größten, auszuteilen. Wenn man es mit 
Orden nicht ſtreng nimmt, ſo ſind es Albernheiten, an denen kein 
Menſch Gefallen haben kann, der einigen Ernſt beſitzt. Die ich 
vom König habe, habe ich wirklich und ſtufenweiſe verdient. Es 
kann auch noch im Geſchick eine Gelegenheit verborgen liegen, die 
mir das letzte gibt, was ich im Dienſt erwarten kann, und nur wenn 
es ſo kommt, wird es mich innerlich und ſehr freuen. So die 
äußerliche und kleine Freude daran habe ich allerdings auch und 
nenne ſo wenig die Trauben ſauer, daß ich ſogar gern zugebe, daß 
jetzt mit Stein ihn zuſammen zu erhalten mir ſehr lieb geweſen 
wäre. Aber daß Boyen nicht die Erſte Klaſſe des Roten erhalten 
182 


hat, das finde ich ſehr ungerecht und begreife es durchaus nicht, 
wenn es nicht, wie ich glaube, in ſeinen Militärverhältniſſen liegt, 
daß man dadurch andere, die vor ihm ſind, gekränkt hätte. Er 
hat ein bedeutendes Verdienſt um die Armee. Ich glaubte, als 
ich Dir neulich von den Orden ſchrieb, daß er ihn ſchon hätte. 
Man ſagt mir aber, daß es ſogar nur die dritte Klaſſe iſt. 


80. Caroline an Humboldt Berlin, 3. Februar 1816 


egen Hermann bin ich ganz entſchieden für Türk“). Aus 

ſeinem Dir letzthin geſchickten Brief wirſt Du ſeine Lage 
zum Teil erſehen haben. Er iſt Regierungsrat und hat 
das Schulweſen der Provinz, der Neumark, unter ſich. Er hat ſich 
ſehr beliebt gemacht, ſowohl beim Oberpräſidenten v. Neck als auch 
bei dem Präſidenten Wismann und ſteht alſo mit den Autoritäten 
gut. Er hat nur in ſeinem eigenen Hauſe die Kinder, deren er 
im Briefe erwähnt, acht, dünkt mich, an der Zahl, wenn Hermann 
und der kleine Reck darin ſein werden, und für die erſten drei 
Jahre iſt keine Frage, daß ſo für Hermann geſorgt iſt. Nach dem 
Gymnaſium in Frankfurt a. d. O. werde ich mich bei Nicolovius 
erkundigen. Hermann iſt ſehr gut und liebenswürdig geworden, 
folgſamer und unbeſchreiblich zärtlich. 

In Gabrielle entwickelt ſich eine unendliche Stimme. Wenn 
ſie ein Jahr in Italien ſingen könnte, würde es bezaubernd werden. 
Sie wird Dich mit einer Fülle von kleinen Liedern ſehr amüſieren. 
Ich würde im April ohne alles Bedenken zu Dir und alſo vielleicht 
noch nach Frankfurt kommen können, geliebtes Herz, allein Gabri- 


) Herr v. Türk hatte eine kleine Erziehungsanſtalt für Knaben, zunächſt 
in Frankfurt a. O., dann in Potsdam. 
183 


ellens Konfirmation macht, daß ich nichts fix beſtimmen kann. 
Dies abzumachen, obgleich ſie ſo unendlich jung iſt, da wir doch 
auf eine unbeſtimmte Zeit aus Deutſchland gehen, hielt ich für 
notwendig. Schleiermacher gibt ihr wöchentlich vier Stunden und 
hofft ſo fertig zu werden, aber ob vor dem 1. Mai, möchte ich 
nicht verſprechen. 

Aber Caroline beſtätigen Wolfart und Koreff ſich täglich mehr, 
daß ſie ein Seebad nehmen müſſe. Das wird in Havre oder 
Calais eine ſehr ennuyante partie de plaisir ſein. Eigentlich 
wollen ſie ausſchließlich das Mittelländiſche Meer, allein das iſt 
ja rein unmöglich zu machen. 


81. Humboldt an Caroline Frankfurt, 9. Februar 1816 


ch bin auf einmal fo reich an Briefen von Dir, liebe Li, 
daß ich Dir meine Freude nicht beſchreiben kann ... Ich 
danke Dir unendlich für Deine himmliſche Güte und Sorg- 
falt. Da Du viel weniger Herr Deiner Zeit biſt, haſt Du wirklich 
viel weniger Muße als ich. 

Zuerſt muß ich aus Deinen Briefen herausheben, was Du mir 
über die Notwendigkeit eines Seebades für Carolinen ſagſt. Es iſt 
mir das Wichtigſte, weil es das arme gute Kind betrifft und dann 
auch unſer Zuſammenkommen. Ein franzöſiſcher Hafen ſcheint wohl 
freilich in unſeren jetzigen Verhältniſſen das Natürlichſte. Allein 
ich geſtehe Dir, ich kann nicht dafür ſein. Ich habe geſtern abend 
mit der Cüſtine weitläufig darüber geſprochen. Zwei Dinge habe 
ich gegen einen franzöſiſchen Hafen. Carolinen kann die Kur nur 
helfen, wenn ſie mit einiger Freudigkeit ſie gebraucht. Nun weißt 
Du, wie ſie Frankreich haßt, und auch, wie unangenehm kleine fran⸗ 
zöſiſche Provinzialſtädte ſind. Das zweite iſt die Anſicherheit Frank⸗ 
184 


reichs, vorzüglich in den Provinzen. Dabei ſtehen alle Dinge fo verrückt, 
daß es ſelbſt möglich iſt, daß ich noch im Junius nicht hier weg 
kann. Aberlege daher wohl, ob unter dieſen Amſtänden nicht 
Italien vorzuziehen iſt. Nach Rom wollteſt Du doch einmal und 
bald wieder gehen und haſt ſehr recht. Du könnteſt alſo beides 
verbinden. Gleich nach Gabrielens Konfirmation kämſt Du hierher 
und bliebeſt, wenn ich noch hier bin, vier, fünf Wochen mit mir. 

Von hier gingeſt Du über den Simplon nach Genua und 
brauchteſt mit Carolinen, denn es wird Dir auch gut ſein, das 
Seebad. Im September gingeſt Du nach Nom und kehrteſt Ende 
November oder Anfang Dezember nach Paris zurück. So wäre 
für Carolinens Geſundheit geſorgt und eine lange Sehnſucht wieder 
auf einige Zeit geſtillt oder beſchwichtigt. Du ſäheſt die Gräber 
der lieben Knaben, und ich hätte wenigſtens den Troſt, Dich an 
dem Ort zu wiſſen, an dem ich Dich einzig gern habe, wenn Du 
nicht bei mir biſt. Die Koſten ſcheue nicht, Du mußt überall 
mit den Kindern auch leben, und die drei, die Du auf jeden Fall 
zurückläſſeſt, machen bei allen dieſen Planen keinen Anterſchied. 
Außerdem, liebes, teures Herz, will ich Dir ſo, ich hatte es mir 
längſt vorgenommen, eine recht hübſche Doſe ſchenken, die ich noch 
habe, nicht, daß Du, armes Kind, davon reiſen ſollſt, aber damit 
Du nicht ängſtlich biſt, wenn Du unterwegs etwas kaufen oder 
anders einrichten willſt. 

Du ſchiebſt auch ſo, wenn unglücklicherweiſe das nicht ſo 
viel helfen ſollte, alle Schuld und Verantwortlichkeit auf die Arzte, 
ſie ſagen ſonſt immer, daß es nicht das Mittelländiſche Meer war. 
Aberlege es alles wohl, liebe, teure Seele, handle ganz nach Deiner 
eigenen Empfindung, und ſei überzeugt, daß ich alles billige, was 
Du tuſt, daß mir für mich nichts über die Freude geht, mit Dir 
zu ſein, daß ich aber fühle, was wir Carolinen ſchuldig ſind, und daß, 
Dich glücklich in Italien zu wiſſen, mir wie meine eigene Freude gilt. 

185 


Ich ſchicke Dir wieder viele Billette der Cüſtine, weil fie 
närriſch ſind und meine Lebensgeſchichte zeigen. An Zärtlichkeit 
iſt von keiner Seite zu denken, und ihr Alter macht, daß ſie die 
Billette ganz anſtändig ſchreiben und ich mitteilen kann. Aber ſie 
ennuyiert mich furchtbar, hat den unangenehmſten aller immer unange⸗ 
nehmen Straßburger bei ſich, den Sohn, der Mönch werden will, ſehr 
ariſtokratiſche Verwandte in Paris, muß hier mit lauter Leuten 
umgehn, die oft ganz geradezu deutſch ſprechen, da iſt Flemming, 
der auch faſt täglich Billette bekommt, und ich ihr freilich ein 
Licht. Auch ſage ich ihr immer, daß unſer Glanz bei ihr mit 
Frankfurt aufhören wird. Außerdem hat es ſie amüſiert, da ſie 
mich dezidiert ſah, nicht auszugehen, mich mit wahrer Gewalt doch 
zu ſich zu bringen. 

Sie ſcheint gar nicht glücklich, aber hat einen gewiſſen natio⸗ 
nellen Leichtſinn, ſo daß ſie doch nie ſentimental wird, was ſehr 
viel ſchon iſt. Auch wäre die Sentimentalität gegen mich, wenn 
ich es nicht will, ſchwer anzubringen. Abrigens verſäumt ſie aber 
nichts gegen mich. Go bat fie jetzt erfunden, mir Reis mit Milch 
des Abends zu geben, und da ſie immer Vier trank, und ich nur 
einmal meinen Abſcheu zu erkennen gegeben, ſo hat ſie es gleich 
aufgegeben. Das hat allerdings mein Herz ſehr gewonnen. 

Lebe wohl, inniggeliebte Seele. Amarme die Kinder. 

Ewig Dein H. 


82. Humboldt an Caroline Frankfurt, 13. Februar 1816 


ch fange, ſüßes Kind, meinen Brief mit den Rechnungen 
N | an, weil ich den Vermögenszuſtand, den Du mir neulich 
i mitgeteilt haſt, genau durchgeſehen habe. ... Ich werde 
nun hiernach dem Kanzler ſchreiben und ihn autor es dem 


186 


* 


König vorzulegen: 1. daß meiner Meinung nach ein Preußiſcher 
Geſandter in Paris 150000 Franken und freie Wohnung haben 
müſſe; 2. daß aber das Wenigſte 150 000 Franken ohne freie Woh⸗ 
nung ſei; 3. daß, wer weniger habe, ſich ruinieren oder für den 
Hof nicht anſtändig leben müſſe; 4. daß ich von meinem Vermögen 
nicht mehr als höchſtens 6000 Taler zur Pariſer Ausgabe zu— 
ſchießen kann, und auch das erſt vom 1. Januar 1817 an, weil 
erſt dann meine Finanzen in Ordnung kämen, in die ich ſie nach 
dem Kriege habe bringen können. Die Beſtimmung des Gehalts 
hiernach überlaſſe ich dem König, werde aber bitten, es womöglich 
in Franken zu beſtimmen und mir in Paris auszahlen zu laſſen, 
wenigſtens fo lange die Kontributionszahlung dauert, und zur Ein⸗ 
richtung außer den 6000 Talern ein zinsfreies Darlehen von 
10000 Talern auf fünf Jahre, in jedem Jahr 2000 Taler abzuzahlen. 
Man müßte mir hiernach 35—36000 Taler geben. Ich glaube 
nicht, daß man es tut. Ich gehe dann auf jeden Fall hin nach 
Paris, aber kann ich nicht auskommen, fo nehme ich meinen Ab- 
ſchied definitiv nach einem Jahr. Damit von Anfang bei der For⸗ 
derung drohen, würde ich unhöflich finden. Allein ausführen tue 
ich es gewiß. Eine gute Veranlaſſung iſt mir eher erwünſcht als 
unangenehm. 

Der Bülow, den ich jetzt hier habe, wird gut werden, wenn 
er einige Jahre bei mir iſt. Er iſt nicht ſo gewandt wie Flemming, 
aber fleißig und von Kenntniſſen. Ich lache oft in mir, daß ich 
ihn eigentlich zum Mann für Gabrielen beſtimme. Du wirſt nun 
ſehen, daß das geſchieht. 

Die Abſchrift des Briefes von Conſalvi gib Niebuhr. Der 
Papſt gibt alle deutſche Handſchriften an Heidelberg heraus, 847 
an der Zahl. Er behält die anderen. Damit muß man ſich nun 
begnügen. Sage wenigſtens Niebuhr, daß dies meine Meinung ſei. 

Die Cüſtine bleibt vermutlich bis zum Anfang des Sommers 

187 


hier, geht dann vielleicht nach Karlsbad und endlich nach Frank⸗ 
reich. Von ihrem Schreiben ſagt Flemming, der faſt noch mehr 
Billetts bekommt als ich, ſehr gut, daß es ihr wie nichts würde, 
ihre kleinen Buchſtaben zu malen, aber man mit den Antworten gar 
nicht ſo leicht daran wäre. Doch antworte ich immer. Es iſt eine 
Abung für die zahlloſen Billetts, die man in Paris bekommt. 

Dir würde, glaube ich, die Cüſtine gefallen. Sie iſt heiter und 
liebenswürdig und hat doch dabei nichts anſtößig Franzöſiſches, viel- 
mehr eine Einfachheit, die ſehr auffallend iſt, und an der man oft ſieht, 
daß ſie ſich im Gefängnis gewöhnt hat, ſo auf alles, was nur der 
Plunder im Leben iſt, Verzicht zu tun. In dieſer Einfachheit 
ſtimmt ſie ſehr mit Dir überein. Allein ſie hat keine Tiefe und 
iſt weiter nicht innerlich intereſſant. Das machte Carolinen, als 
ſie hier war, ordentlich ungerecht gegen ſie. Allerdings muß man 
ſie nicht mit ihr oder gar Dir vergleichen. Ich würde ſie nicht 
aufgeſucht haben, wenn ſie mich nicht, wie ſie ſelbſt geſteht, 
gewiſſermaßen nötigte, aber ſo muß man ihr bis auf einen ge⸗ 
wiſſen Punkt gut ſein und kann immer das Geſpräch mit ihr ſo 
wenden, daß es nie ganz leer iſt. Die kleine Levy“) ſehe ich jetzt 
manchmal bei ihr. Die gefällt ſich gar nicht hier. 

Mit Hermann ſehe ich es als ausgemacht an, daß er zu Türk 
kommt. Es iſt gewiß das beſte. Für mich tut es mir leid, ich 
liebe den kleinen Jungen ſehr und ſehe ihn jetzt vielleicht gar nicht 
oder in vielen Jahren wieder. Aber es iſt nicht bloß nützlicher, 
ſondern auch angenehmer für ihn. Anter mehreren Kindern in 
einer kleinen Stadt iſt er viel glücklicher als in dem großen Paris 
allein mit lauter Erwachſenen. Nur die erſte gänzliche Trennung 
wird ihm leid tun. 

Ich habe auch nicht anders gekonnt, als dem Staatskanzler 
zu ſchreiben, daß ich das Edikt nicht billigen kann. Er hatte mich 

*) Bal. S. 112. 

188 


ausdrücklich gefragt. Es war mir weder möglich, gar nicht zu ant. 
worten, noch unwahr zu ſein. Auch hält er immer am meiſten 
auf die Wahrheit. Du haſt ſehr recht zu zittern, wie es in 
Berlin und Preußen werden wird, wenn er einmal die Augen 
ſchließt. Es wäre ein durchaus unerſetzlicher Verluſt. 

Aber die Güter reiſe ja. Es iſt über Deſſau, Burgörner, 
Auleben und Erfurt beinah näher. Wünſchteſt Du Goethe und 
Carolinen zu ſehen, könnteſt Du nach Weimar gehen. Doch iſt 
Goethe im Mai ſchwerlich noch in Weimar, und Caroline kommt 
auch nach Erfurt. 

Lebe innigft wohl, meine liebe, treue, herzlich geliebte Seele. 

Ewig Dein H. 


83. Humboldt an Caroline Frankfurt, 23. Februar 1816 


es iſt heute Dein Geburtstag, ſüßes, teures Herz, aber ich 
06 CF habe mit dem letzten Poſttag keinen Brief von Dir gehabt. 
USF | Ich vermute daher, daß ein Kurier unterwegs iſt. 

Es war heute ein himmliſcher Tag hier, die Sonne ſchien ſo 
freundlich, und der Himmel war ganz blau. Ich bin weit ganz allein 
ſpazieren geweſen, an einem Ort, den man den grünen Brunnen nennt, 
wo eine Quelle von einer ſchönen Gruppe alter Linden umpflanzt iſt 
und ſteinerne Bänke herum ſind. Der Ort liegt dicht am Main, 
und auf der entgegengeſetzten Seite ſieht man das nächſte Gebirge, 
das nicht groß, aber von angenehmen Formen iſt. Rundherum 
iſt eine Wieſe, auf der das Gras ſchon grün und friſch ausſieht. 
Es war mir wie eine Wohltat des Himmels, daß das Wetter ſo 
das einſame Gehen und das Andenken an die Ferne und Ver— 
gangenheit begünſtigte. Die linde Frühlingsluft verdoppelte aber 
meine tiefe innere Sehnſucht nach Dir, mein einzig und ewiggeliebtes 

189 


Leben. Das Jahr, das heute beginnt, werden wir doch großenteils 
zuſammen verleben und wenigſtens gewiß zuſammen beſchließen, 
das iſt mir ein großer und inniger Troſt, und Deine Liebe und 
Treue wird mich, wie ſonſt, freundlich begleiten. Möge nur Deine 
Geſundheit auch meinen Wünſchen zuſagen. Wenn wir nur bei⸗ 
einander ſind, Du geſund biſt und es den Kindern wohl geht, 
ſind wir des reinſten und höchſten Glückes gewiß. Ich liebe ſo 
alle Geburtstage derer, die mir teuer ſind, und auch meinen eigenen. 
Denen, die einen gewiſſen Wert von innerer und angeſtammter 
Natur haben, raubt die Zeit nie etwas, ſondern iſt oft eine tief⸗ 
erfreuliche Zugabe, die Empfindung aber macht ſie inniger und 
wehmütiger und tiefer und verwandelt in wahre Eigentümlichkeit 
des Weſens das, was, fo lange dieſe Reife des Weſens ihm 
mangelt, noch gleichſam die Spur der Willkür, die Möglichkeit 
des Aufhörens an ſich trägt. 

Ich glaube, daß ich Flemming in den nächſten Tagen ver⸗ 
lieren werde. Ich weiß, daß man ihn beſtimmt, Geſchäftsträger 
im Haag zu ſein, und vermute, daß der Kurier, der auf dem Wege 
ſein muß, die Nachricht von der Verſetzung mitbringt. Sie wird 
ihm ſelbſt nicht lieb ſein. Er iſt gar nicht ehrgeizig, liebt mich, 
iſt gern mit mir, gefällt ſich in Frankfurt, wo er allerlei kleine 
Attachements der Geſellſchaft hat, und geht noch lieber nach Paris. 
Allein er kann etwas, das ehrenvoll für ihn und nützlich für den 
Dienſt iſt und ihn in ſeiner Laufbahn weiter bringt, doch nicht aus⸗ 
ſchlagen. Ich verliere Flemming ungern, vorzüglich für die Geſell⸗ 
ſchaft. Denn ſo gut er auch zugleich für die Geſchäfte iſt, ſo kann 
ich dafür auch ſehr gut Bülow brauchen, der ein ſehr verſtändiger, 
unendlich fleißiger und williger Menſch iſt, dabei hat er eine 
ſolche Gabe zu lachen, daß er beinah platzt, wenn die geringſte 
Gelegenheit iſt, wo er nicht laut lachen darf. Gabrielen wird 
das ſehr amüſieren. Er hat ausdrücklich bei mir angeſtellt ſein 
190 


wollen und findet ſich auch ſehr vergnügt und glücklich, wie es 
ſcheint. 

Die Cüſtine hat mir neulich geſagt, que je me vantais au loin. 
Ich habe darauf verſichert, daß ich mich nicht vantierte, aber daß 
es wahr wäre, daß ich Dir immer alles ſchriebe, und das einmal 
eine hergebrachte Sitte von mir wäre. Es iſt natürlich nur Spaß, 
aber im Grunde muß ich doch bewundern, wie ſich der Menſch 
um ſeine goldene Freiheit bringen läßt, ſelbſt ich, der ich ſonſt ein 
ziemliches Talent habe, die meinige zu bewahren. Anfangs hielt 
ich es gar nicht nötig, zu ihr zu gehen, und war nach ihrer eigenen 
Verſicherung in 18 Tagen einmal nicht dageweſen. Nach und nach 
hat ſie durch Billetts ſo von Tag zu Tag mich gebeten, gequält, 
feſtgehalten, daß ich jetzt mich entſchuldigen muß, wenn ich in dreien 
nicht hinkomme. Anfangs antwortete ich auch nicht auf die Billetts, 
auch dazu hat ſie mich gezwungen. Neulich, als ich ihr ſagte, daß 
die Abreiſe der Pappenheim“) mit ihren Töchtern nun auch eine 
corvée weniger in Frankfurt mache, ſagte ſie auch gleich: Dieu, 
que serait-ce si je partais, combien Vous seriez soulagé! Dem 
widerſprach ich denn auch nur ſehr ſchwach. Flemmingen und 
Bülow hat ſie noch mehr in der Flucht. Die müſſen eigentlich 
alle Tage hingehen, und wenn ſie abends nicht können, ſo tun ſie 
es Vor- oder Nachmittag. Dazu laſſe ich mich aber doch nicht 
bringen, ſondern bewahre meine Würde. 

Wenn Du im Mai herkommſt, iſt unſtreitig Goethe hier. Schloſſer 
erwartet ihn ſchon im Ende des folgenden Monats. Es würde 
mich ſehr freuen, wenn ich ihn noch hier ſähe und eine Weile mit 
ihm zuſammen bliebe. Du haſt vielleicht ſchon gehört, daß er ein 
Buch über die Rheingegenden ſchreibt, das ſehr ſonderbar fein 
muß. Es ſcheint eine Art Bericht, wie man dieſe Provinzen be— 

) Lucie Gräfin Pappenheim, Tochter des Staatskanzlers Fürſten 
Hardenberg, geb. 1776, + 1854. 

191 


handeln müſſe, und foll tief in Manufaktur- und Fabrikverhältniſſe 
in großem Detail eingehen. Ich bin ſehr neugierig darauf. Manch⸗ 
mal kann Goethe ſo etwas ſehr mißglücken und einförmig und lang 
werden. Indes ſagen mir Schloſſers doch ſo viel von der glücklichen 
und heiteren Stimmung, in der er hier geweſen ſei, daß ich hoffe, 
ſie iſt ins Werk übergegangen. 

Meine Einleitung zum Agamemnon, die eben zwei gedruckte 
Bogen ſtark iſt und doch allerlei enthält, was nicht unwichtig iſt, 
habe ich heute nach Leipzig geſchickt und auch von dieſem Tage 
datiert. So iſt nun alles dort, und ich bin ganz von dieſer Arbeit 
frei. Ich wünſche, daß ſie Dir gefallen möge. 

Nun lebe wohl, mein teures, liebes, ſüßes Herz, bleibe mir 
auch in dieſem Jahre gut, und behalte mich lieb, und habe Nachſicht 
mit mir, und ſei überzeugt, daß ich kein größeres Glück auf Erden 
kenne, als Dir das Leben leicht und heiter und froh zu machen. 
Amarme die Kinder. Ewig Dein H. 


84. Caroline an Humboldt Berlin, 24. Februar 1816 


Liebſtes Herz! 

Jieeſtern bei Tiſch habe ich Deine lieben Zeilen durch die Gräfin 
Pappenheim empfangen. 

i Ich bin ſehr fleißig geweſen, ich habe die Tiſchwäſche 
ausgeſucht, die nach Paris ſoll, und Adelheids Ausſtattung in 
dieſem Zweig komplettiert. Künftige Woche werde ich eine Kiſte 
packen laſſen mit Wäſche und den Staatslivreen und dann dieſe 
mit den ſchon bereiten Bücherkiſten abſenden. 

Wegen des Seebades wollte auch Koreff Dir ſeine Anſicht 
ſchreiben. Aber Italien habe ich Dir meine Meinung geſagt, ich 
könnte mich wirklich nicht ohne die höchſte Not entſchließen, Dich 
192 


jetzt wieder auf wenigſtens acht Monate zu verlaſſen, ein Hafen in 
Frankreich oder Belgien macht mit Hin⸗ und Rückreiſe acht Wochen 
Abweſenheit. Ich glaube immer, Du kommſt nicht vor dem 20. Mai 
fort, und da ſtoße ich zu Dir. Aus Frankfurt, kannſt Du Dir 
denken, mach ich mir nichts, aus der Reiſe mit Dir aber ſehr viel. 
Schleiermacher kommt zum Tee zu mir, da werde ich hoffentlich 
beſtimmt erfahren, wennehe er Gabriellen zu konfirmieren denkt. 
Gabrielle hat doppelte Stunden bei ihm, allein preſſieren kann man, 
das fühlſt Du wie ich, dieſen Anterricht nicht. Er iſt oft krank, 
ſo daß hie und da eine Stunde ausfällt. Ich bin auch noch nicht 
entſchieden, ob ich Gabriellen kommunizieren laſſe. Sie iſt doch 
noch außerordentlich jung. Man tut das wohl oft, man unter- 
richtet und läßt die Kommunion noch ein oder zwei Jahre aus— 
geſetzt fein. ... 

Ich habe noch gar nicht auf Dein liebes Anerbieten, mir eine 
Doſe zu ſchenken, geantwortet. Nein, liebes, gutes Herz, ich will 
gar nichts Beſonderes, Du gibſt mir ja alles, was ich brauche, 
und mehr. Was ſollte ich mit der Doſe tun? 

Die Madame Larochejacquelein*) hat mich unendlich in ihren 
Memoiren intereſſiert. Sie und die Menſchen, von denen die Rede 
iſt. Es iſt durchs ganze Buch eine tiefe, rührende Wahrheit und 
Gemütlichkeit, und es hat darin ordentlich etwas Antikes. 

Adieu, verzeih den dummen Brief. Ewig Deine Li. 


) Marie Louiſe Viktoire Duverger, Marquiſe de Larochejacquelein, ge- 
borene de Donniſſau, geb. 1772, + 1857, royaliſtiſche Heldin, die mit ihrem 
erſten Gatten Marquis de Lescure an den Kriegszügen in der Vendée teil- 
nahm und ihre Erlebniſſe in vielgeleſenen „Mémoires“ niederlegte. 

Humboldt ⸗Briefe. V. 13 193 


85. Humboldt an Caroline Frankfurt, 29. Februar 1816 


Ich war in fieben Tagen nicht bei der Cüſtine, aber freilich 
i auch bei keiner Seele ſonſt geweſen und habe heut den 


mee 195 hatte mich 8 ruhig gelaſſen, und ich bin oe 
ordentlich gern hingegangen, weil ich es mit einem Gefühl von 
Freiheit tat. Ich habe ausführlich mit ihr über ein Seebad ge- 
ſprochen. Sie bleibt dabei, daß Honfleur das hübſcheſte für die 
Natur iſt. Sie iſt aber gewiß, daß gar keine beſondere Anſtalt 
zum Baden für Frauen da iſt. Sie will indes doch noch nach 
Paris ſchreiben und ſich erkundigen. 

Ich kann Dir nicht ſagen, gute liebe Seele, wie es mich 
rührt, daß Du mich Italien vorziehſt. Ich weiß gar nicht, 
was ich werde machen müſſen, um Dir dafür einigen Erſatz 
zu geben. Carolinens Geſundheit freut mich unendlich. Wenn 
nur die Trennung von Wolfart und dem Magnetismus nicht 
den Zauber bricht. Mit den Arzten iſt es jetzt fatal in Paris. 
Haarbauer*) iſt nicht da, Gall“) iſt unangenehm, und die Cüſtine 
behauptet noch dazu, daß er tot iſt. Wie wir in Paris waren, 
war er noch in völliger Geſundheit. 

Carolinens Phosphorhemden könnten mich ängſtigen. Das 
iſt ja wie das Hemd der Dejaneira, wenn ſich das plötzlich 
entzündete! Iſt das nicht wirklich ſehr gefährlich? Man hat 
jetzt ganz wunderbare Kuren, ehemals war doch die Sache 
ſimpler, wo noch Manna und ein Wiener Tränkchen die Stelle 
aller Elemente vertrat. Ich kann nicht von Carolinens Hemden 

) Joſef Haarbauer war 1805 Direktor des Medizinalkollegiums in Fulda, 
gehörte zu Schillers Freundeskreis. 

**) Franz Joſef Gall, geb. 1758, + 1828, Anatom und Phrenolog, be- 
kannt durch ſeine Vorträge über die Schädellehre in London und Paris, wo er 
ſich 1807 niederließ. 

194 


fortfommen. Wenn man die auszieht, fo leuchtet wohl der ganze 
Körper? Das muß ja die Nacht ganz wunderbar ausſehen. 

Alſo Niebuhr fürchtet ſich wirklich vor der Peſt. Ich halte 
gar nicht ſo viel von dem Mut, auch die Furcht iſt eine Göttin, 
und Paris ſagt ganz recht, daß man keine verſchmähen muß. 
Allein den inneren Mut vor dem Tode auch nicht einmal zu haben, 
ſich vor einer Krankheit zu fürchten, und das nicht zu vergeſſen, 
wenn man ein neues Land und ein ſolches bewohnen ſoll, das iſt 
wirklich eine Sklaverei und keine ehrenvolle. 

Obgleich wirklich ich nun glaube, daß mein Aufenthalt ſich 
ſeinem Ende naht, ſo kann ich darum leicht noch bis Mitte und 
vielleicht Ende Mais hier fein. Nechbergs*) Ankunft hier wird 
ein Hauptbeſtimmungspunkt ſein. Von da an kann es nicht leicht 
über ſechs Wochen dauern. Ich gehe ſehr ungern von hier weg, 
dieſer einſame Winter wird mir für mein inneres Leben immer 
merkwürdig bleiben. Man gewinnt eine ganz andere Wärme 
und Feſtigkeit allein als unter den Menſchen, und ich habe aufs 
neue mit recht wahrer Freude erkannt, wie unabhängig ich von 
allem Außeren bin. Ich kann nicht ſagen, daß ich, außer den Ge- 
ſchäften, deren ich ſeit einigen Wochen ſehr viele habe, weil man 
mich nach und nach zu einem Mittelpunkt von allem macht, was 
hier herum zu betreiben iſt, viel eigentlich hier getan habe. Der 
Agamemnon war faſt fertig und die Einleitung doch nur eine 
Arbeit weniger Tage. Aber ich habe recht eigentlich über mir 
ſelbſt gebrütet, was für einen ſelbſt immer das Mützlichſte iſt, weil 
es einen ſo in ſich befeſtigt, daß man ziemlich ſicher iſt, nicht aus 
ſeinem Gleiſe gebracht zu werden. 

Aber die Larochejacquelein denke ich wie Du. Es iſt wirk⸗ 
lich ein antikes Buch und beweiſt recht gegen die Menſchen, die 
den Franzoſen ſo blindweg alles abſprechen, und dann auch wieder 

*) Alois Graf v. Rechberg, geb. 1766, + 1840, Bayriſcher Miniſter. 

13? 195 


recht für die, die ihnen doch nie eine wahre, ſelbſtändige, aus 
Grundſätzen geſchöpfte Tiefe einräumen. Sogar in der Frau ſelbſt 
iſt ein ſonderbares Gemiſch von Größe und Gewöhnlichkeit. 

Kunths Durchſchnitt ijt himmliſch, 14/1. vom Hundert! Allein 
glaube mir, viel mehr Pacht kann Tegel nicht tragen. Mit 
meinem Bruder Holwede habe ich das ja ganz genau ausgerechnet, 
und er verſtand es ſehr wohl. Laß auch den Pächter 150 Taler 
mehr geben, das iſt ſchon ſehr viel und macht doch nichts. Aber 
man muß es immer behalten, nur nie auf Einkünfte zählen. Ich 
habe einmal eine große Liebe zu gewiſſen Orten. Tegel und 
Burgörner verkaufte ich nie. 

Laß Hermann, wenn es Zeit iſt, ja Muſikunterricht geben. 
Es bleibt ein ewiger Mangel in einem Menſchen, wenn er, was 
die Muſik wirkt, nur mühſam und unvollſtändig auf anderen 
Wegen erlangen muß. 

Lebe wohl, mein innig und einziggeliebtes Weſen. Heute bin 
ich drei Monate hier; werden wir in drei Monaten zuſammen ſein? 
Man ſollte es denken. Aber ich traue dem Glück gar nicht. 
Ewig Dein H. 


86. Caroline an Humboldt Berlin, 2. März 1816 


Ah habe, meine ſüße Seele, geſtern abend deinen Brief 
iS: vom 23. Februar bekommen. Ich danke Dir innigſt 
für alles Liebe, was Du mir zu meinem Geburtstage 
ſagſt. Mein Geſchenk will ich mir ſchon holen. So wie man 
das Datum eines anderen Monats ſchreibt, rückt man in der Zeit 
gewaltiglich vor. 

Eben war Vombelles*) bei uns und brachte uns Briefe von 

*) Ludwig Graf v. Bombelles, geb. 1783, + 1843, öſterreichiſcher Di- 
plomat, 1816 Geſandter in Dresden, vermählt mit Ida, Tochter des däni⸗ 
196 


Ida und ihrer Mutter. Er iſt ſeit dem 4. Februar verheiratet. 
Der Paſſage über die Belte, die bei Treibeis nicht ungefährlich 
iſt, wollte er Ida nicht ausſetzen, ſie wird ihm im April folgen 
und er indes ein Haus in Dresden nehmen und Ida, die ihr 
Bruder hierherbringen wird, hier abholen. Die Mutter kommt 
nicht mit. Ich geſtehe, daß ich letzteres nicht begreife. Wenn 
man mit ſeinem Mann auf dem Fuß iſt, wie die Brun mit ihrem 
und er mit ihr, ſo könnte ſie auch mit ihrer Tochter ziehen. Es 
iſt doch eine kurioſe Sache ums Heiraten. In 24 Stunden werden 
die Leute ſo ſelbſtändig, daß man's gar nicht begreift. Ich bin 
mir aber bewußt, daß Du und ich unendlich, unbeſchreiblich mehr 
Rückſicht gegen meinen Vater und Deine Mutter genommen haben, 
als ich jetzt ſehe, daß die Neuvermählten es tun. And doch waren 
beide, Deine Mutter und mein Vater, von der Art, daß man ihnen 
von Seiten des Gefühls viel Standhaftigkeit zugetraut hätte. 

Adel iſt übrigens bei allen kleinen Hofféten, weil Auguſt zu 
Prinz Wilhelms Hofſtaat gehört, bittet man ſie immer mit, wo 
niemand aus der Stadt hinkommt. Letzthin bei einem ſolchen 
thé dansant bei Prinzeß Charlotte hat der König fic) zu ihr mit 
einem fremden Prinzen an den kleinen Tiſch zum Abendeſſen ge— 
ſetzt und den ganzen Abend mit ihr gelacht und geſprochen. Auguſt 
freut ſich ſehr ſolcher Diſtinktionen. 

Ich mache jetzt Hermanns kleine Ausſtattung in Wäſche, da— 
mit er außer Schuhwerk nicht viel brauche in den nächſten zwei 
Jahren. Theodor bekommt auch das Nötige ... Ich will ihn 
noch ſehen, ehe ich gehe. Man muß ihn ja nicht glauben machen, 
daß man ſich nichts aus ihm machte. Das verſtockt ihn. Ich 
hoffe doch noch. Hoffte ich nicht, ſo kränkte ich mich tot. Ich 
ſchreibe ihm alle Woche. 
ſchen Konferenzrats Brun und der Schriftſtellerin Friederike Brun, geborene 
Münter. Siehe Gabriele v. Bülow. S. 30f. 

197 


Flemming grüße. Bülow lacht fo fehr? Nun, das wird ein 
gutes Duo mit Gabrielle geben. 

Adieu! Die Kinder grüßen und küſſen Dich. Ewig Deine Li. 

Du wirſt einige Zeilen von mir durch einen Herrn Bunſen“) 
bekommen, einen Waldecker von Geburt, der nach Frankreich geht, 
um die Bibliothek dort zu benutzen. Es iſt ein Philolog, er ſieht, 
dünkt mich, ſehr dem ſeligen Grapengießer ) ähnlich und iſt ein 
ſanfter, artiger Menſch. 


87. Humboldt an Caroline Frankfurt, 5. März 1816 


7 Ach lege Dir einen ſehr intereſſanten Brief Alexanders ein. 
Sy Alexander ift zwar im Grunde auf einer Partei, die mit der 
Nietzigen Art, wie die Dinge gehen, ſehr unzufrieden iſt, und ſieht 
auch meiſt ſolche Leute, aber er hat doch einen richtigen Blick und 
iſt ſehr gut unterrichtet. Man kann ſich alſo ziemlich auf ihn ver⸗ 
laſſen. Der Eindruck, den mir ſein Brief macht, iſt der, daß nicht 
Anruhen, nicht Empörung zu befürchten iſt, aber daß, wenn das 
Miniſterium ſo ſchwach iſt und nicht durch ein kräftiges erſetzt 
werden kann, das Reich doch nicht beſtehen kann, und die Ser- 
rüttung in einiger Zeit nur deſto gewiſſer iſt. 

Da ich heute eine ſichere Gelegenheit habe, ſo ſchicke ich Dir 
einen Brief Bülows, des Finanzminiſters. Das unterſtrichene 
Wort am Ende heißt Patſche und iſt ein Dir vielleicht unbekannter 
Berlinimus, der ſagen will, daß etwas im argen liegt. Wenn 
Du es wußteſt, ſo verzeih meine Gelehrſamkeit. Man ſollte nach 


*) Chriſtian Karl Joſias Bunſen, geb. 1791, + 1860, ſtudierte Theologie und 
Philologie und ging 1816 zum Studium des Perſiſchen und Arabiſchen nach 
Paris, war von 1824—1838 preußiſcher Geſandter in Rom, 1842—1854 
Geſandter in London, 1857 in den Freiherrnſtand erhoben. 

) Arzt. Vgl. Bd. III. 


198 


dieſem Brief glauben, es fet noch die Rede davon, daß ich doch 
in Berlin angeſtellt würde. Ich glaube aber nicht daran. Bülow 
ſagt mir das bloß, weil er denkt, ich habe es gern. Vielleicht 
wünſcht er es auch. Er iſt nicht immer einig mit dem Staats— 
kanzler, glaubt manchmal, daß die Sachen nicht gehen und hat dann 
Vertrauen zu mir. Aber er iſt nicht unterrichtet. Es ſcheint mir 
um ſo weniger, daß an ein Zurückkommen für mich jetzt zu denken 
iſt, als der Staatskanzler beim auswärtigen Departement eine Ein⸗ 
richtung mit den Räten gemacht hat, die mich, wenn er mich nicht 
geradezu zum alleinigen Miniſter des auswärtigen Departements 
macht, ausſchließt. Dies aber wird er nicht tun und könnte ich 
nicht gut finden. Ich könnte es mir alſo nur erklären, wenn er 
mich im ganzen, ohne Rückſicht auf dies Departement zu brauchen 
glaubte, und allerdings könnte er niemand um ſich haben, der ihm 
fo uneigennützig und mit fo wahrer Zuneigung zur Seite ftiinde. 
Allein hat einer ſelten, und er am wenigſten, die recht volle Aber⸗ 
zeugung. Alſo glaube ich auch das nicht. 

Etwas, das mir ausnehmend leid tut, ift, daß ich die Sache 
Alexanders gar nicht beim Kanzler vorwärts bringen kann. Ich 
ſchrieb Dir, glaube ich, nie davon. Der König hat Alexandern 
1814 für ſeine Begleitung damals 3000 Taler gegeben, jetzt, wo 
er viel länger und noch mehr um ihn geweſen iſt, gar nichts. 
Doch weißt Du, daß Alexander es braucht und von ſeiner Zeit 
lebt. Ich bat den Kanzler hier darum, und er verſprach es gleich. 
Ich habe ihm ſchon zweimal geſchrieben, und immer geſchieht nichts. 
Ich kann mir, da der König Alexandern liebt, die Sache gar nicht 
ſchwierig denken und fürchte faſt, daß der Kanzler ſie abſolut mit der 
viel ſchwierigeren meiner Dotation verbinden will. An dieſe denke ich 
aber gar nicht mehr und will es ihm nur aus Delifateffe nicht ſagen. 

Hier gehen die wunderbarſten Gerüchte, an die aber Stein und 
ich nur immer mit vieler Vorſicht glauben; zum Beiſpiel: daß der Kanz⸗ 

199 


ler nicht mehr fo das Vertrauen des Königs als ehemals habe, daß 
Coblenz und Gneiſenaus Hauptquartier Wallenſteins Lager genannt 
werde, uff. Stein und ich haben das Syſtem angenommen, da 
man vermutlich auch von uns in Berlin ſpricht, ſo wenig Priſe 
als möglich zu geben, uns ganz ſtill zu verhalten, niemand zu 
ſchreiben und uns mit niemand einzulaſſen. 

Du wunderſt Dich vielleicht, beſtes Kind, daß, da mein Bleiben 
in Paris doch immer ungewiß iſt, ich Dir ſo ſchreibe, alle Sachen 
und ſo viel Bücher hinzuſchicken. Allein ich tue es mit Fleiß. 
Erſtlich bin ich über die Dauer doch ungewiß. Ich kenne die 
Lage der Dinge in Berlin ſo wenig, daß ich es nicht für unmöglich 
halte, daß, ſelbſt wenn einmal der Kanzler abginge, ein anderer als 
ich auswärtiger Miniſter in Berlin würde, und ich bin gar nicht 
der Neigung, dann disguſtiert zu tun und abzugehen. Wenn ich 
mich zurückziehe, tue ich es nicht im Boudieren wie Sack jetzt, 
ſondern ganz frei und de bonne grace. Das liegt in meiner Natur. 
Dann, dauert es auch nicht lange, ſo muß man doch eingerichtet 
ſein. Vorzüglich aber liegt mir daran, daß man in Berlin mich 
wirklich mit Sack und Pack und nicht ſo bloß auf den Sprung 
wegziehen ſieht. Die Bücher namentlich ſind mir erſtlich ſelbſt 
angenehm, und ich gebe darin einer eigenen Luſt nach, dann machen 
fie auch in Frankreich einen guten Eindruck. Man hält einen Ge- 
ſandten für ruhiger, den man in ſeiner Bibliothek findet. 

. . . Bei der Gelegenheit habe ich einen Brief von Ramdohr 
gehabt. Kommt er nach Neapel, wie es hier heißt, ſo ſind er, 
Niebuhr, Truchſeß') und Bartholdy“), die Sekretäre abgerechnet, 

) Friedrich Ludwig Graf Truchſeß von Waldburg ⸗Capuſtigal, geb. 1776, 
t 1844. Gemahl der Prinzeſſin Antoinette von Hohenzollern-Hechingen 
(Oberhofmeiſterin am Hofe Friedrich Wilhelms III.), Preußiſcher Geſandter 
in Turin und Florenz. 

) Jakob Salomo Bartholdy, geb. 1779, + 1825, war 1815 als preußiſcher 
Generalkonſul nach Rom gekommen. 


200 


in Italien, um mit etwa 20000 Taler zu tun, was ich für 3400 tat. 
Es iſt wirklich viel zu viel, und es muß dann an anderen not— 
wendigen Stellen fehlen. 
Lebe wohl, mein ſüßes, teures, inniggeliebtes Herz. 
Ewig Dein H. 


88. Caroline an Humboldt Berlin, 5. März 1816 


Ich habe Dir geſtern, mein geliebtes Herz, zweimal einige 
Zeilen geſchrieben und Dir dabei mehreres geſchickt. Beide 
Briefe wirſt Du durch den Staatsrat v. Gruner und 
ſeinen Legationsſekretär Wilhelm Sixtus v. Arminius bekommen. 
Ein Papſt hat einem ſeiner Vorfahren für das Zurückbringen einer 
päpſtlichen Fahne aus dem Türkenlager dieſen Namen beigelegt. 
Es iſt ein närriſcher Menſch, den man nicht ungern hat. 

Liebſte Seele, ich habe geſtern mit großer Freude Deinen Brief 
mit der Anzahl Billetts von Frau v. Cüſtine bekommen. Ich ſchicke 
alle meine Briefe für Dich dem Feldpoſtmeiſter Reinecke. Die ich 
durch ihn von Dir empfange, koſten mich nie etwas, die durch die 
gewöhnliche Poſt kommen immer ſechs bis acht, auch zehn und 
zwölf Groſchen. Letztens koſtete der mit der Einlage an den Staats⸗ 
kanzler 23 Groſchen. 

Wenn wir erſt zuſammen ſind, ſo wollen wir, nachdem alle 
Schulden effektiv abbezahlt ſein werden (dieſes Feſt wird alſo erſt 
nach 1817 ſein), uns einmal einen Nachmittag eigens zuſammentun, 
um unſer Vermögen, zu dem Du ſo köſtliche Data geſammelt haſt, 
auseinanderzuſetzen, wo ich mir dann Deine Schuldverſchreibung 
will geben laſſen. Da wir aber in Wien uns zu den monatlichen 
Zuſammenrechnungen immer Caffée à la créme machen ließen, fo 
frage ich vorläufig an, welchen Nektartrank wir uns zu dieſem 
201 


Haupt- und Staatsakt werden bereiten laſſen? Sage nicht, daß 
ich ſpotte. Mit Dir aber, liebes Herz, zu ſcherzen, iſt immer ſüß, und 
es geht mir dieſer friſche Lebensquell in Deiner Entfernung oft aus. 

Geſtern waren hübſche Leute bei mir. Graf Solms, Herr 
v. Haxthauſen, Nicolovius, Graf Stolberg, Gouqué*) mit feiner 
Frau und Tochter, Pfuel mit ſeiner Frau, die Ramdohr, Koreff, 
Bombelles uſw. Man war ſehr heiter. Heute abend kommen 
Larochens ), die Dich nebſt Malchen immer herzlich grüßen. 
Mit der Fouqus ſprach ich geftern lange und hübſch darüber, wie 
die Jugend doch fo anders iſt als die, die vor 25—30 Jahren 
Jugend war. In der Fouqus find viele Anklänge, man kann ſehr 
hübſch mit ihr reden. 


Auf Adel und Auguſt zurückzukommen. Er hat doch jetzt ein 
beſtimmtes Geſchäft. ... Abrigens wirſt Du immer gut tun, wenn 
Du in Deinen Briefen an das liebe Paar in allem Deine ſanfte, 
milde, rückſichtsvolle, oft, ſo oft tief entſagende Anſicht in Lebens⸗ 
verhältniſſen ausſpricht. Von Dir fruchtet das mehr noch wie von 
mir. Meine Art zu ſein halten ſie rein weg für Schwäche, nicht 
abſchlagen können. Das habe ich oft gefühlt, daß meine beſte 
Empfindung gar als nicht daſeiend iſt gehalten worden. 

Daß Du den Pradt' ) nicht geleſen, iſt unrecht. Es iſt ein 


) Friedrich Heinrich Karl Freiherr de la Motte-Fouqué, geb. 1777, 
+ 1843, der bekannte romantiſche Erzähler der „Andine“ uſw., verm. mit 
der verwitweten Frau Caroline v. Rochow, geborenen v. Brieſt, geb. 1773, 
+ 1831. Tochter dieſes Paares Marie de la Motte-Fouqué, geb. 1804, + 1864. 
Vgl. „Vom Leben am Preußiſchen Hofe 1815-1852“ von Caroline v. Rochow 
und Marie de la Motte⸗Fouqus. 

**) Karl v. Laroche, geb. 1766, + 1839, ſeine Gattin Friederike, geborene 
v. Stein und deren Schweſter Malchen. Vgl. Bd. J. 

* „Récit historique sur la restauration de la royauté en France“ von 
dem franzöſiſchen Staatsmann Dominique Dufour de Pradt, geb. 1759, 
+ 1837, 1814 geſchrieben. 


202 


merkwürdig Buch, und ich bitte Dich, es durchzublättern. Es iſt 
nicht die Luſt zu den Händeln der Welt, doch haben ſie einen Charakter, 
ein Weſen angenommen, wo ſie mit allem Tiefſten im Menſchen 
zuſammenhängen, es iſt der Hauch einer unſichtbaren Gewalt, der 
darüber hingeht, der doch tief ergreifend iſt. Man faßt die Gegen- 
wart wie ehemals und noch gegenwärtig die Weltgeſchichte. Das 
iſt nun eben nicht im Pradt, aber merkwürdig iſt's, wie er, unahndend 
das große Verhängnis, was über Frankreich ausgebrochen iſt, doch 
auf Refultate kommt wie die, die man fic) wohl im Innern des 
Gemüts und der Erkenntnis eingeſtehen muß. Dazwiſchen iſt viel 
ſchaal weltlich Franzöſiſches, aber es iſt das ganze Werk doch durch— 
blitzt von leuchtenden Funken des Verſtandes. 
Adieu, herzensliebes Kind. Ewig Deine Li. 


89. Humboldt an Caroline Frankfurt, 8. März 1816 


Ach habe zwei Briefe von Dir, liebe Li.... 

Es freut mich, daß Du meine Briefe über das Gehalt 
gebilligt haſt. Stein treibt mich immer, auf 200 000 Franken 
ſchlechterdings zu beſtehen und ſonſt nicht zu gehen. Dies unter 
uns. Aber es iſt nicht meine Art. Ich will nicht ſo viel, ich haſſe 
ſelbſt für Preußen zu großen Luxus und ich will nicht handeln. 
Der Kanzler ſchreibt mir, daß er meinen Brief empfangen habe 
und ſich der Sache annehmen würde. 

Ich laſſe es jetzt ganz gehen. Der arme Kanzler klagt über 
zu viel Arbeit. Sie iſt aber rein ſeine Schuld. Man kann und man 
muß nie zu viel Arbeit haben, wenn man ſich mit ſo viel Leuten 
als man will umgeben und dieſe auswählen kann. Es iſt aber leider 
das eine einmal angenommene Manier an ihm, zu viel ſelbſt zu tun. 

Gabrielen kommunizieren zu laſſen, würde ich doch raten; wenn 
203 


— — 


fie auch jung iſt, hat fie doch etwas Ernſthaftes im Gemüt, und 
ich glaube, daß ſelbſt Schleiermacher dafür ſein wird. In Paris 
lebt noch immer Gams, bei dem man in die Kirche gehen kann. 

Den jungen Bunſen werde ich mit Freuden hier aufnehmen. 
Es iſt mir ſelbſt lieb, jemanden zu haben, der ſich mit Philologie 
beſchäftigt. Die hieſige Bibliothek iſt recht gut. Ich war zwar 
nie darauf, allein ich habe oft Bücher daraus. Die Ahnlichkeit 
mit dem ſeligen Grapengießer wird mich auch freuen. Er war ein 
ſehr lieber Menſch, und es iſt recht ſchade, daß er ſo früh geſtorben 
iſt. Deine Standhaftigkeit in den Gefühlen Papas und Mamas 
hat mich ſehr lachen machen, liebes, ſüßes Kind. Es iſt ein himm⸗ 
liſcher Ausdruck. Allerdings iſt unter den Neuvermählten und uns 
ein großer Anterſchied, den man aber ſehr kurz ausdrücken kann. 
Wir muteten uns mehr zu, ſie mehr anderen. Eine ſolche Anſicht 
wendet das ganze Leben um. Allein mir iſt es für das innere 
und äußere Glück auch unendlich lieb, daß ich von ſehr früh an 
bis jetzt immer bei meiner Art, lieber zu entbehren als zu 
fordern, geblieben bin, und ich werde ſie nicht aufgeben. Indes 
können die jetzt Aufwachſenden auch bei der anderen glücklich ſein, 
und allgemein iſt vielleicht ihre Art beſſer, wenn ſie auch manchmal 
mehr Reibungen macht. 


Lebe wohl, innigſt geliebtes Herz. Ewig Dein H. 
90. Humboldt an Caroline Frankfurt, 12. März 1816 


ich habe vorgeſtern, liebe Li, Deinen Brief vom 5. be— 
kommen. Der Wilhelm Sixtus v. Arminius hat noch 
nichts von ſich hören laſſen. Es muß ein wahres An⸗ 
glück ſein, ſolche Namen zu tragen. Man geht wie ein redender 
Leichenſtein damit in der Welt herum. 

204 


* = 
ZS 


Es hat mich unendlich gefreut, Dich in Deinem Briefe fo 
heiter ſcherzend zu finden. Es wird allerdings eine ſchöne Rech— 
nung werden, wenn alle Schulden bezahlt ſind, und wir einen 
neuen Vermögenszuſtand machen. Wohl geht einem der Scherz 
ſehr aus, wenn man getrennt iſt, und wir haben immer das 
Hübſche gehabt, das Leben zugleich von ſeiner doppelten Seite an- 
zuſehen. Ich werde ganz wieder aufleben mit Dir, und ich hoffe, 
Du ſollſt mich dann manchmal amüſant finden, wie ehemals. Was 
den Reichtum betrifft, fo wirſt Du aus der Inlage von Metter- 
nich ſehen, daß wieder eine Doſe im Anzug iſt. Sie iſt aber auch 
ſonſt merkwürdig. Metternich hat wirklich das Gute, was ſich 
nur nachher in tauſend anderen Gelegenheiten wieder verwiſcht, 
daß er nicht immer die Dinge wie gewöhnliche Formen nimmt, 
die wirklich mehr als das waren, und ſo viel ich auch manchmal 
geklagt habe, wird mir doch auch durch ihn der Zeitraum in Wien 
immer der wichtigſte in meiner Geſchäftslaufbahn bleiben. Ich bin 
auch von ihm überzeugt, daß, trotz großer Anzufriedenheiten, die 
auch er mit mir gehabt hat, doch er am liebſten mich als Geſandten 
behalten hätte. In Paris in den letzten Tagen hat er es mir 
mit ſichtlichem Ausdruck der Wahrheit geſagt. 


91. Caroline an Humboldt Berlin, 17. März 1816 


Ach bin hier gar nicht in der Lage, eigentlich recht zu wiſſen, 
iwas vorgeht, denn ſelbſt die Meinung, die man von Dir 
— hegt, und die bei ſehr vielen darauf hinausgeht, daß Du 
el in der Tat oder zum größten Teil den Staatskanzler erſetzen 
wirſt, macht mich in meinem Benehmen nur vorſichtiger; man 
würde mir jede Frage nur als ein Kombinieren auf Dich auslegen. 
Dennoch bin ich in dem Fall geweſen, ſo manches zu erfahren. 
205 


1 


— — ̃ F — 


Koreff iſt täglich um den Fürſten und iſt gern geſehen, was er 
als Arzt und durch ſeine Verehrung für Hardenberg auch verdient. 
Da hat ſich nun der Staatskanzler mehrmale über ſeine Amgebung 
herausgelaſſen, die er im Innern ſeiner Seele nach ihrem wahren 
Wert zu würdigen weiß. 

Da hat ihm denn Koreff unter anderem einmal geſagt, wie 
er ernſtlich darauf denken ſollte, einen Mann von unbeſcholtenem 
Charakter wie Du, der ihm rein und perſönlich, ihm, dem Menſchen, 
nicht dem Staatskanzler, ergeben wäre, neben ſich zu haben, er hat 
ihn darauf aufmerkſam gemacht, wie ſelbſt ſeine Schwerhörigkeit 
ihm die Aberſicht, die feineren Beziehungen in und über Menſchen 
entzöge, und wie doppelt wichtig ihm daher eine lunleſerliches Wort] wie 
die Deine ſein müſſe. Koreff ſagt, der Staatskanzler ſei ſehr gerührt 
geweſen und habe ihm geſagt, daß er das alles tief empfinde und 
lang in ſeinem Innern erwogen habe, daß er aber durchaus keinen 
wiſſe, dem er jetzt den Poſten in Paris anvertrauen könne, und 
daß er ſich alſo ſeines eigenen Wunſches begeben müſſe. Er hat 
dabei geſagt, die militäriſchen Berichte, die er über Frankreich 
bekäme, wären ſo, wie wenn alles losbrechen könnte und müſſe, und 
man dort auf einem offenen Vulkan lebte, die des Grafen Goltz 
hingegen roſenfarb. Was ſolle er ſich nun daraus entnehmen? 
Er irre in einem Chaos umher, bis Du da ſeiſt. Daß dieſe Wn- 
ſicht ſeine wahre iſt, daran kann ich keinen Zweifel haben. Gegen 
mich iff er die Liebe und Freundlichkeit ſelbſt. Ich ſehe ihn zu⸗ 
weilen bei Wolfart. Das Abel, was ihn leider bedroht, iſt Bruſt⸗ 
waſſerſucht, und er bedarf großer Aufmerkſamkeit von ſeiten des 
Arztes. 

Seinem Bruder hat er in ganz außerordentlichen Ausdrücken 
über Dich und mich geſprochen, wie ich auf eine unbezweifelte Art 
weiß. Daß der Staatskanzler weniger gut beim König ſtehe, glaube 
ich nicht, und es wird hier auch nicht geſagt. Allein en confidence 
206 


klagt der Staatskanzler wohl über die Widerpart, die ihm die 
militäriſche Partei, wie Grolman, Gneiſenau, uſw. hält, und er 
genießt wohl nicht unter dem Militär überhaupt die hohe Achtung, 
die er verdiente. 

Von dem ſonderbaren Gerücht, als ob es Unruhen in Berlin 
gegeben hätte, bei denen die Königliche Familie gefährdet geweſen 
wäre, wirſt Du wohl gehört haben. Selbſt im ganzen Lande war 
es ausgebreitet und geglaubt. Man kann nicht anders darüber 
glauben, als daß es von Abelgeſinnten ausgeſprengt worden, die 
den Kredit, den ruhigen Glauben an die Regierung ſchwächen und 
untergraben wollen, der nur da entſteht, wo man eine Regierung 
für unerſchütterlich gegründet hält. 

Adieu, Geliebter, morgen wieder ein Wort. 


18. März. 

Der Staatskanzler hat mehreremalen gegen einen Vertrauten 
geäußert, daß er mich allein zu ſprechen wünſche, ich habe ihm 
darauf ſagen laſſen, daß nichts mir erwünſchter ſein könne, da ich 
ihn in der tiefſten Seele liebte und ehrte, und bäte ihn nur, den 
Ort und die Stunde zu beſtimmen. So iſt es denn bei dem Hin- 
und Herſagen die Zeit über geblieben. Er iſt wie ein edles Wild 
umſtellt und bewegt ſich nicht frei, wenn er es auch will, das iſt 
gewiß. Bei der Dame .. .) iſt jetzt eine Kranke. Dieſe iſt ſom⸗ 
nambul und hat die ſonderbarſten Dinge ausgeſagt. Da man ſie aber 
ſehr verborgen hält, ihr indeſſen alles wiederſagt, was ſie im ſchlaf⸗ 
wachenden Zuſtande ſagt, und den Staatskanzler zu ihr führt, ſo 
iſt die Meinung allgemein, daß man durch dieſes alles etwas er- 
zwecken will, höchſtwahrſcheinlich den Sturz der magnetiſchen Behand⸗ 
lungen ſelbſt, da ſich das wohl nicht bewähren wird, was fie aus⸗ 
ſagt, und was ihr (ſelbſt vielleicht wenn nicht die allergröbſte Be⸗ 


) Amalie v. Beguelin. 


207 


trügerei, Verſtellung der Kranken) abſichtlich wachend in den 
Mund gelegt wird. Ein ſehr boshafter Mann ſteckt wenigſtens 
inmitten dieſes allen, Siegert, der Pfarrer an der katholiſchen 
Kirche. 

Du ſagſt mir, man ſchriebe von hier aus an den Rhein, daß 
man Coblenz und Gneiſenau Wallenſteins Lager uſw. nenne. Der⸗ 
gleichen Anſpielungen habe ich nicht gehört. Allein ein Zwieſpalt 
zwiſchen dem Zivilſtan de und dem Militär ſpricht deutlich ſich wieder 
aus, und ſoviel ich es beurteilen kann, ſcheint mir, liegt dies mehr 
am Militär. Aberhaupt reifen wohl nur einige und ſparſame Blüten 
von der herrlichen Knoſpenfülle, die der Drang der Zeit im Jahre 
1813 auf einmal zeigte, und auch dies gehört dazu. Es gibt Menſchen, 
und gute hier, die Gneiſenau alles zutrauen und ſeinen Ehrgeiz 
unbedingt und unumſchränkt glauben. Kennſt Du Blüchers Brief 
an den König von Sachſen bei der Revolte der Truppen? Sonſt ſchicke 
ich ihn Dir authentiſch. 

Rauch, ſagt mir Prinzeß Luife*), wird den Auftrag bekommen, 
Bülows“) Statue zu machen. Dieſe und Scharnhorſts Statuen 
ſollen am Ausgang der Linden beim Opernplatz, ſagt man, aufge⸗ 
ſtellt werden. 

Caroline Wolzogen kommt im April hierher und bleibt wohl 
den Sommer mit dem Adolf hier. Aber Rudolſtadt gehe ich, wenn 
es irgend möglich iſt, und wäre es auch nur auf einen Tag. 

Ich umarme Dich und bin ewig Deine treue Li. 


*) Fürſtin Radziwill, Tochter des Prinzen Ferdinand von Preußen, 
geb. 1770, + 1836. 
**) Friedrich Wilhelm Graf Bülow v. Dennewitz. Vgl. S. 45. 


208 


92. Humboldt an Caroline Frankfurt, 22. März 1816 


md fange mit dem inliegenden Brief an den Prediger 
Pappelbaum an, liebe Li. Dieſer Mann beſorgt den 
— Druck meiner Abhandlung über die Vaskiſche Sprache, 
die ich in Wien im Jahre 1812 ſchrieb, und die in dem „Mithridates“ 
von Vater) eingerückt wird... 

Mendelsſohn wechſelt ſich wohl mit ſeinem Bruder in Paris 
ab. Es iſt Abraham“), nicht wahr? Ich erinnere mich nicht ein- 
mal, ob er verheiratet iſt. Die Frau deſſen, der jetzt in Paris iſt, 
iff angenehm und artig. Ich habe fie in Paris beſucht, wie ich 
die Jugendbekannten und die Juden nie verlaſſe. Auch war ſie 
ſehr gerührt. Alexander geht noch mehr mit ihr und dem Mann um. 

Scharnhorſt“ ) eine Statue zu errichten, iſt ſehr gut. Er hat 
den größten Teil des Verdienſtes des Krieges, der ohne ſeine langen 
und zweckmäßigen Zubereitungen in der unglücklichen Zeit nie hätte 
gelingen können, und bis jetzt iſt nichts für ihn geſchehen. Ich 
habe, wie ich auf dem Kongreß in Prag war, ſein Grab ſo zurecht 
machen laſſen, daß der Sarg nicht unmittelbar in der Erde ſteht 
und alſo nicht leicht vermodert und gar zerfällt, damit man ihn 
könnte ins Land bringen und bei uns mit einem Monument be- 
ſtellen laſſen, und habe viel damals darüber geſchrieben. Aber es 
iſt ſo dabei geblieben und nichts geſchehen. 

Bülow haſt Du wohl nicht gekannt, teures Herz? Da er ſehr 
nach ſeiner Frau zurückeilte, ſo wird er ſich, wenn er auch durch 

* Johann Severin Vater, geb. 1771, + 1826, Orientaliſt, Profeſſor in 
Königsberg, ſpäter in Jena. 

) Abraham Mendelsſohn, geb. 1776, + 1835, Vater von Felix Mendels- 
ſohn⸗Bartholdy. 

) Gerh. Joh. David v. Scharnhorſt, geb. 1756, + 1813. Später wurde 
er auf dem Invalidenkirchhof in Berlin beigeſetzt, ſein Grab mit einem 
Denkmal von Tieck geſchmückt, 1822 fein Standbild von Rauch vor der Haupt- 
wache in Berlin errichtet. 

Humboldt⸗Briefe. V. 14 209 


Berlin gekommen ift, nicht aufgehalten haben. Es tut mir aber 
ſehr leid. Er war einer von den Beſten. Für Rauch ſind es 
übrigens ſchwere Aufgaben; denn man kommt da immer mit den 
Koſtümen in ein fürchterliches Gedränge. 

Sucht aber Rauch nicht des Staatskanzlers Büſte zu machen? 
Ich dächte nicht, daß es eine gäbe, und der Staatskanzler iſt nicht 
ſchwierig. Er hat ſich in Wien und Paris von ganz mittelmäßigen 
Malern malen laſſen. Er hat einen ſehr ſchönen Kopf, der gerade zur 
Büſte recht dankbar ſein müßte. 

Du ſiehſt, wie gut ich mich auf alles Kirchliche noch verſtehe, 
da Schleiermacher mit Gabriellchens Kommunizieren einverſtanden 
iſt. In Paris können wir es alle zuſammen tun, denn man 
braucht ſich ja nicht an den kleinen Anterſchied der Konfeſſion zu 
ſtoßen. 

Der Brief des lieben Wilhelm rührt mich immer tief, ſo oft 
ich ihn anſehe. Ob wir je nur auch ſein Grab wiederſehen werden? 
Du wohl gewiß, aber von mir iſt es mir ſehr zweifelhaft. 

Weißt Du, daß ich erſt heute und plötzlich, da ich bei Steins 
ſaß, und fie von ihrer Heirat“) ſprachen, entdeckt habe, daß wir in 
dieſem Jahre 25 Jahre verheiratet ſind? Mir macht ſo eine Ent⸗ 
deckung immer Freude, ſüßes, liebes Herz. Ich liebe die Zeit im 
Glück, ſie hat immer eine erhöhende und läuternde Kraft in den 
Guten. Wenn wir nur jetzt wenigſtens einige Jahre zuſammen 
bleiben können. Ich habe eine unendliche Sehnſucht danach, es iſt das 
Einzige, was mir fehlt, aber auch alles. Ich werde dieſen Winter 
nie vergeſſen, in dem ich meiſt über mir allein geſeſſen habe und 
noch ſitze, mich mehr als ſonſt je losgemacht habe von allem Fremden 
und Außeren, ſelbſt den Dingen, die ich ſonſt liebte, und mich ein- 
facher als je gefühlt habe in meinem Genuß, meinen Wünſchen, 
meiner Sehnſucht. Auch darum wünſche ich ſo ſehr, daß Du mich 

) Stein war mit einer Gräfin v. Walmoden⸗Gimborn vermählt. 


210 


noch hier treffen mögeſt, damit nichts Fremdes und Zerſtreuendes 
zwiſchen dieſem eingeſponnenen Zuſtand und Deiner Ankunft ſei. 

Koreff ſchreibt ja der Cüſtine Wunderdinge über eine Somnam— 
bule in Berlin. Sage mir doch, wie ſie heißt, und wer ſie iſt? 
Sie ſoll ja auch in der Entfernung erſcheinen und der Leute ihre Ge- 
danken im Kopf kennen. Ich hätte eine wahre Furcht davor. Es 
iſt, als käme etwas aus der anderen Welt zu einem herüber, und 
führte einen dann doch nur ſo weit, als es für gut fände. Haſt Du ſie 
geſehen? Sage mir doch etwas darüber. Die Cüſtine hätte die 
größte Luſt, nach Berlin zu reiſen darum, es fehlt ihr nur am Gelde. 
Ich bin jetzt auf einem ſehr hübſchen Fuß mit ihr. Ich genieße viel 
mehr Freiheit und bin dennoch viel bei ihr, wohl regelmäßig drei 
Abende die Woche, aber immer allein. Sie hat mich geſtern mit 
vieler Angſtlichkeit ausgefragt, ob fie Dir wohl gefallen würde? 
Ich glaube es aber wirklich und ſehe ſie als eine Art Mittlerin an, 
nicht für Dich, da Du das nicht brauchſt, aber für die Kinder, 
nach und nach von der deutſchen Natur und Amgang zum Franzöſiſchen 
überzugehen. Mit ihr von Dir reden tue ich faſt gar nicht, wie 
kann man das? And ich wollte faſt wetten, daß ſie glaubt, daß 
wir auf ziemlich gleichgültigem Fuß miteinander wären. 

Ich lege Dir einen Brief aus Rio Janeiro bei, es iſt ſchon immer 
hübſch, etwas in der Hand zu halten, das von jenſeits des Ozeans kommt. 

Lebe wohl, mein einzig teures Herz. Ewig Dein H. 


93. Caroline an Humboldt Berlin, 23. März 1816 


17 ſſesthin habe ich den Staatskanzler bei Wolfart geſehen. 
U Er war ganz außerordentlich freundlich und lieb und 
— üußerte, er wünſche mich dieſer Tage einmal allein zu 


ſehen und zu ſprechen. Von meiner Seite wird keine Verhinderung 
14* 211 


fein, man hat einen wunderbaren Zug zu diefem Mann, ich wenig⸗ 
ſtens habe ihn, und es freut mich unendlich, daß Du ihn teilſt. 
Es ſpricht mich etwas Göttliches aus ſeinem Weſen, aus ſeinen 
Zügen an, und das Herz möchte mir vor Wehmut ſchmelzen, 
wenn ich denke und denken muß, daß er doch meiſt nur von 
ſolchen umgeben iſt, die ihren Vorteil an ihm ſuchen. Das 
ganze Leben iſt ein wunderbar verworrenes Weſen in ſeiner 
Bedürftigkeit, in ſeinem dunklen, irdiſchen Treiben, wenn einem an 
einzelnen Geſtalten, die ſich darin bewegen, ein ganz anderer, ein 
Klang wie aus anderer Welt kund wird — ſo übernimmt's mich 
oft, daß die Menſchen gleichſam doppelt ſind. — Aber es iſt 
nicht gut, ſolchen Grillen nachzuhängen. — 

Der Kronprinz, hör ich von einer ſehr vorzüglichen Perſon, 
ſoll ſeit einiger Zeit Aneillon ſehr viel Einfluß über ſich gewinnen 
laſſen. Das iſt nicht gut. Die Gräfin Brandenburg“) hat fic 
fo geäußert, als wenn fie recht eigentlich aus Aberdruß an allem, 
was in dem inneren Kreiſe des Hofes vorginge, ſich zu entfernen 
ſuchte. Es käme, hat ſie geſagt, keine liberale Idee auf, und alles, 
was vor drei Jahren die Gemüter bewegt und entzündet hätte, ſei 
jetzt beinah ein Gegenſtand des Spottes geworden. 

Ich werde unterbrochen und muß hier ſchließen. 

Ewig Deine Li. 


Berlin, 26. März 1816 


ie Somnambule habe ich geſehen. Es iſt die Witwe eines Pro- 
feſſor Fiſcher und allerdings eine höchſt merkwürdige Er⸗ 
— dcceinung. Sie ward aus Gram über den Tod ihres Man- 
NE krank, lebte an einem kleinen Ort, wo ſie niemand zu behandeln 
) Gräfin Julie Brandenburg, Tochter Friedrich Wilhelms II. und 
der Gräfin Dönhoff, geb. 1793, + 1848. 
212 


wußte. Ihr Abel war ein unerträglicher Kopfſchmerz auf der linken 
Seite und Schmerzen in der Milz. Sie geriet in einen traumähnlichen 
Zuſtand mit offenen Augen, wo ſie Dinge gegenwärtig, Menſchen 
und Gegenden beſchrieb, die ſie nie geſehen, nie hatte nennen hören. 
So zeigte ihr dieſer wache Traum das Zimmer Wolfarts mit dem 
Baquet, den Profeſſor ſelbſt, und fie beſchrieb ihn und das Ba⸗ 
quet (ſie kannte aber weder dieſen Namen noch den des Profeſſors 
wachend) fo haarklein, daß ihre Mutter, die Witwe eines Super- 
intendenten, alles aufzeichnen konnte. Sie ſah darauf ihre ganze 
Behandlung, und wie ſie geneſen würde. Man brachte ſie hierher. 
Sie konnte ſeit einigen Jahren nicht gehen und nicht eſſen. Sie 
lebt auch jetzt nur von magnetiſiertem Waſſer und von einer Taſſe 
Kaffee am Morgen. Doch fängt ſie an, aufzuſtehen. Sie hat ein 
äußerſt ſanftes, beinah verklärtes Geſicht, und wenn ſie jetzt ſchläft, 
ſpricht ſie in ſehr guten Verſen, ihre Reden haben durchaus immer 
eine religiöſe Tendenz und den Anklang eines verklärten Seins. 
Ihr Kopfſchmerz hat ſich in einen Abzeß aufgelöſt, der durch das 
Ohr abgefloſſen iſt. Ich weiß, daß Koreff kürzlich einmal mit 
jemand bei ihr war, dem ſie auf ſein Befragen einen Traum geſagt 
hat, den er vor einigen Jahren gehabt hat, und der ihm äußerſt 
merkwürdig und erinnerlich war. Dies iſt das, was Koreff fo frap- 
piert hat. 

Ich bin heute abend bei Schleiermachers und werde ſuch en, 
die Konfirmation der Gabrielle auf einen beſtimmten Tag zu fixiren. 
Schleiermacher gehört auch zu denen, die nie ein Ende machen, 
wenn nur noch ein kleiner Raum Zeit ſich zeigt. 

Den 10. Mai möchte ich von hier abreifen. . 


213 


95. Humboldt an Caroline Frankfurt, 26. März 1816 


Ia ich Dir heute frei ſchreiben kann, muß ich Dir doch eine 
dumme Klatſcherei erzählen, die man über Dich gemacht 

ZN hat, liebes Kind, die nichts tut, aber die nur beweiſt, 
welche unnütze Mühe die Leute ſich mit Erdichtungen geben. Ich 
würde es Dir nicht einmal ſagen, da es Dich vielleicht ärgert, wenn 
ich es nicht täte, damit Du doch im ſtillen prüfen kannſt, wer 
unter Deinen Amgebungen ſich ſolche Indiskretionen erlaubt. Als 
Gneiſenau hier war, war er ſehr freundlich gegen mich, blieb wohl 
zwei Stunden allein bei mir und ſprach mit großer Vertraulichkeit. 
Beim Weggehen, wie wir ſchon beide ſtanden, trug er mir Grüße 
an Dich auf und ſagte, er habe mir noch einen Auftrag an Dich zu 
geben. Ich fragte, welchen? „Man hat mich“, ſagte er, „bei Ihrer 
Frau verklagt, als habe ich den Prinzen Wilhelm vom Rhein ver- 
drängt, ſagen Sie ihr, daß das nicht wahr iſt, und daß ich ſehr 
ungern die Stelle, die ich jetzt habe, angenommen habe.“ Ich ant- 
wortete ihm, ich begreife nicht, welche Klatſcherei das ſei, es könne 
allerdings vielleicht über den Plan, den Prinzen dahin zu bringen, 
bei Dir geſprochen worden ſein, da Hedemann mein Schwiegerſohn 
ſei, aber ich könne nicht einmal ſagen, daß mir je Hedemann ge⸗ 
äußert habe, daß der Prinz an dieſem Plan hinge. Wir ſprachen 
hernach weiter von der Sache ſelbſt, er wiederholte, er habe nicht 
ewig Chef des Generalſtabes ſein können, ich ſagte ihm, ich würde, 
wie ich ihm in Paris geſagt, ſeine Stelle und den Prinzen ſehr 
verträglich miteinander gefunden haben, ich ſchloß damit, daß ich 
mit Dir ihn auf unſerer Reiſe nach Paris beſuchen würde, und 
er hat mich noch durch Flemming, der ihn ſpäter geſehen, bitten 
laſſen, dies gewiß zu tun. Gneiſenau war offenbar hier, um ſich 
mit Gruner ein Rendezvous zu geben. Als er und Gruner weg 
waren, hat mir Stein erzählt, daß ihm Gruner geſagt, Du hätteſt 
214 


über Gneiſenau geäußert: ein Korporal habe einen Prinzen ver- 
drängt. Stein glaubte an die Dummheit nicht, allein geſagt hat 
er ſie ſo. Was dazu Veranlaſſung gegeben haben kann, weiß ich 
nicht. Du haſt ſicherlich nicht darüber ſo geſprochen, ſondern es 
iſt eine reine Erfindung. Das nächſtemal, daß Du mir durch 
einen Kurier ſchreibſt, ſage mir, was Du davon denkſt. Ich werde 
dann Gneiſenau mit zwei Worten, auch nicht durch die Poſt, ſagen, 
daß alles erdichtet iſt. Hältſt Du es für gut und biſt Du auf 
dem Fuß mit Gneiſenau, daß dies paßlich iſt, ſo ſchreibe ihm zwei 
Worte und ſchicke ſie mir. Laß Dich übrigens die Sache nicht 
kümmern. Man erzählt gewiß auch von mir vieles. 

Gneiſenau war, was auch Stein, wo ich mit ihm aß, fand, 
ſehr ſtill und milde hier. Gruner hat ihm vermutlich erzählt, was 
gegen ihn in Berlin, wie man hier behauptet, geſprochen wird. 
Mich würde ſo etwas nicht rühren. Aber er iſt eine andere Natur 
und hängt an der Meinung. Mit mir war er ſehr gut und ſagte 
mehrere Male, ich müſſe nach Berlin ins Miniſterium kommen, allein 
da wäre ich an der rechten Stelle. Der Kanzler hat Gneiſenau 
keine Zeile geſchrieben, ſeit er in Berlin iſt. Mir mit dem heutigen 
Kurier auch nicht. Es iſt das erſtemal, daß er es unterläßt. 

Die Ilgen hat mich, liebes Kind, in dieſen Tagen faſt toll 
gemacht. Sie iſt geadelt mit ihrem Mann, oder bildet es ſich ein, 
aber das verſichere ich Dir, der Verſtand geht dem kleinen Dinge 
um darüber. Ich las vor einiger Zeit in der Zeitung, daß 
ein v. Ilgen Schulrat in Magdeburg geworden ſei. Es fiel mir 
zwar auf, aber ich hielt es für einen Menſchen, der zufällig den- 
ſelben Namen führt. Bald darauf ſah ich aus einem Brief der 
Ilgen, daß die Sache da viel Senſation machte. Ganz Naumburg 
ſchien in Rumor und ſich nach der Schulpforta zu begeben, um 
zu hören, wie es ſei. Es war natürlich, daß die armen Leute 
wiſſen wollten, ob ſie in ihrer alten Lage bleiben oder nicht. 

215 


Gleich darauf kam wieder ein Brief mit einer beſtimmten Anfrage, 
kaum aber hatte ich geantwortet, ſo erſchien ein ganz verrückter 
und konfuſer, das Diplom ſei angekommen, Ilgen ſei zu hohem 
Stand und Würden gekommen, nun eine Menge Fragen: Wem 
man alles Dankſchreiben ſenden müſſe?, ob der Sohn auch von 
heißen könne? Ob ſie ſelbſt das Wappen beſtimmen müßten? 
Ob man eine Lilie hineinnehmen könne, weil Ilgen auf Altdeutſch 
eine Lilie heiße? alles unterſchrieben Johanna von Ilgen. Was 
das aber für ein Diplom fei, ob Ilgen Schulrat fet, ob er Naum⸗ 
burg verlaſſen müſſe, darüber war kein Wort im Briefe. Ich habe 
ſehr gratuliert, habe verſichert, daß alle Ilgen bis zum jüngſten 
Tag ſich von ſchreiben könnten, daß ſie ein großes Lilienbeet ins 
Wappen nehmen könnten, ſoviel hineinginge, aber am Ende doch 
gefragt, wie es nun mit den viel menſchlicheren Dingen, nämlich 
dem Gehalt und der Arbeit ſei? Du, ſüßer Engel, wirſt alles 
wiſſen. Mir tun die armen Leute wirklich leid. Iſt er Schulrat 
geworden und muß er nach Magdeburg gehen, fo iſt es fein Ver- 
derben, denn er kann nicht ſo gut daſtehen als in der Pforta, dabei 
iſt es keine gute Wahl. Er wird als Schulrat gar nicht nützlich 
ſein, iſt ſchon zu heftig, geradezu zu grob zu vielen Verhältniſſen 
mit anderen Menſchen. Hält man ihn zum Rektor nicht gut, ſo 
will ich nichts darüber ſagen, beſſere könnte es freilich geben. Allein 
dann iſt es ſchlimm, und das wäre noch immer kein Grund, ihn 
zum Rat zu machen. Ich hoffe noch immer, der Schulrat iſt nur 
ein Titel, und er bleibt ruhig in der Pforta ſitzen. Der Adel iſt 
nun gar wunderbar. Da ich nirgends die Erhebung geſehen habe, 
ſo hege ich noch die heimliche Angſt, daß dies ſich gar nicht ſo 
verhält, ſondern daß vielleicht bloß aus Irrtum im Natsdiplom 
von ſteht und daß auf dies Wort das ganze Luftſchloß gebaut iſt, 
es kommt mir gar zu kurios vor, Ilgen ohne allen Grund auf 
einmal zu adeln. Mir wäre das auf tauſend Meilen nicht ein- 
216 


gefallen. Ich erzähle Dir das fo hin, wie ich es in den Briefen 
geſehen habe. Du machſt natürlich keinen Gebrauch davon. Die 
Frau iſt wirklich gut und nicht glücklich, aber immer glücklicher in 
der Pforta, an die ſie einmal gewöhnt iſt, als anderswo. 

Aber die Seebäder habe ich ſehr genaue Nachrichten durch 
DOelsner*), der hier iſt. Er hat fie in Havre und Dieppe gebraucht, 
und mir weitläufig davon erzählt. Es iſt nirgends erbaulich. Havre 
iſt die hübſchere, bei weitem hübſchere Gegend, aber es hat die 
Nachteile: 1. iſt gar keine Anſtalt da, als die der Himmel gemacht 
hat; 2. muß man über einen weiten ſteinigten Weg gehen, zum 
Meere zu kommen; 3. iſt das Meer ſchon durch Seinewaſſer 
verſüßt. Dieppe iſt nicht hübſch gelegen, ſondern baumlos und 
öde, aber der Weg zum Meer iſt ſehr kurz und geht über Raſen. 
Auch ſind Anſtalten da, aber welche? das iſt das Schlimme überall. 
Es ſind drei Methoden ſich zu baden: 1. in Badewannen in 
Kammern. Das Waſſer wird hineingetragen. Für die Geſundheit 
ſoll der Effekt derſelbe ſein. 2. bloßes Spazierengehen im Meer 
ſo tief man will, mit einem, oder ſicherer zwei Matroſen am Arm. 
Dies iſt die gewöhnlichſte Art auch bei Frauen, die natürlich ganz 
bekleidet bleiben. Die Matroſen ſind, nach Oelsners Beſchreibung, 
unumgänglich nötig. Er hat ſich ſogar mit einem einmal in 
Lebensgefahr befunden und iſt von einer Welle umgeriſſen worden. 
Man badet ſich meiſt in der Ebbe, bei der Flut iſt das Waſſer 
nicht rein. Nun muß man tief hineingehen, da iſt der Boden 
unſicher, auch kommen manchmal plötzlich Wellen und Windſtöße. 
So kann man ſich nicht hineinwagen ohne einen Matroſen. 
3. endlich hat man eine Art Karriole, die ins Meer hineingefahren 
wird. Sie iſt bedeckt, aber offen gegen das Meer. Man bleibt 
alſo auch ſo gut als bekleidet. Sie hat zwei Abteilungen, die eine 
iſt zum Baden, die keinen eigentlichen Boden ſondern nur ein 

) Vgl. S. 112. 

217 


4 
a 


Gitter hat. In die fpringt man beim Baden hinein. Auch dabei 
ſoll der Matroſe nötig ſein. Oelsner verſichert, dieſe Karriolen 
ſeien ſo umſtändlich und unbequem, daß kein Menſch ſie mehr als 
einigemale brauche. Du ſiehſt, daß das alles ſehr fatal iſt. Immer 
zwei Knaben am Arm zu haben, nimmt alles Pläſier, und die 
enge Wanne kann auch nicht angenehm ſein. Die Schuld an 
dem allen iſt die Ebbe und Flut, welche die Oſtſee und das Mittel⸗ 
meer nicht haben. Dieſe macht auch, daß man alle Tage zu ver⸗ 
ſchiedenen Stunden baden muß. 

Blüchers Brief an den König von Sachſen habe ich in der 
Zeit geleſen. Allein ganz unter uns kann ich Dir ſagen, daß er 
nie an ſeine Adreſſe gekommen iſt. Man hat ihn zurückbehalten. 
Es war auch ſehr gut. Dieſe ſächſiſche Geſchichte hat mir immer 
ſehr mißfallen. Ich war beſtimmt dawider und habe mich ſehr 
heftig mit Grolman und Boyen darüber geſtritten, auch nicht ge- 
billigt, daß der Kanzler nachgab. Es war nicht Recht von dieſen 
Leuten auch nun Trennung zu fordern, nachdem man ſie erſt zu⸗ 
ſammen gelaſſen hatte, und ehe ihr König ſie entbunden hatte. Es 
war unnütz, da man vier Wochen ſpäter den Traktat unterſchrieb. 
Gneiſenau hat mir auch nie geſchienen, dafür zu ſein. Ich habe 
mich, obgleich umſonſt, ſo ſtark ausgeſprochen, daß das wohl mit 
an meiner nachherigen Geſchichte mit Boyen ſchuld war“). Die 
Offiziere haben ſich ſehr ſchlecht benommen, erſt die Gemeinen 
aufgewiegelt, dann verlaſſen. Aber unter den Gemeinen ſind ein 
paar ſehr edel geftorben, fo daß man fie mehr als Opfer bedauern, 
als tadeln muß. 

Ich küſſe Dir tauſendmal die lieben, lieben Hände. 


*) Vgl. Bd. IV, S. 541ff. 
218 


96. Caroline an Humboldt Berlin, 29. März 1816 


Liebſte Seele! 

I ein Brief an Pappelbaum iſt mit dem Manuffript beſorgt ... 
Die Wiederauffindung der Landſchaft von Schönberg iſt 
mir auch merkwürdig, ich glaubte ſie mit den übrigen in 
Tegel verſchwundenen Sachen verloren. Du haſt ganz recht, wir 
kauften ſie im Jahre 1797 im Sommer in Dresden. Man ſtößt 
überall im Vaterlande wieder auf Jugenderinnerungen. So traf 
ich letzthin bei Schleiermacher eine Demoiſelle Willich, und wie ich 
recht zufrug, war es die Schweſter des Predigers Willich“) in Sagard, 
und wir hatten uns dort vor 20 Jahren geſehen. Rügen liegt 
immer, eine grüne, blühende Inſel, nicht allein im Weltmeere, 
auch in dem Meere der Phantaſie, es könnte mich ſehr freuen, 
die hohen Afer von Stubbenkammer, die öden von Arcona noch ein— 
mal wiederzuſehen. 

Dieſer dunkle Zug der menſchlichen Natur mit dem Meere, 
dieſes geheimnißvolle Fühlen des Verwandtſeins mit dem Element 
deutet doch wohl auf tiefere Beziehungen, die vielleicht nur ein 
anderes Daſein löſt. 

Ich ließ mir von der Mamſell von unſeren Bekannten dort 
erzählen. Der luſtige Pfarrer Frank“) lebt auch noch, Willich ſelbſt 
hat die Witwe des Simon, die geborene Bockelberg aus Hamburg 
nach dem Tode ſeiner Frau geheiratet, da dieſe ihn ſterbend 
darum bat. 

Es iſt Abraham Mendelsſohn, der mit ſeiner Familie nach 
Paris kommt. ... Du rühmſt Dich, die Juden nie zu verlaſſen. 
Es iſt der einzige Fehler, den ich an Dir kenne. Sie ſind Dir 

) Alterer Bruder von Schleiermachers? Freund, Ehrenfried Theodor 
v. Willich, + 1807. 


**) Bernhard Olivier Frank, geb. 1759, + 1833, Paftor in Bobbin auf 
Rügen. 


! 219 


zu einerlei. Allein das Einerleiſein iſt nicht die Natur der Juden. 
Auf Individuen kann das Lieben oder Nichtlieben keinen Einfluß 
haben, aber im ganzen ſtehen ſie hier in unrichtigem Verhältnis 
zur Zeit, zum Geſchehenen. Man erhebt ſie zu allen freien Bür⸗ 
gerrechten, und das einzige, wozu ſie ſich derer bedienen, iſt das 
Schachern und Handeln uſw. Schierſtedt hat mir erzählt, wie 
ganze Diſtrikte im Jahre 1813, die Reichen für die Armen mit, 
ſich loskauften, um nicht den Feldzug mitzumachen — ſie ſind 
jetzt ſchon ein nicht unbedeutender Teil des Grundeigentums in allen 
preußiſchen Staaten, Juden ſind Patronatherren von Chriſten und 
chriſtlichen Kirchen, was doch ein größerer Anſinn iſt als wenn 
Türken es wären, die doch Chriſtus nicht leugnen, nur Mohammed 
einen größeren Propheten nennen. Das Vermögen des Staats 
iſt größtenteils in ihren Händen, hier in Berlin iſt es ſehr auf⸗ 
fallend, wie jetzt, wo ein großer Häuſerverkauf wieder ſtattfindet, 
unter vieren gewiß drei von Juden adquiriert werden. Wenn ich 
was zu ſagen hätte, ich ließe ſie drei Generationen lang nicht handeln 
und alle zwanzigjährigen Jünglinge, ohne irgendeine Ausnahme 
als die der körperlichen Gebrechlichkeit, wären Soldaten, da wollte 
ich wetten, daß in 50 Jahren die Juden als Juden vertilgt wären. 
And daß das nicht ein Gewinn für die Menſchheit wäre, laſſe 
ich mir nicht ausreden, die Juden in ihrer Geſunkenheit, ihrem 
Schachergeiſt, ihrem angeborenen Mangel an Mut, der von dieſem 
Schachergeiſt herrührt, ſind ein Flecken der Menſchheit. 

Rauchen habe ich auch ſchon lange vorgeſchlagen, des Staats⸗ 
kanzlers Büſte zu machen, allein er deteſtiert eigentlich das Büſten⸗ 
machen, wenigſtens ſo der Reihe nach. Ich glaube nicht, daß er 
ſich von freien Stücken dazu meldet. Prinz Wilhelm, der Bruder 
des Königs, hat ihm aufgetragen, die Büſte des alten Blücher in 
Marmor für ihn auszuführen. 

Für den Brief aus Nio de Janeiro danke ich ſehr. Wohl 
220 


iſt es hübſch, fo etwas jenfeits des Ozeans herzuhaben, ich ſelbſt 
möchte wohl dies wunderbare Land ſehen, wo fremde Lüfte wehen, 
andere Blumen, andere Sterne leuchten! Schrift als Schrift iſt 
überhaupt etwas ſehr Sonderbares. Stehen die Buchftaben nicht 
da, geheimnisvoll wie Geiſter? 

Adieu, mein Herz, die Kinder grüßen. Ich eſſe bei Prinz 
Auguſt. Die Prinzeß Ferdinand) iſt bedeutend krank. Vorher 
gehe ich zur Miniſterin Kircheiſen“), deren Geburtstag heut iſt. 
Abends bin ich bei Pfuels. Prinzeß Luiſe grüßt ſehr. 

Ewig Deine Li. 


97. Caroline an Humboldt Berlin, 1. April 1816 


Mein liebes Herz! 
Ich habe Oeinen letzten lieben Brief vom 26. durch L. bekommen. 
. . . Aber Ilgens weiß ich Dir nichts zu ſagen. Ich ſah auch 
das v. Ilgen in der Zeitung und daß er nach Magdeburg als 
Schulrat komme. Ich dachte, es müßte ein anderer ſein. Daß er in den 
Adelſtand erhoben, habe ich durchaus nicht gehört und glaube es 
nicht, wenn er ſelbſt nicht darum angehalten, was auch wieder 
nicht der Fall zu ſein ſcheint. Ich fürchte, die guten, armen Leute 
haben ſich eine Blöße gegeben und werden von ihrer Grandeur 
zurückkommen. Aber daß ſie, namentlich die Frau, einen ſolchen 
Wert darauf legen, hätte ich mir nicht träumen laſſen. 

Ich danke Dir für alles andere, was Dein Brief enthält und 
werde eheſtens antworten. Die Außerungen, auf die G. ſich be- 
zieht, ſind aber unwahr und erdichtet. 


*) Luiſe Prinzeſſin Ferdinand von Preußen, geborene Prinzeſſin von 
Brandenburg⸗Schwedt, geb. 1738, + 1820. 
**) Gattin des preußiſchen Juſtizminiſters. 
221 


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Gründe gehabt, Nummer 8 und 9 eu Da dieſe 

ä Kiſten zuſammen nur 465 Pfund wiegen, ſo iſt es kaum der 
Mühe wert, fie gegen 1400 Pfund, die wir mitnehmen, hierzu⸗ 
laſſen. Es macht 50 —60 Taler Ausgaben mehr. So viele Bücher 
überhaupt mitzunehmen, iſt vielleicht töricht. Ich ſchrieb Dir ſchon 
neulich meine Anſicht, und daß ich ſie, auch bei noch ſo vielen 
Geſchäften, nicht brauchte, das iſt nicht der Fall. Man braucht 
ein Buch ſelten zum Leſen, meiſt nur zum Nachſchlagen, Leſen 
einzelner Stellen, und da hat es für mich einen unſchätzbaren und 
tief ins Leben eingreifenden Wert, die, mit denen das der Fall 
ſein kann, in keinem Augenblick zu vermiſſen. Schicke ſie lieber 
noch mit. Sei mir aber ja nicht böſe wegen der vielen Bücher, 
inniggeliebtes Herz, aber ich bin nun ſo und bedarf gewiß oft 
Deiner Nachſicht. Ich bin noch mehr in den Jahren der Trennung 
ſo geworden. Ich lebe in vielen Ideen, wozu mir wieder die 
Bücher lieb find, und lebe nur in ihnen und wenig mit dem un- 
verſtändigen Getreibe um mich her, das ich nicht verſtändig machen 
werde, und was es zu keiner Zeit geweſen iſt. Ich will auch mit 
jenen Ideen nichts weiter machen und bin niemandem im Wege, 
aber je freier ich von äußeren Bedürfniſſen bin, deſto abhängiger 
bin ich von inneren. Sei nicht böſe, daß ich mich ſo entſchuldige, 
aber ich leugne es nicht, ich ſchäme mich ſelbſt der vielen Bücher 
wegen, und immer mehr, wenn ich ſehe, daß Du unſer Bleiben in 
Paris ſo kurz glaubſt. Es ſieht einer Kinderei ähnlich, allein da 
ich nun einmal gar nicht oder ſchwer machen kann, daß mein 
äußeres Schickſal Feſtigkeit und Dauer bekommt, ſo will ich das 
Vorübergehende wie dauernd behandeln, und ich habe mir feſt 


vorgenommen, da das Leben immer und immer hin- und am Ende 
222 


verfließt, nicht von der Zukunft zu hoffen und betteln, ſondern das, 
woran mir innerlich viel liegt, mir nun auch in jedem Moment zu ſichern. 

Mit dem Meer haſt Du ganz recht. Was einen zum Meere 
hinzieht, iſt viel, viel mehr als bloß die Schönheit und Größe des 
Schauſpiels. Es iſt, wie Du ſagſt, das Element ſelbſt, die Natur— 
kraft, die doch mehr als bloße Natur ſcheint, das Anendliche im 
Raum, das Aberſchwengliche in der Fülle, das Dunkle und Ge— 
heimnisvolle in der Tiefe, das Geiſtige in der ſchimmernden Helle 
und der ewigen Bewegung. Ich habe hier Creuzers*) „Symbolik“ 
geleſen und leſe ſie noch. Es ſind vier Bände, und man lieſt ſie 
nicht ſchnell. Der zeigt ſehr gut, wie im ganzen Altertum alle 
Götter⸗ und Heroenmythen immer dieſe Anſchauungen der Natur 
ſind, immer Darſtellungen des unbegreiflichen Geheimniſſes der 
Schöpfung und Zeugung, immer Verknüpfungen des Himmels mit 
der Erde, des Lebens mit dem Tode. Ich habe mir auch viele 
Stellen der alten Dichter und ganze Gedichte über die Geſtirne, die 
Nacht und die Elemente geſammelt, die etwas unendlich An⸗ 
ziehendes haben. In einige Geſtirnbeſchreibungen bin ich ganz 
verliebt. Die Phantaſie kehrt immer unendlich gern zu dieſen 
großen und ewigen und geheimnisvollen Bildern zurück. 

Aber ich muß ſchließen. Lebe innigſt wohl, teure, geliebte Seele, 
umarme die Kinder. : Ewig Dein H. 


99. Humboldt an Caroline Frankfurt, 7. April 1816 


Als wird mir ſehr lieb fein, wenn Du den Staatskanzler 
J allein ſprechen kannſt. Aber glaube nicht, daß es dazu 
— kommen wird, mich jetzt nach Berlin zu nehmen. Die 
Menſchen um den Kanzler wollen es natürlich nicht. Jordan 


) Friedrich Creuzer, geb. 1771, + 1858, Altertumsforſcher und Philolog. 
Sein Hauptwerk: „Symbolik und Mythologie der alten Völker“. 


223 


wäre vielleicht noch am erften nicht dagegen geweſen, allein da 
er geſehen, daß es nicht geſchah, ſo haben ſie auch das Departement 
jetzt ſo geſtellt, daß ich das fünfte Rad am Wagen würde oder 
alles wieder geändert werden müßte. Sie haben unter dem Kanzler 
Sektionen mit Sektionschefs gemacht. Dieſe ſind wie die Miniſter, 
Jordan und Raumer. Empfindliche Geſandten, wie Barkhauſen 
zum Beiſpiel, müßte die Sache ſogar chokieren. Ich, der ich 
Jordan von vielen Seiten gut bin, und wie Du wohl denken 
kannſt, jede Rivalität weit unter mir halte, gebe ein ordentliches 
Beifpiel von Fügſamkeit und Beſcheidenheit. Nähme nun aber 
der Staatskanzler mich hin, ſo müßte ja das alles aufhören 
oder der Staatskanzler müßte mir ſeine eigene Sektion geben, 
d. h. das Departement aus der Hand laſſen, was wieder er nicht 
tut. Auch iſt Jordan, außer ſeiner Sektion, wieder in der 
des Staatskanzlers ſehr bedeutend, negoziiert mit den Geſandten 
uff. Das verlöre er auch. Dieſe Schwierigkeiten find im 
eigentlichen Departement, andere gewiß im Miniſterium. Ehe nicht 
eine Not entſteht, wo man auch etwas Anangenehmes tut, oder 
ehe nicht Geſchäfte ſind, an denen ſie lieber ſich einen anderen 
verbrennen laſſen als es ſelbſt zu tun, werden mich die anderen nie 
wollen. Nun mag der Staatskanzler mich noch ſo gern um ſich 
haben, er mag das Bedürfnis ſogar fühlen, das hilft alles nichts. 
Man umſtellt ihn unmerklich, und er hat weder ſo ſtarken Willen, 
noch ſo entſchiedenen Trieb um da durchzugreifen. Das liegt nicht 
in ihm, ich kenne ihn darin ſehr gut. Die Hinderniſſe, die er ge⸗ 
ſagt hat, ſind allerdings in ihm gewiß richtig. Er glaubt die Sache 
in der Tat ſo. 

Allein, wenn man ſie ernſthaft überlegt, ſo exiſtiert ſie teils 
nicht ſo, und ſo iſt wenigſtens die ganze Art, wie man mich be⸗ 
nutzt, in mehr als einer Rückſicht verkehrt. Ich kenne mich ſelbſt 
fo genau, daß ich mich gewiß in jeder Rückſicht unparteiiſch be⸗ 
224 


urteile, und fo iff es ganz offenbar, daß man mich unmittelbar 
nach dem Pariſer Frieden hätte in Berlin anſtellen ſollen, wenn 
man das nicht wollte, in Paris, am wenigſten hier, wo ich bis 
jetzt mit lauter Kleinigkeiten beſchäftigt bin, und wo die Anter⸗ 
handlung immer ein anderer hätte gleich gut machen können. Gegen 
die Wichtigkeit in Berlin zu ſein, wo es darauf ankäme, wovon 
aber gar nichts geſchieht, bei einer ganz veränderten Lage Preußens, 
ein Syſtem im Ganzen zu ſchaffen und einzuleiten, verſchwand die 
in Paris. Goltz mag fein wie er will, fo iſt auch nicht viel Wefent- 
liches gewonnen, wenn man auch ganz wahr weiß, wie es in 
Frankreich ſteht, und nicht viel verloren, wenn man darin dunkel 
ſieht. Preußen kann doch allein nicht handeln, und im Grunde 
traue ich immer noch mehr Goltzens Berichten als den militäriſchen, 
deren ewig vorgefaßte Anſichten wirklich wenig Glauben verdienen. 
Die Reklamationsſachen haben doch auch nur eine untergeordnete 
Wichtigkeit, allein für dieſe müßte ich jetzt gerade in Paris ſein, 
und jetzt bin ich nicht da. Du wirſt Dich vielleicht wundern, warum, 
da ich das alles ſehr klar weiß, ich es nicht ſage, und ſtark ſage, 
und zu ändern ſuche? Allein ich habe vollkommen recht, es nicht 
zu tun. Was ich tun möchte, es bliebe unwirkſam und brächte 
niemals das Rechte hervor. Man nähme mich vielleicht hier weg 
und ſchickte mich nach Paris und gerade zum unrechten Augenblick, 
man ſtellte mich gar vielleicht in Berlin an, aber auf eine halbe 
Weiſe. Es iſt eine ewige Regel im praktiſchen Leben, in ſeinem Beruf 
zu bleiben und nicht daraus heraus in etwas anderes hineinzupfuſchen, 
und auch das größte Gute nicht zu tun zu ſtreben, wo es nicht in 
dem gegebenen Wirkungskreis liegt. Es iſt gerade die Krankheit 
z. B. unſeres Militärs, der Menſchen überhaupt jetzt, ja ſelbſt der 
Frauen und Kinder, für das ſorgen zu wollen, wozu ſie nicht zu 
ſorgen haben. Dabei würde ich auch immer falſch beurteilt werden, 
man würde es ewig für eigennütziges und ehrſüchtiges Streben 
Humboldt ⸗Briefe. V. 15 225 


N 
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halten. Darüber ſetze ich mich leicht weg. Allein diefe Anſicht meiner 
Schritte würde machen, daß man ihnen nicht bloß eine falſche Deutung, 
ſondern auch eine falſche Richtung gäbe. Was ich mit Anſtand 
tun konnte, habe ich getan. Ich habe unumwunden dem Kanzler 
und anderen geſagt, daß ich gern in Berlin angeſtellt wäre, ich 
ſchreibe jetzt dem Kanzler ſehr deutlich, daß ich in Paris nötig bin und 
hier wenig nützlich beſchäftigt. Weiter kann und werde ich nicht gehen. 

Glaube mir, ſüßes, geliebtes Herz, daß ich alles das um ſo 
ernſthafter überlegt habe, als ich meiner Handlungsweiſe ſelbſt 
darum mißtraue, weil ſie gerade meiner Neigung entſpricht. Ich 
habe nicht den mindeſten Ehrgeiz, ich kenne die Dinge zu gut, 
um mir die gravitätiſche Selbſttäuſchung zu machen, großen Nutzen 
zu ſtiften und das Glück der Welt zu befördern, ich habe ein 
inneres unabhängiges, durch Alter und Einſamkeit immer tiefer 
wurzelndes Leben in mir, auf das ich weit mehr halte; je 
mehr man mich alfo vergißt, je mehr man mich fern ſtellt, je un- 
bedeutender man mich braucht, je lieber iſt es mir, und wenn ich 
nicht daran ſchuld bin, iſt auch mein Gewiſſen vollkommen rein. 
Wie die Sachen ſo ſtehen, glaube ich alſo gewiß, wenn alles ruhig 
bleibt, daß ich nicht nach Berlin komme, bis, und Gott weiß, daß 
ich innig wünſche, daß das ſehr ſpät ſei, der Staatskanzler ſich 
bedeutend ſchwach fühlt. Bin ich nicht da, wenn er wirklich ab- 
geht, halte ich es für noch zweifelhafter. Bis dahin nun halte 
ich mich ſtill, rein und gewiß unbeſcholten, erfülle den mir gegebenen 
Kreis möglichſt gut und benutze die Zeit und das Leben für mich. 
Mir, für mich iſt auch der Aufenthalt hier ſehr nützlich geweſen, weil 
er meinen Ruf von Ernſt und Anſpruchloſigkeit in Geſchäften in 
Deutſchland gewiß befeſtigt hat, was wieder für die Geſchäfte gut iſt. 

Den Zwieſpalt mit dem Militär begreife ich ſehr, Grolman 
iſt beſtimmt gegen den Staatskanzler, Gneiſenau nicht, überhaupt iſt 
Gneiſenau von manchen Seiten traitabler, und wieder der andere von 
226 


anderen vorzüglich. Es ift ein ſchwer, aber nicht unmöglich zu behandeln⸗ 
des Verhältnis, aber man muß es behandeln und kann es nicht liegen 
laffen. Das, glaube ich, geſchieht jetzt, da man denkt das Militär nicht 
zu brauchen, wodurch ſich dieſes dann natürlich gekränkt fühlt. 

Für des Staatskanzlers Geſundheit fürchte ich ſo ſehr nicht. 
Er hat eine treff liche Natur, die ihn, noch dazu bei gehöriger Sorg— 
falt, nicht im Stich laſſen wird. Es iſt auch gar kein Zweifel, daß 
ſein Abgang, wie es immer nachher werden möchte, ein wahres 
und ganz eigentliches Anglück wäre, und auch in dieſer Hinſicht, die 
große perſönliche Zuneigung, die ich zu ihm hege, noch abgerechnet, 
würde er mich ſehr ſchmerzen. 

Wie glücklich werde ich mich fühlen, teure Seele, wenn ich 
über all dieſe Dinge mit Dir traulich und heimlich reden kann. Mir 
fällt unendlich oft bei der Trennung von Dir ein, was in den 
Alten von der Beraubung der Freiheit geſagt wird. Es iſt die 
Hälfte des Lebens und die beſte geraubt. Ich bin eigentlich von 
allem unabhängig, auch von allen Menſchen, ich könnte, wenn 
es mir auch oft an mir ſelbſt nicht gefällt, ganz allein 
ſein, nur von Dir bin ich es nicht, ſondern ſo abhängig, daß 
ich es Dir nicht einmal ganz ſo ſagen mag, wie es iſt, weil 
ich denke, daß es Dich ängſtigen oder quälen könnte. Es iſt 
das Gefühl, was durch Dein Weſen, wie ich es zuerſt aufgefaßt 
habe, entſtanden iſt, und was nun ſogar noch die Zeit mit allem in 
mir unauflöslich verknüpft hat. Wenn ich nur jetzt eine lange Zeit 
ungetrennt mit Dir leben kann. Aber ich traue dem Schickſal nicht 
mehr, es kommt mir vor, als hätte es uns ſeit Rom aus der ſüßen 
Traulichkeit des Lebens herausgeſtoßen, die uns nun ungeſtört nie 
wieder würde, und das macht mich oft ſehr wehmütig. 

Lebe wohl, mein ſüßes, inniggeliebtes, einziges Leben. 

Ewig Dein H. 


15* 227 


habe Luft, fie Steinen mitzuteilen, der ganz Deine An⸗ 
ue ſichten teilt, aber noch viel heroiſchere Mittel zur Abhilfe 
vorſchlägt, da er die Nordküſte Afrikas mit ihnen bevölkern will. 
Ihr mögt beide wohl recht haben, aber die Art, wie Du Dich 
über mich dabei ausdrückſt, hat mich noch mehr getroffen. Du 
ſagſt, daß mir die Juden zu einerlei ſeien, das iſt ein Vorwurf, 
den man wohl weiter als auf die Juden bei mir ausdehnen könnte. 
Dies Einerleiſein iſt überhaupt zu ſehr Form in meinem Gemüt, 
dehnt ſich auf zu viel Sachen aus und iſt auch bei einzelnen zu 
ſtark. Ich muß ihm ſelbſt immer entgegenarbeiten. Ob das dem 
Leben nachteilig oder vorteilhaft iſt, denn Vorteile gewährt es aller⸗ 
dings auch, mag wohl ſehr auf die Dinge, bei denen es eintritt, 
und auf die Zeiten und Amſtände ankommen. Im Innern weiß 
ich beſſer, wie es damit ſteht, und da tadle ich es nicht. Denn auf 
das, was da wichtig iſt, erſtreckt ſich dies Einerleiſein nicht. Aber 
auf die Juden zurückzukommen, fo wäre allerdings, ohne das auf⸗ 
zuheben, was ich immer für gut halte, daß man ihnen bürgerliche 
Rechte gibt, viel zu tun, was man verſäumt. Warum zum Bei⸗ 
ſpiel leidet man das Loskaufen? Warum ſchlägt man nicht Mittel 
ein, andere Gewerbe unter ihnen zu befördern? Häuſer mögen ſie 
wohl viele beſitzen, Güter ſehr wenig bis jetzt. Itzenplitz neulich 
hier konnte mir nur einen Fall nennen. Der Staat brauchte ſich 
in ſeinen Finanzen nicht ſo viel mit ihnen abzugeben, und das iſt 
ein Hauptverderben. 
. . . Die Allgegenwart, welche die Schrift, der Entfernung und 
der Vergangenheit zum Trotz, ſchafft, iſt gewiß das Höchſte im 
Menſchengeſchlecht. Daß es ein ſolches Mittel allgemeiner Ver⸗ 
ſtändigung gibt, und daß ſich daran wieder fo ungleich mehr an- 
228 ; 


knüpft, als unmittelbar im Buchſtaben und ſelbſt im Wort und 
ſeiner Bedeutung liegt, beweiſt im Grunde, daß alle einzelnen 
Menſchen aller Zeiten viel mehr eins ſind, als man ſo denkt und 
ahndet. Es iſt mir immer klar geweſen, daß die Individualität, 
die Art, wie man ſich ſelbſtändig und von anderen getrennt fühlt, 
eigentlich das iſt, worin das Geheimnis des Menſchendaſeins ruht, 
und was ich vorzüglich nach dieſer Welt erwarte, iſt, daß einem 
darüber wie ein Schleier zerreißen und ein Licht aufgehen wird, 
in dem auf der einen Seite jede Selbſtſucht und auf der anderen 
jede wehmütige Sehnſucht untergehen wird. Auch in der lebendigen 
Gegenwart könnten ſich zwei Menſchen trotz aller Sprache nie 
verſtehen, wenn ſie wirklich ſo zwei wären, als ſie ſcheinen. Es mag 
aber auch noch andere Gattungen von Individualität geben. So 
ſind die Tiere wirklich noch mehr getrennt und abgeſchnitten und 
haben gar kein Verſtändigungsmittel, als das dunkelſte, unmittel- 
barſte des Gefühls. 

Lebe wohl, mein ewiggeliebtes Weſen. Amarme die Kinder. 
Hermann grüße auch ganz beſonders. Gabriele ſchreibt ſehr hübſch, 
daß ihr bloß Hermann leid tut beim Weggehen, denn, ſagt ſie, 
Adelheid hat Auguſten, Theodor iſt es gewohnt, aber Hermann 
tut mir am meiſten leid, weil er keine Frau hat. 

Ewig Dein H. 


101. Caroline an Humboldt Berlin, 13. April 1816 


Ich habe geſtern beim Zuhauſekommen aus der Kirche, wo 
ich mit Gabriellen, Carolinen, Auguſt und Adelheid fom- 
=—f3 muniziert habe, Deinen lieben Brief vom 7. April aus 
den Händen des Feldjägers empfangen 

Schleiermacher hat geſtern eine unendlich ſchöne Predigt und 
229 


_—— 


— — 
— 


vorgeſtern eine höchſt rührende Rede bei Gabriellens Einſegnung 
gehalten 

Caroline iſt die Tage gar nicht wohl geweſen. Sei es die 
ſchnell eingetretene Hitze nach bedeutender Rauhigkeit der Luft, ſei 
es eine andere Arſache, fie war ſehr abgeſpannt, ſehr leidend. Es 
iſt die Rede davon geweſen, ſie 14 Tage lang den Sprudel in 
Karlsbad trinken zu laſſen. Es iſt dies natürlich nichts Beſtimmtes, 
allein diskutiert iſt es worden, und ich ſtehe für nichts, obgleich ich 
Dir nicht leugne, daß ſelbſt nur 14 Tage mir eine bittere Partie 
wären. Caroline grüßt zärtlich und jammert jetzt oft darüber, daß 
fie uns ſo viel Anruhe macht. 

Adieu, Seele, bald mehr. Ewig Dein. 


102. Humboldt an Caroline Frankfurt, 18. April 1816 


eeute ſchreibe ich Dir vorzüglich, um Hermann zu ſeinem Ge- 
H burtstage Glück zu wünſchen. Ich ſchicke ihm eine kleine 
PN goldene Ahr. Sie iſt ſehr wohlfeil, iſt doch aber von 
demſelben Neuchateller Ahrmacher, der Theodors und meine Ahr 
gemacht hat. Für eine teurere ſchien mir der liebe kleine Junge 
noch zu klein. Amarme ihn tauſendmal von mir. Da ich ihn jetzt 
nicht wiederſehe, wollte ich ihm gern etwas ſchicken, woran er unfebl- 
bar ſähe, daß ich an ihn gedacht hätte. Ich bin überzeugt, daß 
er bei Türk ſehr gut fein wird. Es wäre eine wahre Anmöglich— 
keit geweſen, ihn mitzunehmen. Welche Störung hätte nicht ſchon 
gleich ein interimiſtiſcher Aufenthalt hier gegeben. Sonſt aber freilich 
ſähe ich den kleinen Jungen ſehr gern. Seine große Liebe zu Dir 
rührt mich tief an ihm. Ich denke auch unendlich oft an Wilhelm 
und Guſtav. Manchmal kommen ſie mir ſehr glücklich vor, ſo ſtill 
230 


r r 


und geborgen vor allem Unebenen des Lebens zu liegen am ſchönen 
Ort, gegen den doch immer alles Abrige nur eine Verbannung iſt. 
Aber auf der anderen Seite wäre Wilhelm höchſtwahrſcheinlich 
auch im Leben und Streben glücklich und gut geweſen, und Guſtav 
hatte etwas unendlich Frommes und Heiliges. Mir bleibt von den 
beiden Kleinen für ewig das, daß ſie bei mir dem eignen Tode 
auch die letzte Bitterkeit, die er vielleicht haben könnte, nehmen. 
Ich glaube gar nicht fo beſtimmt zwar an ein perſönliches Wieder- 
ſehen, aber die Kraft gegenſeitiger Liebe iſt doch ewig, und, ohne 
daß man es ſelbſt weiß, fortwaltend, und wenn der eine den kühnen 
Schritt vorangetan hat, ſind für den andern beide Welten wirklich 
verbunden. Mir waren ſie die erſten Geſtorbenen, die ich wirklich 
liebte. 


19. April 


Es ſchmerzt mich ſehr, daß die arme Caroline wieder mehr 
leidend geweſen iſt, und daß es möglich iſt, daß Du noch mit ihr 
nach Karlsbad gehen mußt. Du weißt, Kohlrauſch wollte das 
ſchon immer. Ich kann Dir, Engel, nichts darüber ſagen, als was 
Du gewiß ſelbſt denkſt. Man muß nichts wegen Carolinen ver— 
ſäumen. Allein mir tut es unendlich leid.... 

Die Cüſtine iſt ganz ernſthaft unruhig, ob ſie Dir gefallen wird. 
Es iſt eine ſehr närriſche Perſon. Heute früh habe ich ſie ſehr lachen 
machen. Sie hat Mäuſe, ihre Leute haben ihr keine Mäuſefallen ver- 
ſchaffen können, und ſie behauptet, es gäbe in Deutſchland gar keine. 
Heute früh habe ich ihr fünf, alle verſchieden und wirklich von der nied- 
lichſten Art, geſchickt. Sie hat eine ausgewählt, die anderen vier 
werden nun mein Haus reinigen. 

Eben bekomme ich lange Briefe von Ilgen und ihr. Das 
Anglück iſt nun hereingebrochen. Es iſt ein Schreiben Schuckmanns 
angekommen, das die adlige Adreſſe für einen Schreibfehler erklärt. 

231 


— 6 — . — eS 


— — i — * 


Sie halten Ilgens Ehre beleidigt, an den Pranger geſtellt, er will 
gleich den Abſchied nehmen, außer Landes gehen, kurz alle die Hef- 
tigkeit jetzt wie vorher die Lebhaftigkeit der Freude. Ich habe ſchnell 
Nicolovius geſchrieben. Man muß ſuchen, ihn durch ein eigenes 
Schreiben des Miniſters zu heben. Ihm werde ich ernſtlich ſchreiben, 
daß das Abſchiednehmen Torheit ſein würde, ihm zu verſtehen 
geben, daß alle Anannehmlichkeit nur entſtanden fein kann dadurch, 
daß er zu große Genugtuung über den Adel öffentlich bewieſen 
hätte, und alſo ein ſo öffentlicher Schritt als ſein Abſchiednehmen 
ihm noch mehr Blöße geben würde, und werde ihn ermahnen, mit 
einiger Männlichkeit eine ſehr unbedeutende, wenn gleich allerdings 
unangenehme Sache zu ertragen. Es iſt unbegreiflich, wie Mann 
und Frau haben in den Irrtum fallen können. Es war bloß die 
Adreſſe und hochwohlgeboren im Brief. Daß ihnen nicht eingefallen 
iſt, daß, wenn man ſie geadelt hätte, man doch deſſen im Brief 
erwähnt haben würde! Sie müſſen ganz blind geweſen ſein. Immer 
aber tun ſie mir leid, denn gewiß iſt es, daß Neider und Feinde, 
mit denen ſie in den kleinlichſten Verhältniſſen zuſammen wohnen, 
entſetzlich triumphieren werden. 

. . . Es iſt doch im Grunde jetzt ein beſſerer Geiſt und Sinn 
in den jungen Leuten in mancher Hinſicht, als wie ich in dem Alter 
war. Sie haben in der Regel mehr Gemüt und hängen ſo mehr 
an den zugleich menſchlich natürlichſten und höchſten Dingen, an 
Religion, Vaterland, Eltern. Zu meiner Zeit war das alles ſehr 
locker und loſe, und man mußte es nur durch ſeine eigenen Ideen 
zuſammenknüpfen, wozu denn nicht jeder kommt. 

Lebe wohl, meine innigſtgeliebte Seele. 


232 


103. Caroline an Humboldt Berlin, 19. April 1816 


Och habe noch einiges in Deinen früheren Briefen zu beant⸗ 
worten. Meine Tirade über die Juden, geliebtes Leben, 
2 über die Du Dich ſo ſüß mokierſt, iſt wohl nicht an 
ihrem Platze, allein Anrecht hat man, zu ſagen, daß ſie keine Güter 
beſäßen. In allen Provinzen beſitzen ſie deren, und der Herr von 
Itzenplitz muß ſehr ununterrichtet ſein, der Dir geſagt hat, bis jetzt 
ſei ein einziger Grundeigentümer. Die Maſſe des Vermögens iſt 
in ihren Händen, und es iſt eine der Arſachen, warum der ſehr 
drückende Indult aufrechterhalten wird, um einigermaßen zu ver⸗ 
hüten, daß nicht noch viel mehr Güter in ihre Hände kommen, 
weil bei der Aufhebung desſelben allerdings viele Güter werden 
müſſen veräußert werden. Was Berlin betrifft, ſo haben ſie ein 
Drittel der Häuſer, und zwar der beſten, im Beſitz. Ich kann mich 
übrigens gar nicht ſchriftlich ſo über ſie auslaſſen, wir werden ja 
bald mündlich zuſammen ſprechen. 

Du redeft von Deinem Indifferentismus. Süßes Herz, das 
iſt ja zu komiſch, daß wir gerade zuſammen gehören, da mir 
ſo gar nichts indifferent iſt, daß ich noch über alles in Feuer 
und Flamme komme. Es nimmt ſogar ordentlich zu. Ich 
erinnere mich recht gut, wie ich als Mädchen und in den erſten 
zehn Jahren unſerer Verbindung viel apathiſcher über alles war. 
Wenn es ſo fortgeht mit mir, fo ijt mir ſelbſt bange — — 
baſta. 

Türk gefällt mir mehr und mehr jetzt, wo ich ihn ruhig ſehe 
(er wohnt bei mir) und auch Hermann gewöhnt ſich in dieſen Tagen 
an ihn. Doch iſt mein Herz ſehr wund. 

Der Staatskanzler iſt noch in Glienecke und war ſehr unwohl 
an Halsentzündung. Der König iſt in Potsdam, das macht ihn 
auch dort bleiben. 


233 


—— KK 


Der Tod der RKaiferin*) ſchmerzt mich ungemein. Ich weiß 
wohl, daß ſie ohne Einfluß war, allein ſie dachte doch wohl im 
ganzen auf eine eminentere Weiſe wie man dort denkt. Nun, 
wohl ihr! ſie hat ausgelitten und braucht den Fürſten Trautmans⸗ 
dorff “) nun nicht mehr aimable zu finden. Der König ſoll ſehr 
von ihrem Hintritt erſchüttert fein. 

Ich hoffe morgen wieder zu ſchreiben, ich umarme Dich und 


bin ewig Deine treue Li. 


i 
104. Humboldt an Caroline Frankfurt, 30. April 1816 


yu erhältſt dieſen Brief, liebe Li, durch eine Eſtafette. Ich 
bin im lebhafteſten Krieg mit Darmſtadt, das ſich nicht 
in die Abtretungen finden will, die man von ihm verlangt, 
und werde daher wohl noch öfter durch außerordentliche Gelegen— 
heit ſchreiben müſſen. Ich habe indes Deinen Brief vom 23. be⸗ 
kommen, und es hat mich ſehr geſchmerzt zu ſehen, daß es mit 
der Geſundheit der armen Caroline doch immer noch nicht gut 
geht, ſie vielmehr aufs neue viel leidet, und dies Dir auch natürlich 
Kummer und Anruhe macht.. 

Es iſt mir ſehr eigen, daß Du nach Karlsbad kommſt. Als 
ich im Jahre 1812 dort war, ging ich mit Goethe ſpazieren an 
einem ſehr ſchönen Tage und verſprach mir ordentlich, Dich nicht 
wieder einen Sommer in dem traurigen Wien zu laſſen. Nun 
kommſt Du viel ſpäter und nach unendlichen Begebenheiten aber 
doch hin. Es iſt mir lieb, daß Du auch Teplitz ſiehſt. Es wird 
Dich vielfach an den Krieg erinnern. 


) Maria Ludovica Beatrix, geb. 1787, + 1816, Tochter des Erzherzogs 

Ferdinand von Sſterreich-Eſte, ſeit 1808 dritte Gemahlin des Kaiſer Franz II. 

**) Ferdinand Fürſt Trautmansdorff, geb. 1749, + 1827, ſeit 1807 erſter 
Oberhofmeiſter des Kaiſers Franz. 


234 


Du bift alfo gleich fo in Feuer und Flamme, mein armes 
Kind? Allerdings warſt Du darin anders ehemals, das erinnere 
ich mich recht wohl, und ich habe oft über die Gründe, und wie 
ſo etwas nach und nach einem Menſchen kommt, nachgedacht. Ich 
begreife es doch aber recht gut. Der Menſch wendet ſich mehr, 
je länger er lebt, zum Ernſten und Großen hin; Du warſt früher 
mehr durch individuelle Beziehungen zerſtreut, die Weltbegeben- 
heiten ſind auch nie gleich groß geweſen, haben nie mehr ſo das 
innerſte ſittliche und Rechtsgefühl angeſprochen. Daher haben 
Dich die öffentlichen Begebenheiten mehr angezogen und ergriffen, 
und das iff doch nur der Anterſchied. Heftiger biſt Du nicht ge- 
worden. Du haſt nur, was ſehr hübſch iſt und die innere Jugend 
des Gemüts beweiſt, die Lebhaftigkeit, die Du immer hatteſt, be- 
halten. Wendet ſich die nun an auf das, was im Leben groß 
und recht iſt, ſo iſt es auch natürlich, daß ſie in eben dem Grade 
heftiger wird, als das Nechte und Edle keinen Vergleich mit dem 
eingehen kann, was nicht ſo iſt. Eine Art Wendepunkt darin bei 
Dir war Deine Rückkehr aus Paris nach Nom, das iſt mir immer 
fo hiſtoriſch erſchienen. Abrigens iſt es wieder nicht mit der Hef 
tigkeit ſo arg, da Du eine tiefdurchgreifende Milde haſt, und wir 
werden immer ſehr gut miteinander beſtehen, da wir in allem 
eigentlich, wo es auf den Grund der Geſinnung ankommt, einig 
denken und in den Nuancen Deine Anſicht immer ſehr leicht auf 
mich übergeht; ſehr natürlich und ohne daß ich es in mir ſelbſt 
tadle, da ich, weil ich Dich ſo tief kenne und ſo eine auf Dein 
wahres Weſen gegründete unerſchütterliche Anhänglichkeit an Dich 
habe, weiß, daß man Dir ſicher, ſicherer wie einem Stern auf dem 
Meere, folgen kann, wenn man nur hernach in der Anwendung 
im Einzelnen beobachtet, was die Amſtände und fo die bloß aus- 
gleichende Klugheit angeben. Ich habe es immer ſo gemacht und 
weiß und denke es oft im ſtillen, daß für das, was ich lobens— 

235 


würdiges getan haben mag, von mir Dir der Dank gebührt. Aber 
auch — baſta, wie Du ſagſt, denn man ſchriebe ſich nie aus 
darüber. 

Den Judenhaß der Adelheid vergleiche ich gar nicht mit dem 
Deinen. Den kann ich mir vorſtellen. Er hat alles, was eigentlich 
neue Chriſten haben. Ich ergebe mich auch ganz darin, mit dem 
alten Glauben den Kürzeren zu ziehen, man kommt dagegen nicht 
auf. Ich liebe aber eigentlich auch nur die Juden en masse, en 
détail gehe ich ihnen ſehr aus dem Wege. Varnhagen, der mit 
ſeiner Frau eine Zeitlang bei Tettenborn) in Mannheim war, 
iſt zurüc gekommen, und fie haben fic) auch in die wunderbaren 
Gebäude logiert, die ich bewohne, und die man den Mohrengarten 
nennt. Das iſt ſehr nah! Ich bin einmal bei ihr geweſen und 
laſſe es nun dabei bewenden. Sie iſt furchtbar häßlich geworden. 
Man begreift gar nicht, warum das manchen Leuten geſchieht. 

Das Grün kommt jetzt mit Macht, und der Schatz“), wie 
immer Caroline ſagt, hat wirklich die Spaziergänge rund um die 
Stadt überaus hübſch gemacht. Ich gehe ſehr viel und wenigſtens 
täglich einmal aus. Es unterhält und ſtillt nichts ſo die Sehnſucht 
als der Blick ins Freie und Blaue. 

Es hat mich ſehr amüſiert, daß Du ſagſt, daß die Kaiſerin 
nun Trautmansdorff nicht mehr aimable zu finden braucht. Es 
iſt ſehr wahr, nur leider hatte ſie keinen rechten Widerwillen am 
Gewöhnlichen und Gemeinen. Aberhaupt ſollte man nicht von den 
Toten reden, allein dieſe war, das habe ich immer empfunden, 
nicht recht in der höheren Sphäre der Gedanken und Empfindungen, 
und auch nicht recht paſſend für die Dinge der Welt. Sie hatte 


) Friedrich Karl Freiherr v. Tettenborn, geb. 1778, + 1845, ruſſiſcher 
General in den Freiheitskriegen. Später in badiſchen Dienſten, unterhan- 
delte in den Grenzſtreitigkeiten zwiſchen Baden und Bayern. 

**) Dalberg als Großherzog von Frankfurt. Vgl. Bd. I, S. XV XVII. 
236 


doch ein trockenes, enges, nicht innerlich großes noch reiches Wefen. 
Wie unendlich anders und mehr war dagegen die Königin! 

Du endigſt einen Brief mit den Worten: Bleibe mir gut. 
Ach, teure Seele, darüber ſei gewiß ruhig. Ich bin Dir eigentlich 
immer mehr gut geworden, und nichts in der Welt bringt mich aus 
dem inneren Gedankenleben an Dich heraus. Mir iſt ordentlich, 
als könnte Dir dieſe Anhänglichkeit einmal läſtig werden. Ich wäre 
am liebſten ununterbrochen um Dich, und es iſt mir oft, als müßte 
das Leben ſich wieder ebenſo auflöſen, als es anfing, und es gab 
doch wirklich eine Zeit, wo wir immer beieinander waren, in einer 
Stube, zuſammen beim Spazierengehen, in Geſellſchaft, immer und 
überall. Die ſchöne Zeit, an die nichts reicht! Was mich nur 
ewig freut, iſt, daß ich mir nicht zu ſagen brauche, daß ich ſie, als 
Gegenwart, weniger fühlte. Ich genoß ſie ſo recht und innig als 
das eigentliche Glück. 

Welcfer*) war auf der Rückreiſe von Heidelberg hier, aber nur 
zwei Tage, und den erften ſah ich ihn nicht. Ich hatte Vor⸗ und 
Nachmittag Leute in Geſchäften bei mir und aß nicht zu Hauſe. 
Aber den andern Tag aß er mit uns und ging mit mir nachmittags 
ſpazieren. Er grüßt Dich ſehr. Wenn Du hier biſt, kommt er eigens 
her. Er iſt wie immer, aber nie einförmig. Er hat die lebendigſte 
Ruhe, die mir je in einem Menſchen vorgekommen iſt. 

Geftern war Arndt“) bei mir und aß heute mit uns. Es ſchien 
ihm ſehr wohl zu werden. Er hat einige ſehr gute Dinge geſagt. 
Abrigens iſt er in ſeiner Art, die aber innerlich intereſſanter iſt, 
als ſie manchmal bei ihm erſcheint. Faſt alle Leute ſind mehr als 
ſie ſelbſt wiſſen. Er hat mir geſagt, daß Spiker zu verkaufen iſt 
auf Rügen, aber 200000 Taler. Es war närriſch, er ſagte, ich 


) Friedr. Gottlieb Welcker, geb. 1784, + 1868, Altertumsforſcher. 
**) Ernſt Moritz Arndt, geb. 1769, + 1860, der bekannte Patriot und 
Dichter. 
Zor 


„ 


follte es kaufen. Man könnte Caroline da etablieren. Sie wäre fo 
das Band zwiſchen der doppelten Heimat und machte den Norden 
milde, wie ſonſt die chriſtlichen Prinzeſſinnen !). 

Die Schlegel“) iſt auch gekommen. Sie war bei mir und ſehr 
lieb. Alle Welt bewundert jetzt meine Wohnung. Grün und Blüten, 
rundherum. 

Apropos bei Briefen. Nächſtens ſchicke ich Dir die vielen 
der Cüſtine. Bülow, der ungeheuer taquin iſt, hat heute Flemmingen 
bei Tiſch vorgehalten, daß er einhundertundfünfzig Billetts der 
Cüſtine hat, und Boisdeslandes meint, es wären eher mehr als 
weniger! 

Du ſchreibſt: Hermann küßt mir tauſendmal die Hände. Die 
Kinder unterſchreiben ſich immer: Deine gehorſame Tochter, Du 
haſt auch einmal von befehlen geſchrieben. Alle die Ehrfurcht! 
Sonſt gingt Ihr gar nicht ſo vornehm mit mir um, das iſt bloß 
ſeitdem Schleiermacher die Adel getraut hat. Ich denke aber, mit 
der Gegenwart wird es ſich geben. Da werde ich Dir die lieben 
Hände küſſen, und Du wirſt befehlen, und Gabriele wird ſich oft 
über mich mokieren, wie ſie immer tut. Bülow neckt Flemmingen 
den ganzen ausgeſchlagenen Tag, dennoch find beide ewig zu⸗ 
ſammen. 

Lebe wohl, mein ewig teures, beſtes Herz, es iſt faſt 2 Ahr, 
ich küſſe noch Dein Bild wie alle Abend und alle Morgen und 
gehe dann zu Bett. Amarme die Kinder. Ewig Dein H. 


) Es bewarb ſich zu dieſer Zeit ein ſchwediſcher Diplomat um Carolinens 
Hand. 

**) Dorothea, Tochter Moſes Mendelsſohns, geb. 1763, + 1839, in erſter 
Ehe verm. mit Simon Veit, in zweiter Ehe mit Friedrich v. Schlegel. 
Vgl. Bd. I. 

238 


105. Caroline an Humboldt Berlin, 6. Mai 1816 


Is iſt die erſte ſichere Gelegenheit, die ſich mir darbietet, 
E Dir zu ſchreiben, geliebtes Herz, ſeitdem Du mir über 
cden einfältigen Klatſch, den man mir bei Gneiſenau ge— 
macht hat, geſchrieben haſt. Ich leugne Dir nicht, daß er mir 
empfindlich und ſchmerzlich geweſen iſt. Ich habe nicht ganz die 
Geiſtesruhe, die Du in ſolchen Dingen haſt, und es berührt in mir 
tiefere Seiten des Gemüts, weil es einmal meiner Natur eigen iſt, 
Menſchen, Begebenheiten nicht allein mit dem Verſtande, ſondern 
mit der Inſpiration des Gemüts zu meſſen. Daher ſchmerzt es mich 
auf doppelte Weiſe, wenn ich falſch beurteilt werde. Dir iſt es 
am beſten bekannt, was ich von Gneiſenau immer gedacht habe, 
aber ich hätte denken ſollen, daß die Art, wie ich es ihm ſelbſt ge- 
zeigt habe, ihm keinen Zweifel über die Wahrhaftigkeit meiner Ge⸗ 
ſinnungen hätte laſſen können, und inſofern ſchmerzt es mich doch 
auch von ihm, daß er ſolchen Lügen Gehör hat geben können. Was 
die Verleumdung ſelbſt betrifft, ſo beweiſt ſie mir, daß es hier 
Menſchen gibt, die einem direkt zu ſchaden ſtreben, vielleicht auf 
weitausſehende Zeit hin, die Vereinigung gut- und kräftig geſinnter 
Menſchen zu untergraben ſuchen. Mir ſucht man verleumdende 
Redensarten in den Mund zu legen, Dir ſchiebt man Pläne un- 
erſättlichen Ehrgeizes unter und verbreitet unter der Hand, daß man 
Dich darum nicht ins Miniſterium nehmen könne, weil bei allen 
großen Talenten, unermüdlichem Fleiß uſw. Du immer höher ſtreben, 
und Dich nur mit der Stelle des Staatskanzlers begnügen würdeſt. 
Aber Gneiſenau läßt man für das Militäriſche ungefähr dieſelben 
Abſichten kurſieren. Es gibt hier eine Partei, die das Eminente 
in jeder Art gern zurückdrängt, das iſt gewiß, und die dem per- 
ſönlichen Intereſſe ſelbſt das Verdienſt, was nicht abzuleugnen iſt, 
unterordnet. Kunth wird Dir mündlich aufs klarſte auseinander 
239 


gOS 


— 


ſetzen, was auch fo die Gut-, die Einfachgeſinnten ſich denken, wie 
ſie doch alle, bei dem herzlichen Wunſch, Dich hier in Tätigkeit 
zu ſehen, denken und meinen, Du wolleſt zu hoch hinaus. Aber 
nicht nur gutgeſinnte Geſchäftsleute allein, auch die nächſten Am⸗ 
gebungen des Königs ſind in dieſer Meinung und Anſicht. Ich 
habe es oft an einzelnen Worten der Prinzeß Luiſe gemerkt, und 
Schilden“) hat es letzthin an Rauch deutlich und mit klaren Worten 
geſagt (der König läßt ſich ſo in den langen Tagen in Charlottenburg 
wohl ſo über dieſen und jenen aus), daß Dir der Sinn ſo hoch ſtünde, 
daß ein Miniſterium im Innern Dir deshalb nicht anſtünde. Der 
Staatskanzler iſt wohl freier von dieſer Anſicht über dich, weil er 
überhaupt die Menſchen wohl tiefer ergreift und beurteilt, doch tut 
man gewiß das Mögliche, um Menſchen wie Du biſt von ihm zu 
entfernen. 

Jordan ſpielt bei des Kanzlers Kränklichkeit und der Laſt ſeiner 
Geſchäfte ganz vorzüglich den Miniſter der auswärtigen Geſchäfte, 
der Staatskanzler ſelbſt hat die Manie, feine zunehmende Geſundheits⸗ 
ſchwäche nicht einzugeſtehen, und ſo wie die Dinge organiſiert ſind, 
fo bin ich überzeugt, würde er, wenn er Dich neben ſich ſtellte, Dich 
wie einen Koadjutor betrachten, denn man würde Dich ihm fo be- 
zeichnen. 

Mit des Kanzlers Geſundheit ging es übrigens diesmal wirklich 
ſchlecht, ich weiß es durch Koreff genau, der in keiner geringen 
Sorge um ihn war. Sein Körper iſt ſehr baufällig, das iſt nicht 
zu leugnen, und Koreff ſieht ihn nicht ohne große Beſorgnis nach 
Karlsbad gehen, welches immer ein ungemein angreifendes und 
heroiſches Mittel iſt. Vor acht Tagen war es noch nicht entſchieden, 
daß Koreff mitgehen ſollte, und des Staatskanzlers Frau ſagte mit 
einem tiefen Seufzer: „Ach, Jordan will ihn da allein haben.“ 


) Auguſt v. Schilden, + 1851, Kammerherr und Oberhofmeiſter „im 
Hofſtaat Ihrer Majeſtät der höchſtſeligen Königin Luiſe“. 
240 


Vor kurzem iſt hier eine närriſche Szene geweſen. Ein junger 
Leutnant Plewe, aus Preußen gebürtig, iſt mit Urlaub bei feinem 
Vater in Preußen geweſen, beim Zurückkommen meldet er ſich beim 
König, wie es alle tun müſſen (der Plewe ſteht bei der Garde). 
Der König fragt: „wie es ginge“? Der Plewe antwortet: „Schlecht. 
Euer Majeſtät, ſagt er, ſind nicht ſo bedient, ſind bis auf wenige 
Ausnahmen nicht ſo vertreten, wie Sie es zu ſein verdienen.“ 
Darauf fragt der König: „wie das zu verſtehen fei”? Und nun 
erfolgt von dem Leutnant eine Auseinanderſetzung, wie der Landmann 
gedrückt, wie das Verſprochene nicht erfüllt, wie der Name des 
Königs mißbraucht werde. Der König hat erwidert: „Plewe, Sie 
ſind exaltiert, oder andere Menſchen gebrauchen Sie zu ihren Zwecken,“ 
worauf denn der Plewe verſichert hat, daß er die lautere Wahrheit 
ſage, und für alles einſtehen wolle, was er geſagt habe. 

Das Berliner Publikum und der König mit der Familie (wohl 
mit Ausnahme des Prinzen und der Prinzeß Wilhelm und der 
Prinzeß Luiſe, die darin einen feineren Sinn haben) ſind im Krieg 
und Widerſpruch über die franzöſiſchen Tänzer. Du wirſt wohl 
gehört haben, daß der König Madame Anatole Goſſelin und ihren 
Mann hat kommen laſſen. Darüber iſt nun die antifranzöſiſche 
Partei mehr entrüſtet, als die Sache es verdient. Das hat den König 
ſehr verdroſſen. Aus Widerſpruchsgeiſt geht er nun ſogar in die 
Balletproben. Er hat gefagt, ich habe gemeint, den Berlinern 
eine Freude zu machen, ich liebe wahrhaftig die Franzoſen auch 
nicht, das können ſie wohl denken, aber tanzen tun ſie doch beſſer 
wie die hieſigen. Dies alles mit manchen dabei vorgefallenen 
Anekdoten iſt die Neckerei der letzten Wochen geweſen. 

Tiefer und ernſter iſt der Einfluß, den, wie viele Menſchen 
behaupten, Aneillon auf den Kronprinzen ausübt und immer mehr 
gewinnt. Auch ſeine ſchlichte, gradgeſinnte, deutſche Denkungsart 
ſoll er zu untergraben ſuchen und der Kronprinz ſich ſeit einem 
Humboldt⸗Briefe. V. 16 241 


Jahr ſehr verändert haben. Ich weiß nicht, ob dieſe Bemerkung 
wahr iſt, aber der Glaube an Ancillons Gefährlichkeit und weit⸗ 
ausſehende Plane iſt ſehr allgemein. 

7. Mai 

Der Gebrauch des Karlsbades wid wieder beftritten ... Ich 
verhalte mich ruhig. Wir wollen das Menſchenmögliche tun, was 
Carolinen aufhelfen kann. Ich kann nicht leugnen, daß die Woche 
vor dieſer mich ſehr ernſtlich wieder beſorgt gemacht hat. Carolinens 
Hingeben an den Schmerz, ohne allen Widerſtand, deutet doch auf 
eine beinah mehr wie zarte, auf eine wirklich ſchwache Konſtitution. 
Du kannſt Dir gar nicht denken, wie ſchlimm ſie ausgeſehen hat. 
Für mich hat das etwas ſo zerreißendes, daß ich's mit keinen 
Worten ausſprechen kann. Wie tief mich der Verluſt eines jeden 
Kindes treffen würde, Carolinens Verluſt würde mich zerſtören. Sie 
hat noch fo wenig Freude gehabt! Oh, Gott wolle ihr doch Ge- 
ſundheit geben! 

Hermann geht übermorgen. Er iſt gefaßt und froh, und wir 
zeigen ihm nicht, wie weh uns die Trennung tut, um ſeinen Frohſinn 
zu erhalten. Ich habe darauf Verzicht getan, ihn nach Frankfurt 
zu bringen, ich bin nicht wohl genug, und Caroline ſo lange allein 
zu laſſen möchte ich auch nicht, ſo will ich dem lieben Jungen denn 
hier meinen Segen geben und ihn allein mit Heyfe*) ziehen laſſen. 

Ja, liebes Herz, die ſchöne Zeit wird gewiß wiederkommen, 
wo wir wieder nebeneinander ſein werden, mich dünkt, ich fühl es 
im ahnenden Sinn. Ich muß aber immer ſagen dürfen: „bleibe 
mir gut“. Wenn ich es auch noch ſo ſehr weiß, ſo iſt es doch 
ſo ſüß, es immer aufs neue zu bitten. Gebet und Liebe ſind ja eins. 

Nun Adieu, meine Seele, ewig Dein. 


*) Hofmeiſter des kleinen Hermann, Vater des Dichters Paul Heyſe. 
242 


106. Humboldt an Caroline Frankfurt, 10. Mai 1816 


lo heut über einen Monat iſt es möglich, daß ich bei 
Al Dir bin. Ich kann es Dir nicht ſagen, meine Seele, wie 
mich das freut und bis ins innerſte Herz glücklich macht 
In Fulda trittſt Du in mein Reich ein. Zwar gehört es jetzt 
Heſſen, allein ich habe noch immer die Leitung unſerer Geſchäfte 
dort. Zwiſchen Fulda und hier komme ich ſelber Dir entgegen. In 
Erfurt, wenn Du Dich dort etwas aufhältſt, laß doch den Vizepräſi⸗ 
denten Motz“) bitten, zu Dir zu kommen. Ich habe einen Teil des 
Winters mit ihm gearbeitet, er iſt einer der bravſten und einſichts⸗ 
vollſten Männer, die bei uns dienen, und mir ſehr zugetan. 

Danke Nicolovius ſehr herzlich, teures Kind, für den ſehr 
hübſchen und außerordentlich freundſchaftlichen Brief, den er mir 
geſchrieben hat. Mit Ilgens iſt die Sache jetzt ziemlich verblutet. 
Sie ſchreibt mir wirklich hübſch, daß ſie das von abgelegt hätte 
wie ein neues Kleid, das einem noch nicht recht ſitzt. Mich hat 
das ſehr frappiert und lachen gemacht. Es iſt eigentlich das, was 
den Neugeadelten immer und ewig ein Geheimnis bleibt. Sie 
kommen nie dahinter, daß das neue Kleid ihnen nie paßt, wenn ſie 
auch Methuſalems Alter erreichten. Ich halte auf den Adel politiſch 
gar nicht viel und bin darin ſehr auseinander mit Stein und 
Carolinen, allein geſellſchaftlich behaupte ich ewig fort, daß, wer 
nicht adelig geboren iſt, beim größten Talent, entſchloſſenſten und 
liebenswürdigſten Charakter immer in gewiſſen Gelegenheiten gewiſſe 
Inkonvenients behält, und daß ſeine Klugheit, die meiſt Einfachheit 
fein kann, nur darin beſtehen kann, dieſe Gelegenheiten zu ver— 
meiden. Darüber bin ich wieder im größten Streit mit der Cüſtine, 
die immer gegen den Adel in dieſer Art iſt. 


) Friedrich Chriſtian Adolf v. Motz, geb. 1775, + 1830, der ſpätere 
bedeutende preußiſche Finanzminiſter. 
16* 243 


Der Graf Hochberg), der hier durchgekommen iſt, erzählt, der 
Kanzler ginge in der Mitte des Junius an den Rhein, die Rhein- 
provinz zu durchreiſen. Bisher aber hörte ich immer, er und der 
König kämen erſt nach der Badereiſe hierher. Mir wäre es um- 
gekehrt lieber, weil ich dann den Kanzler noch hier zu ſehen Hoff- 
nung hätte. Mich ſoll wundern, ob Du ihn noch einmal ordentlich 
allein ſprechen wirſt vor Deiner Abreiſe. Er täte es gewiß gern, 
aber das iſt das einzige, was ich an ihm nicht gern habe, daß 
er ſich nie ſo einrichtet, Zeit übrig zu haben. Es kann kein Geſchäft 
ohne Muße gehen. 

Lebe wohl, mein einziges ſüßeſtes Leben. Ewig Dein. 


107. Caroline an Humboldt Berlin, 11. Mai 1816 


— i heißt, es geht heute ein Kurier, der Feldjäger Sonnen⸗ 
burg, der die Kiſte mit Silber bringen ſollte. Ob's wahr 
Jiſt, wird fic) zeigen, ich ſchreibe indeſſen mit der Poſt, 
foweit die arge Packerei im Hauſe es geftatten will, denn ich ſchicke 
eben eine Fuhre nach Tegel. Man iſt nie reicher als wenn man 
auszieht. 

Mein lieber Hermann iſt fort. Ach, das Haus iſt ſehr, ſehr 
einſam und ſtill ſeitdem geworden. Seine Faſſung hielt ſich bis 
zur letzten Amarmung, wo ihm Tränen in die Augen kamen, aber 
kein Widerſpruch, kein Wunſch, mit mir fortzureiſen. Alles ging 
ohne heftigen Kampf, ohne Kampf eigentlich über. Wie doch Kinder 
ſind! Am Abend, beim Zubettegehen, konnte er ſich nicht von mir 

*) Leopold, geb. 1790, + 1852, Sohn des Großherzogs Karl Friedrich 
aus der zweiten Ehe mit Luiſe Geyer von Geyersberg, wurde durch Dekret 


vom 4. Oktober 1817 als ebenbürtig anerkannt und 1830 Großherzog von 
Baden. ü 


244 


trennen, und auf Jahre vielleicht, und wahrſcheinlich, trennt er ſich 
ohne Widerſpruch. 

Wie er fort war, habe ich viel geweint. Allein ich habe 
meiner Aberzeugung nach das einzig Paſſende getan, fo wird Gott 
ja weiter helfen. 

Geſtern habe ich bei der Cour der Königin der Niederlande“ 
den Staatskanzler geſehen und geſprochen, er meinte, Du würdeſt 
vor dem Juli nicht fortkommen. Mir iſt es unter dieſen Amſtänden 
ein Troſt, ich muß es nur geſtehen, die Arzte wünſchen das Karls⸗ 
bad. Bedaure mich, geliebtes Herz, es iſt das Fatalſte, was mir 
geſchehen konnte. Der Staatskanzler kommt zwar auch hin, allein 
wer ſieht ihn? Auch kommt er ſpäter. Ich reiſe den 20. ab. 
Gott gebe mir die Freude, am 22. Juni bei Dir zu ſein! 

Nun Adieu, liebes Herz, die Kinder küſſen Dir die Hände, ob- 
gleich Du nichts von ihrer Antertänigkeit wiſſen willſt. 


108. Humboldt an Caroline Frankfurt, 13. Mai 1816 


Dach ſehe Deinem Brief, den Du mir durch eine Gelegenheit 
verheißeſt, mit großem Verlangen entgegen. Ich vermute, 
. daß Du mir darin manches ſchreiben wirſt, was Du der 

Poſt nicht anvertrauen willſt. Im Grunde zwar haben wir wenig 
uns auf dieſe Weiſe zu ſagen. Ich verlange nichts und ſuche nichts. 
Auf die Dotation habe ich längſt Verzicht getan. Im Dienſt ver⸗ 
lange ich nur fo viel, daß ich mein eigenes Vermögen nicht ver- 
ringere, verlaſſe ich ihn, mache ich auf nichts Anſpruch. Das Jagen 
nach Penſionen iſt mir in der Seele verhaßt. Wenn alſo auch der 
*) Wilhelmine, geb. 1774, + 1837, Schweſter Friedrich Wilhelms III., 


verm. 1791 mit dem damaligen Erbprinzen, ſeit 1815 Wilhelm I., König der 
Niederlande. 


245 


Staatskanzler Dich allein geſprochen haben follte, fo bin ich in aller 
dieſer Hinſicht nicht neugierig auf das, was er geſagt hat. Ich 
bin es aber allerdings ſehr in Rückſicht auf ihn ſelbſt, da ich eine 
große Liebe und Achtung für ihn habe und in mir, wenn ich auch 
nichts Beſtimmtes weiß, überzeugt bin, daß er nicht recht zufrieden 
iſt. Die öffentlichen Geſchäfte gehen bei weitem nicht wie ſie ſollten, 
und es iſt dies nicht ohne ſeine Schuld. So trefflich und gut er 
im einzelnen iſt, ſo iſt ein eingewurzelter Mangel in ihm, der ſich 
durch nichts mehr ändern läßt, daß er zu viel allein und ſelbſt tun 
will, daß er dadurch, wie er getan hat, den Geſchäftsgang und 
die vernünftige Verantwortlichkeit zerſtört, und ſehr in den Fall 
kommt, daß ſein Vertrauen gemißbraucht wird. In ſeinen Privat⸗ 
verhältniſſen mögen auch oft Anannehmlichkeiten vorgehen. Ich 
habe ſogar neulich hier ſelbſt erzählen hören, daß ſeine letzte Krank⸗ 
heit aus einem Privatverdruß entſtanden ſei. Sollteſt Du ihn 
an dem Tage, der vielleicht nur zwiſchen Deiner Abreiſe und dem 
Empfang dieſes Briefes iſt, noch ſehen, ſo ſage ihm recht herzlich, 
daß meine Freundſchaft und Anhänglichkeit zu ihm immer dieſelbe 
bleiben wird. 

Mit Gneiſenau bin ich ſehr gut im jetzigen Augenblick. Er 
hat ſich ſelbſt genähert, und ich bin ihm gern auch von meiner 
Seite entgegengekommen. Er iſt und bleibt immer einer von denen, 
auf die in jeder Zeit ſehr zu zählen iſt, und wenn man ſeine eigene 
Selbſtändigkeit ihm gegenüber nicht aufgibt, ſo läuft man nicht 
Gefahr von einzelnen Einfällen oder Aufwallungen in ihm fort- 
geriſſen zu werden. 

Stein iſt ſchon ſeit Wochen auf ſeinem Schloß Naſſau. Wir 
wollen ihn dort beſuchen. Ohne vorher beſtimmen zu wollen, ob 
er Dir gefallen wird, wie er jetzt iſt, denn ehemals haſt Du ihn 
ja geſehen, iſt es mir ordentlich wichtig, daß Du ihn kennſt. Er 
iſt wohler und heiterer als ich ihn ſonſt gekannt habe, allein wun⸗ 
246 


derbarerweiſe hat er doch in ſich die Aberzeugung, daß, wenn er 
nicht mehr in Geſchäften iſt, ſein Leben auch keinen Wert mehr 
als höchſtens für ſeinen eigenen Genuß hat. Was er ſonſt tut 
und treibt, kommt ihm bloß wie ein Spiel vor, ſo tief und ernſt⸗ 
haft er ſich auch mit einigen Dingen, namentlich mit deutſcher Ge⸗ 
ſchichte beſchäftigt. 

Daß Du wieder gelitten haſt, ſchmerzt mich unendlich.. 
Sage immer, teures Kind, „bleibe mir gut“. Es iſt noch viel 
ſüßer es zu hören. Aber ſicher kannſt Du gewiß ſein. Die Leute 
nennen mich kalt und ſo umgränzt in mir, daß ich keines Menſchen 
bedürfe. Zum Teil iſt es auch nicht unwahr. Aber es iſt es nur 
mit Ausnahme von Dir. Du biſt fo in alles mein Denken und Sein 
verwebt, daß ich ohne die Gewißheit Deiner Liebe nicht leben könnte, 
und ohne Dich ſelbſt nur ſo, daß ich in jeder Minute, wie ich 
erwache bis ich einſchlafe, fühle, daß keine Entbehrung auf Erden 
mir gleich ſchmerzlich ſein würde. Darum wünſche ich Dich ganz 
meinetwegen zu mir her, das leugne ich nicht. Aber dann bin ich 
doch auch überzeugt, daß, wenn Du nicht Dich darum nun wieder 
von den Kindern trennen müßteſt, Du ſelbſt glücklicher bei mir biſt. 
Wenn Du ſo allein mit den Kindern biſt, wie lieb fie Dich auch 
haben, lebſt Du eigentlich für ſie. Wenn Du mit mir biſt, iſt 
doch einer, der gewiß ganz für Dich lebt und nichts anderes 
wünſcht und will. Dann iſt doch auch eine andere Vertraulichkeit 
unter uns, und in vielem, was in Dir iſt, kann nur ich Dich ver⸗ 
ſtehen und Dir begegnen. Wenn ich nicht darauf rechnete, nicht 
überzeugt wäre, daß Du gewiß mit mir zufrieden ſein wirſt, ertrüge 
ich den Gedanken nicht, Dich ſo aus einem Verhältnis zu reißen, 
das Dir ſonſt vielen Genuß gibt. 

Lebe wohl, meine inniggeliebte Seele. Ewig Dein H. 


247 


109. Caroline an Humbolot Den 19. oder vielmehr beim 
Anbruch des 20. Mai 1816 


Ich habe Deinen Brief vom 14. bekommen und antworte von 
Burgörner aus. Ich reiſe morgen. Ich bin durch, durch 
die ungeheure Packerei, es ging mir nie ſo ſchwer von 
der Hand wie diesmal, ich weiß nicht wie es kam. Adelchen iſt 
fort, heute vormittag. Da ſie mit denſelben Pferden geht bis 
Cöthen, wohin für ſie und mich Burgörnerſche Pferde beſtellt ſind, 
ſo mußte ſie einen Tag Vorſprung haben. 

Ach, bei Hermannchen ſoll die ungeheuerſte Sehnſucht einge⸗ 
treten ſein! Laß uns hoffen, daß alles gut gehen wird. Sonntag 
war ich in Glienecke, wo ich ſehr freundlich aufgenommen wurde, 
Montag in Tegel, alles Abſchiede. Von Glienecke kam ich erſt 
nachts 1 Ahr zurück. Ich fand den lieben Staatskanzler munter 
und wohl ausſehend, ordentlich kräftig. Er ſchien ſich zu freuen, 
daß ich nach Karlsbad gehe. Ich freue mich nicht. Meine Geſund⸗ 
heit war leidlich in dieſen Tagen. So eine Abreiſe iſt etwas 
Fürchterliches, wenn es ein völliger Aufbruch iſt. Lebe wohl, in 
ſechs Wochen bin ich doch bei Dir. 


U 
2 


110. Humboldt an Caroline Frankfurt, 21. Mai 1816 


ich habe heute Briefe aus Paris gehabt, daß die erſten 
anderthalb Millionen Franken für Reklamationen in Paris 

bezahlt find. Eine halbe Million kommt in unſere Rhein- 
provinzen, aber eine Million nach Magdeburg, als Bezahlung 
einer gezwungenen Anleihe, die der franzöſiſche Gouverneur während 
der Belagerung gemacht hat. So gerecht auch dieſe Wiedererſtat⸗ 
tung iſt, ſo habe ich immer ein Wunder darüber, daß ſo etwas 
wirklich bezahlt wird. Wie ich in Paris darüber negoziierte, glaubte 
248 


ich gar nicht, daß es ginge, denn eine gezwungene Anleihe iſt eine 
Art Steuer. Ich machte indes keine andere Fineſſe, als daß ich 
das Wort „gezwungen“ wegließ, und ſo ging es. Ich behaupte 
noch immer, daß die Franzoſen viele Dinge in dieſen Verhand— 
lungen nie recht begriffen haben, ſonſt wären ſie ſie nicht einge⸗ 
gangen. Närriſch iſt auch, daß nun nach meiner Konvention, die 
ich zwar für alle Höfe ſchloß, um die ſich aber kein Menſch beküm⸗ 
merte, ſondern alle nur immer lachten und ſpotteten, von Florenz 
bis Hamburg reklamiert und liquidiert wird. Zu gleicher Zeit mit 
unſern anderthalb Millionen hat Hamburg auch eine beträchtliche 
Summe, und alle übrigen zuſammen haben über vier Millionen 
bekommen. Es hat aber doch wieder Mühe gekoſtet, indes hat 
ſich Goltz gut genommen. 

Wie habe ich denn geſchrieben, mein beſtes Weſen, daß Du 
immer im Lachen geblieben biſt? Ich dächte gar nicht, daß ich 
hübſch ſchriebe, aber den Scherz habe ich, das iſt wahr, immer 
mitten im Ernſt, und wenn die Dinge mich ſelbſt bloß betreffen, 
ſelbſt im Verdruß und der Wehmut. Darum denke ich auch immer, 
wirſt Du Dich doch bei mir amüſieren. Denn ich habe wieder auch 
das, daß ich immer zu Hauſe amiifanter bin als in Geſellſchaft. 
Du mußt nicht lachen, daß ich fo auf Dein Amüſement denke. 
Ich weiß recht gut und könnte ſchwer leben, wenn ich's nicht wüßte, 
wie gut Du mir biſt, meine beſte Seele. Aber das Amüſement 
des Lebens iſt doch noch etwas anderes, und wieviel Freude und 
Glück man ſich auch durch das bloße Zuſammenſein gibt, ſo kann 
man doch noch immer den anderen beſonders erfreuen mit dem, 
was er gerade gern hat, und dahin nur, nicht ſo ins tiefere Leben, 
ſetze ich das Amüſement, das ich Dir ſchaffen möchte. 

Ich war neulich in Aſchaffenburg mit Flemming bei dem Rron- 
prinzen von Bayern, den ich immer gern habe, und der gegen mich 
ungemein freundſchaftlich iſt. Ich war der erſte, der ihn von Frank⸗ 

249 


furt aus befuchte, was er ſehr hoch aufnahm. Seine Frau, Du 
weißt, daß fie eine Prinzeſſin von Hildburghaufen*) iſt, ſcheint 
ſehr gut und iſt gewiß ſehr hübſch, eine der hübſcheſten Fürſtinnen, 
die ich geſehen habe. Der Kronprinz hat ſich ſehr nach Dir und 
Adelheid erkundigt, und ob ſie ſchon Kinder hätte. Die Franzoſen 
haßt er noch wie ſonſt. Er läßt durch den Klenze), der bei uns 
in Rom war, ein Gebäude für ſeine Statuen bauen, das 800000 
Gulden koſten wird. 


111. Caroline an Humboldt Burgörner, 24. Mai 1816 
iit haben die Reiſe von Berlin hierher ohne allen Anfall 


gemacht, liebſter Wilhelm, den 20. früh 11 Ahr fuhren wir 
| von Berlin ab. Es ging zuletzt noch ſehr bunt zu, mehrere 
Bekannte waren noch da, um uns in den Wagen zu begleiten, 
wie Rauch, Kohlrauſch, Amalie v. Stein, Wolfart, die ganze 
Hedemannſche Familie, um die Schlüſſel des Quartiers in Empfang 
zu nehmen, und dazwiſchen noch immer Packerei, Ordnen, Laufen, 
Rennen. Ich war ganz froh, endlich in dem Wagen zu ſitzen. 
Es gibt einen Punkt, wo man abbrechen muß und das Fortfahren 
eine Wohltat wird. Das Packen, Ordnen, Auseinanderkramen iſt 
mir überdem nie fo ſchwer geworden wie diesmal. In Glienecke 
hielt ich an und ſah und ſprach den Staatskanzler noch einige 
Augenblicke. Er wünſcht ſehr, Dich vor dem Gehen nach Paris 
noch einmal zu ſehen, er ſagte mir, „man hat ſich ſo lange nicht 
geſehen, ſo vieles wäre zu beſprechen“. Ich glaube, er ſähe es 
gern, wenn Du mit Deinem Geſchäft in Frankfurt fertig, ihn in 
Karlsbad ſprächeſt. Mir wäre es eben recht, wir reiſten dann zu⸗ 

*) Thereſe, geb. 1792, + 1854, feit 1810 mit dem Kronprinzen vermählt. 


**) Leo v. Klenze, geb. 1784, + 1864, Erbauer der Glyptothek und anderer 
bedeutender Gebäude in München. 


250 


ſammen. Er fagte, er werde den 15. in Karlsbad eintreffen, drei 
Wochen bleiben und dann nach Dobberan gehen. Er nimmt ſeine 
Frau und Koreff mit. Letzteres iſt mir wegen Caroline ungemein 
lieb. Caroline iſt leidlich wohl auf der Herreiſe geweſen, ich 
magnetiſiere ſie, und mit der unausgeſetzteſten Aufmerkſamkeit erhalte 
ich ihr das Gemüt heiter. Den zweiten Tag, abends, erreichten 
wir Adelheid in Deſſau, wir aßen zuſammen zur Nacht und machten 
den übrigen Weg zuſammen. In Cöthen fanden wir den Amtmann 
Bothe und Burgörnerſche Pferde. 

Burgörner hat uns ſehr freundlich empfangen, warmes Wetter, 
Sonnenſchein, und das erſte reizende Grün des Frühlings. Allein 
die Winterernte ſteht fclecht... 

Bothe jammert, die Bauern von Siersleben kommen ein 
um Remiffion des Zehnten. Wie dies alles noch werden wird, 
ſehe ich noch nicht klar ein, ich erwarte Dunkern, um mich 
in dieſem Labyrinth zu finden. Was mich auf eine ſehr un- 
angenehme Weiſe frappiert hat, iſt die ſichtbare Degradation des 
Wohnhauſes, ich ſehe ab, daß notwendig etwas daran geſchehen 
muß, und es geht mir ſehr durch den Kopf, daß ich nicht einmal 
lang genug hierbleibe, Sum Rückſprache mit einem Sachverſtändigen 
zu nehmen 

Weihe!) greift immer mehr um ſich im Ankauf von Bauer⸗ 
acker. Er hat die Bauern während ſeiner langjährigen Pacht- 
jahre, wie natürlich, oft in Brodkorn unterſtützt, hat außerdem 
Dienſtgelder von ihnen zu empfangen. Kleine Summen, als Rück⸗ 
zahlungen gerechnet, hat er nie angenommen, eher wenn ihm einer 
10 oder 15 Taler ſchuldig geweſen, ihm noch 10 oder 15 dazu— 
gegeben, ſo daß es ein namhaftes kleines Kapital geworden. 
Soviel können die meiſten nun nicht bezahlen und veräußern nun 
ihre Acker, weil er fie drängt. Da dies mir aber aus den Anter⸗ 

*) Der Pächter. 

251 


tanen in Burgörner eine Horde Bettler macht, fo glaube ich, daß 
man es ſteuern muß, was nunmehr, wo wir die Gerichte haben, 
auch leichter iſt, da jeder Verkauf bei uns angezeigt werden muß. 
Etwas Geld wird es uns koſten, allein ich glaube, Du biſt der⸗ 


ſelben Meinung. 
211 


112. Caroline an Humboldt Leipzig, 28. Mai 1816 


lave lie wird mein liebes Herz fagen, daß ich von hier aus 
9 J qi} ſchreibe? Nachdem ich am Freitag in Burgörner meinen 
— Brief geſchloſſen hatte, brachte der von Hettſtädt zurück⸗ 
kommende Poſtbote mir einen Brief des Grafen Bombelles ), der 
mir von Dresden aus ſchrieb, daß er den 25. in Gotha eintreffen 
wolle, um ſeine Frau abzuholen, und den 27. abends mit ihr hier 
ſein, den 28. und 29. wolle er hier bleiben, damit ſie ſich mit 
Carolinen ſehen und ausſprechen könne, und den 30. müſſe er nach 
Dresden aufbrechen. Dieſe Nachricht vermochte mich alſo, geſtern 
früh Burgörner zu verlaſſen. Ich kam am Abend hier an, wie un⸗ 
angenehm es mir auch war, von dieſen letzten Tagen mit Adelheid 
einen aufzugeben, allein auch heut, es iſt Mittag, iſt Ida mit ihrem 
Mann noch nicht angekommen, und Du kannſt denken, daß ich wie 
auf Kohlen ſitze. Auguſt wollte mich nicht herbegleiten, er meinte, 
da fein Urlaub nicht auf hierher geſtellt wäre, ginge es nicht. 
Auguſt und Adelheid werden mich den 5. verlaſſen und über Au⸗ 
leben in die Gegend von Nordheim gehen, wo des Onkels Gut, 
Doſte, liegt. Noch iſt Adelheid guten Muts, ach, den Kindern iſt 
es wohl überhaupt nie ſo zumut wie den Eltern! 


) Graf Ludwig Bombbelles, geb. 1783, + 1843, öſterreichiſcher Geſandter 
in Sachſen, ſpäter in der Schweiz, Gatte von Ida Brun. 
252 


Abends 
Ida iſt angekommen, ſüßes Herz. Sie haben in Weimar den 
Wagen gebrochen, welches ſie acht Stunden retardiert hat. Ich 
ſchließe meinen Brief, weil ich doch nun nicht mehr ſchreiben kann. 
Caroline iſt ganz glücklich, Ida iſt durchaus dieſelbe. 
Adieu, tauſendmal umarme ich Dich, und die Kinder grüßen 
zärtlichſt. 


113. Caroline an Humboldt Burgörner, 31. Mai 1816 


tac eſtern abend bin ich glücklich, obgleich etwas ſpät, mit Caro- 
linen und Gabriellen von Leipzig zurückgekommen, mein 
E Zs liebes, beſtes, treueſtes Herz. Ich bin heut von dem 


Leipziger Treiben, von der ziemlich ſtarken Fahrt bei böſen Wegen 
müde, doch bin ich leidlich wohl. Caroline iſt ſehr über meine Be⸗ 
reitwilligkeit zu dieſer Partie gerührt und iſt von dem Anblick und 
der Liebe ihrer Freundin ſehr erquickt. Wirklich bewegt von unſerem 
Kommen und unſerer Liebe für Ida war Bombelles, und man 
kann nicht leugnen, daß man ihm nicht unhold ſein kann, wenn er 
ſich in ſeinem Empfinden gehen läßt. Dennoch hätte ich ihn nicht 
heiraten mögen, ihm auch keine meiner Mädchen geben. Wir werden 
mündlich mehr darüber reden. Ida und Bombelles, Ida vor allem, 
grüßen Dich ſehr. Sie iſt ziemlich dieſelbe geblieben, nur etwas 
ernſter iſt ſie geworden. Caroline wird mir um der tiefen Liebe 
ihres Gemüts willen immer lieber. 

In Frankreich ſcheinen ja doch bedeutend unruhige Auftritte 
geweſen zu ſein? Du ſagſt gar nichts? 

Hermann!) in Leipzig hatte verſprochen zu mir zu kommen, 
ich hatte ihm geſchrieben, er iſt aber nicht erſchienen. 


) Der Philologe, fiehe S. 146. 
23 


Montag ſchreibe ich wieder, heute umarme ich Dich, die Kinder 
grüßen, und ich bin ewig Deine Li. 


114. Humboldt an Caroline Frankfurt, 28. Mai 1816 


ach habe einen Poſttag überſchlagen, liebe Li. Ich hatte 
unglaublich viel zu tun; es waren ſo von den Tagen, 
in welchen manchmal wie durch eine magiſch feindliche 
Kraft alles auf einmal zuſammen kommt. Auch habe ich den 
großen Kampf mit Darmſtadt gekämpft, das ſich ſehr weigerte, die 
Wittgenſteins abzugeben, ohne mehr dafür zu bekommen. Indes 
iſt es gegangen und die Sache ſo abgemacht, daß nicht leicht neue 
Schwierigkeiten entſtehen können. 

Kunth kam leider gerade in den Tagen, wo ich faſt keine 
Stunde für mich hatte. Den Tag ſeiner Ankunft fand er mich 
um 6 Ahr am Tiſch. Man ißt hier gewöhnlich um 2, aber ich 
hatte eine ſiebenſtündige Konferenz gehabt, über die hier viel ge- 
ſcherzt wird und wo man behauptet, ich hätte die Leute mürbe und halb 
tot gemacht, und die andern zwei Tage, die er hier war, ging es 
nicht viel beſſer. Doch hat er immer bei mir gegeſſen und iſt dann 
einige Stunden den Nachmittag geblieben. Bei ſeiner weitläuftigen 
Manier zu erzählen und zu reden, ſpricht man in vielen Stunden 
doch wenig ab. Bei Tiſche waren wir auch nicht allein. Auf 
dieſe Weiſe haben wir über mein Vermögen, meine Geſchäfte und 
Tegel kaum einige flüchtige Worte geſprochen. 

Die Varnhagen unterrichtet die Cüſtine im Deutſchen. Aber⸗ 
haupt iſt unter dieſen beiden eine engere Freundſchaft entſtanden, 
als ich mir gedacht hätte. Mit der Schlegel dagegen geht die Cüſtine 
gar nicht um. Seit Steins auf das Land gegangen ſind, was 
nun ein paar Wochen her ſind, lebe ich noch einſamer als ſonſt. 
254 


Sur Ciftine komme ich nur alle drei, vier Tage den Abend einmal, 
ſonſt bin ich immer zu Hauſe. Ich tue es nicht gerade mehr zu 
arbeiten, denn am Ende tut man weniger, wenn man viel Zeit 
hat, und mehr im Gedränge, aber die Geſellſchaft iſt mir in den 
Tod zuwider. Ich habe nicht gerade Langeweile mit den Menſchen, 
aber es läßt mich zu unendlich leer, unter ihnen zu ſein, daß immer 
ein Entſchluß vorher dazu gehört, und ein unangenehmes Gefühl 
nachher eintritt. In Paris werde ich mich indes doch wieder daran 
gewöhnen müſſen. Es wird mir aber auch ſauer genug werden. 
Morgen kannſt Du mich auch bedauern. Ich gehe nach Wilhelms— 
bad, wo der Kurfürſt von Heffen*) iſt. Es wird ein langweiliges 
Mittageſſen ſein. Er treibt ein entſetzliches Weſen unaufhörlich 
mit den Zöpfen. Wo er reiſt, wachſen ſie unter ſeinen Tritten. 
Lebe wohl, innigſt liebe Seele. 


115. Humboldt an Caroline Frankfurt, 31. Mai 1816 


8 Ich habe geſtern einen himmliſchen Brief von Ilgen be— 
kommen. Er iſt nunmehr wegen des Adels getröſtet, da 
Zi Nicolovius gemacht hat, daß ihm der Miniſter eine Art 
bigung darüber geſchrieben hat. Allein es iſt nun ein 
neues Anglück über ihn hereingebrochen. Der Tanzmeiſter der 
Schulpforta iſt auf einmal der Menuetts überdrüſſig geworden 
und will klettern und ſpringen. Er hat an das Departement in 
Berlin geſchrieben, um eine Turnübung bei der Schule anzulegen, 
und das Departement hat es beſtätigt. Nun ſollteſt Du Ilgen hören, 
es iff wie wenn eine Pute um den Teich geht, auf dem die aus- 


) Wilhelm J. geb. 1743, + 1821, ſeit 1803 Kurfürſt von Heſſen, 1806 
von den Franzoſen vertrieben, zog 1813 wieder ein. 


255 


gebrüteten Enten ſchwimmen. Er ſieht den Untergang der Schule 
voraus, ſagt, daß er es der Schule, dem Vaterlande, der Nach⸗ 
kommenſchaft, ſeinem Gewiſſen und Gott ſchuldig ſei, das Turn⸗ 
unweſen von der Schule abzuhalten, die köſtlichſte Perle der 
Preußiſchen Nation gehe damit verloren, ſeit 280 Jahren habe die 
Schule ohne Turnen die tüchtigſten Männer geliefert, die Blücher, 
die Wellington, die Bülow, die Gneiſenau hätten wohl ſchwerlich 
auf einer Kletterſtange geſeſſen, kurz, man müßte es drucken laſſen. 
So albern das iſt, ſo begreife ich freilich auch auf der anderen 
Seite, wie das Turnweſen auf einmal mit der klöſterlichen Zucht 
der Schulpforte kontraſtieren muß, und bewundere auch die Kühn⸗ 
heit des Departements, ſo bloß auf die Eingabe eines Tanzmeiſters 
und ohne alle weitere Veranſtaltungen, die Jugend loslaſſen zu 
wollen. Es hat nie eine Epoche gegeben, wo überall und auf 
allen Punkten die alte und neue Zeit in ſo ſchneidenden Kontraſt 
getreten find. In die Schulpforta, in die ſelbſt die ganz gewöhn⸗ 
liche Sonne, die ſo alt wie die Welt iſt, nur eben 90 Tage im 
Jahr eindringen kann, hatte nun die neue noch nie geſchienen, und 
es iſt überkomiſch, daß der Tanzmeiſter nun die Neuerungen ſo 
mit einem Saltomortale hineinbringen will. 


8 


116. Caroline an Humboldt Burgorner, am zweiten Pfingſttag, 
3. Juni 1816 


—Nfingſten, das liebliche Feſt, war gekommen — es iſt aber 
gar nicht liebliches Wetter, ſüßes, liebes Weſen, und ich 
Arme ſoll mit den Kindern nach Helmsdorf fahren. 
Geſtern war es ein hübſcher Tag, wir waren in der Kirche in corpore 
und hatten nachher eine ſtundenlange Konferenz mit Saalfeld, dem 
Amtmann Bothe und Dunkern, denn Dunker kam am Freitag an, 
und es ſind viele Dinge verhandelt worden 

256 


Auguſt und Adelheid reifen den 5. von hier ab. Das iſt für 
mich ein bittrer Tag. 

Ach Gott ja! leider, leider werde ich zu Deinem Geburtstag 
wieder nicht da ſein, doch wird mein beſſeres, mein inneres Sein 
und Leben Dir nahe ſein. Geliebtes, gutes Herz, das iſt es ja 
immer. Ich wünſche Dir Glück zu den Summen, die aus Frank— 
reich kommen. Dir, ſage ich, denn Du haſt ſie doch durch Dein 
ſtilles Bemühen und Deine Standhaftigkeit und Anermüdlichkeit 
herausgebracht, und wenn ſie auch nicht alle an Würdige kommen, 
ſo werden doch auch gewiß viele Tränen damit getrocknet, viele 
Sorgen erleichtert. 


117. Humboldt an Caroline Frankfurt, 9. Junius 1816 


, Die Reiſe nach Leipzig muß Dich ſehr ermüdet haben. Es 
ö cS find immer ſchreckliche Wege daherum, und es war nicht 
ereecht vorſichtig, daß Du ſpät am Abend gefahren biſt. 
Wohl muß Caroline innig gerührt ſein, teures Herz, von der Liebe, 
die Du ihr ununterbrochen beweiſeſt, und mit der du eigentlich nur 
für ſie lebſt. Sie iſt aber auch ein unendlich gutes Kind ſelbſt 
und hat eine Anhänglichkeit der Geſinnung und eine Treue der 
Zuneigung, die in der Tat ſelten ſind. 

Ich habe Dir nicht von den Auftritten bei Grenoble gefdrie- 
ben, weil ich eigentlich an nichts, das in Frankreich vorgeht, ein 
anderes Intereſſe nehme, als das, was unmittelbar Bezug auf 
Preußen oder uns privatim hat. Die Anruhen bei Grenoble haben 
mich nicht gewundert. Es iſt ein großes Mißvergnügen in Frank⸗ 
reich, und es gibt noch immerfort eine ganze Klaſſe von Leuten, 
die ſich die Gerechtigkeit antun, zu fühlen, daß an ihrer Exiſtenz 
nichts gelegen iſt, und ſie daher für nichts und für bloße Illuſionen, 
Humboldt-Briefe. V. 17 Laws 


die ſelbſt bei ihnen nur augenblicklich fein mögen, aufs Spiel ſetzen. 
Wenn Du Dich erinnerſt, ehe wir nach Spanien gingen, und 
gleich darauf, als wir wiederkamen, waren auch ſolche Lumpen— 
auftritte und Verſchwörungen von ganz unbekannten, dunklen 
Menſchen. Aber da die Grenobler Sache eine ſolche Wendung 
genommen hat, ſo iſt ſie unſtreitig ein großes Glück, und 
ſo iſt es vielmehr beſſer, daß ſie geſchehen als unter⸗ 
blieben iſt. Sie hing mit ähnlichen Planen an mehreren 
Orten zuſammen, daß ſie hier gedämpft und durch blutigen Wider⸗ 
ſtand gedämpft wurde, macht ſicher großen Eindruck und hindert 
nun ähnliche Ausbrüche. Frankreich iſt in einer Lage, in der nur 
ein ſehr großer Charakter und ein ſehr großer Geiſt wahrhaft 
retten, die Ruhe wahrhaft ſchnell herſtellen und dauernd erhalten 
könnte. Wo findet ſich der jetzt in ganz Europa? Er iſt immer 
ſelten und einzig. Allein auch ſo wird es gehen. Ich glaube nicht 
an ſolche Anruhen, die eigentlich die Verbündeten zum Mithandeln 
zwängen. Man kann ſich in ſo etwas irren, aber meine Meinung 
iſt es. 

Ich danke Dir, liebe Seele, daß Du in Leipzig an Hermann 
gedacht haſt. Er iſt etwas leuteſcheu. Ich weiß, ſeit er mir die 
Einleitung ſchickte, auch nichts von ihm und dem Agamemnon. Ich 
habe aber immer eine große Geduld in ſo etwas. Ich habe kürzlich 
wieder die ganze Iliade durchgeleſen. Es iſt unglaublich, wenn man 
den Homer, ſo wie ich, ſeit ſeinem 16. Jahre liebt und ewig wieder 
lieſt, wie ſich das Leben in einzelne Verſe verwebt. Es ſind eine 
unglaubliche Menge, bei denen ich mich dieſer oder jener Zeit, 
dieſer oder jener Empfindung erinnere, wo ſie mir lebhaft und immer 
zu meinem Heile vorſchwebten. Ehemals ging es den meiſten 
Menſchen ſo mit der Bibel. Jetzt ſind viele, die weder die Bibel 
noch den Homer ſo haben und gar nichts, was ſo aus dem Dunkel 
der Jahrhunderte aufſteigt und durchs ganze Leben zieht. Ich be- 
258 


greife eigentlich nicht, wie man fo leben kann. Mir fällt, und 
nie ohne innere wohltätige Wirkung, bei jedem bedeutenden 
Vorfall eine Stelle eines Alten ein, viel öfter als ich's ſage. 
Manche Verſe aber ſind mir auch nach ſo vielem Leſen wie neu, 
und als hätte ich ſie nie gekannt. So iſt mir einer aus dem 
24. Buch ſo aufgefallen, daß er mir gar nicht aus der Seele 
kommt. 

Niro yao potoa , Bécav ̈ñdv t), denn duldſames Ge⸗ 
müt verlieh den Menſchen das Schickſal. Es iſt eine unglaubliche 
Wahrheit und Tiefe darin. 

Lebe wohl, meine teure, einziggeliebte Li. Ewig Dein. 


118. Caroline an Humboldt Hof, 11. Juni 1816 


Mein teures Herz! 

ere find den 8., wie ich es Dir ſchrieb, aus Burgörner ab- 
i D gereiſt und ſind heut um 2 Ahr nachmittags hier ohne 
pei alle weitere Anfälle angekommen, obgleich es zwiſchen 
Naumburg und Gera ganz unglaublich ſchlimme, ausgefahrene 
Wege gibt. Der alte Reiſewagen hat ſich trefflich gehalten, und 
der Himmel wird ja geben, daß er uns übermorgen glücklich nach 
Karlsbad bringt. 

Sonnabend kam ich mit den Kindern ziemlich ſpät in Pforta 
an. Ilgens empfingen uns mit ganz außerordentlicher Liebe und 
Freude. Von ihrem unangenehmen Vorfall wegen des geglaubten 
Adels erwähnte ſie nichts, ſo ließ auch ich es unberührt. Er ſchickt 
tauſend fromme Wünſche zum Himmel, daß Du Minifter des 
Kultus werden möchteſt. Von Berlin aus wird er jetzt fürchterlich 


) Ilias XXIV, 49. 
17* 259 


gepeinigt, er folle eine Turnanſtalt im Inſtitut anlegen. Das will 
ihm nun durchaus nicht in den Kopf. Ich habe mein Möglichſtes 
getan, ihm eine andere Anſicht über das Turnen zu geben. Ich 
blieb noch den 9. bis 11 Ahr 


119. Caroline an Humboldt Karlsbad, 14. Juni 1816 


Meine teure, geliebte Seele! 

Ich bin geftern glücklich hier angekommen und beeile mich, 
6 Dir zu ſchreiben. Meine Adreſſe iſt: Zum römiſchen 
Kaiſer, bei dem Bürgermeiſter Lochler, und damit Du 
auch ganz ruhig über die Anſtändigkeit meines Quartiers biſt, 
(denn ich weiß, daß Du manchmal fürchteſt, ich ließe mir hie und 
da etwas abgehen), ſo bemerke ich noch, daß unſer Prinz Heinrich“) 
vor ſechs Jahren hier im Hauſe in denſelben Zimmern, die ich 
jetzt bewohne, gewohnt hat. Ich habe einen Salon mit ſieben 
Fenſtern nach drei Seiten hinaus und zwei Schlafzimmer, und 
Mädchen- und Bedienten-Zimmer. Ich bekomme alle Betten, 
Wäſche, Steingut, Gläſer uſw., was ich benötigt bin, und zahle 
30 Florin wöchentlich. 

So wie ich dies ſchreibe, ſchickt mir der Fürſt von Neuwied“) 
Deinen lieben kleinen Brief. Auch ich hörte ſchon in Berlin, daß 
Gneiſenau hierher kommen wolle, und freue mich, ihn wieder⸗ 
zuſehen. Der Feldmarſchall Blücher iſt hier, Warburg, die Hatz. 
feldſchen“) Familie, der Hofmarſchall Maltzahn mit ſeiner ſchönen 

) Bruder Friedrich Wilhelms III., geb. 1781, + 1842. 

) Johann Auguſt Karl Fürſt von Neuwied, geb. 1779, + 1836. 
1806 mediatiſiert. 

*) Franz Ludwig Fürſt v. Hatzfeld, geb. 1756, + 1827; preußiſcher 


General, 1818 Geſandter im Haag, 1822 in Wien. Friderike, geborene 
Gräfin v. der Schulenburg⸗Khenert, geb. 1779, + 1832. 


260 


Frau, kurz eine Menge Berliner. Für den König iſt das ſchönſte 
Haus auf der Wieſe genommen und drei andere dazu. Die Eliſe 
Recke) iſt auch hier und die Herzogin, ihre Schweſter. 

Ich habe ſehr lachen müſſen, in Deinem Briefe vom 
31. Ilgens Wehklagen über die Turnübungen zu finden. In 
meinem letzten Brief aus Hof wirſt Du geleſen haben, was ich 
Dir darüber ſchrieb. Im Grunde hat Slgen recht, daß eine ſolche 
Anſtalt wie das Turnen notwendig die ganze Einrichtung einer Schule, 
wie Pforta iſt, ändern muß, nur hat er auch wieder Anrecht, 
nicht erkennen zu wollen, daß die Jungens, die jetzt zu Männern 
heranreifen, notwendig eine andere Bildung bekommen müſſen, wie 
die, mit denen er ſelbſt groß geworden iſt. Ich glaube, ich habe 
ihn, ich will nicht ſagen durchaus zum Turnen bekehrt, doch eine 
andere und ernſtere Anſicht darüber gegeben. Von der Ilgen lege 
ich ein paar Zeilen bei, aus denen Du entnehmen wirſt, wie liebens⸗ 
würdig ich in Pforta geweſen ſein muß, da Ilgen alle Grillen 
vergangen fein ſollen. Ich war, ich kann's nicht leugnen, ſehr be- 
wegt von der Freundlichkeit der Aufnahme, von dem Angedenken 
früherer Jahre, von dem meines unvergeßlichen, lieben, ſeligen 
Wilhelms. Das Wort ſelig iſt doch ein recht ſchönes, recht tiefbe⸗ 
deutungsvolles Wort für die Toten. 


120. Humboldt an Caroline Frankfurt, 14. Junius 1816 


Och wurde durch einen Brief Schenkendorfs“) geſtört, der 
mir vier Gedichte auf den Tod der Kaiſerin von Ofter- 

reich ſchickt, die nach dem Eindruck, wie ich fie eben 
geleſen, das Schönſte und Rührendſte find, was mir lange vor- 


) Eliſa v. d. Recke, geb. Gräfin Medem, geb. 1754, + 1833; Schweſter 
der Herzogin Biron von Kurland. 
**) Mar v. Schenkendorf, geb. 1783, + 1817. 


26 


n * 


gekommen iſt. Es ſind in allen vier Gedichten kaum ein paar 
Verſe, die man lieber anders hätte. Ich behaupte immer, daß 
es unter allen, die neuerlich gedichtet haben, der iſt, der am meiſten 
Dichterkraft und Dichtermilde beſitzt, und es liegt wohl nur an 
Zufälligkeiten, daß er ſich nicht in etwas Großem entwickelt hat. 
Es kann ſein, daß mich das erſte Leſen zu ſehr überraſcht hat, 
aber ich finde ſie unendlich ſchön. Sie ſind auch wieder eine 
wahre und würdige Verehrung der Frauen, was Schenkendorfen 
vor allem eigen iſt. Ein paar Strophen muß ich Dir doch ab⸗ 
ſchreiben, nicht gerade als die ſchönſten, aber als die mich ſehr 
ergriffen haben: 

Vieles iſt in Staub zerſtoben, 

Trüber Nächte Wahn entſchwand. 

Eines hat ſich rein erhoben 

Aus dem allgemeinen Brand: 

Einen Altar auserleſen, 

Einen Tempel ſel'ger Luſt, 

Hatte ſich das deutſche Weſen 

Längſt in keuſcher Frauenbruſt. 


An einer anderen Stelle heißt es: 


Wer ſoll die Kämpfer leiten? 
Sind Frauen doch ihr Stern! 


Ich werde Dir durch die Cüſtine alle ſchicken. Du könnteſt viel⸗ 
leicht auch Schenkendorfen nützlich ſein, ſüße Seele. In der In⸗ 
lage ſchreibe ich dem Kanzler über ſeine Lage. Er wünſcht in den 
Mheinländern angeſtellt zu werden, er kennt fie genau. Man hat 
ihn aber nicht, obgleich Solms“) ihn gern hätte, dort angeſtellt, 
ſondern will ihn nach Magdeburg ſetzen. Ich werde ſehen, was 
ich für ihn tun kann. 


) Friedrich Graf zu Solms-Laubach, geb. 1769, + 1822, Oberprafident 
in Cöln. 


262 


Gib die Gedichte dem Fürſten, er liebte das Lied auf 
den Einzug in Böhmen. Schenkendorf iſt ein eigener Menſch. 
Stellte man ihn nach ſeiner Luſt an, ſo würde er gewiß recht 
viel leiſten, ohne das vielleicht nicht. Er läßt ſich nicht ganz 
wie ein anderer Geſchäftsmann behandeln. Ich billige das gerade 
nicht und gebe gewiß nicht das Beiſpiel davon, da der trockenſte 
und hölzernſte Kriegsrat in ſeinem Geſchäftskreis nicht regelmäßiger 
und geduldiger ſein kann, als ich es bin. Ich beſchütze alſo gewiß 
nicht eine Art genialiſchen Weſens. So aber hat es Schenkendorf 
auch nicht, und wenn man Menſchen von Geiſt brauchen will, 
muß man ſie auch nehmen, wie ſie ſind, und kann ſie nicht kneten 
und drechſeln wollen. 

Die Cüſtine denkt am 17. oder 18. von hier abzureiſen, und 
Du ſiehſt ſie alſo gewiß noch. Gefallen wird ſie Dir, viel mehr 
kann es nicht ſein. Es bleibt einem immer ein ſehr fremdes Weſen, 
eine Perſon einer fremden, und noch weit mehr dieſer Nation. 
Es bleibt immer etwas ganz anderes und einziges, wenn man 
ſagen kann, wie in dem Gedichte, von dem ich ſprach, von der 
Kaiſerin geſagt iſt: 

„Die deutſchen Klänge drangen 
Allmächtig an ihr Herz, 


Die deutſchen Lieder ſangen 
Ihr eigen Luſt und Schmerz.“ 


Das Deutſchlernen hilft dabei nichts oder unendlich wenig. Man 
muß mit dem Deutſchen geboren ſein, und nur wenn man das iſt, 
beſitzt man auch die Fähigkeit, wieder alles Fremde wie eigenes zu 
faſſen, wenn man es auch nur erlernt. Man mag ſagen was 
man will, ſo iſt die deutſche Sprache der einzige Schlüſſel der 
Menſchheit. 


263 


21. Humboldt an Caroline Frankfurt, 18. Junius 1816 


jenn Dir Theodor nicht ſchon ſelbſt geſchrieben hat, liebe 
Li, fo kann ich Dir eine gute und ſehr wichtige Nach⸗ 
richt über ihn geben. Die fatale Sache, die fic) vor 
155 als einem Jahr anſpann, iſt abgemacht und er iſt vollſtändig 
unverſehrt geblieben und hat auch ſeinen Gegner nur leicht ver- 
wundet. Es iſt mir dadurch wie ein Stein vom Herzen genommen. 
Es war einem ein unerträglicher Gedanke, daß fo etwas auf Theo— 
dor und unſerem ſonſt ſehr reinen Namen ſitzen bleiben ſollte, und 
die aus dem Gegenteil entſtehende unvermeidliche Gefahr war doch 
auch beunruhigend. ... Ich bin vom 2. bis 16. in keinem an⸗ 
genehmen Zuſtand geweſen. Theodors Verluſt würde mich tief 
geſchmerzt haben, gerade, daß wir oft mit ihm unzufrieden waren, 
gibt dem Schmerz etwas Zerreißendes und raubt ihm die ſchöne 
Milde, die ſich in Wehmut auflöſt. Dann war ich auch unendlich 
bange um Dich in dieſem Gall. . 

Theodors Brief iſt gut und hübſch, und ich ſehe ihn als einen 
neuen Bund an, als eine Kriſe, wie fie in jedem Menſchen vor- 
gehen muß, da, nur feiner oder ſtärker, jeder Menſch, mit dem es 
zur wahren Erkenntnis kommt, einmal in ſeinem Leben ſein Sein 
gewiſſermaßen umkehrt und das Beſſere in ſich feſtſetzt. Das iſt 
die tiefe Wahrheit, die in der ſonſt ſonderbaren Lehre der Erb— 
ſünde und Wiedergeburt liegt und deren Wahrheit jeder in ſich 
ſelbſt einmal fühlt, der es redlich mit ſich meint, nur daß in den 
edlen und wahrhaft hohen Naturen das Ausziehen des alten und 
Annehmen des neuen Seins bloß Dinge betrifft, die nur die 
feinſten und wahrhaft göttlichen Seiten des Gewiſſens ſchwingen 
machen. Ich glaube, man kann nun auf dieſem Grund bei Theodor 
fortbauen, und ich werde mich eigen darum bemühen.. 

Ich ſchrieb Dir ſchon, daß ich gleich einen Brief von der 
264 


Ilgen hatte. Es hat fie ſehr glücklich gemacht, Dich bei ſich zu 
ſehen. Mit der Turnanſtalt hat er alſo auch Dich gepeinigt? 
Er mag ſich wohl freuen, wenn ich Minifter des Kultus wäre. 
Aber für mich würde die Freude mit ihm nicht groß ſein. Er hat 
zugleich etwas Weibiſches und Rohes und taugt zum Erziehen gar 
nichts. Nun, vor dem Kultus bin ich wohl ſicher. Ich habe auch 
kein Geſchick zum Erziehen, und ſo ſorgfältig ich alles geſchrieben 
habe, und obgleich manches Gute geſchehen iſt, habe ich nie rechte 
Liebe dazu gehabt. Es gehört zum Erziehen durch alle Grade 
hindurch, und auch der Miniſter des Kultus iſt, wenn er es 
ordentlich treibt, gewiſſermaßen ein Erzieher, ein gewiſſer pedantiſcher 
und ſelbſtgefälliger Glaube an die Macht ſeines Werkes; wer da— 
gegen, wie ich, einen ſtarken Glauben an die Kraft der Natur hat, 
ſich aus der Erziehung nicht viel zu machen, ſondern ihre eigenen 
Wege zu gehen, der bringt es nicht weit darin. 


122. Humboldt an Caroline Frankfurt, 18. Junius 1816 


Ich habe Dir heute ſchon einmal, liebe Li, durch die Poſt 
geſchrieben, ich wünſche Dir aber noch einiges durch die 
Cüſtine beſonders zu ſagen. Ich habe bis jetzt keine 
Gelegenheit gehabt, Deinen Brief Nr. 101 [vom 6. Mail, den mir 
Kunth gebracht hat, zu beantworten. Kunth hat mir in demſelben 
Sinn geſprochen, in dem Du ſchreibſt, hat ſchlechterdings verlangt, 
daß ich ſelbſt daran arbeiten ſolle, nach Berlin zu kommen, und 
hat faſt wie über eine Indolenz mir Vorwürfe gemacht, daß ich 
nichts dazu tun wolle. | 
Wenn ich fage, daß Dein Brief und ſeine Rede ſich begegneten, 
ſo meine ich aber damit nicht dieſe Anmahnungen, von denen Du, 
Gute, Liebe, ſehr fern biſt, ſondern nur die Arteile der Freunde und 
265 


Feinde über mich, deren Du erwähnſt. Ich bin überzeugt, ſüßes Kind, 
daß ich nach Berlin kommen muß, und daß ſelbſt die Epoche nicht 
fern ſein kann. So klein auch hier mein Wirkungskreis iſt, ſo wird es 
mir doch auch hier deutlich, daß es nicht gehen kann auf die Länge, 
wie es jetzt iſt. Ich bin gar nicht tadelſüchtig, ich liebe wirklich 
den Fürſten unendlich und halte die Fortdauer ſeiner Tätigkeit für 
die Arbedingung alles Guten und alles Glücks bei uns, ich weiß 
auch an den Abrigen wohl das Gute herauszufinden, ich mißbillige 
gar nicht einmal, was geſchieht. Allein ich ſehe, daß eine furcht⸗ 
bare Langſamkeit in allem iſt, daß keiner die Maſchine im Ganzen 
überſieht, daß man immer nur abmacht, was einem in einem Akten⸗ 
ſtück vorgebracht wird, allein viel zu wenig an das Viele und 
Wichtige denkt, was geſchehen ſollte und nicht geſchieht. Durch 
die Langſamkeit und Anterlaſſungen verwickelt und fängt man ſich 
auf allen Seiten, und dies Gefühl wird ſich dann bald ſo jedem 
aufdrängen, daß man wohl wird Hilfe ſuchen müſſen. 

Was ich da als künftig nenne, iſt ſchon jetzt. Jeder ſieht ein, 
daß ein Menſch mehr hinzutreten muß, jeder begreift, daß, wie unſer 
Weſen nun einmal iſt, nur ich es ſein kann, allein ich bin keinem bequem, 
und wenn ich es auch ſeiner inneren Empfindung nach, dem Fürſten 
und einigen andern noch wäre, ſo werden dieſe von denen abgebracht, 
denen ich ganz unbequem wäre. Allein das tut alles nichts, ſie 
kämen doch am Ende dazu, und das Ende iſt nicht weit. Alles 
das weißt Du ſelbſt, liebe Seele, beſſer als ich, allein ich rede nur 
davon, um auf das zu kommen, was zu tun iſt. Hier iſt nun 
mein ſicheres und feſtes Prinzip, daß ich nicht allein nichts dazu 
tue, ſondern mich ſogar ganz ſtill und entfernt halten will, dagegen 
nicht leicht etwas abſchlagen, was man anbieten könnte. Ich kann 
nur dann nützlich ſein, wenn man mich für recht notwendig hält, 
und ich verliere gleich, ſobald ich den Schein gewinne, es zu ſuchen. 
Dieſen Schein vermeide ich vorzüglich dadurch, daß ich ohne allen 
266 


Rückhalt jedem, der es hören will, fage, daß ich Deinet- und 
unſerer Kinder wegen am liebſten in Berlin wäre. Die Wahrheit 
iſt immer das beſte Mittel auch im Benehmen der Welt. 

Kunth verlangte nun etwas anderes. Kunth wollte, ich knüpfte 
dieſe oder jene Verbindungen an, oder ich machte wenigſtens Schritte, 
die Leute zu überzeugen, daß ich nicht ehrſüchtig ſei, nicht alle zu 
beherrſchen verlangte. Durch dies alles würde ich gerade das 
Gegenteil bewirken. Auch iſt es gar nicht übel, daß die Menſchen 
das denken, und ſie haben ſo Anrecht in dem Effekt, worauf es 
allein ankommt, nicht. Daß ich nicht an und für ſich ſelbſt herrſch— 
ſüchtig und ehrgeizig bin, brauch ich Dir nicht zu ſagen. Allein 
ſehr wahr iſt es, daß ich in allem und bei allem auf Einheit und 
Konſequenz dringe, daß ich der Neigung, mit der jeder dem andern 
nachgibt, um ſelbſt Freiheit zu haben, widerſtehen, daß ich darauf 
dringen würde, die größten Intereſſen des Staats nicht einzeln, 
ſondern in Abereinſtimmung zu behandeln. Alles fo etwas kann 
auch den Guten unbequem werden, und den Schlechten und Trägen 
iſt es ein Gräuel. Wenn man dem Fürſten weiß machen wollte, 
daß ich ihn ſupplantieren würde, ſo iſt das eitle Torheit, allein der 
gute Fürſt iſt, bei dem völligen Anſchein des Gegenteils, doch in 
vielen Momenten mißtrauiſch, und dies Mißtrauen überwindet 
keiner, der um ihn iſt, je ganz. Daß man ihn um ſeine Stelle 
bringt, fürchtet er nie, das glaube mir, er iſt viel zu vernünftig 
dazu, aber er würde mit mir vielleicht nicht frei von der Furcht 
ſein, daß die Menſchen nun glaubten, ich handele und nicht er, 
darin liegt der ſchlimmſte Punkt, und darin iſt eigentlich nicht zu 
helfen. Doch glaube ich auch daran nicht recht. Der Fürſt, ſei 
davon überzeugt, läßt mich außerhalb Berlin, weil er mich nach 
der Wahrheit da nötig, und in Berlin, in dem ſehr guten Gefühl 
der Riiftigteit des Willens, ſich hinlänglich hält. Anderte er über 
das letzte ſeine Meinung, er riefe mich gewiß zurück. 

267 


Ich weiß wohl, daß man an mir beſtimmt tadelt, daß ich 
keine Partei habe und mir keine mache. Eine Partei, weiß ich, 
werde ich haben in allen Sachen, für die man mehr Vertrauen 
auf mich haben wird, wie auf andere, und das iſt die einzige 
Partei, die man in Geſchäften haben muß. Mir eine Partei 
machen werde ich nie, weil man dadurch immer abhängig von 
andern wird, und ich ſehr gut allein gehen kann. Aus dieſem 
feſten Wege wird mich niemand herausbringen. Ich überlaſſe es 
dem Schickſal, ob es mich tief in Staatsgeſchäfte führen wird 
oder nicht. Geſchieht es, ſo wird es auch gut ſein. Geſchieht es 
ſo nicht, ſo würde es nur zum Schlimmen ausſchlagen, wenn ich 
es erzwingen wollte. Ich habe keine Begierde danach, ich habe 
gottlob in mir ein einfacheres und mich mehr beglückendes Leben. 
Ich liebe Dich, ich kann auf Deine Liebe und Treue zählen, mir 
fehlt, ſo lange Du mir bleibſt, nichts, und nach Dir will ich nichts 
mehr ſein. Davon haben die Leute keinen Begriff und brauchen 
keinen zu haben, von dem inneren Schatz im Herzen, von dem 
Glück, das einem unverdient und unerworben durch die reine Güte 
und Liebe eines gleichgeſinnten Weſens zukommt. Damit kann 
man alles ſein, und damit kann man alles entbehren. Mögen die 
Menſchen mich immer kalt nennen, ich weiß, daß ich es nur bin, 
weil ich in einem Gefühl lebe und ewig leben werde. 

Wenn der Fürſt mit Dir von mir und meiner Beſtimmung 
reden ſollte, ſo ſage ihm recht aus meinem Herzen, daß ich ihn 
innig und herzlich liebe und ſchätze, daß ich gern in Berlin ſein, 
und daß mir dann nichts mehr am Herzen liegen würde, als ihm 
ſeine Geſchäfte, ſoviel ich könnte, zu erleichtern. Sage ihm aber, 
daß ich für mich gar kein Verlangen nach anderen Geſchäften habe, 
als die mir jetzt aufgetragen ſind, daß meine innere Zufriedenheit 
an keiner äußeren Wirkſamkeit und keiner Stelle hängt, daß ich 
mehr, als es ein anderer Menſch je fühlen kann, von allem un⸗ 
268 


abhängig bin, und daß ich alſo keinen Wunſch und keine Bitte 
an ihn habe. Aber verſichere ihn, daß, wenn eine Stellung in 
Berlin für mich Reiz hat, es nur eine neben und unter ihm, nie 
nach ihm oder von ihm abgeſondert iſt. 

Das dumme Geſchwätz mit Gneiſenau laß Dich nicht an— 
fechten, teures Kind, er ſelbſt ſcheint nicht viel darauf geachtet zu 
haben. Er iſt gut mit mir, ſoweit wir beide gut miteinander ſein 
können. Was ich Dir eben ſagte, klärt das vollkommen auf: Er 
lebt im Außeren, ich nicht; er ſucht und hat Partei, ich habe 
einen Aberdruß an den Menſchen und bin froh, wenn ich denken 
kann, daß niemand auf mich achtet. Daher iſt auch ewig von ihm 
in Zeitungen die Rede, von mir nie. Ich vermute, daß er, ehe 
er Coblenz fürs erſte ganz verläßt, noch zu mir kommt, dann rede 
ich mit ihm auch von Dir. Wirklich verdienen ſolche Sachen nicht, 
daß man darauf viel achtet. 

Was Dein Brief ſonſt an Anekdoten enthält, hat mich ſehr 
intereſſiert. Du wirſt mir noch unendlich zu erzählen haben. Du 
biſt einzig darin, daß Du mit dem tiefſten inneren Sein ſo die 
Aufmerkſamkeit auf alles Außere und ſelbſt die Teilnahme daran 
verbindeſt. Es gibt nur Dich in der Welt, und ich werde Dich 
ja nun bald wieder beſitzen. Ich habe in meinem Innern keinen 
andern Gedanken. Lebe wohl, meine innigſtgeliebte, einzig teure 
Seele, ſei mir immer gut, ſei immer mild und nachſichtig gegen 
mich. Es hat Dich nie jemand ſo geliebt als ich und wird es 
keiner. Ich umarme Dich aus dem Grunde meines Herzen. 

Ewig Dein H. 


26 


123. Caroline an Humboldt Karlsbad, 19. Juni 1816 


Meine liebe, teure Seele! 

ſeitdem ich letzthin durch Deine Briefe fo reich war, habe 
ich nichts weiter bekommen. ... Seit vorgeſtern nacht 
l regnet es leider ununterbrochen, der kleine Fluß des Tals 
ift zu einer ungemeſſenen Höhe angeſchwollen und brauſt ſo furchtbar, 
daß es wirklich unbequem iſt, dies Geräuſch immerfort vor den 
Ohren zu haben. Auch kann man nicht ausgehen und muß den 
Brunnen im Zimmer trinken, was ſehr fatal iſt. 

Der Staatskanzler hat geſchrieben, er ſei durch Geſchäfte 
abgehalten worden und werde erſt den 22. eintreffen. Wenn er 
nur da kommt! 

Geſtern hatten wir hier einen Ball, den die Preußen der ganzen 
hieſigen Badegeſellſchaft gaben zu Ehren des 18. Junius. Es war 
alles ſo hübſch eingerichtet, wie das hieſige Lokal es erlaubt, der 
Alte wurde mit Pauken und Trompetenſchall empfangen, doch ich 
will Gabriellchen nicht vorgreifen, die Dir gewiß alles ſelbſt ſchreibt. 
Blücher war ſehr heiter, ein Männerdiner war dem Ball voran⸗ 
gegangen, er wußte im Hereintreten gleich den jungen Mädchen 
etwas Freundliches zu ſagen. Später kam er auf mich zu und 
erkundigte ſich ſehr angelegentlich nach Dir, und ich möchte Dich 
tauſendmal grüßen. 

Endlich geſtern habe ich die Freude gehabt, einen Brief von 
unſrer Adel zu empfangen, ich lege Dir den Brief ein, er wird 
Dir auch Freude machen. Ich entbehre ſehr viel, das liebe, 
holde Weſen nicht zu ſehen, aber die Gewißheit ihres Glücks 
tröſtet mich. 

Aber die Anlagen in Burgörner, die gemachten, die ſehr be- 
deutend ſind, und die noch zu machenden werde ich Dir mündlich 
reden und die ſchönſten Rechnungen mitbringen. Es hat natürlich 
270 


auch Geld gekoſtet. Doch gebe ich nichts lieber aus als Geld für 
Pflanzungen, es iſt wie das Hinterlaſſen von Kindern, eine Saat 
für die Zukunft. 


124. Caroline an Humboldt Karlsbad, 22. Juni 1816 


Mein teures, liebſtes Herz! 

site freudig es mir iſt, Dir zu Deinem Geburtstage Glück 

zu wünſchen, ſo iſt mir's doch auch recht wehmütig, daß ich 
— nicht bei Dir fein kann. Das iſt nun ſchon der vierte 
Deiner Geburtstage, der fo vorübergeht! Dein liebes Herz hat ge- 
wiß die Nähe meiner Gedanken und meiner Sehnſucht empfunden. 
Bald hoffe ich den Tag beſtimmen zu können, wo wir bei Dir 
eintreffen 


125. Caroline an Humboldt Karlsbad, 25. Juni 1816 


Heute morgen, gleich nach dem Frühſtück, empfing ich 
J Deinen Brief vom 18. Juni mit den Einlagen von Theodor 
und Colomb*). Meine Freude und Beſtürzung war bei⸗ 
nah gleich groß. Ich hatte zwar immer gedacht, daß es einmal 
ſo kommen müßte, Du, Colomb hatten es mir geſagt, ich ſagte es 
mir ſelbſt in tiefſter Seele, doch übernahm mich's ſehr, es in 
Deinem Briefe als geſchehen zu leſen. Gutes, teures Herz, Du 
haſt das alles vom 2. bis 16., alſo volle 14 Tage ſo bei Dir 
herumgetragen! Ach, warum haſt Du es mir nicht geſchrieben! 
Warum mir etwas erſparen, was eins der Kinder betrifft? Sie 
) Peter v. Colomb, geb. 1775, + 1854, Schwager Blüchers. Seit 1815 
Kommandeur des 8. Hufaren-Negiments, bei dem Theodor Humboldt ftand. 
271 


find meinem Herzen alle gleich teuer, und wenn auch ein Kind 
einem wohl Arſach' zu mancher Anzufriedenheit gibt, wie das 
Theodor allerdings wohl getan, ſo kann der Schmerz, ſelbſt der 
Anmut, der Liebe, wenigſtens der Liebe eines Mutterherzens, nichts 
abbrechen. So gern und ſo ſchön paart ſich die Liebe mit der 
Freude, doch vertilgen kann ſie nicht der Schmerz noch der Gram. 
Ich danke Gott mit heißen Tränen, daß dies ſo vorübergangen iſt. 
Theodors Lage iſt auch nicht angenehm geweſen, ſein Brief hat mich 
ſehr gerührt, er hat mich aber auch ſehr ſchmerzlich bewegt. Mit 
Dir hoffe ich, dies ſoll der Wendepunkt ſeines Lebens ſein. 

Es iſt mir auch ſehr lieb, daß er ſeinen Gegner nicht 
getötet oder ſchwer verwundet hat. Ich bin doch überzeugt, daß 
nur ein roher Menſch, was Theodor nicht iſt und hoffentlich 
nicht werden wird, nicht bitt're Stunden hat, wenn ein ſolcher 
Zufall in fein Leben getreten iſt. Wenn die Nache der Be— 
leidigung genommen iſt, dann wendet ſich der Dorn gegen die 
eigene Bruſt. ö 

Wenn Theodor getötet worden wäre — ich geſtehe es Dir, 
teures Herz, ich wüßte gar nichts, was mich ſo zerſtört, fo zer— 
riſſen haben würde. Du ſagſt ſehr wahr, daß ſelbſt das, daß 
wir zuweilen unzufrieden mit ihm waren und ſein mußten, einen 
ſolchen Verluſt zerreißender gemacht hätte. Gott, wie danke ich 
dir für das milde Geſchick, das gewaltet hat! Ich hoffe, daß 
Theodor ſtill in ſich zur Einſicht darüber kommen wird. 

Frau von Cüſtine iſt eben angekommen und hat mir Deinen 
Brief geſchickt, der die Gedichte Schenkendorfs enthält. Sie hat 
mir ſagen laſſen, ſie würde morgen zu mir kommen. Der Staats⸗ 
kanzler iſt geſtern nachmittag mit ſeiner Frau und mit Koreff 
angekommen. Jordan kommt, glaube ich, erſt morgen. Ich bin 
dem Staatskanzler geſtern gleich, ein oder zwei Stunden darauf, 
auf der Promenade begegnet, er ſieht wohl aus. 

272 


Ich bin heut, ſüßes, liebes Weſen, fo angegriffen, daß ich 
ſchließe. Die unerwartete Nachricht über Theodor hat mich ſehr 
erſchüttert. Doch fürchte nichts, mir iſt wohl. 

Ewig Deine Li. 


126. Humboldt an Caroline Frankfurt, 25. Junius 1816 


görſt Du nichts von Goethe, und ob er nach Karlsbad 
WH kommt? Der Großherzog von Weimar,“) der jetzt hier 
waar und in Wiesbaden das Bad braucht, meinte, er fei 
noch nicht recht entſchloſſen geweſen. Du wirſt wiſſen, 
daß er ſeine Frau verloren hat. Die erſten Tage war er, wie 
es aus ſeinem Briefe an Schloſſer ſcheint, untröſtlich, allein jetzt 
ſchreibt er ſchon wieder ſehr heiter. Man könnte das erſte, und 
bei dieſer Perſon vielleicht gleich gut das letzte begreifen, allein 
beides zuſammen iſt wunderbar, obgleich nicht ungewöhnlich. 

Schloſſers, die Goethes Lage genau kennen, meinen, daß er in 
ſeinen Finanzen doch nie ohne Sorge iſt. Er hat an feſten Cin- 
künften unglaublich wenig und muß nur immer ſchreiben und drucken 
laſſen. So mag ſein letztes Buch“) entſtanden ſein, das ungeheuer 
leer und ſeiner auf keine Weiſe würdig iſt. Man hatte hier einen 
Plan, und Stein intereſſierte ſich ſehr dafür, ihm ein Gut am 
Rhein zu kaufen und zu ſchenken. Allein es iſt natürlich, daß, 
da man ſo etwas doch nicht in eine Bettelei ausarten laſſen will, 
nichts daraus wird. 

Hermann hat mir aus Leipzig geſchrieben. Er iſt wirklich 
bei Dir geweſen, hat Dich aber nicht zu Hauſe gefunden. Vom 
Agamemnon iſt noch wenig gedruckt, weil der Drucker andere 

) Karl Auguſt Großherzog von Sachſen Weimar, geb. 1757, + 1828. 

) Kunſt und Altertum I, S. 1: Aber Kunſt und Altertum in den 
Rhein- und Maingegenden. 

Humboldt⸗Briefe. V. 18 273 


Dinge zu tun gehabt hat. Er iſt einmal zur Langſamkeit im Er⸗ 
ſcheinen verdammt. 

Für Welcker bin ich jetzt ſehr tätig. Er hat unangenehme 
Auftritte mit der Regierung in Gießen gehabt. Die Lehrer haben 
mit dem bekannten Crome”), der ſich ſehr Napoleoniſch ehemals be- 
wieſen hatte, nicht fortdienen wollen, und Welcker iſt zufällig dazu 
gekommen, darum ſich von einer öffentlichen Prüfung auszuſchließen. 
Darüber hat ihm die Regierung einen ſehr üblen Verweis gegeben. 
Im Grunde mag ſie es wohl nur als einen Vorwand angeſehen 
haben, da ſie ihm ſonſt feind iſt, weil er zu uns in Dienſte geht 
und mit Solms in Verbindung ſteht, der die Béte noire in Darm⸗ 
ſtadt iſt. Solms und ich ſuchen nun zu machen, ihn gleich nach 
Cöln zu bringen, und ich hoffe, daß es gehen wird. Ich ſchreibe 
auch Nicolovius deshalb. Es iſt mir immer wunderbar, wenn ein 
ſo ruhiger und wirklich ſo anſpruchloſer Menſch in ſolche Händel 
verwickelt wird. 

Schloſſers erzählen mir, daß er überhaupt in Gießen nicht 
geliebt ſein ſoll. Man ſoll ſagen, er ſei einmal zu viel in der 
Welt geweſen, um ſich in Gießen zu gefallen. Das kommt aber 
gewiß nur daher, weil er einſam lebt und ſich nicht in den ge— 
wöhnlichen Klatſch der Menſchen miſcht. 


127. Caroline an Humboldt Karlsbad, 3. Juli 1816 


ie Sache fängt an, hier ſehr komiſch zu werden, meine 

teure, liebe Seele, und das ganze Sein hier kommt 

einem vor wie Guckkaſten, in dem immer neue und 

doch längſt bekannte Geſtalten eintreten. Nächſt den Berliner 
) Auguſt Friedrich Wilhelm Crome, geb. 1753, + 1833, Profeſſor der 

Statiſtik und Kameralwiſſenſchaft in Gießen. 

274 


Amgebungen, die Du weißt, wie Blücher, der Staatskanzler 
mit Koreff, Jordan, Rother), Hatzfeldts, kommen nun auch 
manche Wiener, wie Capellini, Malfatti, Graf Mier, die 
kleine Fuchs, der Landgraf Fürſtenberg und Frau. Der Graf 
Hardenberg“), Sohn des Fürſten, iſt auch angekommen und 
ſcheint ein lebensluſtiger, froher Menſch zu ſein. Ich habe geſtern 
beim Staatskanzler mit den beiden lieben Mädchen und dem Sohn 
gegeſſen, der uns ganz friſche Nachrichten von Ida aus Dresden 
brachte. Oelßen iſt auch hier, die Herzogin von Gotha“), der Erb- 
prinz oder vielmehr Erbgroßherzog von Schwerin ), der mir ein 
recht liebenswürdiger und etwas gehaltvollerer Menſch zu ſein 
ſcheint als gewöhnlich dieſe Herrſchaften find. Die drei Prin— 
zeſſinnen von Kurland +f), Wilhelmine, Pauline und Johanna, werden 
erwartet. Blücher grüßt Dich ſehr. Er hat heut en grand Cercle 
auf dem Spaziergang Gabriellchen, die ihm ſehr ins Auge ſticht, 
für ſeine Enkelnichte erklärt. 

Im ganzen, trotz allen den lieben Leuten, ſeufze ich ſehr hier 
nach dem Ende. Ich hoffe den 25. loszukommen. Ich habe geſtern 
eine lange ärztliche Anterredung gehabt, aus der hervorgeht, daß 
Caroline für jetzt kein Seebad, ſondern magnetiſche Bäder, die man 
wahrſcheinlich im Hauſe wird präparieren können, brauchen ſoll. 
Allein für künftiges Jahr droht man noch immer mit Ischia und 
ſieht es als unerläßlich an. 

Mit Schenkendorf kann der Staatskanzler jetzt nicht helfen, 


*) Chriſtian v. Rother, geb. 1778, + 1849, von 1836-1848 Finanz- 
miniſter. 
**) Chriſtian Graf v. Hardenberg-Neventlow, geb. 1775, + 1840. 
) Caroline Amalie, Pringeffin von Heffen-RKaffel, geb. 1771, + 1847. 
+) Friedrich Ludwig, geb. 1778, + 1819, als Erbgroßherzog. 
+t) Vgl. S. 64. — Pauline, geb. 1782, + 1845, verm. mit dem Fürſten 
von Hohenzollern⸗Hechingen. — Johanna, geb. 1783, + 1876, verm. mit 
dem Herzog von Aeerenza Pignatelli. 


185 275 


mein Herz. Der König hat auf eigenen Antrieb feine Anſtellung 
in Magdeburg beſtimmt, und für jetzt, meinte Hardenberg, könne 
er da nichts drin ändern. Mir tut es ſehr leid, denn am Rhein 
iſt es doch anders als im „Magdeburger Boden“. 

Von der Frau v. Cüſtine ſchicke ich einen Brief. Sie 
ſpricht von Dir mit einem Enthuſiasmus, mit einer Bewunderung, 
die doch wohl, wenigſtens zum Teil, empfunden iſt. Man muß 
bei Franzoſen (ach, und ſie iſt doch tief eine Franzöſin, und es 
kann ja auch nicht anders ſein) ſo viel auf die Form abrechnen, 
vber ich halte ſie darin, und wenn ſie von Dir redet, nicht für 
unwahr. Mit mir treibt ſie's denn auch ſehr freundlich, wie Du 
ſiehſt. 

Ich habe noch manches in Deinen lieben Briefen zu beant⸗ 
worten, allein heut iſt es zu ſpät. Am 9 bin ich erſt vom Brunnen 
gekommen. Man fällt mit dem ausgeſpülten Magen und der 
dreiſtündigen Promenade wie eine matte Fliege aufs Frühſtück. 
Am 11 Ahr geht aber die Poſt. 

Adieu, ſüßes, einziges Herz. Ewig Dein. 


128. Humboldt an Caroline Frankfurt, 2. Julius 1816 


ch habe, ſüßes Kind, Deinen lieben Brief vom 25. Junius 
bekommen, und alles, was Du über Theodor ſagſt, hat 
— mich tief gerührt. Du wirſt aus meinem Brief geſehen 
haben, wie übereinſtimmend wir die Sache empfunden und beurteil 
haben. Das iſt ein unendlicher Troſt in der Entfernung, wenn 
derſelbe ſichere Pol zwei Gemüter beherrſcht. Es tut mir un- 
endlich leid, Dich heute wieder von Theodor unterhalten und Dir 
etwas mitteilen zu müſſen, was mir Colomb über ihn ſchreibt. 
Es iſt nichts Schlimmes, aber doch etwas ſehr zu Aberlegendes 
276 


und nicht leicht zu Behandelndes. Lies erſt Colombs Brief. 
Wäre Theodor vier, fünf Jahre älter, würde ich die Sache ſehr 
leicht nehmen, ich hätte nichts dagegen, daß er auch früh heiratete. 
Wie aber Theodor jetzt iſt, iſt das Heiraten doch eine reine An— 
möglichkeit. Nun kann man zwar lange verſprochen ſein, allein 
das kommt dann ſehr auf den Ernſt des Charakters an. Bei 
Theodor haben wir beim lange Verſprochenbleiben immer zu 
fürchten, daß er ſein Wort hernach ungern erfüllt, und es eine 
elende Heirat wird, aber noch viel mehr, daß die Angeduld ihn zu 
Schritten gegen unſeren Willen verleitet. Was mir mißfällt, iſt, 
daß er ſich förmlich verlobt haben foll*).... 

Eine Sache iſt noch zu ergründen: das Alter. Wenn ſie 
älter oder doch gleichalt mit Theodor iſt, iſt es ſchlimm. Die 
Armut fürchte ich weniger. Bloß Gabrielen möchte ich nur einem 
ſteinreichen Mann geben. Es gehörte zu ihrem Sein, dünkt mich, 
und ſie würde ſich vortrefflich darin ausnehmen. Sie hat etwas 
Poetiſches und Feenhaftes und müßte alſo auch wie in den Tauſend 
und eine Nacht mit allen Steinen umgeben ſein. Der Miniſter 
und das Gerücht unſeres Reichtums ſchadet uns in dieſer Sache 
gewiß viel. Das reizt die Familie. Das Schrecklichſte würde mir 
ſein, wenn Theodor mit der jungen Perſon nicht gut umginge. 

Jetzt iff Haenlein“) gekommen. Zu meinem Erſtaunen ſehe 
ich, daß ganz neue Plane für den Bundestag in ſeinen Händen 
liegen, daß man eigentlich eine neue Schöpfung machen will, daß 
dies auf eine Weiſe begonnen wird, wo man es keinem recht 
machen wird, daß es am Ende etwas iſt, das den Geſchickteſten 
und Gewandteſten in die größte Verlegenheit ſetzen könnte, und 
das ſoll durchgeſetzt werden durch ein Werkzeug wie Haenlein. 


*) Theodor hatte ſich neunzehnjaährig mit Mathilde v. Heineken, 
geb. 1800, + 1882, verlobt. 
*) Bisher Geſandter in Raffel, zum Bundestagsgeſandten ernannt. 


N 


Die Verbindung zwiſchen Berlin und Wien durch die Gefandt- 
ſchaften iſt null, nun machen Hardenberg und Metternich alles 
durch Briefe. Auch das kann nicht gehen. Haenlein hat ungeheuer 
gute Geldbedingungen erhalten und denkt nun bloß auf Aufwand 
und Parade. Das iſt gar nicht das, was man von einem Preufi- 
ſchen Bundestagsgeſandten verlangt. Ich bin froh, daß man mich 
um die Sache nicht einmal gefragt hat, und bitte den Himmel, daß 
es nicht geſchieht. Die Leute würden nun bloß irre durch meine 
Mißbilligung, und in meiner Lage und in dieſer vorübergehenden 
und mit Haenlein kann ich nichts beſſern. Auch ſind am Ende 
alle ſolche Dinge nicht gefährlich, fie gehen von ſelbſt wie Seifen⸗ 
blaſen auseinander. Nur der Ruf Preußens leidet, und das iſt 
unglücklich. 


129. Humboldt an Caroline Frankfurt, 5. Julius 1816 


Hie ganz unvorſichtig von ihm [Haenlein] hier angefangene 
und behandelte Idee, einen Vertrag mit Oſterreich über 
Verhältniſſe des Bundestages zu ſchließen, der die übrigen 
Fürſten verbinden ſollte, hat alle gegen Preußen, wogegen man 
chon neidiſch und eiferſüchtig iſt, aufgebracht, und bei Ofterreich 
hat er natürlich nichts durchgeſetzt. Es iſt in zwei oder drei Tagen 
geſchehen, was ich ihm, als er mir die Sache vorlas, vorherſagte, und 
was mein einziges Arteil darüber war, daß er uns und ſich zwiſchen 
zwei Stühle ſetzte. Es iſt kein einziger, den er nicht vor den Kopf 
geſtoßen hätte, und die Berichte laufen nun in der Welt herum. 
Bei allen Grundſätzen, die ich habe, mich nicht in die Dinge zu 
miſchen, die mich nichts angehen, habe ich's doch nicht übers Herz 
bringen können, dem Kanzler [nicht] mit einigen Worten noch durch 
Wallmoden neulich zu ſchreiben, daß die Sachen ſo nicht gehen, 
daß der Kanzler alles unmittelbar mit Wien abmachen und Haen- 
278 


lein nur beſtimmt befehlen muß, was er tun ſoll. Das iff das 
Höchſte, was ſich ihm anvertrauen läßt. Der Bundestag iſt eine 
Sache, die man ſehr leiſe behandeln muß, bei der es vielmehr 
darauf ankommt, nicht zu verderben als zu tun. Man hätte alſo 
einen gemeſſenen, vorſichtigen Menſchen von wiſſenſchaftlicher 
Bildung, und der durch Stand und Charakter und Kenntniſſe 
Achtung ſchon perſönlich genoſſen hätte, hierher ſchicken ſollen. 
Was iſt ſtatt deſſen geſchehen? Altenſtein, den ich ſo ſehr dazu 
empfohlen habe, war zehnmal beſſer. 

Ich habe den Kurier bis heute aufhalten müſſen. Dabei iſt 
eine närriſche Entdeckung von mir ſelbſt über mein Gehalt gemacht 
worden. Boisdeslandes hat man nämlich geſchrieben, wie die 
Pariſer Geſandtſchaft im Etat ſteht. Ich 25000, Flemming 2000. 
Iſt das wahr, ſo laſſe ich gleich nicht alle meine Sachen abgehen 
und nehme beſtimmt gleich meinen Abſchied, d. h. ſo, daß ich ſage, 
ein Jahr bleiben zu wollen, dann ihn gleich fordere, gar nicht weil 
ich pikiert bin, ſondern bloß weil ich uns nicht ruinieren will, auch 
es nichts helfen könnte, da ich in zwei Jahren doch das nämliche 
tun müßte. Ich werde das ſehr kalt, ſehr ruhig und ſehr freundlich 
tun, aber auch ſo ſicher und feſt, daß man ſehen wird, daß ein Anter⸗ 
ſchied iſt zwiſchen mir und den Menſchen, die damit drohen. Ich 
werde auch keine Penſion fordern, ſo ſcheidet man rein, wie man 
gekommen iſt. Lebe wohl, meine Engelsſeele. 


130. Caroline an Humboldt Karlsbad, 6. Juli 1816 


olombs Brief hat mich ſehr erſchreckt. Ich pflichte allem 
O bei, was Du ſagſt, es ift fo richtig, fo treffend im allgemeinen, 
WA fo wahr in der Anwendung auf Theodors Individualität, 


daß ich nichts hinzuzuſetzen weiß. Ich kann trotz Colombs Brief 
279 


nicht glauben, daß Theodor fich verlobt haben follte. Wunderbar 
iſt's mir nun nicht mehr, daß er nicht ſchreibt. Wenn er ſich nur 
nicht förmlich verſprochen hat, und es nur nicht ſo treibt, daß er 
dem Mädchen Schaden tut, ſo glaube auch ich, daß es von großem 
Einfluß auf ſein ganzes Betragen ſein wird. Er ſagte in Berlin 
von ihr, ſie ſei ſo ſchön, daß gar keine von den Schönheiten in 
der großen Geſellſchaft ihr vergleichbar wäre. Jung muß ſie wohl 
ſehr ſein, Theodor hat ja die Marotte, ein achtzehnjähriges Mädchen 
höchſtens noch jung zu nennen. Wahre Sorge macht mir die Ge- 
ſchichte denn doch. Heiratet er ſie nach zwei, drei, vier Jahren, ſo 
kommt mir dieſe Ehe wie ein ſchreckliches Wagſtück vor. Heiratet 
er ſie nicht, ſo kann er ſich eine Menge Händel zuziehen. Auch das 
Mädchen täte mir leid, die vielleicht durch ihre ſchöne Bildung 
irgendeine ihr angemeſſenere Partie gemacht hätte. Soviel aber 
iſt gewiß: Theodor erhält einen in einer ewigen Spannung und 
Seelenmotion. 

Hier wird die Verbrämung alle Tage bunter. Graf und Gräfin 
Goltz, die Frau v. Hünerbein, die Frau des Gouverneurs von 
Schleſien und Gott weiß wer iſt nun auch noch angekommen. 
Ich wünſche und hoffe den 25. fortzukommen. Gott weiß, daß ich 
lieber heut' wie morgen ginge! 


131. Caroline an Humboldt Karlsbad, 10. Juli 1816 


Ich bin geſtern nicht dazu gekommen, Dir zu ſchreiben, mein 
teures, liebes Herz. Die drei Kurländiſchen Prinzeſſinnen 
find hier. Pauline und Jeanne kamen ſchon Sonntag 
nachmittag. Die Herzogin von Sagan erſt geſtern. Alle wollen 
ein paar Tage ihre Mutter ſehen, kurz genug, denn die Herzogin 
von Kurland hat längſt ihre Abreiſe mitſamt ihrer Schweſter, der 
280 


Recke, auf den 12. beſtimmt. Sie bleiben dann noch ein paar 
Tage länger, die Sagan geht dann mit Jeanne nach Baden bei 
Wien, und Pauline geht nach Hechingen, um einige Tage dort 
zu regieren. Du kannſt Dir denken, was für eine Vermehrung an 
Lebendigkeit die drei Schweſtern dieſe Tage in unſer ſonſt ſo ſtilles 
Leben bringen, denn eine Eigenſchaft muß man immer an ihnen 
rühmen: ihre Treue für die, die ſie lieben. Daß Caroline ſo 
krank geweſen, daß fie mager geworden iſt, daß ich mich von Adel— 
heid und Hermann habe trennen müſſen, machte Pauline und 
Jeanne weinen, als wenn ſie das alles ſelbſt betroffen hätte. 

Hier wird's immer bunter, Leute, die ich in Rom aus Peters— 
burg ſah, ſieht man hier wieder. Auf mich macht dieſes Durch— 
einanderrennen einen wüſten und fatalen Eindruck. 

Was ich ſchon oft habe ſage wollen und immer vergeſſen, 
wird's wohl einen guten Flügel oder Klavier, und wenn wir auch 
nur einen Monat in Frankfurt bleiben, einen guten Lehrer im Singen 
für die Mädchen geben? Du wirſt Dich, wenn ſchon kein Freund 
der Muſik, unendlich an Gabriellens Stimme und dem Ausdruck, 
mit dem ſie ihre deutſchen und italieniſchen Lieder ſingt, ergötzen. 

Adieu, Herz! Teures, liebes Weſen, Adieu! Caroline und 
Gabrielle, die Blücher mir entführen will, und die er der ganzen 
Welt als ſeine kleine niece produziert, grüßen. Ewig Dein. 


132. Humboldt an Caroline Frankfurt, 14. Julius 1816 


77 neiſenau wird Dir dieſen Brief bringen, liebe Li. Ich 
freue mich, daß Du ihn ſehen und noch einige Wochen 
Ds ZN] mit ihm fein wirſt. Er iſt ſehr freundſchaftlich und ſelbſt 


vertraut mir geweſen, und Du wirſt keine Spur mehr von dem 
Eindruck finden, den die Klatſcherei im Winter gemacht hatte. Du 
281 


~ 


weißt vermutlich ſchon, daß fein Weggehen doch im Grunde ein 
gänzliches iſt. Denn es iſt nicht der nach ihm hier älteſte General 
bloß zu ſeinem Stellvertreter, ſondern Hake) zu ſeinem definitiven 
Nachfolger ernannt worden. Obgleich er mit ſeinem Zurückziehen 
zufrieden ſcheint, iſt er doch darüber (unter uns) mißvergnügt, und 
ſeine Ankunft in dortiger Gegend möchte nicht allen erwünſcht 
fein. Man tut ſehr Anrecht, wenn man nicht ſogar viel an- 
wendet, um ihn hierher zurückzubringen. Er hatte allgemeine 
Liebe, die ſeines Nachfolgers kaltes, engherziges Weſen ſich nicht 
erwerben wird. 

Ich höre von Gneiſenau, der über Berlin ſehr gut unterrichtet 
ſcheint, daß man ſchon dort ſagt, daß Hatzfeld“) darauf ausgeht, 
Miniſter der Auswärtigen Angelegenheiten zu werden. Ich glaube 
es nicht, allein ſchon das Sagen iſt ſehr ſtark. Daß dieſe Sache 
etwas zu bedeuten hat, iſt ſehr gewiß. Es iſt dabei heilig nicht 
bloß auf die Stelle im Haag abgeſehen. Daß Du mir ſagſt, daß 
die Sache durch eine dem Staatskanzler geſchickte Kabinettsorder 
geſchehen iſt, tut mir noch mehr leid. Es beweiſt, was ich längſt 
glaubte, daß der König nicht mehr wie ſonſt über ihn denkt, und 
daß er erlaubt, daß neben und gegen ihn gehandelt wird. Davon 
habe ich mehr Beiſpiele. Erſt heute habe ich einen Brief von 
Kettelhodt bekommen, der mir auch unglaubliche Dinge ſchreibt. 

Ich ſchicke Dir den Brief, verbrenne ihn, wenn Du ihn geleſen 
haſt. Wie iſt es möglich, daß der Staatskanzler entweder im 
Namen des Königs ſo etwas zuſagt, oder daß er, wenn der König 
ihn wirklich autoriſiert hat, leidet, daß man zurückgeht? Das nimmt 
allen Glauben. Aberhaupt ſinkt die Achtung Preußens auf eine 
furchtbare Weiſe, und was man auch einzeln tun mag, kann man 


) Karl Georg Albrecht Ernſt v. Hake, geb. 1768, + 1835. Von 1819 
bis 1833 Kriegsminiſter. 
**) Gal. S. 260. 


282 


es nicht halten. Es iſt keine Ordnung, keine Konſequenz, keine 
Haltung im Mittelpunkt. Dann ſchaden einzelne Albernheiten. 
So hat Haenlein hier in drei Tagen mehr verdorben, als die 
Menſchen in einem Jahr gutmachen können. Er iſt dermaßen 
das Gerede geworden, daß Boisdeslandes, Bülow und andere 
mir verſichern, daß geradezu in den Geſchäften darüber geſprochen 
wird. Mich ſoll wundern, welche Partie man darüber ergreifen 
wird, es iſt wirklich ſchwer, eine zu faſſen. Es kann ſein, daß 
man nunmehr in der Not von mir Hilfe will. Allein ich kann 
keine geben. Einen Menſchen wie Haenlein zu leiten, werde ich 
nie unternehmen, und ich ſelbſt würde jetzt um alles nicht Bundes 
geſandter. Die größten Kleinigkeiten hier werden mir mit auf- 
getragen, und über dieſe wichtige Sache hat man auch nie nur 
meine Meinung gefragt. Ich ſehe deutlich, daß ſich die Dinge ſo 
geſtalten, daß man mich nicht wollen kann. Das Schlechte iſt im 
vollen Siegen und wird bald übermütig im Triumph werden. 

Blücher empfiehl mich herzlich. Ich glaube wohl, daß er 
Gabriellchen gern für ſeine Nichte erklärt. Sie muß ſehr hübſch 
ſein. Auch die Cüſtine ſchreibt mir über ſie, daß es einem wohl täte, 
ſie anzuſehen. Wenn Du am Ende dieſes Monats oder am An— 
fang des folgenden zurückkommſt, reiſt vermutlich die Cüſtine mit 
Dir. Die Welt iſt an manchen Ecken wirklich ganz unverhältnis— 
mäßig klein. 

Daß Du nicht ſchläfſt, iſt doch ſehr fatal. Nichts, dächte ich, 
müßte ſo abmatten. Selbſt kann ich freilich nicht davon urteilen, 
denn ich ſchlafe, wie ich ins Bett komme. Ich habe hier darin 
eine in der ganzen Stadt bekannte Gewohnheit, über die man ſehr 
lacht, die ich aber liebe. Ich gehe um 1 oder wenig ſpäter zu 
Bett. Ich ſtehe nämlich um 1 von meinem Tiſch auf und lege 
dann meine Papiere weg. Zwar nicht alle, aber meiſt alle Tage 
kommt Boisdeslandes um 4 in mein Zimmer, um, was ich gemacht 

283 


habe zum Abſchreiben zu nehmen. Meiſtenteils wache ich dann 
auf und rede mit ihm. Am 7 bringt man Waſſer herein, da 
wache ich wieder auf und um 8 endlich erhebe ich mich. So 
ſchlafe ich in drei Raten und habe das große Vergnügen, geweckt 
zu werden und wieder einzuſchlafen. 


133. Caroline an Humboldt Karlsbad, 15. Juli 1816 


ich bin geſtern beim Herunterkommen von dem höchſten 
Hi Punkt der Gegend, dem Hirſchenſprung, Jordan begegnet, 
cdeer immer ſehr verbindlich und freundlich gegen mich iſt. 
Er meinte, neue Aufträge würde man Dir jetzt wohl nicht zu⸗ 
ſchicken, und er könne nicht zweifeln, daß Du vor dem eigentlichen 
Herbſt nach Frankreich abgehen könnteſt. Wir ſprachen nachher 
noch mancherlei, und es kam auf Varnhagen, und ich erfuhr von 
ihm, daß er ja nach Karlsruhe abgegangen zu ſein ſcheint. Ich 
ſagte ihm, ich hätte immer geglaubt, daß die lange Verzögerung 
in der Antretung ſeines Poſtens auf eine andere Beſtimmung 
gedeutet hätte. Er ließ ſich ziemlich umſtändlich darüber aus, und 
ſoviel ich verſtanden habe, meint er, es ſei immer noch beſſer, einen 
ſo unruhigen Kopf in Karlsruhe als im Departement in Berlin 
zu haben. Ich ſagte ſanft aber doch deutlich meine Meinung, daß 
es doch nicht, ſelbſt in Karlsruhe, gleichgültig ſei, durch wen ſich 
Preußen repräſentieren laſſe. Jordan ſchien mir in allem Recht 
zu geben und meinte, Riifter*) möge ſehen, wie er mit ihm fertig 
werde. 

Leiſe ſchien er wohl das ganze Nehmen in Dienſt des Varn⸗ 
hagen zu tadeln. Von Dir — von der nun ſchon fo fernliegen- 


*) Bgl. S. 100. 
284 


. 
0 


den Zeit der Campagne, Deiner unerſchöpflichen Laune, von Deinen 
Arbeiten, den Berichten, die Du jetzt noch neuerdings hierherge— 
ſchickt, ſprach er mit außerordentlichem Enthuſiasmus und wieder- 
holte mehrmals, daß Du ein einziger Menſch ſeiſt. 

Der Staatskanzler iſt viel allein und amüſiert ſich, im ganzen, 
glaube ich, nicht außerordentlich. Ich hätte ſehr gewünſcht ihn 
öfter zu ſehen, allein ich weiß nicht, wie es kommt, es macht ſich 
nicht. Eine Frau ohne männliche Begleitung iſt ſchon an ſich 
von manchen Zuſammenkünften ausgeſchloſſen, dann weißt Du, 
ladet auch mein Weſen mich ſelbſt nicht ein, mir etwa Mühe 
darum zu geben. Wenn ich den Staatskanzler zu ſehen wünſche, 
ſo iſt es, weil ich ihn liebe und ehre, weil man um ihn immer die 
rege Empfindung hat, daß das uneigennützige Wohlwollen 
etwas Wohltätiges für ein Gemüt haben müßte, das durch das 
Leben ſo gemißbraucht ward und gemißbraucht wird — ich fühle 
aber auch, wie ſehr ſein ſchweres Gehör dazu beitragen mag, ihn 
ſehr entfernt zu halten. In gemiſchter Geſellſchaft wird dies 
ſchwere Gehör allerdings eine Verhinderung des Geſprächs, allein 
aber nicht, wenn man, wie ich, gute Lungen hat. 

Die Anzufriedenheit und beſonders das Sprechen iſt in Berlin, 
ich weiß wohl, allgemein. Ich fürchte, daß man manches mit 
dem zu vielen Sprechen verſchlimmert. Im ganzen iſt wohl unſere 
Zeit daran vorzüglich krank, daß ein jeder aus ſeiner Sphäre 
gerückt iſt und nicht das tun will, oft wirklich nicht tut, wozu er 
da iſt. Es hängt dies gewiß mit dem Erfahrenen, mit den Be— 
gebenheiten der Zeit zuſammen, die, moraliſch betrachtet, wie ein 
Erdbeben gewirkt haben — dann aber höre ich, ſoll des Königs 
Entfremdung an Regierungsgeſchäften immer mehr zunehmen. 
Doch liegt in unſerem Staate der Impuls von alters her, daß 
der König ſich darum bekümmern, zuletzt entſcheiden ſoll. Ein 
Mann wie Hardenberg, wie ſehr er in der Wahrheit eigentlich 

285 


der Regierende iſt, kann doch zuletzt nicht fo handeln wie nur der 
König kann. 

Was für eine Bewandtnis mag es denn mit Gneiſenau haben? 
Das Militär, ſelbſt die, die Gneiſenau nicht unbedingt ergeben 
find, war ganz außer ſich über ſeine Entfernung, wie fie es unbe- 
dingt nannten. Prinz Auguſt ſprach mir einmal ſehr ernſtlich 
darüber und mit Bitte, Dir zu ſagen, Du möchteſt ja feſt auf 
Deinem Poſten ſtehen, denn wenn dergleichen geſchähe, müßte, wie 
in Schlachtenreihen, man über die Gefallenen ſich näher anſchließen, 
daß keine Lücke entſtände, in die der Feind eindringen könnte. Ich 
werde Dir noch mehr mündlich darüber ſagen. 

Deinen Agamemnon habe ich mit großem Intereſſe geleſen. 
Wie hat aber Hermann den erſten Bogen können vergeſſen? Es 
iſt ja unverzeihlich — Du biſt auch zu nachſichtig über alles Eigene. 
Die gelbe Ausgabe hatte und hat für mich immer einen eigenen 
Reiz. Ich wußte viele Stellen auswendig. Das fließendere 
Deutſch war mir angenehmer. Die größere Richtigkeit des Silben⸗ 
mages hat für mich weniger Anziehendes als die faßlichere Ron- 
ſtruktion. 

Von Theodor höre ich gar nichts, was mich mehr ſchmerzt 
als ich es ſagen kann. Adieu, mein Herz. Ewig Deine Li. 


134. Humboldt an Caroline Frankfurt, 17. Julius 1816 


=A habe ſeit einiger Zeit immer außerordentliche Gelegen— 


Sy heiten, Dir zu ſchreiben, liebe Li. Dieſen Brief empfängſt 
Du durch Graf Pappenheim“). Er überbringt dem Staats⸗ 
kanzler wieder einen hauptſächlichen Teil der hieſigen Arbeit abge- 
macht, und der zugleich ſeine 9000 Seelen betrifft. 


9 Ugl. S. 168f. 
286 


Ob es fich fo gleich dem Ende hier nähert, fo kann es doch noch 

im Grunde viele Monate dauern. Denn du wirſt vielleicht gehört haben, 
daß Metternich ſeinen Vertrag mit Bayern hat auf keine andere 
Weiſe zu ſtande bringen können, als indem er Bayern den Main- 
und Tauberkreis von Baden verſprochen hat, für den Baden 
nichts bekommen ſoll. Da wir nun dies machen ſollen, dies aber 
im Grunde interminabel iſt, ſo iſt eigentlich unſerem Aufenthalt 
hier kein Ende abzuſehen. Ich habe heute dem Staatskanzler ge— 
ſchrieben, ob er es nicht für beſſer hält, mich nunmehr nach Paris 
gehen zu laſſen und das noch Abrige Küſter zu übergeben. Ich 
zweifle zwar, daß er es tun wird, allein gut wäre es im Grunde. 
Ich komme noch einmal auf Gneiſenau zurück. Es iſt unbe— 
zweifelt gewiß, daß ſein Entſchluß ihm leid tut, man ſagt ſogar, 
er hätte den Abſchied nur in einer Art Hypochondrie gefordert. 
Man hat ihm jetzt, wie ich höre, auch ſeine Beſoldung genommen, 
und die definitive Ernennung Hakes tut ihm weh. Man hat 
höchlich unrecht, wenn man ihm nicht eine goldene Brücke baut, 
um ihn wieder nach Coblenz zu bringen. Er war in den höchſt 
zweckwidrig und ungeſchickt behandelten Rheinländern der einzige 
Menſch, der die Leute wieder mit Preußen recht verſöhnte und 
Hoffnung erhielt,. Seinem Nachfolger wird das nicht glücken. 
Dies alles ganz unter uns. Mein perſönliches Verhältnis glaube 
ich mit Gneiſenau durch ein ſehr gemeſſenes aber immer gleich 
freundliches Betragen feſtgeſtellt zu haben. Er hat auch hinter 
meinem Rücken ſehr gut von mir geſprochen. Du wirſt das noch 
mehr befeſtigen, und ich bitte Dich recht eigentlich darum, ſüßes 
Kind. Man muß ſich immer an das weſentlich Gute halten, und 
das liegt doch in einem Mann, wie Gneiſenau iſt. Man muß 
auch jetzt dieſe Menſchen doppelt aufſuchen, um ſich von den 
Schlechten abzuſcheiden. Ich trage in meinem Inneren gar keinen 
Haß. Aber im Handeln, und am meiſten im politiſchen, iſt die 
287 


Abſtoßung ebenſo wichtig als die Anziehung. Abrigens wundert 
es mich gar nicht, wenn Gneiſenau mit ſeinem Zurückziehen nicht 
eigentlich zufrieden iſt. Er gehört zu denen, die viel im Außern 
leben und von bloßen Ideen wohl keinen anſchaulichen Begriff haben. 

Ich habe vor einigen Tagen Ferber“), den Geheimrat aus 
Berlin, hier geſehen und weitläuftig geſprochen, d. h. ich habe mir 
von ihm erzählen laſſen. Ich liebe ihn eigentlich nicht. Er hat 
gar nichts Vertrauenerweckendes, faſt etwas Hämiſches in den 
Geſichtszügen. Er mag daher, da er nicht eben zufrieden ſcheint, 
wohl vieles übertreiben. Aber er hat mir doch auch eine Menge 
Tatſachen geſagt, die mir gezeigt haben, daß es mit dem Staat 
gar nicht gut ſteht. Seiner Beſchreibung nach gehen die Finanzen 
nur durch die außerordentlichen Einkünfte, und auch durch dieſe nur, 
inſofern man ſie im voraus an Juden und Bankiers mit unge⸗ 
heuren Opfern verkauft. Man ſcheint ſchlechterdings die Lage des 
Staates im Ganzen nicht genug ins Auge zu faſſen, ſondern 
überall zu ſehr beim einzelnen ſtehen zu bleiben. Das muß das 
Gebäude untergraben. Mir kommt der jetzige Zuſtand wie ge- 
tünchte Gräber vor. Dabei glaubſt du nicht, wie der preußiſche 
Name im Ausland ſinkt. Es iſt höchſtens noch die Achtung der 
Furcht da. Sprich indes auch davon nicht. Ich halte mich in meiner 
Muſchel, und wenigſtens ſoweit die reicht, wird Preußen geachtet. 

Lebe wohl, mein innig und ewig geliebtes Herz. 

Apropos! Hier iſt eine Ariadne von Dannecker). Gott 
weiß, daß ich die Magerkeit nicht liebe und die Nacktheit nicht 
haſſe, aber die Ariadne iſt zu dick und zu nackt. 


*) Nationalökonom. 

*) Johann Heinrich v. Dannecker, geb. 1758, + 1841. Bildhauer. 
Seine Ariadne auf dem Panther, 1806 begonnen, im Bethmannſchen Garten 
in Frankfurt a. M. 


288 


135. Humboldt an Caroline Frankfurt, 19. Julius 1816 


— 


‘le n° fahre heute nach Homburg, liebe Li, um die Fürſtin 
BS) von Rudolftadt*) dort zu ſehen und da zu eſſen. Sie 
cſcheint auch außer der Trauer über den Sohn ſehr ſchwer⸗ 
mütig geſtimmt. Aberhaupt iſt es wunderbar, daß bei faſt allen 
Menſchen, die ſelbſt nachdenken, wie eine ſchwüle Gewitterluft die 
Gemüter drückt. Man hätte ſich nach ausgemachtem Kampf, nach 
errungener völliger Anabhängigkeit froh aufſtrebenden Mut gedacht. 
Allein gerade der fehlt. Ich kann es mir wohl erklären. Einmal 
läßt jede große begangene Tat, die doch nie ohne viel Anglück, 
große Verluſte übergehen kann, in der Seele eine Anruhe und 
etwas den leichten Lebensmut Hinderndes nach ſich. Dann hat 
man, wie man die Dinge nun wieder in ein ruhiges Gleis gebracht 
hat, zwiſchen dem Alten und Neuen geſchwankt und notwendig 
ſchwanken müſſen. Jetzt will nichts recht zuſammen paſſen, und 
man faßt auch nichts mit rechtem Vertrauen an. Endlich aber iſt 
es doch immer mehr in dieſer Zeit eine phyſiſche Amänderung, als 
eine Amkehrung des Inneren der Menſchen ſelbſt geweſen, und 
man wird es bald ſehen, daß ſie im Grunde dieſelben ſind, die ſie 
unmittelbar vor der Abermacht des Feindes waren, und daß die 
große Begebenheit nur dazwiſchengetreten iſt wie ein Geſpenſt, 
das viele ſchreckt, und in der viele mit geiſterartiger Wildheit 
fortſpuken, als müßte es in der Welt nun nichts geben, als wieder 
ſolche Kriege, als müßte man nichts tun, als ſich auf ſolche Kämpfe 
rüſten. So iſt einmal die Ruhe aus dem Leben gewichen und 
kehrt wenigſtens fürs erſte nicht zurück, und da man nun auch der 
Anruhe kein feſtes und ſicheres Ziel des Strebens ſieht, ſo muß 


*) Caroline Luiſe, Prinzeſſin von Heſſen-Homburg, geb. 1771, + 1854, 
ſeit 1807 Witwe des Fürſten Ludwig Friedrich von Schwarzburg-Rudol— 
ſtadt, Regentin für ihren Sohn bis 1814. 

Humboldt⸗Briefe. V. 19 289 


eine gewiſſe Bangigkeit, wenigſtens ein dumpfes Erwarten die Ge- 
müter der Nachdenkenden einnehmen. 

Die Fürſtin von Rudolſtadt hat mir ein paarmal hierher 
geſchrieben, allein Du glaubſt nicht wie traurig. Ich freue mich 
ſehr, ſie zu ſehen. Wenn ich bedenke, wie harmlos ſie ehemals 
war. Ich erinnere mich noch immer, wie wir, da ſie ihr erſtes 
Kind hatte, in Rudolſtadt waren, und ich von ihr Abſchied nahm, 
und ſie, ſo gar an nichts anderes denkend, an der Wiege des 
Kindes ſaß. 

Mit mir ſind ſie bald zufrieden, bald aber auch höchſt unzu⸗ 
frieden geweſen. Es geht in ſolchen Dingen ſelten anders. Indes 
ſcheint mir doch die Zufriedenheit das letzte geweſen zu ſein, und 
wenigſtens liegt es nicht an mir, wenn es anders iſt. Da muß 
man ſich denn in den Mantel ſeiner Tugend hüllen. Es wäre in 
Homburg viel angenehmer, wenn man in einer Familie und nicht an 
einem Hofe wäre. 

Ich bin ſeit Pappenheims Abreiſe faſt von allen Geſchäften 
frei, ich habe alles aufgearbeitet und werde zu anderen Beſchäf⸗ 
tigungen übergehen können. Du glaubſt nicht, wie mich das ſtille 
Leben anzieht, ſelbſt bei unintereſſanten Arbeiten. Ich kann dabei 
ohne Schaden oft an ſehr andere Dinge denken, das zieht mich 
viel weniger als die Menſchen vom inneren Leben ab. 


136. Caroline an Humboldt Karlsbad, 24. Julius 1816 


Mein teures Herz! 
neiſenau iſt den Sonntag angekommen und hat mir Deine 
Nummer 117 gleich einige Stunden darauf gebracht. 


ſehr freundlich miteinander geſprochen. Wir ſind dann den Montag 
290 


lang in den Bergen zuſammen ſpazieren gegangen und haben man- 
cherlei verhandelt. Ich habe ihn immer ſehr gern gemocht, und 
ebenſo jetzt. Es fand ſich, daß Gabrielle ſeine Agnes ſchon kannte, 
ſie kam manchmal mit anderen Geſpielinnen aus dem Luiſenſtift. 

Ich bin, geliebtes Herz, in allem mit Dir einverſtanden, was 
Deine letzten Briefe enthalten. Wie innig freue ich mich, in trau- 
lichen Geſprächen mein ganzes Denken und Gemüt wieder gegen 
Dich ausſprechen und ich möchte ſagen austauſchen zu können. 
Niemand, wie ſehr weiß ich es, niemand verſteht mich ſo wie Du. 

Ich reiſe Donnerstag, den 1. Auguſt, in aller Frühe ab, und 
wenn das Wetter gut bleibt, wie es Gott ſei Dank ſeit drei Tagen 
iſt, ſo komme ich vielleicht ſelbigen Tags über Eger hinaus. Sei 
überzeugt, daß ich auch noch jetzt, ſo ſehr es mich ennuyiert, den 
ganzen Auguſt bleiben würde, wenn der Arzt es verlangte, allein 
ich glaube nicht. Carolinens Ausſehen hat ſich gehoben, aber eine 
Wunderkur, eine totale Veränderung iſt es nicht, es iſt als ob 
die Gegenwirkung fehlte, die freilich aus dem Körper des Kranken 
hervorgehen ſoll. Ach, meine Seele, Dir brauche ich es nicht zu 
ſagen, wie ſchmerzlich mir das alles iſt, wie ihr Leiden mich mehr 
herabſtimmt als eigenes. 

Der Staatskanzler reiſt den 30. ab. Er ſieht viel wohler 
aus, und in der Familie finden ſie, daß auch ſeine Taubheit etwas 
abgenommen hätte. Er ſagte mir, er glaube, Du werdeſt im Sep- 
tember reiſen können. 

Wenn Caroline ſich wohl fühlt, fo käme ich ſchon den 5., 
ſonſt den 6. bei guter Zeit an. Ach, wie unausſprechlich freue ich 
mich, Dich wiederzuſehen! Auch die Kinder ſind voll inniger 
Freude. 

Nun Adieu, Du liebes, beſtes Herz. Ewig Deine Li. 


19* 20% 


137. Humboldt an Caroline Frankfurt, 26. Julius 1816 


In Karlsbad muß es wirklich ſehr langweilig fein, wie ich 
es immer behauptet habe. Ich müßte wirklich erſt beſonders 
matt von Krankheit werden, wenn ich es je brauchen 
ſollte. Jetzt klagt alles über Langeweile, Du, der Staatskanzler, 
Jordan, die Cüſtine. Ich begreife nur nicht, warum Ihr euch nicht 
untereinander amüſiert. Sage ihnen nur das. Wenn ich da wäre, 
würde das die Partie ſein, die ich ergriffe. Es hilft nichts ſo 
gegen den Ennui, als ſich auf einmal zu amüſieren. Hier bei mir 
iſt es gar nicht fo weit gekommen, daß man Langeweile und Amüſe⸗ 
ment unterſcheiden könnte. Das Leben hat hier nur eine Farbe 
und ſchleicht ſo hin. Wenn Du hier biſt, amüſiere ich mich immer. 
Denn ich habe eine ſolche Sehnſucht, die lieben Züge Deines Geſichts 
zu ſehen, daß ich mir jetzt nichts denke als dies. Das ſtille An⸗ 
ſchauen deſſen, was man liebt, iſt das Höchſte im Leben und hat 
eine wahrhaft himmliſche Kraft. 

Wegen eines Klaviers und Singens wenigſtens habe ich mit 
Flemming geſprochen, der nie einen Tag verlebt, ohne über eine 
Gitarre oder Flöte zu ſpielen oder zu pfeifen, eine Muſikgattung, 
die er ganz eigen geſchaffen haben ſoll. Er wird Nat fchaffen. 
Die Cüſtine wird Dir ſagen, daß er ganz eigentlich viel Talent 
für die Muſik hat. Aberhaupt iſt recht viel Genialiſches in ihm, 
und es tut mir leid, daß er vermutlich nach Braſilien geht. Doch 
paßt es wieder auch für ihn, und individuell für ihn iſt es beſſer 
als eine gewöhnliche europäiſche Geſandtenſtelle. Er freut ſich ſehr 
auf Deine Ankunft. 

Du ſagſt beim Agamemnon, daß ich zu nachſichtig gegen alles 
Eigene bin. Das iſt aber eine glückliche Eigenſchaft. Man fordert 
dann nichts von andern und hat darum alles, ſonſt immer wenig. 
Mit der Aberſetzung haſt Du gar nicht unrecht. Die gelbe Ausgabe 
292 


hat unleugbar Vorzüge, aber ſolche Mängel auch, daß fie nicht 
zu drucken war. Von dieſen iſt die jetzige frei, aber es mag ihr 
wohl manchmal an Geſchmeidigkeit abgehen. Das beweiſt nur, 
daß das Ganze nicht vollkommen geglückt iſt, was auch ſehr natürlich 
war, da es nur hätte glücken können, wenn ich mit der Kenntnis, 
die ich jetzt habe, wäre an die friſche, noch unverſuchte Arbeit ge— 
kommen. Es iſt wie mit dem Leben ſelbſt. Man kann die Jugend 
und das Alter tadeln, und man muß daher auf nichts viel geben, 
was man tut oder hervorbringt, ſondern immer nur auf das, was 
in einem ſelbſt dadurch wird. Meine jetzige Aberſetzung erhält 
einigen Wert durch die Einleitung. Sie hängt mit dieſer innig 
zuſammen und iſt wie ein Beleg dazu, und die Einleitung deutet 
auf Ideen, die man immer wird beachten müſſen. 

Seitdem die Sachen mit Darmſtadt abgemacht ſind, genieße 
ich einer großen Ruhe. Es kommen nur ſo die gewöhnlichen Ge— 
ſchäfte, die großenteils Bülow und Flemming abmachen, die ſehr 
gut arbeiten, ich ſelbſt brauche ein paar Abendſtunden dazu und 
bin den übrigen Tag frei, ſo daß ich viel ſtudiert und geleſen habe. 
Wie lange dieſer Zuſtand dauern wird, iſt ſchwer zu beſtimmen. 
Ich ſchrieb Dir neulich, daß ich Schritte getan hätte, um ihn ab— 
zukürzen. Auch iſt es mir trotz meiner wenigen Zuneigung zu 
Paris ernſtlich jetzt darum zu tun, daß der Aufenthalt nicht mehr 
zu lang ſei. Im ſpäten Herbſt wäre es faſt unmöglich, daß Du 
mit den Mädchen dies Haus bewohnteſt. Es iſt von einem ſolchen 
Zuge, daß z. B. in der Eßſtube, wie irgend ſtarker Wind iſt, die 
Spiegel wie die Gardinen hin und her gehen. Es einen Winter 
hindurch zu bewohnen gehört eine feſte Geſundheit dazu. 

Ein zweiter Grund, warum ich nicht hier bleiben möchte, iſt der 
Bundestag. Ich kann unter den jetzigen Amſtänden ſchlechterdings 
keinen Anteil daran nehmen, und mein Entſchluß iſt darüber ſo feſt, 
daß ich, wenn man es wollte, es lieber auf das Außerſte ankommen 

293 


laſſen würde. Ich hänge doch aber mit allem was ihn betrifft 
einmal ſehr enge zuſammen, da ich in Wien beſtändig darin ge⸗ 
arbeitet habe. Es würde alſo ſehr unbequem ſein, ihm, wenn er 
jetzt in Tätigkeit kommt, ſo nahe zu bleiben. 

Wie es übrigens damit von unſerer Seite werden ſoll, weiß 
noch der Himmel. Lord Clancarty*) hat mir geſtern gelegentlich in 
einem Billett geſchrieben, daß er noch einmal jemand nach London 
ſchickt, um ſeine Söhne, die dort in einem Collegium ſind, hierher 
kommen zu laſſen, damit ſie die Ferien hier mit ihren Geſchwiſtern 
zubringen. Dies hat mir einen wahren Schrecken gemacht. Er 
muß notwendig die Idee haben, daß die Sache hier noch Monate 
dauern wird. 


138. Humboldt an Caroline Frankfurt, 2. Auguſt 1816 


, Teese Zeilen hoffe ich durch die Gräfin Woronzow, dieſelbe, 
2 die in Rom und Wien war, noch in Deine Hände zu 

Al bringen. Sie muß, meiner Rechnung nach, Dich in oder 
um m Würzburg finden. Da Du doch vielleicht am 5. morgens in 
Aſchaffenburg eintreffen könnteſt, ſo gehe ich übermorgen dahin 
und bringe Flemming, der Dir ja nicht unlieb iſt, mit. Er kann 
dann zurück mit den Mädchen fahren, und wir beide in meinem 
Wagen. Ich freue mich, wie ich es Dir nicht beſchreiben kann. 
Morgen muß ich noch zu einem Ball bei Otterſtedt“) zu des 
Königs Geburtstag. Die großen Herren müßten zur Welt kommen, 
ohne geboren zu werden. Lebe innigſt wohl, meine einziggeliebte 
Seele. Alſo Montag ſehe und umarme ich Dich gewiß. Tauſend 
Grüße an die lieben Mädchen. Ewig Dein H. 

* 


* 


— * 

) Engliſches Mitglied der Territorialkommiſſion. 

*) Joachim Friedrich v. Otterſtedt, geb. 1796, + 1859. Preußiſcher 
Geſandter in Darmſtadt. 


294 


Am 6. Auguſt kam Frau v. Humboldt mit den Töchtern in Frankfurt 
an, und fünf Monate ſchönſten Zuſammenſeins waren dem Paar dort ver- 
gönnt. In dieſe Zeit fällt auch die Verlobung der jüngſten Tochter Gabriele 
mit Humboldts neuem Legationsſekretär, Heinrich v. Bülow, eine Verbindung, 
die des Vaters wunderbares Ahnungsvermögen ſchon vorhergeſehen hatte. 
Der Mutter Briefe an Adelheid Hedemann“) laſſen uns Blicke in jene für 
die Familie beſonders ſonnige Zeit tun, die nur allzu ſchnell verſtrich. 

Nachdem Humboldts Geſchäfte in Frankfurt endlich abgeſchloſſen 
waren, ging er mit den Seinen nach Berlin, wohin ihn Hardenberg interi— 
miſtiſch berufen hatte. Da indeſſen Humboldts Beſtimmung als Ge— 
ſandter nach England ſchon feſtſtand, die Arzte dagegen auf eine Kur in 
Ischia für die Tochter Caroline drangen, ſo reiſte Frau v. Humboldt mit 
den Töchtern und dem Hedemannſchen Paar Mitte April 1817 nach Italien 
ab, und es beginnt abermals eine lange Trennung, durch die uns der 
Briefwechſel des Ehepaars wieder begleitet. 


) Vgl. „Gabriele v. Bülow, ein Lebensbild“. 14. Aufl., Berlin 1911. 
E. S. Mittler u. Sohn. 


295 


Dritter Abſchnitt. 


Von Frau v. Humboldts Abreiſe nach Italien 
bis zu Humboldts Aberſiedelung nach England 


April bis September 1817 


139. Humboldt an Caroline Berlin, 17. April 1817 


e Brief kann zwar erſt Sonnabend ab- 
gehen, aber es iſt mir ſo wund ums Herz nach 
Dir, liebe einzige Seele, daß ich Dir ſchon heute 
erben muß. Die bange Zeit, die uns wieder 

— 0Oooreinander trennt, hat angefangen, ich ſitze hier 
am Abend einſam und allein in unendlicher Stille und denke 
Deiner mit herzlicher, wehmutvoller Liebe. Wenn Du nur 
glücklich in Burgörner angekommen biſt, und Caroline wenigſtens 
nicht mehr gelitten hat. 

Ich bin die beiden Tage ſeit Deinem Weggehen entſetzlich 
geplagt geweſen. Geſtern wo ich ſchon eben nur zurückgekommen 
war, eine Konferenz halten und ausziehen mußte, kam zu allem 
Wirrwarr noch ein Diner beim König wegen des Großfürſten hinzu, 
heute war am Morgen bei dieſem Cour und dann ein Mittageſſen 
296 


bei Schuckmann'), dazwiſchen auch eine Konferenz. Beide Konfe— 
renzen waren die wichtigſten, die wir noch bisher hatten, die Mei⸗ 
nungen ſtanden ſich ſehr ſchroff entgegen, ich habe aber durch 
Feſtigkeit und einige gute vereinigende Manöver es auf ein Re— 
ſultat gebracht, mit dem alle zufrieden ſind. Es war nämlich die 
Rede von einer Prüfung aller Einnahmen und Ausgaben, und 
ich bringe es dahin, daß ſie geſchehen wird, nur auf eine ſanftere 
und beſſere Manier als einige wollten. Die Dinge ſind in großer 
Bewegung, und es müßte wunderbar und ſchlimm zugleich ſein, 
wenn es ohne ein heilſames Refultat bliebe. Ich arbeite fo viel 
ich kann zu dieſem hin, nur muß es mit Langſamkeit und Bedacht 
geſchehen, ſonſt läuft man Gefahr mehr zu verderben als man 
gut macht. 
Den 19. 
Seit einigen Tagen geht hier das einfältige Gerede, ich wollte 
und würde Finanzminiſter werden; der), welcher Gabrielen fo 
anlag einen Preußen zu heiraten, hat mir ſehr ernſtlich dazu ge— 
raten, und der jetzt die Stelle hat““), ſcheint fic) davor zu fürchten. 
Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß man da, wo es entſcheidend 
wäre, nicht einmal daran denkt, und ebenſowenig, daß ich es nicht 
annehmen würde. Ich werde nie im fünfzigſten Jahr in ein ganz 
neues Fach übergehen. Wie ich jetzt darin ſtehe, kann ich Gutes 
wirken und was ich tue verantworten. So habe ich auch, als die 
Rede darauf kam, den ganzen Staatshaushalt zu unterſuchen, dies 
in ein gutes Geleis gebracht, und dieſe Sache wird jetzt mit Ernſt 
und mit Vorſicht abgemacht werden können, wenn man fic) ordent- 
lich dabei nimmt. Einen wirklich nicht üblen calembour haben die 
Berliner auch gemacht. Sie ſagen, ich müßte übers Meer gehen, 
*) Vgl. S. 113. 


*) Gneiſenau. 
* Graf Bülow. 


weil ich nicht über den Jordan kommen könnte. Es iſt wirklich 
ſehr gut. 

Lebe wohl, innigſt wohl, teures, herzlich geliebtes Weſen. Es 
iſt der erſte Brief nach unſerer Trennung. Wann werde ich den 
letzten ſchreiben? Amarme alle, die Dich begleiten. Ewig Dein. 


140. Caroline an Humboldt Burgörner, 18. April 1815 


9 
ey 


Ich bin geftern abend um 5 Ahr glücklich hier angekommen, 
“hi ; geliebtes Herz. Ich kann und mag Dir gar nicht fagen, 
— wie weh mir der Abſchied von Dir, mein teurer lieber 
Wilhelm, getan hat. Ich bin wohl nie gern von Dir gegangen, 
doch war es mir diesmal noch ganz eigen bitter. Deine Liebe, 
Deine gleich ſtete Zartheit und Sorgfalt für mich, wie ſollte ich 
ſie nicht auf ewig in meiner Seele tragen? Die letztverfloſſenen 
acht bis neun Monate ſind für mich ſo ſchön, ſo harmoniſch, ſo einzig 
ſüß vergangen, daß man kaum weiß, was man dem Schickſal noch 
für eine Gunſt aberflehen ſoll. Carolinens wiederkehrende Gefund- 
heit, des armen Theodor ernſtliches Wenden zu einfachen und er- 
freulichen Geſinnungen, das bleibt mir zu wünſchen übrig. Ich 
ſage des armen Theodor, denn wirklich kommt er mir in dieſer 
Verſchrobenheit rein unglücklich vor, und das Herz zergeht mir in 
Wehmut, wenn ich denke und denken muß, daß ſelbſt ſolche treue 
Liebe wie Mutterliebe das Anwahre und Verkehrte nicht von ihm 
abnehmen und ihn dem wirklich heitren Leben, dem er durch Alter 
und Verhältniſſe entgegengeht, zurückgeben kann. 

Lebe wohl! Allen Freunden tauſend Schönes, allen, Larochens 
vorzüglich. Ewig Deine treue Caroline. 


298 


141. Humboldt an Caroline Berlin, 24. April 1817 


Ach fuhr geſtern um / auf 6 Ahr von hier nach Pots- 
dam, um den lieben kleinen Hermann“ zu beſuchen. In 
po Glienicke hielt ich mich nur eine halbe Stunde auf, um 
mit dem Kanzler zu ſprechen. Ich fand ihn beim Frühſtück. Er 
war ſehr freundlich und grüßt Dich ſehr. 

Es ſind, ſeitdem Du weg biſt, ſehr lebhafte Debatten geweſen, 
nicht ohne Seelenmotion für viele. Es iſt wirklich ſehr intereſſant, 
den Sitzungen beizuwohnen. 


26. 

Ich habe durch Bülow Deine Briefe erhalten, geliebte Seele. 
Beide haben mich aufs tiefſte gerührt. Du biſt ſo unendlich gut 
und lieb, teure, einzige Li, daß Worte es nicht zu ſagen vermögen. 
Du mußt es in jedem Moment gefühlt haben, wie unbeſchreiblich 
glücklich mich die Monate des Zuſammenſeins mit Dir gemacht 
haben. Ich habe mich nie froher und heiterer gefühlt. Ich bin 
immer und zu jeder Zeit unendlich glücklich mit Dir geweſen, und 
ich kann es auch nur der vorangegangenen langen und bitteren 
Trennung zuſchreiben, daß mir dieſer letzte Zeitraum noch ſchöner 
und wohltätiger ſchien. Du warſt ſo über jeden Ausdruck lieb 
und gut mit mir, und ich weiß keinen Tag, keine Stunde zu 
nennen, in der nicht dies Gefühl aufs neue in mir lebhaft geworden 
wäre. Anſere jetzige Trennung hat auch mich ſehr tief ergriffen, 
liebe Seele, das glaube mir gewiß, es iſt mir ja alles genommen, 
was mich beglückend umgab, aber es iſt mir doch tröſtlich, Dich 
in dem himmliſchen Lande, mitten in wehmütigen und heiteren 
Erinnerungen zu wiſſen. Es kommt mir auch vor wie eine Pilgrim: 
ſchaft zu den Gräbern der geliebten Kinder, die ſo lange in der 
Fremde allein waren, es wird in Deinem Gemüt auf lange wieder 
einen Schatz beglückenden Andenkens zurücklaſſen. 

) Vgl. S. 188. 
299 


Im Deutſchen Beobachter hat ein eigener Artikel über 
meine angebliche Reife nach Sachſen geſtanden, die nun dadurch 
erklärt iſt, daß ich Dich begleitet hätte, ſo daß Deine Reiſe nach 
Italien erwähnt iſt. Ich bin, wie gewöhnlich, auf die doppelſinnige 
Art gelobt, es heißt unter anderem, daß ich mit meinen kühlen 
und hellen Augen überall Licht verbreitete. Die Leute ſind ſehr 
albern. Gottlob, daß Du und ich wiſſen, wie es mit mir ſteht. 

Lebe innigſt wohl! Amarme Adelheid und die Mädchen und 
Auguſt. Die arme, liebe kleine Gabriele! Tröſte ſie auch von 
meinetwegen, ich werde ſchon für Bülow ſorgen. Ewig Dein H. 


142. Humboldt an Caroline Berlin, 2. Mai 1817 


deute eſſe ich beim Kanzler. Die Morgen nehmen jetzt 
ganz regelmäßig die Konferenzen hin. In dieſen geht 

ee nicht ohne manchen Sturm ab. Was am Ende aus 
der Sache werden wird, iſt noch ſchwer, ja eigentlich gar nicht ab- 
zuſehen. Aber noch neulich ganz im Vorbeigehen ſprach der Kanzler 
ſo recht von London, daß man ſah, daß er keine andere Idee hat, 
und es geht auch nicht anders. Man kann mich hier nicht wollen, 
und ich kann vernünftigerweiſe keine Schritte dazu tun. 


Den 3. 

Ich komme eben aus der Konferenz, liebe Li. Dieſe Woche 

iſt in Konferenzen furchtbar geweſen, alle Tage, den einzigen Bußtag 

ausgenommen, die ganzen Vormittage. Der Staatskanzler iſt zwar 

nicht eigentlich krank, allein er leidet doch faſt unausgeſetzt an 

Schmerz im Hinterkopf. Dieſer Schmerz dauert nun ſchon 

wochenlang, ohne eigentlich je ganz zu weichen. In dieſen letzten 

Tagen aber war er ſo heftig, daß er ihn hinderte zum König zu 
300 


Laas 
7 e 


gehen. Ich rechne für ſeine Geſundheit auf das nunmehr kommende 
beſſere Wetter. Aber im ganzen iſt es immer ſehr ſchlimm mit 
ihm und den Sachen, da doch auf dieſe Geſundheit bei ſeinem 
Alter kein ſicheres Vertrauen zu ſetzen iſt. Ich ſage mir ſehr oft 
mit Falſtaff, nämlich in Beziehung auf mich: Ich wollt' es wäre 
Schlafenszeit und alles alles aus. Ich kann, wie ich die Sache 
ſehe, nicht mit Heiterkeit in die Zukunft blicken, und habe auch 
kein Gemüt dafür, mich abzuſondern, was ich freilich ſehr leicht 
könnte. So geht man denn ſo fort von Tag zu Tage, und Woche 
zu Woche und Jahr zu Jahr. Es liegt etwas Wüſtes und Irres 
in der Zeit, das mir ſehr zuwider iſt. 

Mir ſelbſt iſt es, Deine Trennung abgerechnet, kaum je beſſer 
geworden. Gute äußere Amſtände, eine gelingende Tätigkeit und 
Abereinſtimmung in dem, was ich tue, mit denen, die täglich Zeuge 
davon ſind. Das iſt alles gut, aber ich weiß nicht, mir iſt doch 
nichts weniger als heimlich. Es iſt immer, nicht in unſeren eigenen 
häuslichen Dingen, aber im Ganzen und Großen als wäre etwas 
verborgen, was auf einmal losbrechen würde, oder als ſinke, was 
beſteht, ſo allmählich und unvermerkt ineinander, ohne daß ein 
Halten oder Verbeſſern dabei wäre. 

Den 6. 

Dieſe erſten Frühlingstage wirken immer ſehr eigen und ſtimmen 
weicher und ſehnſuchtsvoller. Wieviel gäbe ich darum, Dich heute, 
wo Du nun gerade ſein magſt, ſehen und auch nur einige Stunden 
mit Dir bleiben zu können. Der Anblick Roms und des Gebirges, 
das wir als wir kamen noch gar nicht kannten, und das uns nur 
ſo wegen ſeiner Form ins Auge fiel, wird Dich unendlich ergreifen. 
Es kommt einem immer vor, als hingen die Schickſale des Lebens, 
die einem an einem Orte begegnen, an den Amriſſen der Gegend, 
die ihn umgibt. Das iſt überall wahr und nun in Rom und für 
uns! Gedenke ja meiner, liebe, teure Seele, wenn Du den Albaner 

301 


Berg zuerſt ſiehſt. Daß, was dem Herzen fo nah iſt, in der 
Wirklichkeit ſo fern ſein kann! And doch hängt daran das Tiefſte 
im Glück und im Anglück des Lebens. Lebe wohl, mein innig⸗ 
geliebtes Herz. Ewig mit ganzer und inniger Seele Dein. 


143. Caroline an Humboldt Innsbruck, 3. Mai 1817 


Iſiir find glücklich und bei dem allerſchönſten Wetter hier an- 
5 gekommen. Eine Stunde hinter Seefeld verließ uns der 
iw [Schnee auf dem Wege, wo die Straße fo tief nach 
Zell herunterfällt. Wir haben uns hier, nachdem wir uns um⸗ 
gezogen und gegeſſen hatten, ſehr herumgetrieben. Bei den Franzis⸗ 
kanern habe ich doch mit ſehr großer Freude das Grabmal Kaiſer 
Maximilians und die vielen bronzenen Statuen wiedergeſehen. 
Ich habe es, dünkt mich, erſt diesmal recht verſtanden. 

Wir gehen morgen weiter, und ich glaube kaum, daß ich vor 
Bologna einen Brief bekomme. Du liebes, treues Herz, ich ſehne 
mich doch wieder ſo danach. Ach, wo ſind die ſüßen Stunden, die Du 
mit Deiner unnachahmlich, unerſchöpflich guten Laune erheiterteſt und 
belebteſt! Wann kommen fie wieder? Ich komme mir ganz ver⸗ 
laſſen, ganz verwaiſt vor. 

Jacobi“) und ſeine Schweſtern ſah ich in München, nachdem 
ich meinen Brief an Dich geſchloſſen hatte. Ich war mit Carolinen, 
Gabriellen und Adelheid dort. Er war ganz außerordentlich erfreut, 
mich und die großgewordene Caroline (die einzige, die er kannte) 
zu ſehen und die beiden jüngeren kennenzulernen. Er hat ſich 
eigentlich für 20 Jahre wenig verändert, und da er alle Vorder⸗ 
zähne erhalten hat, ſo iſt ſein Geſicht gar nicht verfallen. Er hat 

*) Friedrich Heinrich Jacobi, geb. 1743, + 1819. Philoſoph. Vgl. 
Bd. III., S. 6f. 

302 


den ſchönen edlen Ausdruck feiner Züge erhalten, der einen fo 
tiefen Eindruck machte. Dich grüßt er tauſendmal und läßt Dich 
um Verzeihung bitten, daß er Dir nicht geantwortet hat. Seine 
Augen ſind ſo ſchwach, daß er immer ein Käppchen mit einem 
Schirm tragen und gegen das Licht ſitzen muß. Er ſprach mit 
Bewunderung von Deinem Agamemnon und mit Liebe von Dir. 


Verona, 7. Mai 


Ich bin nicht wieder zum Schreiben gekommen. Den 4. ſind 
wir von Innsbruck bis Sterzing gegangen. Nirgends waren Poſt— 
pferde, und die, die wir fanden, beinahe verhungert. Es iſt in 
der Gegend des Tirols eine Art Hungersnot. Den 5. gingen wir 
bis Bozen, den 6. bis Roveredo, und heute hierher. Wir bleiben 
morgen und gehen übermorgen nach Padua und Venedig. Hier 
habe ich gleich nach Briefen von Dir auf der Poſt zufragen 
laſſen, aber keine bekommen. Ich bin ſo verlangend danach. 
Ich kann Dir nicht mit Worten ſagen, wie Du mir fehlſt, 
je mehr mich etwas freut, je ſchöner ich es finde, je mehr 
wünſche ich Dich zu mir. Ich weiß nicht, ob ich vor 15 Jahren, 
als ich mit Dir durch dieſelbe Gegend kam, in der großen 
Reiſefregatte die Gegend nicht ſo geſehen habe, aber ihre 
Schönheit hat mich diesmal noch bei weitem mehr frappiert. 
Einiger Punkte erinnerte ich mich indeſſen ganz klar. Aberhaupt 
iſt die Reiſe eine einzige Erinnerung an Dich, mein teurer, geliebter 
Wilhelm. Es liegt das Andenken jener Zeit, die Gegenwart und 
dazwiſchen die Jahre, die nur ein Gefühl Deiner Liebe, Güte, 
Deiner Nachſicht und Deiner Sorgfalt für mich enthalten, mir 
lebendig in der Seele. 

Mit meiner Geſundheit geht es ſeit einigen Tagen beſſer, und 
ich huſte auffallend weniger, ſeitdem ich über den Brenner bin 
und es warm iſt. In München ging es mit Carolinen ſehr ſchlimm, 

303 


allein feit wir die Berge hinter uns haben, ſcheint auch fie durch 
den Einfluß der Luft zu gewinnen. Die Geſichtsſchmerzen haben 
abgenommen, ihre Heiterkeit hat aber beim erſten Wort Italieniſch 
ſo auffallend zugenommen, daß Auguſt ſagt, er hätte ſie noch 
gar nicht ſo geſehen. 

Nun lebe wohl, mein teures Herz. Wir wollen nun unſere 
Pflicht tun und Veronas Merkwürdigkeiten ſehen. Ewig Dein 
und tauſend Grüße der Kinder. Wie ſehr habe ich am 5. Wil⸗ 
helms gedacht. Ach Gott! 


144. Caroline an Humboldt Venedig, 11. Mai 1817, abends 


An Verona habe ich noch eine recht unerwartete Freude 
gehabt. Nachdem ich meinen Brief an Dich geſiegelt 
und durch Peter auf die Poſt geſandt, brachte er mir 
Deine lieben Zeilen vom 29., die auch ein Briefchen von Bülow 
für Gabrielle enthielten. a Freude war um ſo größer, da 
wir die Hoffnung aufgegeben hatten. Tauſend Dank, meine liebe, 
ſüße Seele! Ach ja, Italien grüße ich recht in Deiner Seele. 
Wer hat ſeinen Reiz, ſeine Tiefe mehr empfunden wie Du!? Es 
iſt auch ein eigenes Gefühl, mit dem ich das herrliche Land wieder- 
ſehe. Vieles, merk ich, dringt mir erſt jetzt recht in die Seele, 
wird erſt jetzt ſo recht von mir verſtanden. Hat die Sehnſucht, 
hat die Reife des Lebens mich erſt ſo gemacht, ich weiß es nicht, 
aber alle Liebe, alle Innigkeit, der kunſtverſtändige Fleiß der großen 
Maler, ihr inneres Leben, das ſie dargeſtellt haben in unſterblichen 
Werken, dringt ſo auf mich ein, daß mich eine recht lebendige 
Ahndung jener Zeit, und, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, jener 
Form der Menſchheit übernimmt. Venedig hat mich durch ſeine 
Schönheit aufs neue unendlich ergriffen. Die Markuskirche, der 
304 


Palaſt des Dogen haben wirklich etwas fabelhaft Schönes, Wunder- 
bares, es iſt in dieſer Pracht des Materials, dieſen Säulen, Ver⸗ 
zierungen, dieſen Moſaiken, dieſem koſtbaren Fußboden, in der 
Anordnung und Beſtimmung des Ganzen etwas ganz Eigenes. 
Die vergoldeten bronzenen Pferde, der Löwe ſtehen wieder auf 
ihrem alten Platz. Ich war mit den Kindern heute oben auf dem 
Vorſprung, wo ſie ſtehen, und fand ſie ſchöner denn ehemals, wo 
ich ſie in Paris ſah. 

Von Verona ſind wir ohne beſondere Abenteuer hergefahren. 
Wir wohnen in der Regina d' Inghilterra, nahe am Markusplatz. 
Heute ſind wir vier Stunden lang in dem Palaſt des Dogen ge— 
weſen. Die meiſten Bilder, die man nach Paris mitgenommen 
hatte, ſind wiedergekommen, indes einige nicht. Man ſagt, die in 
den Tuilerien aufgehängt geweſen wären, hätte Ludwig XVIII. 
behalten. Cicognara*) habe ich hier gefunden, geſehen, und morgen 
wird er mit uns die vorzüglichſten Kirchen und Galerien ſehen, 
auch ſeine Frau war bei uns. 

Aber die Berliner Dinge ſage ich nichts, nicht daß ſie mich 
nicht intereſſierten, allein ich glaube, es iſt ſo diskreter. Den Ausſchlag 
in Deiner eigenen Lage erwarte ich, wie Du denken kannſt, mit 
großer Begierde. Ende Mais, denke ich, muß es ſich doch zeigen. 

Eine ſehr große Freude und Genuß iſt's mir, den Goethe, ſeine 
italieniſche Reiſe meine ich, auf dieſer zu leſen. Es iſt eine un⸗ 
nachahmliche Wahrheit der Empfindung, eine Tiefe der Erfaſſung 
der Gegenſtände darin, große Einfachheit und doch Schmuck in 
der Sprache. Lies es doch, geliebtes Leben. 

Den 31. Mai oder 1. Juni hoffe ich in Rom einzutreffen. 
Die Sehnſucht danach wächſt mit jedem Schritt, den ich vorwärts 

) Leopold Graf v. Cicognara, geb. 1767, + 1834, italieniſcher Kunſtſchrift⸗ 


ſteller, ſeit 1808 Präſident der Akademie der ſchönen Künſte in Venedig. 
Vgl. Bd. III., S. 5. 


Humboldt⸗Briefe. V. 20 305 


tue; wohl iſt's eine Pilgrimſchaft nach Wilhelms heiligem Grabe, 
nach des kleinen Guſtav ſtiller Ruheſtätte, und ganz fühle ich, wie 
Leben und Tod in Eins zuſammenſchmelzen. 

Bülow und Gabrielle tut dieſe Trennung, wie ſchmerzlich ſie 
beiden iſt, doch eigentlich wohl und iſt ihnen gut. Ich wünſchte, 
daß Bülow zu dem, was er treibt, noch einige Kunſtkenntnis — und 
wäre ſie auch nur geſchichtlich — hinzufügte. Einiges Schöne 
gibt es denn doch auch bei uns, und ein neuer Sinn geht dem 
Menſchen auf, wenn er einen Blick in das vereinte Streben ſo 
vieler Geiſter durch ſo viele Jahrhunderte hindurch tut und 
ewig die Kunſt als die höchſte Blüte des Lebens erblickt. Bülow 
hat eine Anlage zum Trockenen, der er jetzt in den Jahren, in 
denen er ſteht, noch entgegenarbeiten muß, ſonſt iſt es gewiß ein 
liebes, treues und inniges Gemüt. Gabrielle iſt ein gar liebevolles 
Kind, leidenſchaftlich zärtlich iſt der rechte Ausdruck für ſie. 

Larochens grüße ſehr, ich habe ſie ſehr lieb, es ſind ſo treue 
Seelen. Nun adieu für heute, teures, geliebtes Weſen. 

Ewig Deine Li. 


145. Humboldt an Caroline Berlin, 12. Mai 1817 


Ich bin überhäuft nicht ſowohl mit Geſchäften, aber doch 
mit Konferenzen, fo daß mir faſt nie ein halber Tag 
übrig bleibt. Du erinnerſt Dich, daß man in meiner 
Kommiſſion für notwendig erkannte, eine ganz neue Anterſuchung 
über den Staatsbedarf anzuſtellen, und daß auf meinen Vorſchlag 
die Kommiſſion beſchloß, ſich deshalb durch den Kanzler an den 
König zu wenden. Dieſer hat jetzt dieſe Prüfung einer eigenen 
neuen Kommiſſion aufgetragen, die aus allen Miniſtern, Schön“), 


*) Heinrich Theodor v. Schön, geb. 1773, + 1856, ſeit 1816 Ober⸗ 
präſident von Weſtpreußen. 


306 


Sack), Ladenberg**), Nother und mir befteht und beim Kanzler 
und unter ſeinem Vorſitz ſich verſammelt. In dieſer iſt ein neuer 
Ausſchuß ernannt, der eigentlich das Geſchäft machen ſoll, und in 
dem Schön, Klewitz ), Ladenberg und ich ſind. So komme ich alſo 
immer tiefer hinein, was mir indes recht lieb ſchon darum iſt, weil 
ich ſehr viel bei dieſen Arbeiten von Dingen lerne, die mir bisher 
nicht bekannt waren. 

Der Kanzler ſieht ſelbſt jetzt ein, daß er vor der Mitte des 
Junius nicht wird von hier weggehen können. Kommt kein außer⸗ 
ordentlicher Vor⸗ oder Einfall, ſo gehe ich doch nach London. 
Indes braucht mich der bekannte Paläſtinaſche Fluß als eine Art 
ſchwarzer Mann. Neulich bei einer im Departement vorgefallenen 
Anordnung hat er den Leuten geſagt, er wolle ſich nicht ärgern, 
aber ſie möchten nur warten, wenn ich käme, ich würde andere 
Ordnung halten. Es iſt ſehr ſonderbar, daß man mich für ſo 
ſtreng hält, da nicht leicht jemand ſo gutmütig und nachſichtig mit 
den Leuten umgeht, und noch närriſcher iſt es, daß man ſo über 
mich verſpielt. Ich habe ſehr lachen müſſen. Trotz dieſer angeb— 
lichen Strenge werde ich gewiß mehr geliebt ſein. Der Calembour 
mit dem Jordan wird nun fortgeſetzt. Man ſagt jetzt: Ich würde 
doch hinüberkommen, weil er anfinge, ſehr ſeicht zu werden. 

Es iſt mir unendlich einſam, mein innig und ewiggeliebtes 
Herz, und eine unnennbare Sehnſucht treibt mich oft um, daß ich 
ſtill und in mich gekehrt mitten unter den Menſchen bin. Wenn 
es Dir aber nur wohl geht, und Du Dich glücklich fühlſt im 
ſchönen Lande. Wieder zuſammen kommen wir gewiß, und dieſe 
Wiedervereinigung gibt uns ja immer auch wieder dasſelbe Glück. 


) Vgl. S. 169. 
**) Philipp v. Ladenberg, geb. 1769, + 1847, wurde 1817 Chef der 
Generalkontrolle der Finanzen. 1837 bis 1842 Staatsminiſter. 
) W. A. v. Klewitz, geb. 1760, + 1835. 1817 bis 1824 Finanzminiſter. 


20* 307 


Denn von diefer Anwandelbarkeit der Empfindung in ihre kleinſte 
und tiefſte Eigentümlichkeit hinein biſt Du gewiß überzeugt. Es 
iſt gar nicht bloß, daß man ſich immer liebt und immer gleich liebt; 
aber daß man auch immer mehr und ſteigend dasſelbe einer im 
andern entdeckt und ſucht, was einen vom erſten Augenblick an glück⸗ 
lich gemacht hat, nur daß man ſich damals weniger deſſen bewußt 
war. Aberhaupt bleibt immer das tiefſte und anziehendſte Studium 
das, was man an ſich und anderen und vor allem an denen macht, 
die man liebt. Ich würde es nie ausſprechen und ſchildern können, 
wie ich das eigentliche und wahre Daſein des Menſchen und der 
Natur in Dir geſehen und erkannt habe, und noch immerfort ſehe 
und erkenne. Anendlich vieles wäre mir ewig dunkel und unver⸗ 
ſtanden geblieben, wenn ich Dich nicht ſo empfunden und beſeſſen 
hätte. Allen Menſchen mag es wohl in gewiſſem Grade ſo gehen, 
aber mir iſt es doch vorzüglich eigen, mehr auf den Menſchen und 
die Natur als ſolche, als auf alle gemachten Verhältniſſe, wie 
wichtig ſie ſein mögen, zu achten, und ohne ändern und modeln 
zu wollen, nur eine reine Freude zu haben an dem, was iſt. Ich 
bin bei weitem mehr und in allem kontemplativ als handelnd und 
bin ins Handeln wirklich nur fo durch den Zufall geſtoßen. Darum 
hätte ich auch ſehr gern, ehe ich ſtürbe, einige Jahre bloße Rube, 
reine Abgezogenheit von den irdiſchen Dingen der Welt. Es iſt 
nicht hübſch, ſo ins Grab zu taumeln aus allen äußeren Verhält⸗ 
niſſen und Verwirrungen, und wenn Menſchen Mönche und Ein⸗ 
ſiedler werden in ihrem Alter, iſt es derſelbe nur ſich anders äußernde 
Inſtinkt. Ich habe gar keine Beſorgnis vor dem Tode, und es 
käme mir gar nicht menſchlich vor, ihn nicht, wie er iſt, mit dem 
Leben befreundet und verſchwiſtert, anzuſehen. Aber es würde 
mir ſein, als hätte meinem Leben etwas gefehlt, wenn ich nicht ſo 
eine leere, rein müßige Zeit vor ihm gehabt hätte. Dennoch muß 
man jetzt noch im Strome fort und fic) ohne Schonung und Be⸗ 
308 


ſorgnis hingeben. Ich glaube ſehr daran, daß man nicht eher 
ſtirbt, als bis man ſelbſt aus innerem Trieb, über den man frei⸗— 
lich auch nicht Herr iſt, das Leben losläßt, und ſo hat man viel⸗ 
leicht auch dies in ſeiner Gewalt. Ich weiß aber nicht, wie ich 
ſo weit abgekommen bin vom Nächſten, das uns umgibt. 

Nun lebe wohl, mein ewig liebes holdes Herz. Amarme alle 
Kinder, und denke an mich bei der Pyramide, die ich vielleicht nie 
wiederſehe. Ewig Dein H. 


146. Humboldt an Caroline Berlin, 18. Mai 1817 


Ich ſah, wie ich geſtern vor dem Komödienhauſe vorbeiging, 
daß Egmont gegeben wurde, und es zog mich an, hin— 
— eeinzugehen. Es wurde zwar höchſt mittelmäßig gefpielt, 
allein ich bin doch ſehr gern darin geweſen. Wie ſolch ein Stück 
auch gegeben werden mag, bringt es immer einen großen Eindruck 
hervor. Nur haben fie es ſehr verſtümmelt. Die ſchönen Gcenen 
von Clärchen werden mit Auslaſſung der hübſcheſten und naivften 
Stellen gegeben. Was ſie Egmont von der Regentin ſagt und 
alle ihre Fragen bleiben weg und ebenſo das kleine Lied: Welch 
Glück ſondergleichen. Das Ende mit dem Traum iſt, wie man es 
hier macht, auch kindiſch. Es wird wie ein wahrer Traum ange— 
ſehen. Er ſchläft ein, wacht auf, und wird endlich abgeführt. 
Nun aber ſieht man doch den Traum vor Augen. Sich nun 
vorſtellen zu müſſen, daß das eine wahre Erſcheinung iſt, die 
Egmont nur für einen Traum hält, iſt ſehr kleinlich. Viel beſſer 
war es, den Zuſchauer über die Löſung in Zweifel zu laſſen und 
den Vorhang noch während der Erſcheinung niederzuziehen. — 
Nachher bin ich noch lange Unter den Linden herumgegangen. 
Das Wetter war zwar gar nicht freundlich, aber der Himmel war 
309 


dunkel umzogen, und es ging kein Menſch mehr. Ich gehe gar 
nicht gern in Geſellſchaft, wenn ich ein Stück mit Intereſſe geſehen 
habe. Es hallt einem doch immer nach in der Seele. 

Die Herz war heute früh bei mir. Sie geht erſt gegen den 
Herbſt nach Italien, nämlich ſo, daß ſie Mitte Oktober in Rom 
ſein will, wo ſie Dich gewiß dann zu treffen hofft. 

Bernſtorff“) ijt mit ſeiner Frau angekommen. Ich habe ihn 
geſehen, aber ſie nicht zu Hauſe gefunden. Ich vermeide das 
Corps diplomatique teils der Langeweile wegen, teils um mir nicht 
den Schein zu geben, mich in die auswärtigen Geſchäfte hier 
miſchen zu wollen. 

Ich habe heute mit Bülow beim Finanzminiſter gegeſſen, wo 
faſt niemand als alles, was jetzt von der Familie hier iſt, war. 
So ſonderbar auch die Lage iſt, in der ſich der Finanzminiſter gegen mich 
befindet, ſo glaubt er nicht von mir laſſen zu können. Er ſpricht 
ewig davon, daß ich hierbleiben müßte. Ich habe ihm noch heute 
ſehr offen geſagt, es gehe in keinem Miniſterium, ohne Ausnahme, 
wie es ſolle, was ſolle ich nun hier dabei machen und mich 
fruchtlos ſtreiten. Es hilft nichts, daß man dazu beiträgt, daß 
die Menſchen in einem Irrwahn bleiben. Die traurige Wahrheit 
muß doch an den Tag kommen. Die Nemefis iſt eine große 
Göttin. Ach, Du biſt jetzt mitten unter den Göttern, wo es einem 
viel ſchöner heidniſch zumute iff. Vergiß mich nicht, innigge- 
liebtes Herz, bedenke, daß ich indes lebe, wo es arm und dunkel 
iſt. Wenn ich nur einmal mit Dir am Teſtaccio und am Albaner 
See ſein könnte! Es hat mich unendlich gerührt und gefreut, daß 
Du ſagſt, daß ich Dir ſehr fehle. Du biſt fo wundergut. Aber 
ich hätte und habe auch kein lieberes Daſein, als für Dich zu 
ſorgen und Dich mit Liebe und Zärtlichkeit zu umgeben. Dies 


) Bol. S. 156. 
310 


ſüße Glück wird mir ja wieder werden, und dann trennen wir uns 
nicht mehr. 
Lebe wohl, teures Herz. 


147. Caroline an Humboldt Florenz, 22. Mai 1817 


Inſer Ankommen hier war ein Feſt in Hinſicht der Briefe, 
wt die wir vorfanden, die gute kleine Gabrielle und ich. 

ad) Mit welcher Freude, teure, geliebte Seele, empfing ich 
die Deinen. Wir kamen den 20. abends hier an, recht glücklich 
aber leider einige Stunden zu ſpät, um noch ſchreiben zu können. 
Caroline war den Tag in Bologna und auf der Reiſe hierher 
ungemein leidend . 

Ich habe hier unendlich viel Schönes ſchon geſehen und ge— 
noſſen. Geſtern war ich den ganzen Vormittag auf der Galerie 
und in der Tribuna, wo die Venus Medieis aufs neue ſteht. 
Die Fornarina von Rafael, welch ein Bild! Welch ein Geſicht. 
Je länger man es anſieht, je mehr ſieht es einen wieder an. Es 
iſt eigentlich kein ideales Geſicht, eine unbeſchreibliche Natur, eine 
Anmut, ein Reiz und Leben und Appigkeit der Form, daß ich's 
keinem Mann übelnehmen kann, der ſich in das Bild verliebt. Im 
Palaſt Pitti ſind an 70 Bilder von Paris zurückgekommen, in 
allem ſind wohl 14 bis 15 Nafaels hier. Von Fra Bartolomeo, von 
Pietro Perugino ſind hier die himmliſchſten Sachen. Man müßte 
drei Monate hier bleiben, um ſo recht mit Muße alles zu genießen. 
In ſo wenigen Tagen überfüllt man ſich. Aber wir eilen nach Rom. 

Ich habe hier Briefe vom alten Baron“) und der Buti“) 

*) Baron Brown wohnte in demſelben Hauſe wie Humboldts in Rom, 
Via Siſtina, Palazzo Tomati. 


*) Italieniſche Hauswirtin und alte Freundin Frau von Humboldts 
und der deutſchen Künſtler in Rom. 


311 


gefunden. Der treue alte Baron gibt mir drei Zimmer, und Auguſt 
und Adelheid werden wohnen, wo ehemals unſere Jungens mit 
dem Lehrer wohnten. Die Buti wird uns kochen. So wird die 
Täuſchung für mich beinahe vollkommen ſein. Von Rauch habe 
ich nichts hier gefunden, was mich vermuten läßt, daß er her⸗ 
kommt. Wir nehmen hier wieder den Anaſtaſio'), der mich ſchon 
zweimal fuhr. 

Zwiſchen Venedig und Bologna, unendlich mehr aber noch zwiſchen 
Bologna und der Toskaniſchen Grenze haben wir ein Elend, eine 
Bettelei gefunden, von der Du Dir keinen Begriff machen kannſt. 
Eine ganze Population iſt von den Apenninen heruntergekommen, 
ſich vom Hungertode durch Betteln zu retten. Du kannſt Dir vor⸗ 
ftellen, daß das nicht ausreicht. Man hat ſolche Bilder des 
Elends und der Verzweiflung nie geſehen. Wir mußten oft weinen. 
Ein Mann trat uns ſehr wehmütig an, ich habe nie eine ſolche 
verzogene Phyſiognomie geſehen, ein langes Meſſer hing ihm 
zur Seite, ſeine drei Kinder, ſagte er, ſeien aus Hunger ge- 
ſtorben. — Sie eſſen Gras wie das Vieh, dieſe Nahrung, der 
höchſte Mangel, erzeugen die Krankheiten, die in Italien herrſchen, 
doch beinah nicht aus der Klaſſe dieſer Anglücklichen gekommen 
ſind. Seit fünf Jahren ſind Mißernten, die letzte war es total. 

Wenn ſie Dich aus Berlin laſſen, mein ſüßes Herz, ich meine 
nicht nach Frankfurt, denn das iſt doch abzuſehen, ſo weiß ich 
nicht, was ich dazu ſagen ſoll. Es wäre mir ſehr traurig, Gott 
weiß es, nicht für uns, auch nicht aus ambitiöſen Anſichten, aber 
ſo im allgemeinen. Die Kränklichkeit des Kanzlers ſchmerzt mich. 
Es ſind ſo viele, die davon profitieren. Ich, meine liebe Seele, 
werde immer kommen, wohin Du mich haben willſt, auch nach England. 
Nur jetzt laß uns nichts an Carolinens Geſundheit verſäumen. 

Ja, auf Rom und den Anblick der Berge freue ich mich un⸗ 

*) Lohnkutſcher. Vgl. Bd. III., S. 468. 

312 


ausſprechlich. Ich erinnere mich fo gut des Morgens, wo wir in 
dem alten Chais' chen, Wilhelm zwiſchen uns, die letzte Station 
mit Poſt hineinfuhren. — Er iſt da geblieben, während wir vom 
Leben umhergetrieben ihn überall vermißten. Werden wir ihn je 
finden? Wird das, was ſich ſo innig angehörte, ſich je wieder— 
erkennen? 
Den 23., abends. 

Ich ſchließe den Brief heute abend, meine ſüße Seele, denn 
morgen früh möchte keine Zeit mehr dazu ſein. Wir reiſen den 
25. ab und hoffen, den 29. in Rom anzukommen. Wir gehen über 
Siena. O Gott, wie iſt mir, wie wird mir ſein! 

Ich umarme Dich und bin ewig Deine Caroline. 


148. Humboldt an Caroline Berlin, 23. Mai 1817 


ich habe heute eine Sitzung in der Kommiſſion gehabt, mit 
der ich ſie für die nächſten Tage ausgeſetzt, wo ich ihr 
g3 aber eine vorzüglich gute Wendung gegeben habe. Der 
von der Kommiſſion, der mit uns in demſelben Wirtshaus unten 
wohnte, hatte von Anfang an keine andere Tendenz, als das 
Geſetz nur geradehin zu verwerfen und platt auf den Boden 
fallen zu laſſen. Er hatte keine andere Idee, als den, der es vor— 
geſchlagen, zu ſtürzen. Der Bruder dieſes letzteren auf der anderen 
Seite möchte das Gutachten der Kommiſſion recht mangelhaft 
und recht wenig brauchbar ausfallen laſſen. So kommen dieſe beiden 
ſehr heterogenen Menſchen, ſogar ohne ſich abſichtlich zu verabreden, 
dahin, beide zu wollen, daß wir bloß verwerfen und gar nichts 
an die Stelle ſetzen möchten. Damit kann doch aber dem König 
nicht gedient ſein, weil die Verlegenheit des Staats dieſelbe bleibt. 
Ich habe alſo heute auf das Gegenteil gedrungen und habe den 
313 


Weg ungefähr angegeben. Ich habe es zugleich auf ſolche Weiſe 
getan und meinem Vorſchlag eine ſolche Wendung gegeben, daß 
die, welche ſchon meiner Meinung waren, mir gleich laut beifielen 
und der Widerſpruch gar nicht einmal eigentlich geäußert wurde. 
Ich will, wie Du recht gut weißt, auch gewiß nicht halten, die nicht 
an der rechten Stelle ſind, allein dadurch fallen ſie nicht, und man 
muß doch außer den Perſonen die Sache und das Ganze im 
Auge haben. Es wird ſich nun freilich erſt zeigen, wieviel wir 
werden zuſtande bringen können, allein auf jeden Fall wird ſich 
bewähren, daß wir mit ernſtem Bemühen getrachtet haben, eine 
wirkliche Hilfe in der Sache zu bewirken und nicht bloß eine un⸗ 
nütze Arbeit zu machen. Anter den Mitgliedern hat die Sitzung 
große Senſation zu meinem Vorteil gemacht, und ich habe gut 
vor Pfingſten geſchloſſen. 

Daß es ſich beſſer in der Kaleſche als in der großen Fregatte 
fährt, glaube ich wohl. Es war wirklich ſchwer, in dieſer die 
Gegend zu ſehen, und wir waren viel Menſchen darin. Es war 
aber doch eine ſchöne Reiſe, fo mit allen Lieben zugleich, und da⸗ 
mals fehlte noch kein teures Haupt. Es erregt mir immer ein 
wunderbar gemiſchtes Gefühl, daß die Anſchauung des Todes uns 
erſt im Lande des höchſten und ſchönſten Lebens gekommen iſt. 
Gehe ja in Rom manchmal auf das Priorat. Es war einer 
meiner letzten Spaziergänge mit dem armen, lieben Wilhelm, ehe 
er nach Lariccia kam, und wie in einem Vorgefühl ſtieg er auf 
das untere Geſims der Kirche, zu ſehen, ob man da die Dyra- 
mide ſehen könnte. 

Es iſt mir ein wahrer Troſt, daß Du bei Jacobi geweſen 
biſt. Ich habe eine alte Achtung und Zärtlichkeit für ihn, wenn 
wir auch jetzt auseinandergekommen ſind. 

Ich war heute abend ganz allein bei der Herz und ſie neulich 
am Morgen bei mir. Sie geht nach Zoſſen und von da nach 
314 


Italien, eigentlich auf unbeſtimmte Zeit. Wer weiß, ob wir uns 
wiederſehen? Auch ſind wir beide ſehr zärtlich geweſen, doch ohne 
alle Konſequenz. Wir haben ausgerechnet, daß wir uns 1786 
zuerſt geſehen, 31 Jahre. 

Ich habe mit Türk über Hermann geſprochen. Er hat mir 
geſagt, daß Du ihm geſchrieben und ihm den Religionsunterricht 
empfohlen haſt. Er wird Dir ſelbſt darauf antworten. Er bleibt 
der Meinung, daß man ja alles, was zum Gebet und zur Religion 
gehört, nicht muß zu gedankenloſer Gewohnheit werden laſſen, und 
daß es doch dazu ausartet, wenn man zu früh ſolche Abungen 
anſtellt, daß man vielmehr einzeln ſich immer findende Anläſſe 
benutzen muß, um dieſe Ideen anzuregen und zu wecken. Es hat 
unſtreitig viel für ſich, allein es läßt ſich auch viel für die frühe 
Gewöhnung des Denkens an Gott ſagen, und ſelbſt wenn die 
Begriffe über das Weſen, an das man ſich richtet, nicht ganz 
klar und rein ſind, ſo bleiben doch immer Gefühle der Liebe, des 
Dankes, des Vertrauens gegen ein Höchſtes und Anbekanntes. 
Es wird aber freilich immer mit aller Neligionsbeſchäftigung fo, 
wie der Charakter und der Geiſt iſt, mit dem man ſie vornimmt. 
Ich erinnere mich deſſen bei Alexander und mir ſehr deutlich. 
Wir haben von früh an Religionsunterricht und denſelben gehabt. 
Auf ihn hat er nie, eigentlich in keiner Art gewirkt, er hat nicht 
geglaubt und nicht darüber nachgedacht. Bei mir war es wenigſtens 
vom zwölften Jahr anders. Ich habe mich dem Glauben des Poſitiven 
in meinem Inneren gleich entgegengeſetzt, bin aber eine lange Zeit, 
ſoweit es mir natürlich und durch bloße Vernunft begreiflich 
ſchien, ſehr fromm geweſen. Die Sprüche aus der Bibel habe ich 
immer gleich angewandt, und noch jetzt fallen mir viele ein, wo 
die Gelegenheit es gibt. 

Bothe hat einen einfältigen Streich gemacht. Der Bau an 
dem Burgörnerſchen Hauſe verurſacht ſehr viel Schutt, nun hat 

315 


er zum Wegtragen desfelben und zum Waſſertragen beim Kalk⸗ 
löſchen die Leute auf Grondienft beſtellt. Solche ungemeſſene 
Dienſte ſind unter der weſtfäliſchen Zeit, wie er recht gut weiß, 
aufgehoben und billigerweiſe nicht wieder eingeführt ſeitdem. Nur 
der Haß gegen das Weſtfäliſche, auch wenn es gut war, macht, 
daß er ſich ſolchen Dingen nicht fügen will. Ich habe ihm gleich 
geſchrieben, es möchte mit dem Recht ſtehen, wie es wollte, ſo 
wäre es ganz gegen Deine Geſinnung, die armen Leute wegen 
Deines Hausbaues in einem Jahr, wo ſie ſchon Not gelitten, ſo 
anzuſtrengen, er ſolle von Stund an alles für Geld machen laſſen 
und den Leuten auch für das ſchon geleiſtete eine Entſchädigung 
geben. Ich hoffe, Du billigſt es. Es iſt doch auch wirklich unge⸗ 
heuer hart, den Leuten darum Arbeit zu machen, weil wir eine 
Anderung in unſerem Hauſe machen wollen. So lange ich in 
Deiner Abweſenheit handele, ſoll man Dein Andenken in Burg⸗ 
örner nur immer ſegnen. Wenn Du da biſt, ſorgſt Du ſelbſt 
dafür, Du engelgutes Weſen. Ich begreife freilich, daß es viel 
erſpart hätte, allein das iſt nicht die Art zu ſparen und ſchickt 
ſich am wenigſten für uns. Wir können doch nicht die Leute in 
Burgörner Ziegel ſtreichen laſſen wie das Volk Iſrael in 
Agypten. 

Beim Volk Iſrael fällt mir ein; Du haſt mich mit Deiner 
Bibel ſehr glücklich gemacht, liebſtes Herz. Ich leſe alle Tage einige 
Kapitel und küſſe dann oft Deinen ewig teuren, lieben Namen. 
Du haſt ihn, wie Du alles machſt, auf eine unendlich einfache und 
hübſche Art eingeſchrieben. 

Gute Nacht, mein inniggeliebtes ſüßes Kind. 


A 


316 


149. Humboldt an Caroline Berlin, 29. Mai 1817 


„Innde Mai ſind wir jetzt, holde Seele, und mein Schickſal 
if 97 iſt um nichts klarer. Die Dinge hier verwickeln ſich mehr, 
und ich ſehe noch nicht recht ein, wie das Ende fein 
727005 vorzüglich nicht, wann der Staatskanzler fortkommen wird. 
Was jetzt vorgeht, iſt eine Aktion gegen den Finanzminiſter, der 
nicht verfehlen wird, eine Reaktion zu machen. Alles das ſpinnt 
ſich unſtreitig noch bis zum Julius hin. 

Morgen früh gehe ich nach Neuhardenberg, wo der Kanzler 
iſt, um übermorgen ſeinen Geburtstag mit ihm zu feiern. Die 
Nacht vom Sonnabend zum Sonntag kehre ich zurück, weil ich 
Sonntag früh Konferenz habe. Er iſt doch immer ſo gut und 
freundſchaftlich, daß man ihm gern eine ſolche Aufmerkſamkeit be- 
weiſt. Gneiſenau, der Dich ſehr grüßt, kommt auch hin. 

Durch die Herz, die viel Empfehlungsbriefe will, werde ich 
Cicognara ſelbſt ſchreiben. Die Herz iſt nach Zoſſen zu einem 
Prediger gereiſt. Die Leute ſagen, um ſich taufen zu laſſen, ich 
glaube aber nicht daran, ſie hätte es mir ſonſt wohl geſagt. 

Den Goethe werde ich gewiß leſen. Ich habe ſein zweites 
Heft Rhein und Main durchblättert. Die Beſchreibung des 
Feſtes an der Nochuskapelle iſt hübſch. Aber die erſte Abhandlung 
über das Myſtiſche in der Poeſie und Kunſt iſt ziemlich unbe- 
deutend, bloß hiſtoriſche Zuſammenſtellung. Dazu greift er an, 
was man doch gern hat und nicht tadeln kann oder mag. So 
find die Stellen, die er als getadelt aus den Ergießungen eines 
Kloſterbruders anführt, immer anziehender als ſein eigener Aufſatz. 
Das Ganze iſt wirklich matt. 

Lebe nun wohl, es iſt über Mitternacht, und ich habe noch 
zu tun und muß morgen um 6 fort. Ewig Dein H. 


317 


150. Caroline an Humboldt Rom, 31. Mai 1817 
um ½5 Ahr 


or einer Stunde bin ich angekommen, meine einziggeliebte 
Seele, und da noch Zeit iff, um Dir einige Zeilen mit 
— der heut abgehenden Poſt zu ſenden, fo tue ich es, ach! 
mit einem Herzen, mit einer Empfindung, daß ich's nicht ſagen 
kann. Anſere Reiſe war glücklich, obgleich Caroline ſehr ſchlimme 
Tage hatte, ganz unerträgliche Geſichtsſchmerzen, dennoch überwand 
auch in ihr der Gedanke, nach Nom zu kommen, vieles. Ich wohne 
beim alten Baron und habe drei ſchöne Stuben, die ehemals der 
alte Graf Tomati bewohnte. Ich ſchreibe Dir dies an meinem 
alten Bureau, da der alte gute Baron die paar Möbel, die ich noch 
hatte, zu ſich genommen hat, Du kannſt denken, wie mir das alles 
vorkommt. Aber vor allem die Ausſicht aus den Fenſtern. Ach, 
wenn Du da wärſt, wie würde mir fein, kein Wunſch bliebe mir, 
glaube ich, übrig. 

Ich muß hier abbrechen, lebe wohl, meine geliebte Seele. 
Dies nur heut, damit Du wiſſeſt, ich ſei glücklich mit allen Kindern 
angekommen. a Ewig Dein. 


51. Caroline an Humboldt Rom, 3. Junius 1817 


7 eliebtes Herz, teure, liebe Seele! Ich bin, und auch die 

Kinder, nun ziemlich ausgeruht von der Reiſe und alle 
WA | in einem nicht zu beſchreibenden Genuß des herrlichen 
Nom, das uns umgibt. Sonnabend, den 31., nachdem ich Dir 
geſchrieben, gegeſſen und das Notwendigſte beſorgt hatte, fuhren 
wir noch nach dem Kapitol. Auguſt hatte proprio una smania“) 
dieſen Ort, die Statue des Mare-Aurel zu ſehen und einen Blick 


) Ordentlich eine Leidenſchaft. 
318 


auf das Forum zu tun, und dann noch nach der Pyramide. Der 
Abend dämmerte, die Sonne war geſunken, der Himmel rein und 
gleichſam die Natur in ſtiller Erwartung des aufgehenden Mondes. 
Ich ließ in das Portone hineinfahren und ſtieg dann aus, der 
Recinto war ordentlich verſchloſſen, der Guarda portone öffnete 
die kleine Schmerzenstür, und Du kannſt denken, wie mir ward. 
Die Pinie auf Wilhelms Grabe ſteht hoch und ſchlank und kerzen— 
gerade, ein kräftiger Baum, von dem ich genau die Höhe zu neh— 
men ſuchen werde, um ſie Dir zu ſenden. Zwei Zypreſſen allein 
ſind der Verwüſtung der neapolitaniſchen Truppen entgangen, die 
alle übrigen nebſt der Tür zu einem Biwakfeuer verwendet haben. 
Die drei übriggebliebenen ſtehen beinah zum Kopf und zu den 
Füßen des kleinen Grabhügels. Ein eigener Schauer wehte an 
dem ſtillen Ort, wo die Erde ſo viel Tränen und unſeres Lebens 
tiefſte Schmerzen deckt. Die Dämmerung nahm mit jeder Minute 
zu, Lady Temples*) Monument ſchien mir jedoch unbeſchädigt, ich 
umging es nur flüchtig und trat einen Augenblick vor die Pyra- 
mide und vor die anderen Grabmäler. Morgen oder übermorgen 
hoffe ich aufs neue hinauszufahren. Es war mir ſtill und wohl 
geworden, nachdem ich endlich dort geweſen war. 

Den Sonntag morgen brachten wir meiſtenteils in St. Peter zu. 
Geſtern vormittag waren wir fünf Stunden im Vatikan. Die Cin- 
richtung iſt ſehr groß, Du erinnerſt Dich gewiß des Muſeums Chiara⸗ 
monti, durch dieſes gelangt man in das Belvedere, und ſo immer 
weiter, von Saal zu Saal, von Halle zu Halle, hinauf in die Loggien, 
in die Kapelle von Fieſole, die Säle, in denen die Arazzi auf- 
gehängt ſind, die Stanzen, und endlich in die Sala Borgia. Wie 
eine ungeheure Kuppel wölbt ſich über einem mehr und mehr das 
Gebäude der Kunſt. Sinnend bleibt man ſtehen, welche Zeiten, 
welche Schickſale erſcheinen und verſchwinden und die Menſchheit 

*) Vgl. Bd. III., S. 269 f. 

319 


treffen mußten, ehe fold) ein Reichtum zuſammengebracht und in 
ernſter, hoher Stille und Größe prangen konnte. 

Nachmittags machte ich und empfing einige Beſuche. Heute 
waren wir in Thorwaldſens und in Canovas Studium, beide 
überfüllt. Thorwaldſen iſt ſehr fleißig geweſen. Sein Fries, der 
Einzug des Alexander in Babylon“), iſt meiner Empfindung und 
Arteil nach das Allervollkommenſte, was je in neuerer Zeit iff ge- 
macht worden. Wie noch keiner von den reichen Engländern ihn 
hat in Marmor ausführen laſſen, begreife ich nicht. Thorwaldſen 
glaubt mit 12 000 Seudi, alſo 20 000 Talern ihn machen zu können. 
Reuter ſind drauf wie auf den griechiſchen Basreliefs, und ein 
Leben, eine Bewegung, eine ſo tief verſtandene Gruppierung und 
Entgegenſtellung der Figuren. Alexander kommt in die Mitte 
eines Stücks zu ſtehen, die Siegesgöttin führt die ſchäumenden 
Pferde, gewaffnete Krieger folgen ihm, entgegen tritt die Göttin 
des Friedens mit dem Olzweig und dem Horn des Aberfluſſes, und 
beinah unter ihren Flügeln treten die erſten Kinder aus der Stadt, 
die ihr Vater geleitet, und die den Zug eröffnen. Nein, Schöneres 
in Bas relief gibt es nicht. Nächſtdem hat er eine Hebe, einen 
ſingenden Amor, viel Basreliefs, mehrere Porträtſtatuen, mit 
einem Wort ſehr viel gemacht. Vier Studien ſtehen voll am 
vicolo della catena, piazza Barberini. 

Von Thorwaldſen aus gingen wir zu Canova, es war mir 
lieb, die beiden gleich nacheinander zu ſehen, und ich beſtätigte 
mich in meinem früheren Arteil. Eine ſchöne Gruppe, die drei 
Grazien, hat Canova gemacht. Sie iſt an Eugen Beauharnais 
verkauft. Er hat das Modell zu einer großen Figur, die Religion 
vorſtellend, gemacht, die er 32 Palmen hoch (größer wie die Statuen 
von Monte Cavallo) ausführen und dem Papſt ſchenken will. Sie 


*) Jetzt in der Villa Carlotta am Comer See. 
320 


hat etwas Großes und Einfaches. Sie foll in St. Peter zu ftehen 
kommen. 

Vor den Coloſſen wird gegraben. Die große Taſſe vom 
Forum Romanum wird dort placiert und Waſſer hineingeleitet 
werden. Die Piazza der Trajansſäule iſt durch die Franzoſen 
ungemein vergrößert worden. Die Säule iſt bis auf ihr Poſtament 
und das alte Pflaſter ausgegraben und da all die kleinen Häuſer 
weggeworfen ſind, die den Platz verengten, unten alle Säulen auf 
ihren Poſtamenten wieder aufgerichtet, die man gefunden, ſo kann 
man nicht leugnen, daß es ein ſehr ſchöner Platz geworden. Ich 
werde mich noch genauer erkundigen, welch eine Bewandtnis es mit 
den vielen Säulen hat, die nunmehr gleich Säulengängen unten 
ſtehen, und dir dann Rechenſchaft davon geben. Oh, wäreſt Du 
da! Das ſage ich mir alle Tage tauſendmal. Die Stelle Deines 
Briefes, wo Du fo tief, ſſo wahr den Wunſch ausdrückſt, einige 
Jahre der Ruhe vor dem Ausſcheiden aus dem Leben zu ver— 
leben, tönt tief in meiner Seele wieder. Rom iſt eigentlich der 
Ort, ihn zu befriedigen, und was man von dem teuren Leben hier 
ſagen mag, es iſt nicht ſo, daß wir, Du und ich und wahrſcheinlich 
Caroline, wenn ſie nicht ſelbſt ein Haus mit ſtiften hilft, hier nicht 
auskommen könnten. Wir ſind einfach in all unſeren Bedürfniſſen 
und haben keine eingebildeten. Leben wir lange, ſo kommt doch 
wahrſcheinlich eins oder das andere der Kinder, uns einmal zu be- 
ſuchen. Auch entbehren wir mehr als ſie, wenn wir auch getrennt 
leben ſollten. Wunderbare und doch tiefweiſe Anordnung der 
Natur! Wenn die Liebe aufſteigend ſein könnte wie ſie abſteigend 
iſt, ſo ginge das Leben nicht mehr vorwärts. — Wenn mir doch 
dabei manchmal unausſprechlich weh wird, und ſich meine Augen 
und mein Herz mit Tränen füllen, ſo denke ich dann, daß es ja 
alles vorwärts, entgegenſtrömend geht jenem großen Ozean des 
Lebens und der Liebe, aus dem alle Geſtalten hervorgehen, und 
Humboldt⸗Briefe. V. 21 321 


in den fie wieder verfinfen, und es wird ſtill und klar in meiner 
Seele. 

Caroline hat fortwährend Geſichtsſchmerzen. Nach St. Peter 
gehe ich immediate nach Ischia und halte mich gar nicht in Neapel 
auf. Gott gebe ſeinen Segen dazu! Mein Herz iſt in einer 
Wehmut über Carolinens Zuſtand, die alles überſteigt. Erwäge 
ſelbſt, welche Maſſe von Gutmütigkeit dazu gehört, um daß in ihr 
keine Bitterkeit über das frohere Lebens verhältnis, dem ihre Schweſtern 
entgegengehen, ſich entwickele und über eine ſolche beſtändige, 
dauernde Kränklichkeit. Meine liebe, gute Caroline, könnte ich ihr 
doch mit meinem Leben helfen! Ich muß abbrechen. Ich umarme 
Dich tauſend und tauſendmal. Die Kinder grüßen. 

Ewig die Deine. 


152. Humboldt an Caroline Berlin, 3. Junius 1817 


n 


ch bin wirklich heute, liebe Li, wie Du manchmal zu ſagen 
J pflegſt, wie ein gejagtes Reh. Ich ſchreibe Dir gewöhn⸗ 
pa): lich jetzt den Tag vor dem Poſttag, um an dieſem 
Boisdeslandes, der um 8 Ahr zu mir kommt, den Brief fertig zu 
geben. Geſtern abend nun hatte ich eine langweilige Arbeit, in der 
es mir nicht möglich war, mich zu ſtören, weil ſie heute fertig ſein 
mußte. Heute hat mir die Konferenz der Kommiſſion den ganzen 
Vormittag weggenommen, und nun iſt es 3 Ahr. Am 4 eſſe ich 
bei dem Staatskanzler und muß den Brief fertig mitnehmen. 

Ich war ſeit meinem letzten Brief an Dich, teure Seele, in 
Neuhardenberg bei dem Staatskanzler. Ich fuhr am Freitag 
morgen gegen 7 von hier fort und kam um ½2 an. Es find zwar 
neun Poſtmeilen, man hat aber ſieben auf der Frankfurter Chauſſee zu 
fahren, und ſo braucht man nicht ganz, oder wenn es ſchlecht geht, 
322 


wenig mehr als ſieben Stunden. Ich fand den Kanzler in feiner ge- 
wöhnlichen Freundlichkeit. Pappenheim und der Oberhauptmann, 
der Bruder des Kanzlers, waren allein von Berlin da, ſonſt viele 
Leute der Nachbarſchaft, deren Geſichter und wunderbare, auch 
mit Zöpfen garnierte Koſtüme, mich ſehr lebhaft an die ſchönen, 
glücklichen Wochen in Burgörner erinnerten. Den Abend ging 
man ſpazieren und dann ſehr früh, noch vor 10, zu Bett. 

Neu⸗Hardenberg, eigentlich ſonſt Quilitz, was auch noch jetzt 
die Benennung der gewöhnlichen Sterblichen ijt, mag ein ſehr ein- 
trägliches, nützliches Gut fein, es hat außerdem ſehr ſchöne Holz⸗ 
gebäude, und das ganze Dorf iſt ſchön und ordentlich angelegt, 
weil Prittwitz, dem es abbrannte, ſehr viel an den Wiederaufbau 
gewendet hat. Aber als Beſitz würde es mir keinen Augenblick 
gefallen. Die Gegend iſt ſo märkiſch erbärmlich, als man nur 
etwas finden kann. Der Park iſt ſehr groß, ſo ſehr, daß man 
allein in dieſem Jahr 4000 Taler Holz daraus ſchlägt, ohne daß 
man es bemerkt, er iſt auch hübſch angelegt, allein ein Park kann 
doch nur ſchön ſein, wenn er nicht ganz von der Gegend verlaſſen 
iſt. Aberdies iſt dieſer ſo feucht, daß man nach einem Regen 
nicht darin gehen kann, und zu jeder Zeit von ganzen Schwärmen 
von Mücken darin verfolgt iſt. Das Haus iſt inwendig recht ſehr 
hübſch und auch groß, aber weder ſehr freundlich noch vornehm, 
oder fürſtlich, und Burgörner kann ſehr rivaliſieren. Am Hauſe 
iſt ein Graben. Die Giirftin*) und Koreff haſſen und verabſcheuen 
den Ort und das Haus. 

Am Sonnabend war des Fürſten Geburtstag. Schon gegen 
9 Ahr war ein Choralgeſang von den Kindern im Dorf, die 
recht gut ſingen, da ſie nach Peſtalozziſcher Methode unterrichtet 


) Hardenberg war dreimal vermählt: 1. 1774 mit Gräfin Reventlow, 
geſchieden 1787. 2. 1788 mit Sophie, geſchiedenen von Lenthe, geborenen 
von Haßberg, geſchieden. 3. 1807 mit Charlotte Schönemann. 


21* 323 


werden, alles wie in Burgörner. Indes wäre die Feierlichkeit am 
Morgen und auch das Tanzen am Abend nicht recht gegangen ohne 
mich. Da ich aber ſeit Deinem letzten Geburtstag, liebſtes Kind, 
eine große Fertigkeit in Volksfeſten habe, ſo habe ich alles vor⸗ 
trefflich in Gang gebracht. Sage nicht, daß ich mich mokiere. Es 
iſt ſo ſüß, ſich an hübſche Tage zu erinnern. 

Etwas ſpäter kamen Jordan und noch ſpäter Gneiſenau, die 
beide wunderbarerweiſe die Nacht in Müncheberg zugebracht 
hatten. Der Morgen verging mit Sprechen, da es zum Spazieren⸗ 
gehen zu ſehr regnete. Du ſiehſt daraus, welch ein ſchönes Klima 
wir noch immer haben. Bei Tiſch waren nun alle Honoratioren 
des Dorfes, die Amtmännin, die Actuariuſſin, die Predigerin 
uſw. Ich ſaß zwiſchen der Hähnel und der Aetuariuſſin, die erſt 
14 Tage verheiratet und aus Halle war. Sie ſprach mit großer 
Verehrung von Dir. Bei Tiſche ſtellte ſie mir ſehr rührend vor, 
daß ihr Mann kein eigenes Deputat bekomme, ſondern beim Amt⸗ 
mann eſſen müſſe, und daß ſie deshalb beim Eſſen immer ganz 
allein ſei, ſelbſt, meinte ſie, des Nachts dürfe der Mann nicht wohl 
bei ihr ſein, da er eigentlich bei der Kaſſe und nicht bei ihr 
ſchlafen ſolle. Wirklich eine himmliſche Naivität. Das coucher 
habe ich dahingeſtellt ſein laſſen, aber beim Mittageſſen fiel mir 
die arme Adel ein, die auch immer das gleiche Anglück hat. Ich 
habe alſo gleich nachher beim Kanzler ausgewirkt, daß der Mann 
nun ſelbſt Deputat bekommt, und der Aetuarius nun mit der 
Actuariuſſin alle Mittag ungeſtört eſſen kann. Du glaubſt nicht, 
wie die arme Frau, die jung aber nicht hübſch war, ſich bedankt 
und mir die Hände gedrückt hat. 

Nach Tiſch wurde getanzt, und ich habe wirklich alles mit 
tanzen müſſen. Der Oberhauptmann hat aufgeführt, und Koreff 
und Jordan den Ball ſehr verherrlicht. Nach einigen Tänzen habe 
ich das Mittanzen der Bauern in Gang gebracht, ſo hat der 
324 


Ball bis 10 Ahr gedauert, und um 10 habe ich mich in den 
Wagen geſetzt und bin um 5 hiergeweſen, weil ich Sonntag früh 
um 10 wieder Konferenz hatte. Gneiſenau iſt viel früher weg⸗ 
gegangen. Ich liebe aber immer das Ende der Dinge zu ſehen 
und habe mich recht ſehr gut amüſiert. Der Fürſt war von ſeiner 
gewöhnlichen Liebenswürdigkeit, die Fürſtin auch natürlich und 
luſtig, und es war niemand in der Geſellſchaft, der einem den 
Spaß verdorben hätte. 

Heute habe ich die Sitzungen der Steuerkommiſſion, der erſten 
und großen, beendigt. Die Sache iſt zwar meiſt fo auseinander- 
gegangen, daß nur nicht geſchieht, was der Finanzminiſter haben 
wollte. Allein das iſt ſchon eine große Sache. Das uns vorge- 
legte Geſetz hätte offenbar eine ſehr ſchlimme Wirkung hervorge- 
bracht und die Leute noch unzufriedener gemacht. Nun muß das 
Gutachten abgefaßt, und dann die Sache im Staatsrat, nämlich 
im vollen, beraten werden, wobei erſt die Hauptbataille ſein wird, 
bei der mir auch der Vortrag obliegt. Vor dem Julius kann ich 
alſo keineswegs hier fort. 

Jetzt lebe wohl, mein inniggeliebtes, einziges Leben. 

Ewig Dein H. 


153. Caroline an Humboldt Rom, 7. Junius 1817 


——_ 


7 Ver Papſt wohnt in Caſtello und kam den 4. herein, um 


der großen Prozeſſion des Corpus Domini den 5. bei⸗ 
uwohnen. Wir hatten uns mit Graf Gngenheim*) der 
uns ein recht lieber und treuer Begleiter iſt, und mehreren anderen 
Deutſchen zuſammengetan, und ich ſah die Prozeſſion mit den 
Kindern, die ich hier nie zu ſehen geſucht hatte. Der Heilige Vater 


) Guſtav Adolf, Sohn Friedrich Wilhelms II., geb. 1789, + 1855. 
325 


ſcheint mir doch ſehr gealtert und ſchwach. Er iſt geftern wieder 
hinaus nach Caſtello. Morgen denke ich den Kardinal Conſalvi 
zu ſehen. Vera war einigemale ſchon bei mir und ſehr gefällig. 
Mittwoch früh waren wir in Maria Maggiore, im Lateran und im 
Coliſeum. Mittwoch abend in Villa Negroni, in der Madonna dei 
Angeli daneben und in Villa Patrici. Dann ſpäter zu Fuß auf 
der Trinita di Monte, aus der die Franzoſen wirklich einen un⸗ 
gemein ſchönen Spaziergang gemacht haben, auf dem man bis 
zum Popolo kommt. Donnerstag waren wir in Villa Pamfili. 
Die Größe dieſer Anlage, die ſchwebenden Pinien, der Reichtum 
und die Fülle des Waſſers imponierten doch Auguſt ſehr. Wir 
fuhren herunter und ſahen von St. Pietro in Montorio das alte 
und das neue Rom und den Kranz der Gebirge und die unter- 
gehende Sonne. Ach, man bleibt verloren in dem Anblick. Auch 
Auguſt war tiefergriffen, und er fängt an einzugeſtehen, daß ich 
von Rom nicht zu viel geſagt habe. Wir fuhren über Campo 
Vaceino zurück. Campo Vaceino ſieht jetzt wie eine Zerſtörung 
aus, ein jeder läßt dort graben, die Herzogin von Devonſhire, der 
ruſſiſche Geſandte, der portugieſiſche Botſchafter. Die Säulen 
ſtehen alle entblößt. Ich werde mich erkundigen, was man über⸗ 
haupt mit Campo Vaceino vorhat. 

Geſtern waren wir aufs neue im Vatikan, um mit dem erſten 
Aberblick fertig zu werden. Herrlich ſtehen die aus Paris zurück⸗ 
gekommenen Gemälde, die Transfiguration ſo, daß ich meine, 
früher hätte ich ſie noch gar nicht geſehen. 

Geſtern abend war ich mit Caroline, Adelheid und Gabrielle 
allein in S. Paolo fuor delle Mure und bei der Pyramide. 
S. Paolo mit ſeinen hohen Säulen, mit der tiefen Einſamkeit 
in der ſchallenden Kirche hat mich wieder recht übernommen. Bei 
der Pyramide war es feierlich ſtill und klar wie das ewige Leben. 


Zu ihm hinauf in einen Himmel des Lichts und des ſeligſten 
326 


Friedens deutet mir immer die Pyramide, aber wer kann die iiber- 
ſtrömenden Schmerzen des Buſens bezwingen! 

Haft Du das Manufkript de St. Helene gelefen? Man 
fagt hier, Frau von Staél*) habe zu jemand, der bezweifeln wollte, 
daß es von Napoleon fei, geantwortet: „mon Dieu, vous me faites 
frémir, il y en a donc deux!“ Sein hartes, um der Menſchheit, 
des Beſſeren was im Menſchen vorgeht, unkundiges Gemüt offen⸗ 
bart ſich darin unausſprechlich. 

Lebe wohl, einzig liebes, teures Weſen! 


154. Humboldt an Caroline Berlin, 9. Junius 1817 


das Du über Bülow ſagſt, ijt ſehr wahr, und fo wie Du 
immer die Menſchen tief und richtig erkennſt. Auch ich 
— hätte gewollt, daß er euch hätte begleiten können, und 
hätte man mit ihm wie mit einem eigenen Sohn ſchalten und walten 
können, ſo hätte ich es getan. Freilich meine ich das nur für 
ſeine eigene Ausbildung, denn ſonſt glaube ich auch, daß die Trennung 
beider jetzt, trozz des Schmerzlichen, das fie hat, heilſam war. 
Ihm aber jetzt zu raten, ſich mit Kunſt zu beſchäftigen, kann 
nicht viel helfen, liebes Herz. Dafür muß einem der Sinn erſt 
von ſelbſt aufgehen, ehe recht Beſchäftigung damit möglich iſt. Ich 
weiß es von mir ſelbſt. Ich bin bis in mein 18. Jahr wohl noch 
trockener als Bülow geweſen, allein ich hatte das Studium der 
Alten, was mich nachher beſſer geleitet hat. Dies iſt das Schlimme 
in Bülows erſter Erziehung, daß dies verſäumt worden iſt. Dann 
liegt es aber auch tiefer und in der Zeit. Die Größe der Begeben⸗ 
heiten, das Anglück, was vorausging, die ganze Stimmung der 


) Germaine de Staél-Holftein, geb. 1766, +1817, Tochter des fran- 
zöſiſchen Finanzminiſters Necker. 
327 


Zeit reißt zur Wirklichkeit hin, und nur wenige bleiben jetzt bei 
dem mit Achtung und Liebe, was man, in Wiſſenſchaft und Kunſt nur 
um der reinen Idee willen, fern von aller Anwendung treiben 
kann. Jeder taucht von früh an tief in das wirkliche Leben ein, 
und ſo geht jenes verloren. Für Bülow iſt mir indes nicht 
bange, daß das ſein künftiges Glück mit Gabriele ſtören könnte. 
In Gabriele iſt alles das ganz anders. Nun fehlt es doch Bülow 
nicht an Empfänglichkeit, er wird alſo nicht in Gabriele unterdrücken, 
ſondern ſelbſt durch ſie gewinnen, und für viele andere Verhältniſſe 
iſt ſein gründlich und doch reges Eingehen in die Wirklichkeit wieder 
ſehr ſchätzbar. Ich bin außerordentlich mit ſeiner Art zu ſein zu⸗ 
frieden. Man könnte ſich nicht hübſcher und liebevoller in dieſer 
Lage betragen. 

Hier gehen die Sachen noch immer ſehr bunt, und es zeigt 
ſich nun auch deutlicher der Neid, die Eiferſucht und die Furcht 
wegen meiner. Es wird geäußert, ich ſtände zu hoch, es wird mit 
der größten Affektation und Abertreibung von meinen Reichtümern 
geſprochen. Was man noch ſonſt hervorſuchen kann, unterläßt 
man nicht, da ich nun aber wenig Blößen gebe, ſo heißt es bald, 
daß ich irreligibs bin, bald, daß ich nur mit den Geſchäften ſpiele 
und ſie wie interreſſant zu löſende Aufgaben behandele, aber daß 
mir an dem Staat und den Reſultaten nichts liegt uff. 

Selbſt der, der mit uns in einem Wirtshaus wohnte, der mit mir 
jetzt in allem iſt, und den ich ſelbſt immer mit herangezogen habe, 
hat, und noch dazu gegen Kunth, ſehr nachteilig von mir geſprochen. 
Ich hätte kein Gemüt, wie in der Kommiſſion einer mit Gemüt 
an meiner Stelle die Menſchen hätte ergreifen, erheben, begeiſtern 
können. Mir kommt das immer ſehr ſpaßig vor, und ich kann 
nur darauf ſagen, daß ich meinem Schöpfer danke, daß ich nicht 
der Herren ihr Gemüt habe. Ich würde wirklich auf meines nichts 
geben, wenn es ſo wie eine Pflanze im Sande obenauf läge, daß 
328 


fie es ganz bequem abſchöpfen könnten. Dann hat er über meine 
Dotation geſpottet, getadelt, daß man Geſchenke nähme, geſagt, 
was ich im Jahre 1813 getan hätte, wäre doch nur Zufall geweſen. 
Mich kümmert das alles ſehr wenig, ich habe nie etwas auf 
die Leute und ihr Urteil gegeben. Ich erzähle es Dir nur fo, 
weil es immer närriſch iſt, von ſich ſelbſt ſo reden zu hören. Wer 
auf den Dank der Leute rechnete, wäre immer ſchlimm daran, und 
ſelbſt der allgemeine Beifall, auch was man Ruhm nennt, hat 
nur Wert, wenn man es ganz wie eine freie Gabe empfängt und 
auf keine Weiſe darauf begierig iſt. Es iſt ſchrecklich, wie alle 
dieſe Menſchen, die ſo reden, in die Wirklichkeit und alle ihren 
Wuſt vertieft ſind. Wenn ſie einmal wüßten und fühlten, wie 
jeder unabhängige Gedanke, jedes tiefere Gefühl, jede Stunde Cin- 
ſamkeit mir unendlich mehr wert iſt als alles ihr Reden, Tun 
und Treiben und ſelbſt alles, was ich auf dieſe Weiſe mache, und 
wie ich darum doch ſicherlich mehr Anteil am Staat nehme als 
ſie, ſo würde es ihnen ganz neu und unverſtändlich vorkommen. 
Eure Reiſe ſcheint ſehr gut zu gehen, ich finde, Du reiſeſt 
ſehr geſchwinde. Doch begreife ich, daß Du nach Rom hineilſt. 
Könnte ich da ſein mit Dir! Ob ich es wohl je wiederſehe? Es 
iſt mir ſehr zweifelhaft, aber manchmal kommt mir wenigſtens das 
als gewiß vor, daß, wenn ich es wiederſähe, ich auch nicht wieder 
davon ſchiede. Wenn ich meinen Tod voraus wüßte, ginge ich 
gewiß hin, dort zu ſterben, und ruhte da mit den lieben Kleinen. 
Es iſt allerdings kein ſehr liebliches noch fruchtbringendes Leben 
hier. Aber Du kennſt mich, ohne leichtſinnig zu ſein, bleibe ich 
ruhig, ſelbſt heiter, und die Zeit rinnt dahin und bringt mich ja 
wieder zu Dir. Was mich immer durch jede Epoche des Lebens 
ſo führt, iſt, daß ich eigentlich ewig in mir und meinen inneren 
Gedanken lebe und in dieſen immer das feſthalte und mir unter 
tauſend Geſtalten zurückführe, worauf eigentlich das Glück meines 
329 


Lebens beruht. Das biſt einzig Du und was fic an Dich an- 
knüpft in meinem ganzen Sein. So lebe ich viel, viel mehr, als 
Du ſelbſt es je wiſſen kannſt, in Dir und habe auch ferner alles 
Glück durch Dich. Ich wache jetzt meiſt um 6 auf und ſtehe nicht eher 
als um 8 auf. Da liege ich und denke mir ſtundenlang ewig und 
ewig die teuren, lieben, ſüßen Augen, die himmliſchen Züge, in 
denen ich ſo alles leſe, was mein Leben verſchönt, die treuen Hände, 
die mich mit einer Innigkeit drücken und umfaſſen, wie keine Frau 
auf Erden mehr ſie hat. Sei alſo ja nicht beſorgt um mich. Es 
wird mir nichts ſchwer und nichts mühevoll. Du trägſt mich durch 
alles und hebſt mich über alles empor. 
Adieu! umarme alle. 


155. Caroline an Humboldt Rom, 11. Junius 1817 


Meine teure und geliebte Seele! 
5 fand geſtern, wo ich gegen 2 Ahr von einigen Beſuchen 
Bi zurückkam, Deine Nummer 9 und 10 mir von Niebuhr 


lal 


| 
1 zugeſendet, und Du kannſt denken, daß es kein kleines 
Feſt war. Gabrielle, die zu Hauſe geblieben war, ſtand ſchon an 
der Treppe, in jeder Hand einen Brief hoch mir entgegenhaltend. 
Sie iſt ſehr ſehnſuchtsvoll und ſehr verliebt und dadurch, weil die 
Empfindung tiefer Liebe und Sehnſucht in ſich zurückführt, freilich 
etwas weniger teilnehmend an den äußeren Gegenſtänden der 
Kunſt und der Natur, denn noch iſt die Empfindung zu neu, zu 
ungewohnt, das Leben ihres Geiſtes zu wenig erwacht, als daß 
aus allem ein Ganzes in ihr zuſammenſchmölze. Allein es wird 
werden. In Gabrielle iſt ein Schatz von Liebe und Innigkeit, 
und hat den die Natur in ein weiblich Gemüt gelegt, ſo hat ſie 
alles dafür getan. 

Auguſt und Adelheid ſind mit ihrem Aufenthalt und der 


330 


Reife ſehr zufrieden. Auguſt hat recht viel Sinn für die großen 
Werke der Kunſt, recht viel für die Natur, weniger für das Un- 
beſchreibliche, Anausdrückbare, worin die Eigenheit eines Landes 
beſteht. Aber es würde auch das kommen, wenn er länger hier 
bleiben könnte. Ein volles Jahr bliebe er doch, glaube ich, ſehr gern, 
wenn es ſich tun ließe. Die großen Monumente der Geſchichte reizen 
ihn ungemein, alles verwebt ſich ja hier ſo zauberiſch, daß es ſeinen 
tiefen Anklang in menſchlichen Gemütern nicht verfehlen kann. 

Den 30. Juni denke ich abzureiſen, wir werden mehrere Wagen 
fein und überdem Eskorte nehmen. Du brauchſt Dich nicht zu 
ängſtigen, meine ſüße, liebe Seele, ich verſäume gewiß nichts, was 
die Vorſicht wahrhaft erheiſcht. Ich freue mich nicht ſo zu 
Neapel wie zu Rom. Nur dies iſt mir eigentlich ganz heimiſch. 
Doch ſoll auch Ischia ein Paradies ſein. Ach, wenn es Carolinen 
wiederherſtellt, ſo ſoll es mir das gelobte Land ſein. 

Ach, rühre mich aber nicht ſo, indem Du bitteſt, Dich nicht 
zu vergeſſen und zu bedenken, daß Du da biſt, wo es arm und 
dunkel iſt. Bin ich doch nur in der Welt der Schönheit und der 
Fülle durch Deine unendliche Güte, und wer kann mehr wie ich 
von ihr durchdrungen ſein, wer, ſüßes Leben, kann tiefer Dich 
kennen als die, die mit jedem Atemzuge Deine Liebe, Deine 
Schonung, Dein mildes Tragen und Verzichtleiſten auf eigenen 
momentanen Genuß erfahren und in ſich eingeſogen hat. Ich will 
ſolche Liebe nicht gegen die halten, die ich in anderen ſehe und um 
mich erfahre. Sie ſteht über ihr wie das mild ausſtrömende Licht 
des Himmels über dem Licht irdiſcher Flammen. Ach, ſie zieht 
auch dahin, wo Licht und Liebe gewiß eins werden, in höchſter 
Wonne gewiß zuſammenſchmelzen, wohin wir uns ſehnen und 
wohin die ewige Güte uns geleiten wird. 


331 


156. Caroline an Humboldt Nom, 14. Junius 1817 


eſtern abend war der Kardinal Conſalvi bei mir. Es 
traf ſich gerade gut, daß niemand weiter da war, er war 
ſchon einmal, allein vergebens hier. Du glaubſt nicht 
wie herzlich und gut er ſich über Dich ausdrückte, wie er durd)- 
drungen von allem war, was Du für den Papſt damals beim 
Wiener Kongreß getan, er wiederholte oft und vielmal, wie dies 
Land Dir alles danke, und bat mich dringend, Dir ſeine angelegent⸗ 
lichſten Dankſagungen zu ſagen. Der Kardinal ſieht wohl und 
ſtärker aus als ehemals. Allein der Papſt ijt in bedenklichen Ge⸗ 
ſundheitsumſtänden. Sein Geiſt iſt noch lebendig, allein ſeine 
phyſiſchen Kräfte nehmen ſichtbar ab. Er iſt in Caſtello, und 
der Kardinal glaubte nicht, daß er imſtande ſein würde, die Funk⸗ 
tion am 29. zum Petersfeſt zu machen. Der Arme! Sein Schick— 
ſal iſt wirklich ein ſchweres auf dieſer Erde geweſen, und der 
Mangel, der durch die Mißernten in dieſem Lande ſeit einigen 
Jahren eingetreten iſt, muß ſein Gemüt auch außerordentlich drücken. 
Dies Jahr indes verſpricht eine mäßig gute Ernte an Korn und 
eine ſehr gute an Wein und Oliven. Aber noch iſt nichts einge- 
bracht. Noch koſtet der Rabbio Korn, der vor ſechs und acht 
Jahren ſchon als ein hoher Preis ſieben Seudi koſtete, 21 Seudi. 
Auguſt iſt immer in einer Wut gegen die öffentliche Armut, ich 
glaube er hat unrecht. Es hängen alle dieſe Dinge ſo zuſammen, 
daß man erſt ſehr genau die Sache kennen muß, ehe man von 
ſchlechter Verwaltung reden kann, denn auch die ſogenannte Faul⸗ 
heit der Italiener hängt mit tieferen Dingen zuſammen, die dem 
Klima angehören. Seit einigen Tagen iſt ſolch eine liebliche 
ſteigende Wärme, die Deiner würdig wäre, mein geliebtes Leben. 
Es findet ſich heute der Thermometer auf 20, in der Sonne muß 
es 26 wenigſtens ſein. 

332 


Heute Morgen bin ich nicht ausgegangen, den Nachmittag 
werde ich die Aginetiſchen Statuen mit Thorwaldſen ſehen. 


157. Humboldt an Caroline Berlin, 14. Junius 1817 


7 orgeſtern ſprach der Kanzler mit mir über die Arbeiten 
V der Kommiſſion. Er ſagte, die Angelegenheit werde 
nach ſeiner Zurückkunft wieder in dieſelbe Kommiſſion 
kommen müſſen und ſetzte gleich, ohne daß ich eine Silbe dazwiſchen 
ſprach, und mit einer Art Heftigkeit hinzu: „Sie werden dann 
freilich nicht präſidieren können, der Poſten in London kann nicht 
länger unbeſetzt bleiben.“ Wie ich es Jordan erzählte, ſagte er 
in ſeiner gewöhnlichen Manier: „Dann wird es mit der Kommiſſion 
ſchön gehen.“ Dasſelbe urteilen Vincke) und andere. Aber wenn 
man es ſo will, ſo kann ich nichts dagegen tun; ich werde mich 
nicht aufdrängen. Ich mache daher jetzt ſelbſt alle Schritte zu 
meiner Abreiſe und rede auch mit dem Staatskanzler nicht mehr 
von Planen des Hierbleibens. Ich ſuche wahrhaftig nicht meinet- 
wegen hierzubleiben. Ich möchte, wie die Dinge ſind und gehen, 
aus allem heraus, und der geſchäftloſere Poſten iſt mir daher der 
liebſte. Auch iſt es wirklich nicht ſchwer zu begreifen, daß ich die 
Zeit, die ich nun doch einmal getrennt von Dir zubringen muß, lieber 
in London als in Berlin ſein möchte. Es kann mir, deſſen innerer 
Trieb immer am meiſten dahin gegangen iſt, Welt und Menſchen 
in ihrem verſchiedenen Sein möglichſt genau zu durchſchauen, 
keineswegs gleichgültig, ſondern muß mir ſogar ſehr wichtig ſein, 
ein Land und eine Nation, wie England darbietet, genauer zu 
kennen. Allein hier hat man, wie man die Sache nehmen möge, 
*) Ludw. Friedr. Wilh. Freiherr v. Vincke, geb. 1774, + 1844, war 

1815 bis 1844 Oberpräſident von Weſtfalen. 
333 


Anrecht, und für mich iſt auch Geldverluſt und Anbequemlichkeit 
bei dieſem vorübergehenden Aufenthalt in London. 

Ich ſchloß meinen letzten Brief, wenn ich mich nicht ſehr irre, 
mit Hermanns Ankunft. Den Tag dieſer habe ich ihn nur auf 
Augenblicke geſehen, da Kohlrauſch ihn mir ganz genommen hatte. 
Allein den folgenden, Dienstag, fuhr ich gleich mit ihm nach Tegel 
und blieb die Nacht dort. Bülow konnte erſt um 2 Ahr ſeines 
Kollegs wegen nachkommen und ritt auch den Abend zurück. Ich 
habe den Morgen mit der Kunth') gefrühſtückt, und dann bin ich 
bis zu Bülows Ankunft ganz allein mit dem lieben Hermann 
ſpazierengegangen. Du kannſt nicht glauben, wie über alles lieb 
und gut der kleine Junge iſt. Er küßt einen unaufhörlich, und 
ein paarmal iſt er im Spazierengehen ordentlich ſtehen geblieben 
und hat mir geſagt: „Ich habe dich ſehr lieb, lieber Vater.“ 
Nach Dir fragt er immer mit gleicher Zärtlichkeit. 

Nach Bülows Ankunft haben wir bis 3 regiert. Der Gärtner iſt 
gar nicht unfleißig geweſen, hatte aber über den Gärten das 
Anbinden der Bäume verſäumt. Dies erfuhr ich noch hier und ließ 
durch Bülow in einem eigenen Schreiben ſchelten. Der hatte wie 
König Ahasverus ſo gewaltig gedonnert und geblitzt, daß der Mann 
ganz in Verzweiflung war. Dann bin ich wie ein milder Regent 
dazwiſchengetreten, habe ihm alles Verſäumte väterlich verwieſen, 
und es iff nun ſchon alles wieder in Ordnung. Von der Griin- 
heit von Tegel haſt Du keinen Begriff. 

Eſſen taten Bülow, Hermann und ich wieder allein, aber 
Kaffee tranken wir bei der Kunth. Bis zum Tee gingen wir noch 
ſpazieren, dann ritt Bülow weg, und ich blieb nun den Abend mit 
der Kunth und Hermann und ihren Kindern. So tranken wir Tee 
und aßen ſaure Milch. Du ſiehſt, daß ich alles Flüſſige mit der 


*) Frau Kunth, eine Polin, war die dritte Frau des Dichters Zacha— 
rias Werner geweſen. 


334 


Kunth genoffen und dem Krug nur die feften Speiſen aufbewahrt 
habe. Die Kunth, er war in der Stadt, iſt aber gar keine üble 
Frau, ſondern gut und nicht ohne Verſtand. Auch ennuyiert man 
ſich ſelten mit einer Frau, wenn man in die Individualitäten 
ihres häuslichen und inneren Lebens eingeht. Das tue ich aber 
immer. Nur ſchade, daß wir im beſten Geſpräch über Werner 


unterbrochen wurden. 


158. Caroline an Humboldt Nom, 16. Juni 1817 


u wünſcheſt ſo freundlich, daß das Wohlgefallen an Italien 
in uns gleich bleiben möge. Bei mir und Carolinen 
N hat das gute Wege. Ans gefällt alles — und den 
anderen gefällt vieles. Auguſt wird oft wie übernommen von der 
Schönheit und Grazie der Amgebungen und nimmt an Gegenden 
und Ausſichten ein ſehr lebhaftes Intereſſe. Adelheid hat dafür, 
wie es mir vorkommt, weniger natürlichen Hang, dafür hat ſie viel 
und richtige Empfindung an den Kunſtſachen. Das Gefühl für 
Gegend und Natur, das tiefe Anſprechen und Leben mit ihr 
bildet ſich, glaube ich, meiſt auch ſpäter. Indeſſen bei mir erinnere 
ich mich, daß ich es ſehr früh hatte, daß das Aufſuchen eines 
ſchönen Geſichtspunktes auf den Bergen bei Auleben mich ſchon 
im zehnten Jahr lebhaft beſchäftigte. 

Wir waren geſtern in dem Garten des Vatikan. Der Abend 
war trüb, es hatte oft am Tage gewittert, und die Berge waren 
verſchleiert, ach, doch unbeſchreiblich ſchön. 

Sonntag abend waren wir in St. Paul und bei der Pyramide. 
Auf keinem Kirchhof der Welt iſt es, glaube ich, ſo ſtill wie da. 
Wir blieben lange da, und zuletzt gingen wir auf dem Hügel längs 
der alten Stadtmauer hin. Der Aventin, das Priorat wird ſichtbar. 
335 


Oh, ich habe es nie ſehen können, ohne an Wilhelm zu denken, ich 
ſelbſt ging mit ihm einmal die ſteile Anhöhe vom Fahrweg an 
der Tiber hinauf, er war ſo heiter und froh und kindlich vergnügt. 
Seine ſchöne Hülle ruht nun ſchon fo lang in der ſchönen 
Amgebung, in welch einer Form mag das liebende Gemüt, die 
holde Seele ſich bewegen? Weiß ſie noch von uns, von den 
vielen Tränen, die um ihn gefloſſen ſind, wie wir noch von ihm 
wiſſen? Ach, dieſe Fragen löſt nur der löſende Tod. Er löſt 
des Lebens tiefſtes Rätſel. — 

Sonnabend war ich mit Thorwaldſen in dem Studium, nahe 
an der Piazza del Popolo, wo die Aginetiſchen Statuen reſtauriert 
werden. Die meiſten ſind vollendet. Dieſe Statuen ſind etwas 
ganz Neues, noch nie Geſehenes. Sie ſind wohl älter wie die ſchöne 
griechiſche Bildhauerei und mitunter ſehr mitgenommen, ich meine 
der Marmor angefreſſen. Sie haben auf dem Frontone des Tempels 
geſtanden, auf jedem eine Gruppe, und ſtellen einen beſtimmten 
Kampf der Griechen vor. Von dem einen meint man, es ſei der 
um den Patroklos. Minerva ſteht in der Mitte, neben ihr zwei 
Figuren, die man für den Ajax und Hektor hält. Patroklos liegt 
nicht geſunken, aber eben fallend nieder. Es iſt etwas ganz An⸗ 
beſchreibliches in der Geftalt und den Punkten, auf denen fie ruht 
und dem Leben und der Bewegung, die dadurch hineinkommt. Eine 
andere Kriegergeſtalt zieht ſich den Pfeil aus der Bruſt. Dieſe 
Figuren haben ganz dünne, überall ausgeſchnittene und in die Architektur 
des Frontons eingefügte Plinten gehabt. Sie waren bemalt, Ver- 
zierungen daran vergoldet, und alles ſcheint auf die höchſte Eleganz 
und Schmuck Anſpruch gemacht zu haben. Die eine Gruppe war 
in einem etwas größeren Maßſtab als die andere. Von der kleineren 
ſind mehr Figuren erhalten. Sollteſt Du Hirt noch in Deutſchland 
ſehen, ſo laß Dir genau davon ſagen. Das Allerwunderbarſte 
an dieſen Figuren ſind die Köpfe, und es muß eine uns unerklär⸗ 
336 


bare Arſache haben, warum fie fo häßlich, alle nach einem Typus 
find. Der Mund bei allen lächelnd, nach der linken Seite hinauf⸗ 
gezogen, alfo ſchief, die Augen klein, dreieckt und fatal, der Unter- 
kiefer vorgebaut. Die Leiber hingegen ſind wunderbar ſchön, Arme, 
Füße, Hände, Rücken, mit einer Kenntnis des ſchönen menſchlichen 
Körpers gemacht und vollen detwie das Schönſte. Ich habe noch nicht 
Zeit gehabt in meinem Homer nachzuleſen. Ich bin überzeugt, man 
findet die Stelle, denn die Gruppe iſt die Anſchauung eines Kampfes. 
Sonntag morgen war ich in dem Hauſe auf Trinita, wo 
Bartholdy) das Zimmer al fresco malen läßt, die Geſchichte des 
Joſeph. Ich verſichere Dir, daß die Kompoſition und Ausführung 
unſeren deutſchen Künſtlern Ehre macht. Der Karton des einen 
Bildes von Cornelius“) wird nach Berlin kommen und iſt ganz 
vortrefflich. Das letzte Bild von Veit“) iſt auch beſſer als das 
erſte, und man ſieht, welche Fortſchritte ein junger Künſtler hier macht. 
Von da aus war ich in der Galerie Borgheſe, die wieder 
eingerichtet wird. Ich ſah die Grablegung Chriſti von Rafael. 
Man kann nachher wirklich kein anderes Bild ſehen. Die Ge- 
ſchichte Rafaels ſagt, daß er 21 Jahre alt war, als er dies Bild 
malte, und daß er eben kurz aufeinander ſeinen Vater und ſeine 
Mutter durch den Tod verloren hatte und ſehr traurig war. Es 
ſchwebt über dem Bilde eine ſolche tiefe, obgleich erhabene Trauer, 
daß man wie die Seelenſtimmung des unſterblichen Künſtlers ahndet. 
Tauſend innige Male umarme ich Dich. Meine Seele lebt 
mit Dir, das kann ich wahrhaft ſagen. Addio, anima mia! 
Ewig Dein. 


) Vgl. S. 200. 
**) Peter v. Cornelius, geb. 1783, + 1867. 
*) Philipp Veit, geb. 1793, + 1877, Sohn erſter Ehe der Dorothea 
v. Schlegel, geb. Mendelsſohn. 
Humboldt⸗Briefe. V. 22 337 


159. Humboldt an Caroline Berlin, 17. Junius 1817 


* 


5 Ach muß Dich tauſendmal um Verzeihung bitten, teure Li, 
BS auch heute febr eilig zu fein. Da die beiden Rommiffionen 
ast nun zu Ende gehen, fo machen mir die Berichte unge- 
heuer viel zu tun, und ich habe geſtern den ganzen Tag bis 2 Ahr 
die Nacht an meinem Schreibtiſch geſeſſen. Es kommt nun die 
Zeit der eigentlichen Debatten, und da ich einmal hier auf dieſe 
Weiſe gebraucht worden bin, ſo muß ich auch alles tun, um 
wenigſtens bei den Anparteiiſchen das nötige Vertrauen zu be⸗ 
halten. Wie die Dinge enden werden, ſcheint mir noch immer 
problematiſch. 

Da ſich darüber doch nichts Ernſthaftes mit Sicherheit 
ſagen läßt, ſo muß ich Dir doch eine ſpaßhafte Anekdote er⸗ 
zählen. Die Laroche hat einen Schneider, der beſtändig ſich 
mit Politik beſchäftigt. Dieſer hat neulich große Klagen 
über den Zuſtand von ganz Europa geführt und iſt endlich auch 
auf den Bundestag gekommen. Von dieſem hat er auch nicht 
große Stücke gehalten und endlich geſagt: „Mit dem Bundestag 


iſt's auch nichts, der iſt ganz changeant, ich habe das gleich vorher 


gemerkt, weil der Miniſter Humboldt ſich mit ſo vieler Politeſſe 
davon gemacht hat. Hätte der geglaubt, das was daraus werden 
könnte, ſo wäre er wohl geblieben.“ Du ſiehſt daraus, was man 
in den Tabagien für Geſpräche führt. Es iſt aber immer luſtig, 
ſo dazu zu kommen zu hören, wie es iſt. 

Kunth iſt heute verreiſt, und die Dame geht allein mit den 
Kindern nach Tegel zurück. Die Freundſchaft zwiſchen mir und 
ihnen iff au comble 

. . . Darum bin ich immer fo für die Heiraten im gleichen Alter. 
Es iſt unendlich hübſcher, wenn die Frau erſt allein wird, was 
ſie ſo werden kann, und alsdann das Gleichgeſinnte frei und 
338 


wie aus eigener Zuſammenſtimmung ſich zuſammenfügt. So war 
es zwiſchen uns beiden. Wir haben gewiß ſehr einer auf den 
andern gewirkt, und es iſt für den, der uns tief kennt, in beiden 
ſichtbar, daß wir miteinander gelebt haben und leben. Aber jeder 
behält doch ſeine volle Eigentümlichkeit, und die Freiheit der 
eigenen Entwicklung leidet nicht. In ſpäteren Jahren fühlt ſich 
der Vorzug dieſer Verbindungen noch ſchöner. Es iſt nun der volle 
Genuß der Reife, des erprüften Charakters, und es gäbe kaum 
einen höheren als den recht tiefen, recht anſchaulichen einer großen 
und ſchönen Individualität, ſelbſt wenn es nicht die des geliebten 
Weſens wäre. Wie nun dann, wenn das noch hinzukommt. Bei 
alle dem werden die Leute nicht aufhören, ſich zu jung zu ver- 
heiraten, und wir ſelbſt werden das Exempel erleben. Was kann 
man machen? Die Welt geht ſo nach natürlichen Richtungen 
hin, aus denen ſich die idealiſchen erſt entwickeln müſſen, die aber 
dieſe auch oft ableiten und hemmen. Wenn man nicht in ſich die 
Aberzeugung trüge, daß doch das alles nur Beginn iſt und das 
Aufſtreben und Leben fortdauert, wie es auch ſein mag, ſo wäre 
es wohl manchmal traurig. So iſt's ein Schauſpiel im höchſten 
Verſtande des Worts, in dem der Ernſt immer nur der Wirklich 
keit angehört, und alles wahrhaft Aberirdiſche ein unendliches und 
freies, ungebundenes Spiel iſt, ein Schauſpiel, in dem man ſich 
freut und freilich auch viel leidet, aber am Ende immer zu web- 
mütiger Heiterkeit zurückkehrt. 

Zu Prinzeſſin Luiſe gehe ich jetzt immer die Tage, wo ſie 
nicht öffentlich annimmt, und es herrſcht da die alte Vertraulichkeit. 

Ich muß heute hier ſchließen, teures Weſen. Lebe wohl! 


* 


Zoe 339 


160. Humboldt an Caroline Berlin, 20. Junius 1817 


er König geht morgen nach der Pfaueninſel und kommt 
für jetzt nicht wieder nach Berlin zurück. Ich hatte ihm 

— ovorher geſchrieben, daß ich mich von ihm zu beurlauben 
wünſchte. Am Diner, das für den 18. am 17. gegeben wurde, 
nahm er mich einige Augenblicke ins Fenſter und ſagte mir, er 
habe mir im Ganzen nichts mehr zu ſagen, außer daß er mir die 
Angelegenheit der Herzogin von Cumberland empföhle“). Von 
meinen hieſigen Geſchäften, von allem hieſigen Weiteren kein Wort. 

Daß der Kanzler viel auf mich hält, davon hat er mir in 
dieſen Tagen wieder ſehr große Beweiſe gegeben. Eine Sache, 
die ſchon geſchrieben war, hat er, nachdem ich mit ihm darüber ge- 
redet hatte, ſelbſt ohne es mir zu ſagen, abgeändert. Aber die 
Lage der Oberpräſidenten war eine Verfügung ſchon ſo gut als 
fertig. Ich machte einen Aufſatz, daß ich glaubte, ſie müßten viel 
mehr Gewalt haben, und er läßt nun alles nach meiner Idee um⸗ 
arbeiten. Als wir geſtern bei Zichy zuſammen aßen, hat er Heimen“) 
und Ancillon auseinandergeſetzt, daß ich viel mehr Genie hätte als 
Alexander. Allein ich gehe immer nach London. 

Heute ſind die Gutachten beider Kommiſſionen an den Kanzler 
gekommen. Ich habe beim Schluß der großen den Mitgliedern 
die Sache und mich zum Andenken empfohlen, wenn ſie, wie es 
wahrſcheinlich ſei, wieder ohne mich zuſammenkäme. Sie haben 

) Friederike, geb. 1778, + 1841, Schweſter der Königin Luiſe, war 
1793 1796 verm. mit Prinz Louis, Bruder Friedrich Wilhelms III., 
1798-1814 mit Prinz Friedrich Wilhelm zu Solms-Braunfels und feit 
1815 mit Ernſt Auguſt Herzog von Cumberland, ſpäterem König von Han- 
nover. Dieſe Heirat war im engliſchen Königshauſe nicht gern geſehen 
worden, es war offenbar in Friedrich Wilhelms III. Augen Humboldts 
wichtigſte Aufgabe in England, die Stellung dieſes fürſtlichen Paares, das 


die Königin nicht empfangen wollte, zu verbeſſern. 
) Ernſt Ludwig Heim, geb. 1747, + 1834, Mediziner. 


340 


mir alle gedankt und einige ſehr herzlich und einzeln die Hände ge- 
drückt. Vincke beſonders tut mein Weggehen ſehr leid. Es iſt 
ein ſehr redlicher, guter Menſch. Die Sachen kommen freilich 
noch in den Staatsrat, allein man wird das, ſo weit man kann, 
abkürzen. 

Ich ſchrieb Dir noch nicht, daß Adelheid Pappenheim“) den 
Carolath heiratet, der Adjutant beim König iſt. Der Vater läßt 
ſich jetzt von der Mama“) ſcheiden. Es gibt aber noch vielerlei 
Diskuſſionen. — 

Mit ſolchen Dingen treiben wir uns hier herum, mein geliebtes 
Weſen, indes Du im Größten und Schönſten den Fuß bewegſt. 
Ach, es macht mich unausſprechlich glücklich, daß der liebe Fuß 
nun wieder St. Peter betritt und den Raum im Coliſeum, und 
in den Straßen wandelt, wo ich ſo oft mit Dir ging. Teure, 
einzigliebe Seele, gedenke meiner, ich bitte Dich, mein Leben iſt 
ewig bei Dir. 


161. Caroline an Humboldt Rom, 22. Junius 1817 


In Deinem Geburtstag, teurer geliebter Wilhelm, will ich 
Dir doch einige Zeilen ſchreiben, obgleich fie nicht ab- 
H geben können. Ach, wie iſt es fo traurig, daß ich nun 
ſchon ſeit fünf Jahren ihn nicht mehr mit Dir feiern kann! Doch 
weißt Du und wirſt Du auch heut empfunden haben, daß das 
Beſte, was man hat, Gedanken der Liebe, und der Seele tieffte 


) Adelheid Gräfin Pappenheim, geb. 1797, + 1849. Enkelin des 


Fürſten Hardenberg, verm. 1817 mit dem Fürſten 85 v. Carolath- 
Beuthen. 


**) Lucie Gräfin Hardenberg, geb. 1776, + 1854, verm. 1796 mit Karl 
Theodor Friedrich Graf Pappenheim, geſchieden 1817, verm. 1817 mit 
Fürſt Hermann Ludwig Heinrich von Pückler⸗Muskau, geſchieden 1826. 


341 


Fülle bei Dir war. Gott erhalte Dich mir in freudiger Lebens- 
tätigkeit und laſſe uns bald wieder vereint ſein. Ach, könnte es 
hier ſein, hier wo Himmel und Erde liebend ſich umfangen, doch 
das wäre zu viel Glück. Vielleicht fpater, wenn Du einmal Deinem 
Vorſatz gemäß aus den Kreiſen des öffentlichen Lebens herausge⸗ 
treten ſein wirſt, wird es uns vergönnt, ſtill hier das Leben zu 
ſchließen. 

Einige Sachen kaufte ich ſehr gern, wenn Du es genehmigſt. 
Thorwaldſen hat zwei Medaillons, das eine die Nacht, die zwei 
Kinder in den Armen fliegend davonträgt, das andere Aurora, 
die Nofen ſtreut, ein drittes der Centaur, der die Dejaneira raubt, 
gemacht. Die beiden erſten Basreliefs ſollen jedes 200 Seudi in 
Marmor koſten, das letzte iſt ein wenig größer, ich habe nicht ge⸗ 
fragt. Die Nacht iſt eine Figur voll eines ſo tiefen Ausdrucks, 
daß ich wenig Dinge der Art kenne. Wenn nur der König oder 
der Kronprinz auf meine Gefahr den großen Fries, den Alexander⸗ 
zug, in Marmor machen ließen. 12000 Seudi, 18000 Taler iſt 
durchaus kein Geld dafür, iſt im Verhältnis viel wohlfeiler als ſo 
ein kleines Tondo 200 Seudi, und iſt, ich ſchwöre es Dir, das 
Schönſte, was in Bildhauerei ſeit jener längſtvergangenen großen 
Zeit iſt gemacht worden. 

Deine Féte in Neuhardenberg hat uns alle göttlich amüſiert. 
Ich ſehe Dich mit der Aktuariuſſin konverſieren. Die arme Frau, 
die all Deine Gutmütigkeit ſo hingenommen, ich habe mich bald 
totgelacht. Du kommſt doch zu eigenen Konfidenzen. Du ſagſt 
zwar, ich ſolle nicht ſagen, daß Du Dich über die Burgörnerſchen 
Volksféten mokierteſt, mais le diable n'y perd rien. Moquerie 
und Gutmütigkeit verbinden ſich in Dir auf eine ſeltene Weiſe, 
wie ich es noch nie bei einem anderen Menſchen ſah. Ach wie 
gern läßt man ſich von Dir aufziehen, wenn du nur da biſt, Du 


liebes Herz. Des Staatskanzlers Féte haſt Du ſehr verherrlicht, 
342 


mein ſüßes Leben. Ach, während Du in jener traurig märkiſchen 
Gegend nicht einmal freundlichen Himmel genoſſeſt, kamen wir in 
Rom an. Welch ein Anterſchied! Wohl find die Sterne ein 
Troſt, die ewigen, unwandelbaren, die über einem ſtehen und das 
irre Getriebe hier unten gleichſam mitleidig betrachten. Ich ver- 
ſäume keinen Abend, die Sonne untergehen zu ſehen, und ſtehe 
oft ſtundenlang allein am Fenſter in Gedanken und Betrachtungen 
der Vergangenheit und des ſternenvollen Himmels verſunken in 
einſamer Nacht. 

Ach, ich habe hier einen Brief Kunths an Wilhelm vom 
2. Auguſt 1803 gefunden, recht hübſch und einem Kinde ange⸗ 
meſſen geſchrieben. Er ſtarb ſchon den 15., ſo bekam er ihn nicht 
mehr, obgleich er den 2. noch in Fülle ſchöner, heiliger Jugend 
blühte. Dies Haus iſt noch voll, voll von tauſend Angedenken 
der Kinder und der Vergangenheit und auch darum bin ich un- 
gemein glücklich, wieder hier zu wohnen. 

Gabriellen laſſe ich malen, ich hoffe, es wird ein ſehr hübſches 
Bildchen werden. Du kannſt denken, daß Schadow“) ſich eine 
große Mühe gibt. 


162. Humboldt an Caroline Berlin, 23. Junius 1817 


ch komme eben aus Don Carlos, liebe Li, den ich mit 
4 großem Vergnügen gefehen habe. Außer dem Ver⸗ 
grügen am Stück iſt es ein Zurückgehen in die frühere 
Balen. Ich las ihn mehrmals ſtellenweis mit Dir und das erfte 
Mal mit der Forfter™) in Mainz. Es iſt jetzt niemand mehr, der 


) Vgl. S. 115. 

**) Thereſe Heyne, geb. 1764, + 1829, Tochter des Philologen, verm. 
1785 mit Georg Forſter, 1794 mit Ludw. Ferdin. Huber, Schriftſtellerin. 
Vgl. B. I, S. XIX. 

343 


‘= - 


fähig ware, fo etwas hervorzubringen, ſelbſt die Fehler find für 
die heutigen Menſchen zu groß. Das Rieſenhafte in Idee und 
Ausdruck, das Schillern ſo ſehr eigen war, erſcheint in keinem 
anderen Stück ſo, und ſo viele Worte, die unter uns beiden 
Sprichworte geworden ſind. Mit Schiller iſt immer der größte 
Kopf dahingegangen, der je unter uns gelebt hat, ich habe ſchon 
oft darüber ſchreiben wollen und täte noch nichts gleich gern, aber 
man weiß immer nicht, wie man es anfaſſen ſoll, und es iſt auch 
außerdem gar nicht die Zeit, in der fo etwas gefühlt und ver- 
ſtanden wird. 

Geſtern war, wie Du vielleicht daran gedacht haſt, mein 
Geburtstag. Kunth, der alte, hat mir vor ſeiner Abreiſe einen 
zärtlichen Brief geſchrieben, den mir der Neveu geſtern mit einer 
recht hübſchen Brieftaſche gebracht hat. Hernach gratulierte mir 
Boisdeslandes und zuletzt kam noch Heim, der beim Departement, 
der mir ſehr anhänglich iſt. Damit aber war es am Ende. Bülow 
weiß den Tag nicht. Mein Bruder Holwede war zwar hier und 
den Morgen bei mir, allein das Familiengedächtnis iſt bei ihm 
nicht ſtark. Im Jahre 1814 ging es mir mit Alexander in London 
ebenſo. Theodor hat auch nicht Kunde davon gegeben. Vermutlich 
hat er mich mißverſtanden. Er fragte, wann mein Geburtstag wäre, 
den Tag darauf, als er herkam. Ich ſagte es ihm. Vermutlich 
hat er Julius verſtanden. So habe ich im ſtillen an Dich, Du 
Liebe, Gute gedacht, und wie Du mich ſo hübſch geweckt haben 
würdeſt, wenn Du hier geweſen wäreſt. Daß die ſchöne Zeit nicht 
mehr iſt! Alle Morgen befällt mich die tiefe Sehnſucht. 


344 


163. Humboldt an Caroline Berlin, 27. Junius 1817 


ch bin auf einmal ſehr reich geworden, teure Li, da ich 
D vorgeſtern zwei lange Briefe von Dir vom 3. und 7. 
bekommen habe. Ich habe fie viele Male geleſen und 
kann Dir gar nicht beſchreiben, wie ſie mich glücklich gemacht haben. 
Ich habe mich ganz in Dein Leben und Deine Empfindungen ver⸗ 
ſetzen können, und bei jeder Zeile hat mich eine unendliche Sehnſucht 
nach Dir und dem himmliſchen Orte ergriffen. Gleich den erſten 
Abend alſo biſt Du nach der Pyramide gefahren, ich konnte es mir 
wohl denken, daß Du keine Nacht zubringen würdeſt, ohne die lieben 
Kleinen zu beſuchen. Bei Mondenſchein iſt der Ort doppelt ſchön 
— es wird immer der Ort bleiben, an den ſich die Erinnerung 
unſerer tiefſten Schmerzen heftet. 

Du haſt ſehr recht, daß wir ohne Zweifel in Rom trotz aller 
angeblichen Teuerung leben könnten, und glaube mir auch, daß 
dieſer Gedanke mir immer nahe liegt. Man muß nur nicht gewalt⸗ 
ſam abreißen, das iſt uns beiden nicht eigen, aber von innen aus 
reifen die Dinge, und dann geſtalten ſie ſich leicht. 

Mit dem Staatskanzler bin ich immer auf dem alten Fuß, 
er hat ſehr viel Freundſchaft für mich wie ſonſt und bleibt ſich 
darin wirklich auf eine recht liebenswürdige Weiſe gleich. 


29. Junius 

Es ſchmerzt mich unendlich, liebe teure Li, daß unſer Hoch⸗ 
zeitstag in dieſem Jahr für mich in eine Zeit fällt, wo wir nicht 
allein getrennt ſind, ſondern auch alle Stunden mir durch Geſchäfte 
zerriſſen ſind. Die Verſammlungen des Staatsrats gehen morgen 
an, und ſobald es an die Steuerangelegenheit kommt, wird die 
Sache ſehr ſtürmiſch werden. Ich bin aber gerade der, welcher 
ſprechen muß, und in einer mir an ſich fremden Angelegenheit 
erfordert es mancherlei Vorbereitung, auch Verabredungen mit dem 
345 


Staatskanzler. So bleibt mir kaum ein Augenblick übrig, und ich 
muß Dich im voraus bitten zu verzeihen, wenn ich heute unge- 
wöhnlich kurz bin. Du weißt, wie gern ich Dir ſonſt ſchreibe. 
Ich hatte den Plan, den heutigen Tag allein in Tegel zuzubringen, 
allein es war unmöglich ihn auszuführen. Ja, liebes, teures Herz, 
er iſt mir der liebſte und ſchönſte im Jahr. Ich kann Dir gar 
nicht danken für das, was Du mir ſeit dieſem Tage gegeben haſt, 
aber ich habe mit doppelter Inbrunſt Deinen lieben, lieben Namen 
und die Züge der treuen Hand in der Bibel geküßt und mit dop⸗ 
pelter Sehnſucht Dein Bild angeſehen. Wieviel gäbe ich darum, 
wenn ich Deine liebe, liebe Hand nur einmal wieder an meine 
Lippen drücken könnte! 


164. Humboldt an Caroline Berlin, 3. Julius 1817 


2 


ch habe feit meinem letzten Briefe, liebe Li, in einer ſon⸗ 
2 derbaren Bewegung und unaufhörlichem Treiben zuge⸗ 
bracht, von dem ich Dir doch kurz einige Worte fagen 
muß. Es kam jetzt die Arbeit meiner Kommiſſion vor den Staats⸗ 
rat, und ich mußte im Staatsrat den Vortrag halten. Dies er⸗ 
forderte eine ſorgfältige und zum Teil ſchwierige Vorbereitung. Es 
trat aber noch ein Zwiſchenpunkt ein, der noch läſtiger war. Der 
Finanzminiſter hatte gegen unſer auch gedrucktes Gutachten Be⸗ 
merkungen drucken laſſen, die für die Kommiſſion wirklich beleidigend 
waren. Es entſtand darüber großer Lärm, die Oberpräſidenten 
hielten eine eigene Verſammlung, indes taten ſie nichts, ſondern 
ſahen auf mich. Ich konnte die Sache nicht ſitzen laſſen und mußte 
in der Verſammlung darüber reden. Das mußte zugleich mit 
Nachdruck und Vorſicht geſchehen. Geſtern war der Tag. Ich 
redete erſt eine gute Stunde ruhig über die Sache, dann über 
dieſen Vorfall, und der Schlag gelang vollkommen. 

346 


Einige, weil es immer ſolche gibt, fanden was ich fagte zu 
ſtark, allein Beyme, der unter dieſen war, ſagte mir noch heute, 
ich hätte ſo gemeſſen geſprochen, daß man kein einziges Wort habe 
angreifen können, das werde mir niemand nachtun. Der Beifall 
bei den anderen, und es war wohl die Mehrzahl, war dagegen 
ungemein, und ich habe ungemein durch dieſe Sache gewonnen. 
Dennoch war ſie mir unangenehm, weil ſo etwas immer widrig iſt. 

Der Vortrag über den Gegenſtand hat auch viel Senſation 
gemacht. Man war ohne Ausnahme damit zufrieden. Heute war 
wieder Staatsrat und alles merkwürdig höflich und artig. Der 
Staatskanzler hat ſich bei jenem Vorfall trefflich und wahrhaft 
edel genommen. So unangenehm es ihm war, iſt es auch heimlich 
gegen mich, nicht über ſeine Lippen gekommen, daß ich zu weit 
gegangen ſei. Auch vorher, da ich ihm davon ſagte, hat er mich 
nicht einen Augenblick abgehalten. Aber die beiden Staatsrats-⸗ 
tage, bei denen ihm ſein Gehör ein ſehr unangenehmes Hindernis 
iſt, haben den armen Mann entſetzlich mitgenommen. 

In zehn Tagen ſpäteſtens, hoffe ich, wird er gehen können. Su- 
gleich hat ihn die Hochzeit der Adelheid angegriffen. Ich ſchrieb Dir, 
denke ich, daß ſie den Fürſten Carolath geheiratet, und Vater und 
Mutter ſich geſchieden haben. Scheidung und Ehe fielen nur einen 
Tag auseinander. Die Mutter macht nun ſchon in ſechs Monaten 
ihre neue Ehe. Ich war nicht bei der Hochzeit, weil die Mutter 
die Einladungen gemacht hatte, aber am Tage darauf, demſelben, 
wo ich die Szene haben mußte, war das Hochzeitsdiner beim Kanzler, 
dem ich beiwohnte. Wohl 60 Perſonen. Ich bin ſehr ritterlich 
geweſen, denn ich habe die Frau meines Gegners geführt. Auf 
der anderen Seite ſaß ich bei der Bernſtorff, die auch mit dem 
Staatskanzler verwandt iſt, und die ſchöner als je iſt. Sie grüßt 
Dich ſehr. Sie findet, daß ſie zu ſtark wird, doch noch iſt ſie es 
nicht. 

347 


5. Sulius 
In der folgenden Woche denkt der Staatskanzler fortzukommen, 
und ſo vermute ich am 14. zu reiſen. Hermann beſuche ich gewiß 
noch einmal, auch Tegel wenigſtens auf einige Stunden. Jetzt 
habe ich ſehr viel zu tun, und es iſt überhaupt eine Zeit der Kriſen. 
Es ſind große Stürme, aber ich bin ſehr oben in der Meinung, und 
die Gegner haben, wenigſtens ſolange ich hier bin, Furcht. Ich gehe 
zunächſt nach Burgörner und von da gleich in der Gegend herum 
wegen der Dotation. Von da vielleicht nach Schleſien, wenn ich 
es für nötig halte, und im Rückweg von Schleſien, wenn der 
Kanzler noch dort iſt, über Karlsbad, ſonſt gerade nach Frankfurt. 
Habe ich den Kanzler in Karlsbad nicht geſehen, ſo ſehe ich ihn 
am Rhein. Dort iſt vermutlich dann auch der König und Boyen, 
mit dem ich ſehr enge vereinigt bin. Dieſe letzte Zuſammenkunft 
könnte noch in der Reiſe nach London etwas hindern, ſonſt iſt ſie 
unwiderruflich. Ich hoffe Mittel zu finden, Dir bald ausführlich 
zu ſchreiben, dann wirſt Du alles erfahren und mich gewiß 
billigen. Du, das ſehe ich voraus, wirſt beſſer tun, den Winter 
in Rom zu bleiben. 


165. Humboldt an Caroline Berlin, 6. Julius 1817 


der König mir unmittelbar vor ſeiner Abreiſe ſchreiben 
— ließ, daß ich noch einmal vor meinem Abgang nach 
London über die Herzogin von Cumberland mit dem jetzigen Groß⸗ 
herzog“) ſprechen ſollte. Der Großherzog, der doch immer ſehr 
gut iſt, wollte mir auf die Hälfte des Wegs entgegen kommen. 


91 J ch weiß nicht, ob ich Dir ſchon ſchrieb, meine teure Seele, daß 


) Georg, ſeit 1816 Großherzog von Mecklenburg-Strelitz, geb. 1779, 
+ 1860, Bruder der Herzogin von Cumberland. 


348 


Das wäre nur noch unbequemer gewefen. Es entſtand nun eine 
Korreſpondenz, in der ich vorſchlug, bis Strelitz zu gehen, und wir 
ganz in die alte Zärtlichkeit zurückkamen. Davon iſt nun aber 
die Folge, daß ich morgen nach Strelitz abreiſe und Dir, ſüße Li, 
vielleicht nicht werde viel ſchreiben können. Heute abend bin ich 
ſehr müde. Ich war bei Nadziwills und die Prinzeſſin (Gneiſenau 
war auch da) bekam den Einfall, noch nach Tiſche ſpazieren zu 
gehen. So iſt es ſchon 1 Ahr geworden; morgen iſt Staatsrat, 
wo man gar nicht abſehen kann, ob er nicht bis 4 Ahr dauert, 
und um 5 will ich abreiſen. Am 10. hoffe ich wieder hier zu ſein. 
Ich fahre hin und her die Nacht durch, ſchlafe aber ruhig die 
Nacht dazwiſchen in Strelitz. Der Großherzog ſpricht in allen 
Briefen von Dir, und im letzten ſagt er mir, indem er Deines 
Glücks erwähnt, in Italien leben zu können: „Werden wir denn 
ewig zu Schneeluft und Bierduft verdammt ſein?“ 

Geſtern war wieder Staatsrat, und die Kommiſſion hat den 
vollkommenſten Sieg davongetragen. Die Sitzung dauerte ſechs Stun- 
den, bis 5 Ahr, aber der Staatsrat hat alles, wie es die Kommiſſion 
wollte, beſtätigt, und gerade in den Punkten, in welchen ihr die 
Gegner es am meiſten vorgeworfen hatten. Dieſe Sache iſt nun 
geendigt, und ich habe die Genugtuung, mein Präſidium auf eine 
ſiegreiche Weiſe geführt zu haben. Die Arbeit iſt ordentlich ge— 
lungen, die Mitglieder der Kommiſſion find mit mir zufrieden ge- 
weſen, und zuletzt habe ich ſie ſo beim Staatsrat vertreten, daß 
wir auch da vollkommen gerechtfertigt und gebilligt erſcheinen. 
Alle Oberpräſidenten ſind dankbar davongegangen. 

Aberhaupt hat der Staatsrat für mich ſehr glänzende Erfolge 
gehabt. Savigny“) hat bei Radziwill, wo es Bülow gehört hat lich 
war nicht da), laut geſagt, daß es nicht möglich wäre, mehr Talent 

) Friedrich Karl v. Savigny, geb. 1779, + 1861, bedeutender Rechts- 
gelehrter, war 1817 Mitglied der Juſtizabteilung im Staatsrat. 

349 


zum Reden zu entwickeln, und die Mehrheit der Verſammlung iſt 
immer mir zugefallen. Ich erzähle Dir das ganz naiv, mein ſüßes 
Leben, weil ich weiß, daß Du Dich daran freuſt, mich freut es immer 
ſelbſt ganz beſonders Deinetwegen, es iſt das hübſcheſte Gefühl 
für einen Mann, machen zu können, daß die Frau auf ihn ſtolz 
iſt. Ich halte übrigens von der Sache nicht viel. Wenn man 
ſich Mühe gibt, wie ich tue, und recht bei der Sache iſt, geht 
es immer leicht. Mir aber iſt ſo etwas nur vorzüglich als eine 
neue Abung, eine neue Erfahrung lieb. Es bereichert immer das 
Leben, und inſofern hat der Aufenthalt in Berlin für mich viel 
Wert gehabt. 

Daß ich weggehe, wollen die Leute nun gar nicht glauben, 
aber es geſchieht gewiß und kann nicht anders als geſchehen. Wie 
ich jetzt hier bin, bin ich ein Hindernis für die, welche handeln 
wollen, und da muß man mich entfernen. Das fühle ich ſelbſt ſehr 
gut. Auch wenn ſonſt alles hier gedeiht, gehe ich recht gern. Lon⸗ 
don iſt ein neuer Schauplatz, auf dem ich ſehr gern meine Kräfte 
verſuche, und wenn man es recht anfängt, iſt ſehr viel da zu tun. 

Nun ſchlafe wohl, mein geliebtes, teures Weſen. Ach! wäre 
ich bei Dir und hörte das einſame Rauſchen des Meeres in Ischia. 
Das Leben geht hin wie ein Schatten, und man verſchiebt und 
verſchiebt. Aber die Zeit wird auch kommen, und meine innere 
ſehnſuchtsvolle Stimmung muß ſie ſchneller herbeiziehen. 

Aber meine Dotation bin ich noch nicht weiter, als daß ich 
meine Erkundigungen vervollſtändigt habe. Ich war ſehr für 
Huyſeburg, allein es findet ſich, daß Kneſebeck, von dem ich gewiß 
glaubte, daß er ein Gut in hieſiger Gegend wolle, auf Huyſeburg 
gefallen iſt und dies ſchon offiziell in Anſpruch genommen hat. 
Ich muß ihm nun natürlich nachſtehen. 


350 


166. Caroline an Humboldt Reapel, 4. Julius 1817 


— ~~ 


Ia Du die Namen der Städte ſo anſiehſt, mein allerteuerſtes 


D Herz, ehe Du die Briefe lieſeſt, ſo wird dieſer Dich ſehr 


0oeruhigen. Wir find geſtern nachmittag glücklich hier 
angekommen und ohne alle Anannehmmlichkeit als allein einige Stunden 
großer Hitze jeden Tag. Doch hat auch dieſes ſich beſchränkt auf 
zwei Stunden etwa, denn nur von Rom fuhren wir ſpät um Mittag 
weg, die anderen Morgen immer ſehr früh, und die heißeſten 
Stunden des Tages brachten wir unter Dach und Fach zu. Caro- 
line iſt aber ſehr leidend, noch leidender als gewöhnlich auf der 
Reiſe geweſen, und ich habe freilich dadurch viele traurige Stunden 
verlebt. Morgen früh gehe ich mit ihr und Gabrielle nach Ischia, 
Auguſt und Adelheid bleiben hier und werden mich dort nur beſuchen. 
Es iſt ſo außerordentlich ſchwer, ſich in Ischia zu logieren, daß ich 
es auch darum beſſer finde... Die Not der Wohnungen war 
in Ischia fo, daß der Prinz Heinrich“), der die beſte genommen 
hat, nun aber für ſeine Perſon nicht hingeht, mir die ſeinige geben 
wollte, allein es ſind Leute vom Prinzen, auch ſein Adjutant v. Lepel 
da, und die Namdohr**) hat begriffen, daß das alles nur zu einer 
Anbequemlichkeit für mich ausſchlagen würde, worin ſie ſehr recht 
hat. Aberhaupt kann ich Dir nicht genug ſagen, mit welcher Mühe 
ſie mir alles hier eingerichtet hat. Bedienten, Kammerjungfer, die 
zugleich ſehr gut kocht, alles habe ich hier vorgefunden, ein kleines 
ordentliches Diner, recht häuslich und hübſch. Alles wäre gut 
und erfreulich, nur Carolines Geſundheit trübt mir freilich noch ſehr 
die Gegenwart. Ich erwarte, indem ich dies ſchreibe, den hieſigen 
Arzt, Herrn Schönberger, denn über den Gebrauch der Bäder und 


*) Bruder Friedrich Wilhelms III., geb. 1781, + 1846. 
*) Bal. S. 148 und Bd. IV., S. 90. 
351 


welche Quelle Caroline nehmen ſoll, muß ich mich notwendig mit 
ihm beraten. 
Den 5. 

Ich fahre erſt heute fort, mehrere Beſuche folgten ſich einer 
auf den andern, und der Doktor war allein über zwei Stunden 
beim; 

Ich habe den Plan heute nach Ischia zu gehen aufgeben müſſen, 
die Fahrt iſt unangenehm, der Wind konträr und man wird leicht 
ſeekrank. Alſo gehe ich morgen. 

Es ſcheint alles ganz unbeſchreiblich unbequem in Ischia zu ſein. 
Die Bäder ſind wo anders, als da wo man wohnt, die Eſel müſſen 
das alles entgelten, ſie gehören mit zum Leben. 

Schönberger findet Carolinens ganzen Zuſtand zwar nicht 
bedenklich, wenigſtens nicht für den Moment, allein für ſehr kom⸗ 
pliziert, und hat mir eigentlich rein heraus geſagt, er hielte es für 
unmöglich, fie ganz herzuſtellen. ... Der Blick in die Zukunft iſt 
daher wohl ſehr trübe. 

Dem Vefuv, wollte ich Dir geſtern ſagen, wohne ich gegen- 
über. Er ſpeit Feuer, jeden Abend ein herrliches Schauſpiel, 
wenn oben die hohen Feuerſäulen brennen und die glühendroten 
Steine durch die Nacht fliegen, unten das Meer in ſeiner Fülle 
brauſt und der unendliche Horizont mit tauſend und tauſend Sternen 
beſät iſt. Oh, wärſt Du bei mir! Eigen wird einem hier zu⸗ 
mute, ich kann's nicht nennen, ſtill und wie aufgelöſt in die ewige 
Schönheit und Fülle, die einen umgibt, möchte man ſich fragen: 
„Sind es Schmerzen, ſind es Freuden, die durch meinen Buſen 
ziehen?“ — 

Ich breche hier ab, da noch mancherlei zu beſorgen iſt... 


352 


167. Caroline an Humboldt Neapel, 6. Julius 1817 


goch ſchreibe ich Dir von hier, teuerſtes Herz, und es iſt 
: noch zweifelhaft, ob ich heut hinüber nach Ischia komme. 
vi} Geftern nachmittag hat ein fo heftiger scirocco ſich er⸗ 
hoben, der noch immer fortdauert, und mit dieſem kann man wohl 
zurück, aber nicht hinkommen. Da ich indeſſen glaubte, heute mit 
dem Tage hinzugehen, ſo hat mich dieſer Zufall ziemlich um die 
Nacht gebracht. 

Caroline, meine arme, liebe Caroline, iſt leidender denn je, 
ach, und unbegreiflich iſt's mir, wie ſolche Wärme ſie nicht 
die empfindlichen Schmerzen im Geſicht verlieren macht. Schön⸗ 
berger ſieht es für zweifelhaft an, ob ſie die Bäder der 
Inſel vertragen wird. Du kannſt wohl denken, daß mir das alles 
manchen Kummer macht, fei indes nicht bange, teures Herz, nieder- 
werfen laſſe ich mich ſo leicht nicht, wie tief auch mein Herz leide. 
Vielleicht geht es auch gut mit den Bädern, und der Schmerz 
verſchwindet. Ach, es iſt alles in dem lieben Mädchen ſolch ein 
habituelles Leiden geworden. Warum ihr, ihr, der Schwachen, 
der ganze volle Kelch bittrer Krankheit! .. 


Den 10., Lacco auf Ischia 

Wir find feit dem 7. um 9 Ahr am Ziel unſerer langen Neife. 
Caroline ward (auch Gabrielle, ich nicht) auf der dreiſtündigen 
Seefahrt ſeekrank. Wir fanden ein ſelbſt für drei Perſonen ent- 
ſetzlich kleines, ängſtlich ſchlecht eingerichtetes Quartier, zwar eine 
herrliche Ausſicht, aber keine Perſianen, keine Möbels, nichts. 
Wir faßten uns zwei Tage in Geduld, ich ſandte einen Em— 
pfehlungsbrief an den Herrn Pigillo, den ich von dem Preußi⸗ 
ſchen Konſul in Rom hatte, und dieſer bewog dann meinen 
Hauswirt, mir die Premiere-Etage des großen Kaſinos einzuräumen, 
wo ich früher nur im Kaffeehaus gewohnt hatte. Freilich muß 
Humboldt⸗Briefe. V. 23 353 


ich bedeutend mehr geben, dort würde mir die Zeit des Hierbleibens 
100 Ducati gekoſtet haben, hier 200. Allein ich mußte zugreifen. 
Ich wohne nun geräumig und gut. 

Unfere Einſamkeit iſt total, die Lage unſeres Kaſinos 
ungemein ſchön, mehrere Terraſſen, die zu einer ſchön an⸗ 
gebauten Vigne führen, von jeder die verſchiedenartigſte Ausſicht 
auf die Berge der Inſel und auf das Meer, auf dieſem alle 
Inſeln, Ponza, Procida, Cap Miſeno und Baja, im Hinter- 
grunde der rauchende Veſuv, darüber der unendliche Himmel. 
Ach, was gäbe ich darum, in dieſer tiefen Stille mit Dir zu 
ſein! Die ganze Inſel ſcheint ein einziger koloſſaler Berg ge⸗ 
weſen zu ſein, vielleicht im Streit ungeheurer Naturkräfte und 
vulkaniſcher Exploſionen auseinandergeriſſen. Jetzt iſt alles ange⸗ 
baut, die ganze Inſel ein Weinberg, einzelne Vorberge bilden dem 
Meere tiefe Buchten, zackigte Lavafelſen zeigen ſich überall und 
ſtechen mit ihrem düſtern Grau wunderbar gegen das friſche Grün 
des Weinlaubes und das Saphirblau des Meeres ab. Das Volk 
iſt gut und arbeitſam, ein Verbrechen, eine Dieberei ſogar un⸗ 
erhört, alles ſchläft hier mit offenen Türen in tiefſter Ruhe. 


168. Humboldt an Caroline Berlin, 11. Julius 1817 


Ich bin vorgeſtern, am 9. gegen Mittag, wieder hier ange⸗ 
kommen, geliebte Seele. Meine Reiſe war ſehr kurz 
und etwas ermüdend, allein doch immer fo, daß es mich 
freut, ſie gemacht zu haben. Ich war mit dem Großherzog ge— 
wiſſermaßen auseinandergekommen; es war nicht meine Schuld, 
aber es tat mir leid. Wir find einmal ſehr freundſchaftlich mit⸗ 
einander geweſen, und dann ſehe ich ſo ein Band immer ungern 
zerreißen. Dieſe RNeife war, ohne daß es ſich ausſprach, eine 
354 


Art von Verſöhnung. Er nahm fie mir ſehr hoch auf und hatte 
nicht Anrecht. Denn ich habe während meines ganzen Berliner 
Aufenthalts nicht ſo viel zu tun gehabt als gerade jetzt, und da 
er am 21. oder 22. hier durchkommt, fo hätte ich ihn leichter ab- 
warten und hier ſprechen können. Für das Geſchäft hätte das 
genügt. Ich reiſte hier am Montag, den 7., um 7 Ahr abends ab, 
fuhr die Nacht durch und war am anderen Tag gegen Mittag 
dort. Da der Weg der tiefſte Sand und mein Wagen ſchwer 
iſt, auch nicht ſpurt, ſo brauchte ich ſo ungewöhnlich viel Zeit zu 
den 14 Meilen. 

Der Weg gehört zu den ſchrecklichſten, nichts als Sand 
und trauriges Nadelholz. Selten erhebt ſich, wie in einer 
Art Begeiſterung, die Gegend zu Sandhügeln, die mit Kienen 
couronniert ſind. Eine halbe Stunde vor Strelitz, das eigentlich 
Neuſtrelitz heißt, kommt man durch ein Städtchen, Altſtrelitz, wo 
ein ehemaliges, grünangeſtrichenes Schloß zum Zuchthaus gemacht 
iſt und meiſt nur Juden wohnen. Wenn man den Schrecken 
verwunden hat, daß dies der eigentliche Ort ſein könnte, verfällt 
man wieder in eine tiefe Sandebene, bis man endlich zur Neſi⸗ 
denz gelangt. Dieſe iſt nun wirklich hübſch, ein großes und recht 
leidliches Schloß in ſchönen Gärten und von großen Bäumen 
umgeben, dann einige breite Straßen mit Häuſern, denen man es 
anſieht, daß ſie nur wegen des Hofes ſo um das Schloß her 
gebaut ſind. 

Beim Eingang des Ortes erwartete mich ein Bedienter des 
Hofes und führte mich in ein Haus, das der Bruder des ver— 
ſtorbenen Großherzogs gebaut hat und wo ich ſehr gut wohne. 
Fremde ſcheinen nie im Schloß zu wohnen. Jetzt war gar kein 
Platz, da man zur Aufnahme der künftigen Großherzogin“) darin baut. 


) Prinzeſſin Marie zu Heſſen⸗Kaſſel, geb. 1795, + 1880, verm. 
Auguſt 1817. 


23* SER, 


Ich war kaum eine Viertelſtunde allein geblieben, fo kam 
der Großherzog und brachte ein Frühſtück mit. Er blieb bis 
gegen das Mittageſſen bei mir und war ſo gut und freundſchaftlich 
und vertraulich wie immer. Er wußte unbegreiflicherweiſe von 
allen Staatsratsverhältniſſen und verſicherte, daß mein Ruhm 
ſchon in Strelitz erſchallt ſei. Er redete viel von Dir und läßt 
Dich auf das herzlichſte grüßen. Gegen 3 Ahr wurde ich zum 
Mittageſſen abgeholt. Man ißt zwar mit dem Hofſtaat, aber er 
iſt klein und nicht ſo langweilig. Die Hauptperſon außer dem 
Großherzog iſt die alte Landgräfin von Darmftadt*), die Groß⸗ 
mutter der verſtorbenen Königin. Sie iſt 88 Jahre alt, aber noch 
im Gang und Geſpräch von einer Rüſtigkeit, daß man ihr nicht 
über einige 60 gibt. Sie iſt auch nicht langweilig, wenn man 
ſie nicht zu lange ſieht, und erzählt einige alte Geſchichten, die 
einen ſehr in die Arwelt der deutſchen Fürſtenhäuſer verſetzen. 

Nach Tiſch brachte ich einige Stunden mit den Miniſtern zu, 
und um ½8 Ahr verſammelten wir uns wieder zum Tee auf dem 
Schloß, dem das Abendeſſen folgte. Den andern Morgen ſtand 
ich etwas ſpät auf. Bald darauf kam der Großherzog und ging 
mit mir die Gärten ab. Die Gartenanlagen ſind hübſch und die 
Vegetation ſchön. Nach Tiſch beſuchte mich noch der Großherzog 
auf eine halbe Stunde, nahm ſehr herzlich und freundſchaftlich 
Abſchied, und ſo fuhr ich fort und wieder die Nacht durch. 

Im Wagen allein habe ich mit unendlicher Freude Deiner 
gedacht, freilich auch mit großer Sehnſucht, aber es iſt mir eigen, 
mich in das genoſſene Glück tief hineinzudenken, und ſo habe ich, 
wo ich nicht ſchlief, mich ganz in unſere Vergangenheit verſenkt. 

Geſtern aß ich den Mittag beim Staatskanzler. Er hatte 
ſich erkältet, noch mehr aber hat Verdruß auf ihn gewirkt. Er 

) Marie Luiſe Albertine, geborene Gräfin von Leiningen-Heidesheim, 
geb. 1729, + 1818. 

356 


ift ſehr abgefpannt. Den Abend war ich bei Prinzeſſin Luiſe. 
Sie geht morgen fort. Gneiſenau war noch da, er iſt heute ab- 
gereiſt. Er war noch um 8 heute früh bei mir, und ſein letztes 
Wort war von Dir und Grüße an Dich und die Kinder. Er iſt 
Dir ſichtbar und vorzugsweiſe gut. Er hat an den jetzigen Ge- 
ſchäften keinen lebhaften, ſondern einen Anteil genommen, den man 
eher einen vorſichtigen nennen könnte. Dagegen iſt Grolman 
und mit viel natürlicher Beredſamkeit vorgetreten. Aberhaupt 
waren die fünf Staatsratsſitzungen ordentliche Zeiten der Prüfung. 

Heute bin ich wieder beim Staatskanzler zu Mittag und den 
Abend bei der Prinzeſſin geweſen, wo noch zuletzt alle Welt einem 
recht gefliſſentlich bewies, das man auch da Langeweile haben kann. 

Bei Gelegenheit der Langeweile muß ich Dir eine himmliſche 
Stelle aus einer Depeſche von Varnhagen abſchreiben, die ich eben 
vor mir liegen habe. Er ſpricht von Roſtopſchin'), der in Baden 
geweſen iſt, und ſchließt mit folgenden Worten: „In ſeiner Art 
hat er eine gewiſſe Ahnlichkeit mit dem Herrn Staatsminiſter von 
Humboldt, dieſelbe ſcheinbare Kälte, unter welcher ſich denn doch 
die Wärme der Empfindung nicht ganz verdecken kann, dieſelbe 
Schärfe und Eigenheit des Witzes, der auch oft aus der gleichen 
Quelle zu kommen ſcheint, nämlich aus der Angeduld die Langeweile 
zu ertragen, die ſich an die gewöhnlichen Geſpräche fo gern an— 
ſchließt, und der man, wenn der fremde ausbleibt, nur durch 
eignen Witz entgehen kann.“ So albern es auch iſt, ſo etwas in 
Depeſchen zu ſchreiben, ſo iſt die Bemerkung doch ſehr hübſch und 
oft in Anwendung auf mich wahr. Sie zeichnet die völlige Ab- 
weſenheit der Luſt zu glänzen bei den Einfällen, und inſofern kann 
ich ſehr zufrieden damit ſein, und wirklich bin ich oft nur aus Ver⸗ 

*) Graf Roſtopſchin, geb. 1763, + 1826, ruſſiſcher General, dem man 


den Brand von Moskau 1812 zuſchrieb, war 1814 mit Kaiſer Alexander I. 
auf dem Wiener Kongreß. 


357 


zweiflung, daß aus dem Geſpräch nichts werden will, witzig, näm⸗ 
lich ſo bei fremden Leuten, und darum ſage ich auch meine beſten 
Einfälle nur mit Dir unter uns, weil ſie da aus natürlicher Heiter⸗ 
keit entſpringen. Die Zeit in Burgörner war die hübſcheſte in der 
Art, die ich in langer Zeit wieder genießen werde. 

Meine Abreiſe von hier verzögert ſich abermals. Der Kanzler 
geht zwar am Dienstag, den 15. ab. Allein der Finanzminiſter 
hat eine lange Antwort auf das Gutachten des Ausſchuſſes der 
Kommiſſion über den Haushalt gemacht, und auf die ſollen Schön, 
Klewitz, Ladenberg und ich noch antworten. Dies kann mich noch 
die ganze Woche hier halten. Es iſt mir fatal. Denn die Zeit, 
wo, wie jetzt ausgemacht iſt, ich den Kanzler am Rhein ſehen 
werde, bleibt dieſelbe, nämlich Ende Auguſt, und ſo wird der 
Zwiſchenraum kürzer, den ich zu meiner Dotationangelegenheit ver⸗ 
wenden muß. Allein ich kann es nicht ändern, ich bin einmal in 
dieſem Kampf und muß ihn durchmachen. Mit dem Staatskanzler 
bin ich freundſchaftlicher wieder als je. Er hat mir noch heut 
geſtanden, daß er über niemand ſo wenig je eine Klage über ihm 
auf irgendeine Weiſe erregten Verdruß gehabt hat als über mich. 
Er tut mir ſehr leid, er hat ſehr gelitten und leidet noch. Auch 
in Karlsbad wird wenig Rube fein, Boyen, Bülow gehen mit. 
Ob ich nicht auch, wenn ich wegen meiner Dotation nach Schleſien 
gehe, einen Augenblick hinkomme, iſt noch ungewiß. 

Was übrigens gewiſſe Leute für eine Eil auf meine Abreiſe 
ſetzen, kannſt Du nicht glauben und amüſiert mich außerordentlich. 
So hat man mir, ohne daß ich es gefordert habe, ſchon jetzt meine 
Päſſe anfertigen laſſen. Das nenne ich eine Aufmerkſamkeit! Es 
iſt ſehr ſchade, daß Du in dieſer Zeit nicht hier biſt und geweſen 
biſt. Zu vielem Ernſthaften wäre es gut geweſen, aber auch zu 
vielem Scherz. Ich genieße nichts mehr ohne Dich, geliebtes 
Herz. 

358 


Es ift über dem Schreiben 2 Ahr geworden, lebe wohl, innig 
liebe Seele, umarme alle Kinder. Ewig mit der treuſten und 
innigſten Liebe Dein H. 


169. Humboldt an Caroline Berlin, 14. Julius 1817 


Jer Staatskanzler und Radziwill find geſtern abgereiſt, der 
erſtere nach Glienicke, der andere nach Poſen. Von 
—bbbeenicke geht es übermorgen nach Karlsbad. Ich habe 
9 ſehr freundſchaftlich Abſchied genommen. Ich habe noch 
alle dieſe Morgen Konferenzen und konnte nicht nach Glienicke 
kommen. Die Dinge ſind in der größeſten Kriſe, doch will alles 
erſt den Sprudel trinken, ehe es zur rechten Entſcheidung kommt. 
Ich ſcheide mit Ehren heraus, das kann ich mit Wahrheit ſagen, 
alle, auch die, die mich nicht loben, geſtehen zu, daß man ſich nicht 
energiſcher und gemeſſener zugleich nehmen konnte. Ich habe mich 
auch vollkommen gegen den Staatskanzler ausgeſprochen und über— 
laſſe nun das weitere dem Schickſal. Der Himmel weiß, daß ich 
nichts will. Ich habe nur zwei Wünſche, Dich, Einziggeliebte, und 
Einſamkeit. Ich bin für die Geſchäfte nicht gemacht, was auch die 
Leute ſagen mögen. Ich übe ſo alle die Eigenſchaften, die ich 
einmal beſitze, an ihnen aus, und da wird es allerdings manchmal, 
aber ich habe kein Herz für ſie, ſie laſſen mich leer, und mein Leben 
kommt mir um nichts beſſer vor, wenn ich fie, ſelbſt glücklich, ge- 
macht habe. Es iſt ein eigenes Geſchick, daß ich bei dieſer Stim⸗ 
mung gerade ſo tief in ſie kommen mußte, und wenn man darin 
iſt, iſt es wie mit Verbindungen mit Frauen. Das Anknüpfen 
iſt immer leichter als das Wiederauflöſen, wenn man einmal, ſeinem 
Charakter nach, leiſe und ohne Stoß heraustreten möchte. 

Ich treffe mit dem Staatskanzler noch am Mhein, vermutlich 
359 


Ende Auguſt zuſammen und gehe erſt dann wahrhaft nach 
England. 

Bei England fällt mir ein, daß ein Engländer, Stapleton’), 
auf des Herzogs von Cambridge“) Empfehlung in unſere Garde 
gekommen iſt. Er diente ſchon im Kriege als freiwilliger Jäger, 
war aber vorher und auch nachher ein ſehr wilder Student. Als 
ſolcher mietete er ſich in ein Gartenhaus in Göttingen ein, in dem 
die arme Charlotte wohnt, die ich in Pyrmont kannte, und die 
mir nach Wien ſchrieb, und geriet in eine ſolche Verehrung und 
Freundſchaft zu dieſer, daß er nicht bloß ganz zahm und ſtill und 
ordentlich wurde, ſondern zum größten Urger ſeines ſogenannten 
Hofmeiſters und ſeiner Freunde den ganzen Winter im Garten⸗ 
hauſe wohnen blieb. Jetzt wünſcht er ſehr, mich kennen zu lernen. 
Reiten ſoll er ſo wunderbar, daß Kraft ſich hat ſein Ehrenwort 
geben laſſen, daß er ſich nicht eher will zu Pferde ſehen laſſen, 
bis er menſchlichere Manieren darin angenommen. Mit dem Neigen 
von Herzen zu Herzen iſt es doch ſehr ſonderbar. 

Du haſt nun längſt die Beleuchtung der Peterskuppel wieder 
geſehen. Man zählte ſo herrlich die Jahre ſeines Aufenthalts in 
Rom daran. Ich bin ſehr begierig auf Deine Schilderung von 
Ischia und dem Leben dort. Dem Meer wochenlang ſo nahe zu 
ſein, möchte ich nur noch vor meinem Tode erleben. Es muß unbe⸗ 
ſchreiblich anziehend ſein, aber man muß ſo wohnen, daß man es 
immer ſieht und täglich auch dazu hingeht. 

Es iſt ſehr ſchön, daß Du den teuren Grabesfleck wieder er⸗ 
neuern und verſchönen willſt. Die holden Knaben ruhen da ſo 
ſchön, ich geſtehe, ich wollte es ginge uns auch ſo. Ich erinnere 
mich gar wohl, was Du mir darüber geſagt haſt. Auch iſt das 


) Vgl. Einleitung zur Neuausgabe der „Briefe an eine Freundin“, 
S. IX, von Albert Leitzmann. 
**) Adolf, Herzog von Cambridge, geb. 1772, + 1850. 


360 


Hinbringen nicht hübſch. Aber wir müßten da fein und miſchten 
uns dann natürlich mit der Erde, die wir ſo oft wehmütig betreten 
hätten. Wer weiß, wie noch alles kommt und ſich fügt. Aber 
das weiß ich wohl, wenn das Schickſal es ſo machte, ſetzte es 
unſerm Glück, denn ſehr glücklich und begünſtigt waren wir doch, 
den letzten ſchönſten Kranz auf. 

Deine Reiſe, ſüßes, teures Herz, hat mich unendlich auf- 
geregt. Ich entbehre Dich ſo ſchmerzlich und ſehe Dich doch ſo 
ungern wieder Italien verlaſſen. Dies Schwanken ſenkt mich 
in unbegreifliche Sehnſucht, die aber darin Troſt und Beruhigung 
findet, daß Du wenigſtens, geliebte Seele, in der beſſeren Heimat 
biſt, in der, die der Tod uns geeignet und mit unlösbaren Banden 
an unſer Herz geknüpft hat. Denn es kann niemand auf Erden 
fühlen, was uns Italien und Nom iſt, und darum ſpreche ich 
auch nicht gern mit anderen davon. 

Lebe innigſt wohl. 


170. Caroline an Humboldt Lacco auf Ischia, 17. Julius 1817 


85 Ich lebe hier wie außer der Welt, und trotz meiner Dé- 
2 marchen nur eine Zeitung zu Geſicht zu bekommen, iſt 
es mir noch nicht geglückt. Es gibt hier nicht einen 
vereinten Badeort, wie Karlsbad oder Töplitz. Die meiſten Quellen 
find in einem kleinem Ort, der Caſamicciola heißt, einige find ohn⸗ 
weit der kleinen Stadt Ischia, die ſtärkſte Quelle, die man acqua di 
Santa Restituita nennt, iſt hier. Allein es gibt eigentlich kein ab- 
geſchloſſenes paese auf der Inſel. Alles ſind einzelne Häuſer, 
die inmitten der Vignen liegen, beſonders ſind dies die etwas 
beſſeren geräumigeren Wohnungen. Daher werden denn alle 
Kommunikationen ſchwierig, alle Viſiten und Spazierritte zu Eſel, 
361 


One a 


und da der Abend viel früher als bei uns im Norden eintritt, und 
die Badenden ſehr vor der Stunde gewarnt werden, in der die 
Sonne untergeht, man doch nicht vor 2 Ahr ißt, dann eine Stunde 
ruht, ſo iſt der Abend da, ehe man es ſich verſieht und ehe man 
viel vor ſich gebracht hat. 

Der Doktor hier iſt eine wahre Theaterfigur. Viele Tage 
hat er gebraucht, um ins Klare zu kommen, wer ich eigentlich 
bin. Der Wiener Kongreß ſpukt dem guten Mann noch im 
Kopf herum. In ſeinem eigenen Hauſe, was la sentinella 
heißt und auf einer Höhe über Caſamicciola liegt, wohnt als 
Badegaft der Principe di St. Angelo Imperiali, der Geſandter 
des Königs Ferdinand“) von Neapel während des Kongreſſes in 
Wien war. Dieſer hat ihm geſagt, er habe oft bei Dir gegeſſen, 
Du bei ihm, er könne ſich aber nicht auf den Namen Deines 
Caſato erinnern. Das iſt auch göttlich, daß ein Miniſter nicht 
einmal weiß, wie der andere heißt. Dieſen Namen nun zu er⸗ 
forſchen, ging der Doktor viele Tage bei mir um den Brei, heute 
hat er ſich ihn endlich ſagen laſſen, und daß der famosissimo 
Viaggiatore Dein Bruder fei, war ihm auch bekannt. Ich glaube, 
er kaut noch an dem Namen. 

Die Hitze iſt ungemein erträglich hier auf der Inſel, man 
jammert in Neapel darüber, aber wirklich hier hätte man Anrecht, 
ſich zu beklagen. 


Den 18. 


Die Tage gehen ſo hin, mein geliebtes Leben. Wir führen 
eine Art Kloſterleben, das göttlich wäre, wenn Du bei uns wärſt. Was 
Du mir von den Briefen ſagſt, beſtätigt mir die Wahrheit der 


*) Ferdinand I., geb. 1751, + 1825, Sohn Karls III. von Spanien, 
mußte öfter ſeinen Thron räumen, wurde durch den Wiener Kongreß wieder 
eingeſetzt, zog nach Murats Flucht wieder in Neapel ein. 

362 


hieſigen und römiſchen Ausſagen; die Poſten treffen nicht auf- 
einander. So kommt es, daß fie nur einmal über die Alpen gehen. 

Eben kommen Deine Briefe vom 20. und 23. Junius. Süßes, 
geliebtes Weſen, ſo hat Dir niemand zu Deinem Geburtstag Glück 
gewünſcht als Kunths. Ich könnte darüber weinen — und an 
meinem war fold’ ein Hallo. Aber laß uns nur wieder zu⸗ 
ſammen ſein, ſo werde ich auch Schulkinder und Kantoren 
organiſieren und darin ſchießen laſſen. Allein Bülow und Theodor 
hätteſt Du Deinen Geburtstag doch ſagen ſollen. Es wird ihnen 
nachher ſo leid tun, ich kenne das, auch Larochens. 


171. Caroline an Humboldt Lacco, 26. Julius 1817 


Tſie ſehr ſpät komme ich dazu, Deine letzten teuren Briefe 
e zu beantworten, mein geliebtes Herz! 

Ein außerordentlich heftiger und ſchmerzhafter Zufall, 
den Caroline von ihren Geſichtsſchmerzen bekam, ſtärker wie je, und die 
ſeit Mittwoch erfolgte Ankunft Adelheids und Auguſts haben mich 
ſeitdem verhindert zu ſchreiben. Vor allen Dingen das wichtigſte. 
Es geht beſſer mit Caroline. Ich möchte, daß dieſe freudigen 
Worte Dir zuerſt in die Augen fielen und unterſtreiche ſie deshalb. 
Caroline bekam am Sonnabend nachmittag einen ganz furchtbaren 
Anfall ihrer Schmerzen, die Nacht zum Sonntag wiederholte er 
und dauerte zwar abnehmend, aber doch mit den allerheftigſten 
Stichen und Reißen, Sonntag, Montag, Dienstag und zum Teil 
noch Mittwoch fort. Ich geſtehe Dir, daß ich ſehr traurig und 
betreten war, und ſie keinen Augenblick aus den Augen ließ, denn 
man muß ſie wie ein Kind abwarten, ſie erkältet ſich ſonſt jeden 
Moment, dann fürchtete ich auch beinahe von der Gewalt des 
Schmerzes Krämpfe. Allein, dem Himmel ſei Dank, auch dieſe 
36 


q 


ſchweren Tage gingen vorüber, der Schmerz nahm mehr und mehr 
ab, und heute iſt ſeit vielen Monaten die dritte Nacht, wo ſie nicht 
durch den fatalen Schmerz aus dem Schlaf aufgeſchüttelt wird. 
Ich hoffe alſo alles beſte. 

Adelheid und Auguſt kamen alſo den 23. hier an und wohnen 
bei mir. Sie ſcheinen ſich hier mehr zu gefallen, als ich erwartet 
hatte. Meine Wohnung iſt aber wirklich ſchön, geräumig, luftig 
mit herrlicher Ausſicht und den prächtigſten Terraſſen, und an die 
ſchlechten Matratzen, Mangel an Sofas und an die harten Nohr⸗ 
ſtühle gewöhnt man ſich endlich auch. Wäreſt Du nur hier! Dir 
ſollte es gefallen. Nichts iſt imponierender als die Stille des 
Abends. Jetzt iſt der ſchönſte Mondſchein, er ſteht zwiſchen 10 
und 11 Ahr über der Spitze des Epomeo. Wie rein der Kontur 
des koloſſalen Berges (denn eigentlich iſt der Berg die Inſel) ſich 
gegen den klaren Himmel abhebt! And das Meer ſchlägt in der 
Nacht gleichſam in regelmäßigeren Pulſen an — alles Geräuſch 
des Tages und des menſchlichen Treibens iſt verſtummt, man hört 
nichts als das Rauſchen der Wogen. Ich war die beiden letzten 
Abende mit Auguſt lang allein auf der Terraſſe, die nach Morgen 
heraus liegt und wo die Ferne oft von den Flammen des Veſuvs 
erhellt wird. Wir haben viel von Dir und der Zukunft geſprochen. 

In Deiner Nummer 19 vom 20. Junius wußteſt Du mich 
nun endlich in Rom angekommen. Deine Freude darüber, mein 
teuerſtes Weſen, hat mich unendlich gerührt. Ja, wohl iſt dieſer 
Ort eine zweite Heimat unſeres beſſeren Seins und unſerer Sehn⸗ 
ſucht geworden. Ich verzweifele nicht, daß Du nicht noch einmal 
hinkommſt, und vielleicht früher als wir jetzt denken. Was hörſt 
Du denn aus Frankfurt am Main? Einen Monat Ofterreichifchen 
Beobachter habe ich hier bei der Generalin Koller bekommen, den 
Monat Juni, und geſehen, daß der Bund ſich mit Hin und Her 


und vielen Lappalien beſchäftigt. Ein unſeliger Advokatengeiſt der 
364 


Schikane fcheint mir überhaupt im allgemeinen über Deutſchland 
zu wehen, und das ehrwürdigſte Bedürfnis einer großen Nation 
ſcheint mir von vielen Menſchen nur als Deckmantel zu unreinen 
Abſichten gebraucht zu werden. 

Ich freue mich, daß Du das Bild!) von mir von Schick in Ver- 
wahrung haſt. Ich halte es ſelbſt für das ähnlichſte Porträt von mir. 

Der Prinz Piombino ſagte mir, im Oktober ſolle der Mars 
geformt werden und der große Junokopf. Der Prinz bemüht ſich, 
ſehr artig gegen mich zu ſein, und auf ein Billet von mir, in dem 
ich ihn bat, mir einen Einlaß für vier fremde Preußen in die Villa 
zu ſchicken, antwortete er mir und ſein Billet fängt folgendermaßen 
an: Che non pud commandare la Baronessa di Humboldt al 
Principe di Piombino!**) Was ſagſt Du dazu? 

Es hat mich tief gerührt und gefreut, Dich ſo neu wieder vom 
Don Carlos ergriffen zu ſehen. Ja, Schiller war ein großer, in 
ſeiner Art unvergleichlicher Menſch, und das ganze Leben bewegte 
ſich in großen und gewaltigen Formen vor ihm. Hätte er das 
Jahr 1812 und 13 erlebt, das wären die ſchönſten ſeines Lebens 
geweſen, die, bin ich überzeugt, die ſeinem Innern noch am meiſten 
entſprochen hätten. Doch wohl ihm! Nicht in das Kleinere, nein 
in das Weitere und Amfaſſendere muß das Daſein heben, dem 
wir in dieſem entgegengehen. Deiner Idee, Deiner Sehnſucht 
möchte ich's nennen, etwas über ihn zu ſchreiben, wünſchte ich Dich 
willfahren zu ſehen. Man ſchreibt am Ende nicht für andere, man 
ſchreibt für ſich. Vielleicht gewährt England Dir genug Muße dazu. 

Der Schiffer will weg. Ich umarme Dich, meine teure Seele, 
und bin ewig die Deine. 


*) Das dem Arzt Kohlrauſch geſchenkte mit Theodor. Vgl. Bd. II. 
*) Was könnte die Baronin H. dem Fürſten P. nicht befehlen! 


365 


172. Humboldt an Caroline Burgörner, 25. Julius 1817 


ich denke, ich ſchrieb Dir, daß ich Dienstag, 22., noch mit 
dem Großherzog von Strelitz aß, der durch Berlin nach 
2 GKarlsbad ging. Wir ſind in der größeſten Freundſchaft 
geſchieden, und es iſt mir ordentlich lieb, daß ſich dies Verhältnis 
wieder angeknüpft hat. Er hat uns in der Zeit unſeres größeſten 
Schmerzes und auch in einer ſehr glücklichen und heiteren Lage 
geſehen !). 

Den Abend brachte ich noch bei Laroches zu. Am folgenden 
Morgen, 23., fuhren wir um 6 aus Berlin ab. Ich habe nicht 
anders als es mit eigenen Gefühlen verlaſſen können. Wer weiß 
ob und wie ich es wiederſehe. — 

Auf der Reiſe begegnete uns nichts merkwürdiges, und wir kamen 
etwa um 8 Ahr geſtern abend hier an. Der Brief, in dem Bülow 
unſere Ankunft gemeldet hatte, iſt noch nicht angelangt. Du kannſt 
Dir Dunkers Erſtaunen und Schrecken denken. Er hat nach ſeiner 
Manier die Stuben, in denen nicht gebaut wird, ſo mit Meubeln 
vollgeſetzt, daß auch nicht ein Winkelchen, außer der Stube, wo 
er ſelbſt wohnt, frei blieb. Ich ließ auf der Stelle die rote Stube 
von den Meubeln ledig machen. Der Bau wird ſehr hübſch werden. ... 
Dunker iſt jetzt mit neuen großen Planen beſchäftigt, ob er alle 
dieſe Baue überleben wird, weiß Gott. Sie greifen ihn ſehr an. 
Es wird aber auch kein Nagel eingeſchlagen, den er nicht heraus- 
gibt und über den er nicht Buch führt. 

Wie ich heute dieſe Beſichtigung vollendet hatte, ſehe ich aus 
dem Fenſter, daß unten eine Volksverſammlung von lauter Weibern 
und Mädchen war. Sie wollten ſich wegen der erlaſſenen Frondienſte 
bedanken. Ich habe mich alſo hinunterbegeben, bin mit vieler Kunſt 
in dem Angeſicht der verſammelten Menge, da die Treppe vor dem 

) Vgl. Bd. II, 116ff. 

366 


Hauſe abgebrochen ijt, auf dem Brett, das man gelegt hatte, 
hinunterdefiliert und habe das Volk haranguiert. Ich habe von 
der Teuerung, dem Scharlachfieber und vorzüglich viel von Deiner 
Huld und Milde, alles ſehr rührend, geſprochen. Merkwürdig iſt 
es, daß Weihe ſelbſt und aus freien Stücken das Protokoll auf- 
genommen hat, worin die Führer bekennen, daß Du ihnen bloß 
aus Güte die Dienſte beim Bau diesmal erlaſſen haſt, und daß 
ſie ſie übrigens jedesmal leiſten wollen. In ſeinem Namen hat 
er dasſelbe wegen ſeiner Bauergüter ſchriftlich erklärt. So demü— 
tigen ſich, geliebtes Herz, die Abermütigen und Mächtigen vor Dir. 


Burgörner, 3. Auguſt 1817 


Fleißt Du ſchon, daß das Komödienhaus in Berlin am 29. 
um ½3 Ahr in einer Stunde rein mit allen Maſchinen, 
— Dekorationen und Garderoben abgebrannt ijt? Bloß die 
Mauern ſtehen noch. Es wird den König ſehr verdrießen, doch 
iſt es ſo übel nicht, und er ſelbſt wird ſich nachher darüber freuen. 
Denn es war ein ſchlechtes Kunſtwerk, und wenn man Schinkel“ 
machen läßt, wird es jetzt ſchön werden. Das Feuer iſt fo furcht⸗ 
bar geweſen, daß man vom erſten Augenblick an das Löſchen auf— 
gegeben und nur die Kirche und die Seehandlung zu ſchützen ge— 
ſucht hat. Wie es ausgekommen, weiß ich nicht. Man ſagt, im 
Bohlendach, wo ein Dachdecker, der etwas hat löten ſollen, hat 
ein Kohlenbecken ftehen laſſen. Es ſoll bei der Probe der Räuber, 
die man gerade hielt, plötzlich Feuer aufs Theater, und Anzelmann ) 
davon in Ohnmacht gefallen ſein. 
) Karl Friedrich Schinkel, geb. 1781, + 1841. Begründer der neuflaf- 
ſiſchen Richtung der Architektur. 


) Karl Wilhelm Ferdinand Anzelmann, geb. 1753, + 1832, Schau— 
ſpieler, von 1814-1823, Regiſſeur des Schauſpielhauſes. 


367 


Ich war heute ſehr lange auf dem Kirchberg, der Himmel 
war bedeckt, kein Lüftchen regte fic), beim Untergehen brach die 
Sonne durch mit rotgelbem Licht, und bald darauf regnete es, ſo 
daß ich herunter ging. Wann ich den lieben Berg wiederſehen 
werde? Ich ſchreibe Dir hier einige Strophen, die ich machte, die 
Du für das nehmen mußt, was ſie ſind, für eine wahre und 
innige Empfindung, die ſich im Gehen zu dieſen Zeilen geſtaltete. 


Ade! Ade! ihr lieben Fluren, 
o bleibet mir getreu! 

Erhaltet meiner Liebe Spuren, 
in mir ja iſt ſie ewig neu. 


Hier hat die Hehre, Holde 
geliebet mich zum erſtenmal, 

die, wie mit Morgenſonnengolde, 
umſtrahlte dies geliebte Tal. 


Darum von allen auf dem Erdenrunde, 
vom Morgen- bis zum Abendglanz, 
bleibt teuer bis zur letzten Stunde 

mir dieſer Hügel ſtiller Kranz. 


Wohl mag die Sonn' ihm dunkler ſcheinen 

und Nebel oftmals ſie umziehen, 

der Menſch auch muß oft menſchlich weinen, 
und Wonn' und Jugend kann nicht ewig glühen. 


Es ſtrahlet weit das Herrliche und Schöne 
und weckt das ſtaunende Verlangen, 

doch daß die Bruſt ſich heimiſch dran gewöhne, 
hält gern ſie engrer Kreis gefangen. 

Was tief das Herz in Frieden wieget 

und Wonne beimiſcht ſüßen Sorgen, 

was ew'ger Sehnſucht immer neu genüget, 

lag hier mir wie ein Schatz verborgen. 


Oh, möcht' auch mir in kühler Erde Bette 
zu ruhen hier einſt ſein vergönnet, 

da heiliger und ſüßer keine Stätte 

ſeit meiner Jugend Tagen ich genennet. 


368 


Beſiegt dann von des Todes Schauern 

lieg' ich, wie ſonſt ich oft geſtanden, 

zu ſchaun vom Berge auf die teuren Mauern, 
die feſt mich hielten in der Liebe Banden. 


And ſo kann, wie er hat begonnen, 

ſich meines Daſeins Kreis auch ſchließen, 
daß, was zuerſt mein Herz gewonnen, 
ſieht ſeinen letzten Abendſchein verfließen. 


Lebe wohl, innig geliebte, teure Seele. Umarme alle Kinder, 
vor allen die arme, liebe Caroline. Ewig Dein H. 


174. Caroline an Humboldt Lacco, 1. Auguſt 1817 


Meine teure geliebte Seele! 
Mie angenehmſte Nachricht, die ich Dir wohl geben kann, iff, 
daß es mit Carolinen ſo gut geht wie wir es nur irgend 
S wünſchen können. Der Geſichtsſchmerz iſt wirklich ſeit 
neun Tagen verſchwunden. Wie ſehr die Schmerzloſigkeit dieſer Tage 
und Nächte und der ruhige Schlaf ihr aufgeholfen hat, kann ich 
nicht genug ſagen. Sie hat ordentlich Farbe, und ihr Auge iſt 
ruhig und klar. Da ſie ungemein weiß iſt, ſo weiß, daß ihr ſelbſt 
die italieniſche Sonne nichts anhat, ſo kann man wohl ſagen, daß 
fie lange nicht hübſcher geweſen iſt als eben jetzt.... 
Thorwaldſen iſt wirklich ungeheuer fleißig geweſen, doch mehr 
noch im Erfinden als im Vollenden des Marmors. Sein Alexander- 
zug prangt in Monte Cavallo als Fries, doch nur in Gips. 
Canova iſt als Künſtler nicht weiter gekommen. Die ge— 
wiſſe Flachheit ſeines Weſens ſpricht ſich auch in ſeinen Werken 
aus. D'Eſte fagte mir, daß die Statue, die er dem Papft ſchenken 
wolle, 25000 Piaſter koſten werde. Ich fand das Modell ſchwer— 
Humboldt⸗Briefe. V. 24 369 


P 


fällig; eine weibliche Figur, deren Gewand gerade vom Kopf her⸗ 
unterfällt, ein koloſſales Kreuz tragend, vielmehr haltend und eine 
Strahlenkrone um das Haupt. Die Figur auf Rezzonicos Grab- 
mal, die Religion vorſtellend, liegt auch dieſer zugrunde. 

Soeben erfahre ich den Tod der Frau von Stasl. Nähere 
Amſtände weiß ich nicht. Höchſtens kann ſie 50 Jahre geworden 
ſein. So iſt wieder eins der Weſen, mit denen man zu leben 
gewohnt war, in das ſtille Reich übergegangen. Ihre Freunde 
ſchmerzen mich bei ihrem Verluſt, beſonders Rocca). In Schlegels) 
Exiſtenz wird dieſer Tod einen gewaltigen Nip machen. In finan⸗ 
zieller Hinſicht kann er ihn ſogar in große Verlegenheit ſetzen, ſie 
müßte ihn denn mit einem Legat bedacht haben, was mir indeſſen 
ſehr zweifelhaft iſt. Was Frau von Stasl betrifft, fo freue ich 
mich, daß fie nicht den Tod Roccas erlebt hat, mit dem das 
Schickſal ihr immer drohte, denn er iſt bruſtkrank im höchſten 
Grade. Tieck arbeitet in Carrara an einer Statue Neckers, von 
der Rauch, wie überhaupt von Tiecks Arbeiten, außerordentlich viel 
Gutes ſagt. 

Von Burgörner und dem Bau freue ich mich durch Dich 
und Bülow zu hören. Du wirſt darüber lachen, daß ich 
unter Laubengängen von Reben und hohen Hecken von Aloe und 
Kaktus an Burgörner denke. Es iſt aber doch ſo und iſt mir ein 
ſehr lieber und ſtiller Ort. Ja, hier gibt's Stellen, wo man ſich 
in einem anderen Weltteil dünkt, ſo ſüdlich fremd ſieht es aus. 
Schon die Form der Häuſer, das Verſtreute der Wohnungen, die 
ganz glatten Dächer, platt wie ein Eſtrichfußboden, haben etwas 
ungemein Frappantes. Da ſteht ein Berg uns gegenüber, von 
dem wir nur durch ein ſchmales Tal getrennt ſind, Monte di Vico. 


) Mit dem ſie heimlich verheiratet war. 

**) Auguſt Wilhelm v. Schlegel, geb. 1767, + 1845, hatte von 1804 ab 
faſt beſtändig bei Frau v. Stael gelebt. 
370 


Wir gingen letzt hinauf, der Ausſicht zu genießen, und gerieten in 
eine Art Park. Blühende Myrthen, ganze Wälder voll, blühende 
Granatbäume, baumhoher Kaktus und Aloe, alles in reizender Ver⸗ 
wirrung durch⸗ und nebeneinander. Der Fußweg femal am Rande 
des Berges, und in der Nähe das ſaphirblaue Meer. Wir ritten 
auch letzthin nach Ischia und beſtiegen die Feſtung, die auf einem 
abgeſonderten Felſen am Meere liegt, die Zugänge ſind in die 
Felsmaſſen eingeſprengt. Man kommt von der Stadt durch einen 
künſtlich gemachten Damm von Lava bis zu dem Felſen. Die 
Ausſichten ſind einzig und verſchieden auf jedem Punkt. Von 
Ischia aus ſieht man das wunderbar geſtaltete Capri, wo Tiber 
hauſte, und die Gegend iſt ſo ſchön und groß, daß, wenn ich bloß 
meinem Vergnügen nachginge, ich acht Tage in Ischia wohnte. 


175. Humboldt an Caroline Breslau, 8. Auguſt 1817 


Ich habe Dir in einigen Tagen nicht ſchreiben können, 
liebe Li. Wir ſind ſeit unſerer Abreiſe aus Burgörner 
Tag um Cag unterwegs geweſen und erſt den fünften 
Tag hier angekommen. Ich bin immer allein gefahren. Ich habe 
es mit der Hitze (ich mache gar kein Fenſter auf) ſo weit gebracht, 
daß die Fliegen ſelbſt ganz matt werden und nach einer halben 
Stunde ans Fenſter kriechen und mich anſehen, ob ich nicht auf- 
machen will. Ich laſſe dann gnädig das Fenſter einen Augenblick 
nieder und ſie fliegen heraus. So komme ich nach und nach zu 
einer abſoluten Einſamkeit. Die Fliegen kehren aber manchmal 
um und ſetzen ſich von außen ans Fenſter, vermutlich aus Neu— 
gierde, um zu ſehen, ob ich noch lebe. Denn Du glaubſt gar nicht, 
was die Tiere für Verſtand haben. Einige lieben die Wärme 
24* 371 


wie ich und wollen nur manchmal Luft haben. Da wiffen fie nun 
ſchon meine Manieren fo gut, daß fie an das Fenſter kommen, 
ſo wie ich es aber herunterlaſſe und denke, ſie ſollen ins Freie 
gehen, ſo drehen ſie liſtig wieder zum Wagen um. Zwei, die mir 
heute zur Geſellſchaft geblieben waren, haben es wohl dreißigmal 
ſo gemacht. Das Wetter iſt himmliſch, nur die erſten zwei Tage 
haben wir einige Regenſchauer gehabt, nachher ganz heitern wolfen- 
loſen Himmel und die ſchönſte Sonne. Geſtern ging ſie ganz ohne 
Wolken in dunkelroter Glut unter. Ich habe dabei unendlich an 
euch gedacht. Auf dem Albaner Felde habe ich ſo oft ſich die 
ganz reine volle Scheibe ins Meer ſenken ſehen, hier iſt es ſehr 
ſelten. 

Am zweiten Tag kamen wir bis Dresden. Vor der Madonna 
ſo vorbeizureiſen iſt ſchrecklich und bricht einem das Herz. Aber 
ich konnte nicht anders, auch möcht' ich jetzt in Sachſen nicht ver⸗ 
weilen. Wir kamen um 10 Ahr an und fuhren um 5 wieder am 
anderen Morgen fort. Den dritten Tag waren wir in Görlitz, 
einem recht hübſchen Städtchen. Geſtern brachten wir die Nacht 
in Liegnitz zu. 

Der Staél ihren Tod wirſt Du wiſſen. Er hat mich doch 
geſchmerzt; allein die Frau war ſo unruhig im Leben, daß ihr 
vielleicht da wohl iſt, wo, wie ich neulich in der Bibel las, die 
ruhen, die viel Mühe gehabt haben. Es iſt ein unbeſchreiblich 
ſchöner Ausdruck, dies: viel Mühe gehabt haben. Wohl hat man 
viel Mühe, und man kann das ganze Leben eine Mühe nennen, 
da immer neun Zehnteile fo die Nußerlichkeiten betreffen, die man 
gar nicht mag und den allein ſchönen Aberreſt verkümmern, ſelbſt 
wenn ſie ihn nicht verbittern. 

Gute Nacht, mein allerteuerſtes Herz! Schlafe wohl in Ischia 
und denke an mich Anglücklichen in der Goldenen Gans. Kein 
Ehepaar auf der Welt kann zu gleicher Zeit ſo proſaiſch und 
372 


poetiſch leben. Habe mich nur lieb, mein inniggeliebtes Leben, 
dann kommt man über alles hinaus. Was die Welt ohne das 
wäre, daß man ſich lieb hat, iſt gar nicht mit Gedanken auszu⸗ 
meſſen. Ich bin ewig und unabläſſig bei Dir. Amarme alle, 
Ewig Dein. 


176. Caroline an Humboldt Lacco, 8. Auguſt 1817 


Meine Seele! 
zeute morgen, wie ich um 6 Ahr aufſtand, empfingen mich 
Deine ſüßen, lieben Briefe vom 11. und 14. Julius. 
Morgen will ich mit Auguſt die große Tour auf den 
Epomeo machen, ich werde Dir noch Sonntag davon ſchreiben, 
denn der Brief kann erſt Montag nach Neapel kommen. Die 
Mädchen nehme ich nicht mit. 

Du ſchreibſt, Du ſeiſt begierig, von meinem Aufenthalt in 
Ischia zu hören. Ach, meine teuerſte Seele, wie gemacht 
wäre er für Dich. Heiterer Himmel, bedeutende Wärme, wenig 
Schatten, alſo Sonne aus der erſten Hand, herrliche und 
großartige Gegend, ſchönes Meer, gar keine Geſellſchaft, denn ein 
jeder beſinnt ſich, Viſiten auf Eſeln zu machen, tiefe Stille, am 
Hauſe ſchöne Terraſſen, einen Weingarten, Nachts einen von Mil- 
lionen Sternen erglänzenden Himmel, das alles wüßteſt Du zu 
ſchätzen wie wenige. Die Milchſtraße glänzt wie ein Strom reinen 
Lichts. Ich habe einen ſehr großen Salon, der Fenſter, vielmehr 
Glastüren nach Mitternacht, Abend und Morgen hat. Nach Abend 
und Morgen ſind ſchöne Terraſſen. Da treten wir oft heraus, 
Auguſt liebt auch ſehr die Nacht, und wir ergötzen uns an der 
tiefen Stille und an der balſamiſchen warmen Nachtluft und den 
Sternen. Nach Mitternacht hin liegt ein Berg, der die Meeres⸗ 

373 


2 
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4 
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ausſicht kupiert, er iſt kegelförmig, und an feiner linken Seite tritt 
das Meer in ſeine Bucht. Zu dieſer Meeresbucht, die nur wenige 
Schritte vom Hauſe iſt und in der Auguſt ſich täglich badet, gehen 
wir oft. Wir fanden letzt im Meeresſande eine Anzahl weißer 
wilder Lilien am Afer. Eine alte Sage geht auf der Inſel, daß 
da, wo die Lilien am Afer blühen, der Leichnam der heiligen 
Reftituita gefunden ward, die Schutzpatronin der Inſel iff und 
dem ſtärkendſten Waſſer ihren Namen beigelegt hat. Man habe, 
ſagt man, die Lilien in die Fruchtgärten verpflanzen wollen, allein 
ſie kommen nur in dem Sande des Meeres und an der Stelle fort. 
Caroline wird am Montag, den 11., mit allen Bädern fertig 
und hat dann 28 genommen. Die Geſichtsſchmerzen ſind wirklich 
wie weggehaucht. ... Den Winter bleibe ich, nun ich nicht mit 
Dir fein kann, gewiß in Nom. Ich bin das Carolinen ſchuldig. 
Der jähe Abergang in ein kaltes Klima, beſonders die in November 
und Dezember fallende Reiſe, könnte ihr fürchterlich ſchaden und 
alles wieder zerſtören. 
Sonntag abend, den 10. 
Ich bin geſtern abend glücklich von meiner etwas fatiganten 
Tour zurückgekommen. Es würde mir ſehr leid geweſen ſein, den 
Epomeo nicht beſtiegen zu haben, und nun ich oben war, ſehe ich, 
daß man die Inſel gar eigentlich nicht kennt, wenn man nicht oben 
war. Erſt war einiger Nebel zwiſchen uns und der Gegend, die 
weißen Wölkchen ſchwebten auf der dunkelblauen Meerflut, es war, 
als ob man ſich auf den Rücken legt und über ſich in den Himmel 
ſchaut. Dann ſanken die Wolken, und alle Inſeln, die fernen 
Küſten, die Kette der Berge und die paradieſiſche Gegend nach 
Neapel hin wurden ſichtbar. Wie habe ich Deiner gedacht! 
Wie hätteſt Du den wirklich einzigen Anblick mit mir genoſſen! 
So wunderbar ſchimmern die Inſeln im Meer, das Land 


ſcheint nur ſo hergegeben, gleichſam aus Gunſt des mächtigen 
374 


Elements. Der Berg iſt wunderbar, oben die Kuppe iſt 
wahrſcheinlich ein Produkt früherer Eruptionen, nun ſehr ver⸗ 
wittert. In dieſe Art Tuffſtein hat man ein Kloſter und eine dem 
heiligen Nicolo geweihte Kapelle eingehauen. Das Kloſter iſt 
zerſtört, nur drei Eremiten wohnen da, von denen gewöhnlich zwei 
auf Almoſenſammeln aus ſind. Die Fenſter dieſes kleinen Kloſters 
ſind immediate in den Tuffelſen eingehauen, mancher Schritt in 
den kleinen Zellen führt zu dem jähſten Abgrund. Die Inſel liegt 
wie ein Basrelief vor einem. Wir konnten in unſeren Garten, 
in die Zimmer der Kinder herabſehen, und Monte Vico, der von 
hier unten ſo groß und hoch ausſieht, lag wie eine kleine Erhöhung 
vor uns. Fünf Stunden brauchten wir, um über Foria, einem 
Städtchen an der abendlichen Seite der Inſel, hinaufzureiten. In 
dreien kamen wir herunter, machten aber den jähſten Teil des 
Weges zu Fuß. 

Die Kinder grüßen. Ich benutze eine Gelegenheit, den Brief 
auf die Poſt zu bringen. 


177. Caroline an Humboldt Lacco, 14. Auguſt 1817. 


ach habe letzthin meinen Brief ſchnell ſchließen müſſen, 
geliebte Seele, und habe nicht Deine letzten teuren Briefe 
beantworten können. Du biſt immer derſelbe, in Ernſt, 
in Scherz, eine unbeſchreibliche Tiefe und Wahrheit Deines Weſens 
leuchtet überall hindurch. Du beſchreibſt Dich nie, aber Du 
bift es immer. 

Die Kinder waren alle ſehr wehmütg und tief von dem 
Anblick der Gräber bei der Pyramide ergriffen. Doch war mein 
eigenes überſtrömendes Gefühl ſo, daß ich ſie wenig in jenem 
erſten Wiederſehen beobachten konnte. Heute iſt der ſchmerzens⸗ 
375 


volle Tag, wo ich Wilhelms ſchönes Leben dahinſchwinden ſah 
— — — in der nächſten Nacht verhauchte er das ſüße Leben. 
Es ſind 14 volle Jahre. Wie überlebt man ſolche Momente! 
Theodors tödliche Krankheit, die entſetzliche Spannung und Fatige, 
in der dieſer Zuſtand uns hielt, war die erſte Aufforderung, dem 
Schmerz nicht zu unterliegen. Man kann viel leiden. Das iſt nur 
zu gewiß. And oft zu viel. 

Ich wünſche ſehr, daß Du Hirt über die Aginetiſchen Statuen 
ſprechen mögſt. Die Reſtauration von Thorwaldſen iſt ordentlich 
ein Wunder, allein mit der Art ſie aufzuſtellen bin ich gar nicht 
zufrieden. Da von dem einen, dem kleineren Fronton, ſo viel 
Statuen übriggeblieben, daß man die Gruppe, die ſie ehemals ge⸗ 
bildet haben, herausbringen konnte, ſo hätte ich noch geſucht, ſie ſo 
ineinanderſchieben zu laſſen, wie ſie ſtanden. Der Anblick müßte 
viel gelehrt haben, über vieles Aufſchluß gegeben haben. Cockerell*) 
hat herausgebracht, daß auch die Niobe mit ihren Kindern auf 
ſolchem Fronton ſtand, er hat es durch die Maße einiger der 
Kinder dargetan. 

Thorwaldſen iſt zu einer ſchwindlichten Höhe als Künſtler 
geſtiegen, und es gelingt ihm jetzt, die Geſtalten ſeines Künſtler⸗ 
ſinnes gleichſam wie durch einen Zauberſchlag hinzuſtellen, die 
Mühe iſt überwunden, und nichts erinnert mehr beim Anſchauen 
des Werkes, daß es gemacht iſt. Es ſteht da, wie ſchon in 
Schillers ſchönem Gedicht ... ach nein, in Deinem „Rom“ ſteht 
es ja: „Aus dem Nichts da ſprangen die Geſtalten“ uſw. Seine 
eben vollendete Tänzerin muß man geſehn haben. 

Die Hand des Kanonicus“), und wie er immer um Wilhelms 
willen bittet, hat mich ſehr gerührt. Ich hatte oft ſo ſüße Ahn⸗ 

*) Charles Nobert Cockerell, geb. 1788, + 1863, engliſcher Architekt und 


Archäolog, ſtudierte von 1810-1817 in Italien. 
**) Vgl. S. 83. 


376 


dungen in dieſen Tagen, daß er uns doch nicht entfremdet fet. 
Der Sternenhimmel iff das Band, das das Begreifen und Anbe— 
greifen zuſammenbindet in leiſen und tiefen Ahndungen. 

Lebe wohl! Abermorgen gehe ich nach Neapel. 


178. Humboldt an Caroline Karlsbad, 17. Auguſt 1817 
Ich bin vor zwei Stunden hier angekommen, liebe Li, da aber 


J glücklicherweiſe eben die Poſt abgeht, ſo eile ich, Dir 
2 einige Worte zu ſagen 


— 


Hier finde ich von Berlinern weſentlich nur noch den Staats— 
kanzler und Nother. Jordan, den ich gern geſprochen hätte, iſt 
fort, Boyen ſchon mit dem König und Bülow zurück nach Berlin, 
was mir ſehr lieb iſt. Der Kanzler hatte mir ſchon nach Schleſien 
hin ſehr lieb geſchrieben, ich fand ihn heute mit ſeiner Frau, ſeinem 
Bruder und Koreff. Er empfing mich mit der alten gewohnten 
Herzlichkeit. Er iſt aber nicht mit ſeiner Geſundheit zufrieden. 
Er hat Katarrh und Huſten, die er dem Staatsrat zuſchreibt, und 
er ſieht auch nicht gut aus. 

Nach den letzten Nachrichten war der König in Coblenz. 

Der Kanzler geht am 23. von hier ab und hält ſich, um 
einen Kurier abzufertigen, einen Tag in Würzburg auf. Er reiſt 
über Frankfurt und Coblenz nach Aachen, wo er ungefähr am 6. 
mit dem König zuſammentrifft und dann mit ihm über Cöln nach 
Düſſeldorf geht. Ich reiſe vermutlich ſchon übermorgen ab. Denn 
ich brauche Zeit, um in Frankfurt alles, was unſere Sachen betrifft, 
in Ordnung zu ſetzen. Die Verlegenheit, wie man das einrichten 
ſoll, ijt nicht klein, da die Angewißheit, wie lange ich in London 
bleibe, ſehr groß iſt. Allein menſchlicherweiſe zu urteilen bleibe 
ich lange, wenigſtens unbeſtimmt dort, wie in Wien. Denn was 

377 


Sout we ar 


auch alles geſchehen iſt und geſchieht, glaube ich nicht, daß man 
die bei uns entfernt, bei deren Bleiben ich auf keine Weiſe zurück⸗ 
komme. Freilich wird der natürliche Lauf der Dinge eine Kriſe 
herbeiführen, aber wann und wie wird ſie enden? 

Ehe ich Deutſchland verlaſſe, hoffe ich Dir etwas Gewiſſes 
darüber ſagen zu können. Aber ſei überzeugt, daß ich handle wie 
ich ſoll, und es mit Ehren zu Ende führe. Deine Abweſenheit 
ſchmerzt mich doppelt, weil ich Deines Rates entbehre, mein aller⸗ 
teuerſtes Herz. Aber ich kenne Dich ſo genau, daß der Gedanke 
an Dich mich doch immer leitet. Denn wirklich ein Leitſtern biſt 
Du mir immer in allen wichtigen Momenten auch meines öffent⸗ 
lichen Lebens geweſen, und wenn ich etwas an mir ſchätze, ſo iſt es, 
daß ich immer gefühlt habe, daß man in allen größeſten und ver- 
wickeltſten Angelegenheiten ein weibliches Weſen, das einen ſo liebt 
wie Du mich (da dieſe Kraft der Liebe ſchon alle anderen Kräfte 
in ſich faßt), ſchlechterdings und unbedingt zur Führerin nehmen 
muß, und daß ich zugleich wußte, wie man ſolcher Führung folgen 
muß. Es liegt in den Frauen viel reiner und urſprünglicher etwas 
tief Göttliches als in den Männern; aber es läßt ſich nicht ſo 
unmittelbar auf das Irdiſche anwenden. Daher kommt es, daß 
faſt immer der Nat der Frauen entweder verſchmäht oder unrichtig 
befolgt wird. 

Lebe wohl, mein einzig teures Weſen. Ewig Dein H. 


179. Humboldt an Caroline Karlsbad, 19. Auguſt 1817 


ich habe geſtern, vorgeſtern und heute unausgeſetzt mit dem 
E ; Staatskanzler gelebt, deſſen fic) immer gleichbleibende 
— E?FPrreundſchaft und wirkliche Zärtlichkeit ich nie genug rühmen 
kann. Er hat noch vor kurzem an Koreff geſagt, niemand ſei ſo 
378 


bei ihm verleumdet worden, er habe eine Menge Briefe darüber, 
und gerade an mir habe er nie die mindeſte Falſchheit bemerkt. 
Er und die Hähnel und Koreff grüßen euch herzlich. Wenn man 
den Staatskanzler, ohne Arzt zu ſein, beobachtet, muß man ihn für 
ſehr übel halten. Es iſt der allgemeine Eindruck, den er macht, 
und viele glauben, daß er nur noch ſehr kurz zu leben habe. Er 
iſt höchſt ſchwach, ſchläft wenig, hat faſt gar keinen Appetit, einen 
entſetzlichen Huſten und ſeit mehreren Tagen alle Abend etwas 
Flußfieber. 

Der Hähnel kommt dieſer Zuſtand ſehr bedenklich vor, allein 
Koreff beteuert, daß es nichts zu ſagen habe. Die Kur habe ihn 
angegriffen, der Huſten werde ſich geben, ſobald man, was jetzt 
der Brunnen hindert, etwas dagegen brauchen könne, nicht der 
jetzige Zuſtand ſei gefährlich, aber der in Berlin, während des 
Staatsrats fei es geweſen, wo er drei Tage lang einen Nerven— 
ſchlag befürchtet habe. Alles dies behauptet er, und Gott gebe, 
daß er recht haben möge. Denn der Verluſt des Kanzlers wäre 
gerade jetzt äußerſt nachteilig. 

Ich bin Dir noch ſchuldig, von meiner Reiſe durch Schleſien 
zu erzählen. ... Durch die Feſtung Neiße fuhren wir bloß durch 
und ſo etwa anderthalb Stunden weiter nach Ottmachau. Es iſt 
ein Städtchen und liegt auf einem ziemlich hohen Hügel. Auf der 
höchſten Spitze iſt ein Schloß, da gingen wir zuerſt hin. Das 
Schloß iſt mit einem Garten umgeben, hat einen Turm und iſt, 
wie es ſcheint, noch in gutem baulichen Zuſtande. Es iſt aber gar 
nicht eingerichtet und es wohnen bloß einige kranke Invaliden dort. 
Anten find kleine Stuben, Küche uff., oben eine Reihe von fünf 
bis ſechs Zimmern, zum Teil ſehr großen, welche die ganze Breite 
des Hauſes einnehmen und von beiden Seiten Fenſter haben. 
Gegenüber ſtehen noch ältere und baufällige Gebäude und zwiſchen 
beiden iſt eine unbedeckte Plattform. Die Ausſicht auf dieſer 

379 


gehört zu den gründlich und großartig ſchönen. Man hat den 
ganzen Kreis der Gebirge vor ſich, die dort Schleſien und Böhmen 
ſcheiden, drei Reihen an einigen Stellen hintereinander, und zwiſchen 
ſich und dieſen Gebirgen in ſehr beträchtlicher Tiefe eine Ebene, 
in der Wald, Wieſen und Acker abwechſeln. Zu den Füßen des 
Schloſſes ſchlängelt ſich die Neiße. Es würde Dir ausnehmend 
gefallen. Man beſtimmt dies Schloß zu einem Inquiſitoriat, aber 
ich habe ſchon hier bewirkt, daß dies gehemmt wird, bis ich mich 
entſchieden habe. Es iſt eine ſo törichte Idee, Inquiſition ſo nahe 
an die Grenze zu bringen. 

Den Eingang zum Schloßhof bildet ein kleines Haus von 
einem Stockwerk außer dem Erdgeſchoß, das die Schweſter des 
Pächters bewohnt. Es iſt nicht groß aber hübſch eingerichtet und 
ganz bewohnbar. Dies Amt Ottmachau nun, das ehemals dem 
Fürſtbiſchof von Breslau gehörte, iſt in zwei Hälften geteilt und 
an zwei Amtsleute verpachtet. Die eine Hälfte, Friedrichseck, be⸗ 
ſteht aus vier Vorwerken, die andere, Nitterwitz, aus dreien. 
Friedrichseck iſt das pittoreskeſte der Vorwerke. Es iſt zwar ganz 
in der Ebene gelegen, aber es hat mehrere ſehr große Plätze von 
vielen Morgen, die ehemals Teiche geweſen ſind und nun beackert 
werden; um dieſe gehen nun kleine Dämme, die mit großen Eichen 
und auch kleinem Gebüſch bewachſen ſind, und überall durch die 
Bäume ſieht man die ſchönen blauen Gebirge. Man braucht 
wirklich da keinen Park anzulegen, die Spaziergänge machen ſich 
von ſelbſt. Der Boden war der beſte, den wir ſeit Hammersleben 
geſehen hatten. Am anderen Morgen ſahen wir die anderen drei 
Vorwerke und den Wald, der zu der Beſitzung gehört. Es ſind 
1000 Morgen und viel große Eichen darin. 

Am Dir nur von Ottmachau zu ſagen, ſo iſt es offenbar eine 
ſchöne und einträgliche Beſitzung. Wenn ich Friedrichseck mit 
dem Wald nehme, überſteigt das Einkommen meine Dotation aber 
380 


um 2—250 Taler. Aber um die Beſitzung recht ſchön zu machen, 
müßte man Nitterwitz dazukaufen und alles an einen Mann ver- 
pachten. Ich habe ungefähr ausgerechnet, daß, wenn ich die 
178 000 Taler Pfandbriefe übernähme, die auf dem Amt ſtehen, 
und 30000 Taler zugäbe, ich beide Teile haben könnte, was eine 
wahre Herrſchaft wäre. Auf das Schloß müßte man immer mit 
halten, allein ſich nicht übereilen es auszubauen, ſondern dies nach 
und nach machen. Dann würde die Beſitzung fürſtlich. 

Ich habe alſo dem Kanzler vorgeſtellt, in welche Verlegenheit 
ich, ohne meine Schuld, durch meinen Abgang nach London komme, 
und ihn vermocht durch den Oberpräſidenten, Bülow, und Merkel, 
ordentlich ausarbeiten zu laſſen, wie und unter welchen Bedingungen 
man mir Hammersleben oder Ottmachau geben könnte. Da 
es immer zugleich ein Kauf iſt, ſo muß man ſich ſehr in acht 
nehmen. 

Die anliegenden Verſe hat mir Koreff heute mit Karlsbader 
Bleiſtiften geſchickt. Mein Verſtand wird darin ſehr geprieſen. 
Aberhaupt iſt es recht ſchade, daß Du nicht hier biſt. Mein 
Ruhm iſt, da ich Deutſchland verlaſſe, auf dem Zenit. Kneſebeck, 
der mir gar nicht grün iſt, ſagte, ein Mann hier habe neulich be— 
hauptet, ich fei der klügſte Menſch in Europa. Es iſt alſo bloß 
noch für die Negerphiloſophen einige Hoffnung übrig. Ein anderer 
hat Bülow, dem Finanzminiſter, der immer ganz ſauer rechtge— 
geben hat, deklariert, daß ich noch viel mehr Verſtand hätte als 
Alexander, und wir beide doch einzig wären. Die Leute ſind höchſt 
plaiſant. And mit all der Klugheit kann ich doch nicht machen, 
was andere Leute ganz einfach haben, daß ich mit Dir bin, mein 
teures Herz. Lebe wohl! Ewig Dein. 


381 


180. Humboldt an Caroline Frankfurt, 24. Auguſt 1817 


ch ſitze wieder, liebe Li, an dem großen weißen Tiſch und 
in der Stube, in der ich Dir fo oft und mit fo tiefer 
Sehnſucht geſchrieben habe. Wir haben die große Idee 
325 0 155 vor dem Mohrengarten, wie vor unſerm angeſtamm⸗ 
ten Hauſe, vorzufahren und haben glücklicherweiſe den Sommerpa⸗ 
villon leer gefunden. Ich wohne wieder im erſten Stock, Bülow 
im zweiten, wo er den Verſtand gehabt hat, ſich die Stube aus⸗ 
zuwählen, in der Gabrielchen wohnte, weshalb ich ihn ſchon heute 
geneckt habe, meinen Tiſch habe ich bekommen und auch der Koch 
hat ſich eingefunden. 

Hier kamen wir geſtern um 7 an und aßen den Mittag ganz 
allein, recht gut, aber ſehr einfach, bei Goltzens. Sie waren äußerſt 
liebenswürdig und haben uns ſehr gebeten, alle Tage dort zu eſſen, 
was wir aber nicht tun. Die Golgen*) hat ſich hier äußerſt 
human betragen, iff ſogar mit Fräulein Gaaling™) zu großem 
Aufſehen aller hieſigen im Theater geweſen. Man lobt ſie alſo 
in beiden Teſtamenten. Weiter bringt es kein Menſch. 


2. 

Daß der König in Paris iſt, daß er mit Alexander im 
Panorama von London geweſen, daß er zwei Stunden nach ſeiner 
Ankunft die Varietés beſucht und beim König“) gegeſſen hat, alles 
das könnteſt Du wiſſen, wenn Du Zeitungen läſeſt. Aber Du 
unendlich glückliches Kind biſt von allen Zeitungen frei. Es muß 
ein himmliſches Leben in Lacco fein, nur von den grünen Wein- 
bergen um, und dem blauen Himmel über einem und von ſich ſelbſt 
zu wiſſen. Könnt ich nur mit Dir dort ſein! So abgeſchieden 


) Vgl. S. 122. 
) Marianne Saaling, eine zur Zeit des Wiener Kongreſſes durch 
Geiſt und Schönheit gleich ausgezeichnete Jüdin. 
***) Ludwig XVIII. 
382 


dacht ich es mir gar nicht, und dann ringsherum das unendliche 
Meer und die himmliſche Ausſicht. Daß Du ſelbſt findeſt, daß 
man Anrecht hätte, ſich in Ischia über die Hitze zu beklagen, iſt 
mir ein wahrer Troſt, obgleich auch ein heimlicher Schreck. Wenn 
Du nicht klagſt, könnte ich leicht einheizen, ſüßes Kind. Es iſt, ach 
Gott, wirklich nirgends warm. 
Auguſt und Adel ſind wirklich mit Tegel zuſammengewachſen. 
In Rom und Neapel daran zu denken, beweiſt die wurzelnde 
Kraft des Menſchen. Ans, geliebtes Weſen, iſt ſie nicht gegeben. 
Noch bei der Ausſicht von Ottmachau ſagte auch Bülow als ich 
ſie ſchön fand: „Ja, und wenn man denken kann, daß, was man 
ſieht, einem ſelbſt gehört, iſt ſie doppelt ſchön“. Ich ſchwieg, aber 
dachte das Meinige. Ich verlange in dieſer Art von der Erde nicht mehr 
als von den Geſtirnen, daß ſie ſich gütig anſehen läßt und einem 
wieder freundlich ins Herz lächelt. Zu den Geſtirnen aber hat 
Bülow Luſt, es iſt außer ſeiner Liebe das Einzige, wo ich be— 
merkt habe, daß er aus dem Kreis des Lebens irgendwo hinaus 
will. Auch habe ich ihm viele kennen gelehrt. Einen Morgen 
waren ſie himmliſch. Alle die großen Zeichen, Stier, Zwillinge, 
Orion und mitten darin Venus, wie eine Sonne ſtrahlend, dann 
noch ein Planet, vermutlich Saturn. Ich habe unendlich Deiner 
und der Nächte in Burgörner gedacht, wo wir immer warteten 
daß der Fomalhaud über den Kirchberg kommen ſollte. Wir haben 
doch immer ein ſehr eigenes Leben geführt, und da ich den feſten 
Glauben habe, daß meiſt die Dinge ſchließen wie ſie beginnen, ſo 
denke ich, muß es wieder ſo werden. Im Innern iſt uns beiden 
alles dazu geblieben, ja man kann wohl ſagen, es iſt uns gewachſen, 
Dir und mir, die Jahre haben uns gegeben, ſtatt zu nehmen. In 
Dir iſt es unendlich der Fall, und ich kann mich jetzt abweſend in 
dem Gedanken daran, wie wenn wir zuſammen ſind, im lieben 
Anblick verlieren. Was ein Menſch einem Menſchen geben kann 
383 


iſt unendlich, und das recht zu begreifen iſt eigentlich die Summe 
aller Weisheit. 
Lebe wohl, einzig und ewig Geliebte. 


181. Caroline an Humboldt Neapel, 30. Auguſt 1817 
Geliebteſtes Leben! 


7 Jeinen Brief vom 1. und 3. Auguſt aus Burgörner habe 
D ich vorgeſtern, den 28., empfangen, und es iſt mir immer 
een Troſt und gleichſam eine kleine Beſchwichtigung der 
Sehnſucht, wenn Abgang und Ankommen der Briefe in den 
Naum eines Monats paßt. Bei unſerer jetzigen Entfernung 
ann ich dieſen Genuß höchſtens jeden Monat einmal haben. 

Die Tage vergehen hier einer nach dem anderen, ohne daß 
wir viel vornehmen können. Die Hitze iſt noch gar zu arg. Dazu 
war auch Caroline ziemlich leidend.. .. 

Du haſt mir, liebes Herz, ſo lieb und umſtändlich und alles 
erſchöpfend über die Güter geſchrieben, die Du zum Behuf der 
Dotation geſehen haſt, daß ich von Gerode und Hammersleben 
eine ganz klare Idee habe. 

Deine ſüßen Strophen beim Nachhauſegehen vom Kirchberg 
gemacht, haben mich tief gerührt. Die Liebe empfängt man, 
und ſie ſchmückt den, deſſen Leben ſie beſtrahlt, mit himmli⸗ 
ſchem Glanz. Verdienen tut man ſie nie, und ich, geliebtes 
Herz, wohl am wenigſten. Aber fühlen tue ich ſie in tiefſter 
Seele. Ja, wenn uns das Schickſal nicht vergönnt neben Wilhelms 
ſtillem Hügel zu ruhen, ſo wüßte auch ich keinen lieberen Platz als 
den Berg in Burgörner. Caroline wird den Ort mit treuer Liebe 
pflegen und gewiß gern einmal daneben ruhen. 

384 


Sass) 


— 


Ich hoffe, den 16. fortzukommen, und freue mich wie ein Kind 
auf das ſtille und ernſte Rom. Wie in den Hafen alles Höheren 
ſteuert man immer dahin zurück. 


182. Humboldt an Caroline Frankfurt, 30. Auguſt 1817 


cc erwartete heute den Staatskanzler hier. Statt deſſen 
“| J erhalte ich eine Nachricht, die mich ſehr beunruhigt und 
— nur zu ſehr meine Beſorgniſſe, von denen ich Dir aus 
Karlsbad ſchrieb, beſtätigt. Nother iſt hier angekommen und ſchickt 
mir einen Brief vom Kanzler, den ich Dir beilege, hebe ihn doch 
auf. Du ſiehſt, daß er nicht kommt. Anſtreitig geht es ſchlimmer 
mit ſeiner Geſundheit, oder man fühlt wenigſtens, daß er in dem 
Zuſtand, in dem er iſt, keine den Geſchäften nützliche Reiſe machen 
kann. Ich werde mich mit der äußerſten Vorſicht betragen. Was 
ich tun werde, weiß ich noch ſelbſt nicht, ich muß erſt mit Nother 
ſprechen, der morgen früh zu mir kommt. Das Billett hat mich 
ſehr wehmütig gemacht. Es geht ſichtbar mit dem Mann zu Ende. 
Ich hatte immer eine große Anhänglichkeit an ihn, und wer weiß, 
was auch mir ſein Ende bereiten kann. 

Du ſagſt bei Gelegenheit Schillers, liebes Herz, daß ich vielleicht 
in London Muße haben werde, etwas zu ſchreiben. Das iſt wohl 
möglich, und ich hoffe es ſelbſt. Ich laſſe auch alle meine Bücher 
zurück und nehme nur äußerſt wenig mit, um nicht ſo Studien zu 
machen, die man überall machen kann, ſondern mich mehr mit dem 
Lande zu beſchäftigen und freier zu arbeiten. Die Bücher ſchaden 
manchmal darin. Es iſt aber ſehr hübſch und wahr, was Du 
ſagſt, daß man mehr für ſich als für andere ſchreibt. Die Sachen, 
die mir gerade die liebſten wären, würde ich, wenn ich mit ruhiger 
Muße dazu käme, nur für mich ſchreiben und mir gar nichts daraus 
Humboldt⸗Briefe. V. 25 385 


machen, es vielmehr gern haben, recht viel zu ſchreiben und gar 
nichts drucken zu laſſen. Wenn ich Zeit habe, ſchreibe ich gewiß 
noch einmal mein eigenes Leben, nicht ſo gerade das äußere, 
handelnde, dazu würden mir auch, da ich nie in der Art geſammelt 
habe, die Materialien fehlen, aber das innere, eine Darſtellung 
der Menſchen, der Zeit und der Welt, wie ich ſie aufgefaßt habe. 
Es iſt das aber auch nicht fo leicht und verlangt Stimmung, Ruhe 
und Muße. Man muß gewiß oft lange bloß über der Vergangenheit 
brüten, ehe im Gedächtnis nach und nach die Erſcheinungen hervor⸗ 
kommen und ſich zum Ganzen geſtalten. 

Lebe wohl, heute Abend, mein teures Herz. Ich will zu Bett 
gehen. Du ſchläfſt gewiß ſchon, aber biſt auch viel früher auf als 
ich. Wenn ich nur einmal Deine lieben Augen küſſen könnte! 

Si, 

Rother war heute früh bei mir und hat mir den nötigen Auf⸗ 
ſchluß über des Staatskanzlers Brief gegeben. Der arme Mann 
iſt nach meinem Weggehen von Karlsbad noch kränker geworden; 
am 23., als er nach Franzensbrunnen reiſte, iſt er ſo ſchlimm 
geweſen, daß auch Nother ganz bange geworden iſt. Da hat 
Koreff ihm ein Brechmittel gegeben, weil er immer mit Schleim 
auf der Bruſt kämpft. Dies hat ausnehmend gute Wirkung getan, 
und er hat ſich ſehr erleichtert gefühlt. Er iſt ſo bis Würzburg 
mit zwei RNubetagen in zunehmender Beſſerung gereiſt. Allein 
Koreff hat doch nötig gefunden, daß er Pyrmont zur Stärkung 
brauche, und hat ſchlechterdings darauf beſtanden. So iſt er dahin 
gegangen und wird nach vollendeter Kur Düſſeldorf, Münſter und 
Minden beſuchen und in Minden den König ſprechen. Rother 
hätte es für beſſer gehalten, ihn bloß hier acht Tage ausruhen zu 
laſſen, und meint, das würde ihn hinlänglich geſtärkt haben, die 
ganze Reiſe zu machen. Man habe ihn in Karlsbad zu viel trinken 
laſſen und zu ſehr zum Gehen in der Hitze gezwungen. 

386 


Mein Kreditiv wird hierher geſchickt werden, und ich foll 
es alſo hier abwarten, was mir inſofern recht lieb iſt, als ich 
lieber hier, wo ich allein wohne und leidlich eingerichtet bin, 
als anderwärts im Wirtshauſe warte. 

Mit meinem Kreditiv iſt es eine ſonderbare Konfuſion, 
es war heute vermutlich hier, ohne daß ich es bekommen konnte. 
Es iſt nämlich vom König in Karlsbad unterſchrieben worden. 
Nun aber kann es der Staatskanzler unter allen ſeinen 
Papieren nicht finden. Er vermutet alſo, daß Jordan es aus 
Verſehen mit nach Berlin genommen. Heute nun war ein Kurier 
aus Berlin an den Kanzler mit einer verſchloſſenen Briefmappe 
an ihn hier, und Nother meinte, Jordan würde gewiß den Irrtum 
bemerkt und das Kreditiv in dieſer Brieftaſche zurückgeſchickt haben. 
Doch konnte er ſie nicht öffnen. Nun geht ſie nach Pyrmont, 
und erſt von da kann ich das Kreditiv bekommen. Auf jeden 
Fall, ſcheint es, hält mich dieſer Zufall noch acht Tage hier auf. 
Es iſt wirklich eine große Weisheit von Bülow und mir, uns 
gleich in die Malepartusburg begeben zu haben. Man ſieht die 
Dinge von hier mit mehr Ruhe. Die Rheinreiſe, die der Kanzler 
nun nicht machen kann, macht jetzt Nother für ihn. 

Ob ich nun noch den König ſehen werde, weiß ich nicht. 
Zwar gehe ich immer über Aachen. Allein vielleicht geht der König 
eher durch, ehe ich dort ſein kann, und wenn er ſpäter kommt, 
werde ich ihn nicht dort abwarten. Du fühlſt meine Gründe. Ich 
muß jetzt in allen Stücken mit der äußerſten Vorſicht und Behut⸗ 
ſamkeit handeln. Ich habe aber durch Rother dem Kriegsminiſter“) 
geſchrieben, der mit dem König iſt. Es iſt eine ſehr ſonderbare 
Lage der Sachen. Denn ich geſtehe Dir, daß mich, ſo herzlich 
und aufrichtig ich das Gegenteil wünſche, der Gedanke nicht ver- 
läßt, daß des Kanzlers Geſundheit durch den Staatsrat und die 

*) General v. Hake, vgl. S. 282. 

25* 387 


letzten Monate in Berlin einen Stoß erhalten hat, von dem er 
ſich nicht wieder erholt. Wie die Dinge alsdann, wie bis dahin 
werden ſollen, iſt mir unbegreiflich. Wunderbar und ordentlich 
lächerlich iſt es auch, daß mein Weggehen nach London noch durch 
ganz zufällige Amſtände verhindert und in die Länge gezogen wird. 


183. Humboldt an Caroline Frankfurt, 4. September 1817 


Ffülow und ich leben ſehr ruhig und ſtill hier, und es hat 
allen Anſchein, als könnte es noch einige Tage ſo fort 
ad gehen. Denn ehe fo etwas, das man einem nachſchicken 


will, ankommt, vergeht gewöhnlich einige Zeit. Das Wetter iſt 


himmliſch, und inſofern tut mir der Aufenthalt leid, da es beſſer 
wäre, dies Wetter zur Reiſe zu benutzen, die, bis ich England er⸗ 
reiche, vom Tage meiner Abreiſe an, immer drei volle Wochen 


dauert. Denn ich will auf alle Fälle den Niederländiſchen Hof 


beſuchen, und dieſer iſt jetzt in wenig Tagen, wie ich aus den 
Zeitungen ſehe, im Haag. Du weißt, daß der König mir durch 
ein förmliches Dekret eine Penſion von tauſend Dukaten gegeben 
hatte. Dieſe habe ich nie bezogen und will ſie auch nicht haben, da 
ich nichts für die Niederlande tun kann, nie etwas ſo Bedeutendes 
dafür getan habe, und da es auch in meinen jetzigen und vermutlich 
künftigen Verhältniſſen nicht ſchicklich iſt, eine Penſion von einem 
fremden Hofe zu haben. Die Sache iſt indes doch immer delikat 
und ließ ſich daher durch Briefe nicht füglich abmachen. Ich möchte 
ſelbſt mit dem König ſprechen und ihn bitten, das Dekret zurück⸗ 
zunehmen. Ich ſchiffe mich alsdann vermutlich auch in Holland ein. 

Mich ſoll wundern, ob ich den König“) noch ſehen werde, 


*) Von Preußen. 
388 


ich zweifle, daß das der Gall fein wird. Daß ich jetzt, wo viele 
Leute glauben, daß ich etwas anderes ſuche, als man mir beſtimmt, 
und wo der Kanzler verhindert wird, ihn zu ſprechen, vermeide, das 
Anſehen zu haben, ihn aufzuſuchen, wirſt auch Du für ver- 
nünftig halten. Aberhaupt bin ich mein ganzes Leben hindurch 
immer ſo auf dem Scheidewege zwiſchen einer öffentlichen und 
Privattätigkeit geweſen, daß ich jetzt, wo, wenn ich in die erſte 
aufs neue bedeutender geworfen werde, die Lage nur zu ſehr großer 
Verantwortung und zu etwas, mit dem man ſtehen oder fallen 
muß, führen kann, ſchlechterdings nichts ſelbſt herbeiführen, ſondern 
die Dinge ſich ganz frei entwickeln laſſen will. Ich tue das nicht 
aus einer Art Furchtſamkeit; ich kann mit Wahrheit ſagen, daß 
vielleicht niemand auf Erden ſo frei, ſo ohne alle eigene Rückſicht, 
ſo auf jedes Schickſal gefaßt daſteht als ich, und daß gegen Menſchen 
und Sachen niemand ſo dreiſt auftreten würde, allein es gibt Zeit⸗ 
punkte wo man die Amſtände walten laſſen muß, und ein folcher 
iſt der jetzige. Bin ich der, den ſie fordern, ſo werde ich an den 
rechten Fleck kommen, und ſperrte ich mich auch ganz eigentlich 
dagegen; und ich werde wenigſtens ſicher ſein, nicht hineinzugeraten, 
wo ich nur halb verlangt würde und halb mich ſelbſt einmiſchte. 
Es iſt aber wunderbar, wie eine Menge und ganz verſchiedener 
Leute dazu wirken und tätig ſind, jeder aus ſeiner eigenen Arſach. 
So kam vorgeſtern Pappenheim in einer Art Exaltation hier durch. 
Er war eben in den Nheinprovingen geweſen, er verſicherte, es fei 
ſchlechterdings und unumgänglich nötig, daß ich bliebe und mit 
dem Staatskanzler arbeitete. Er wollte gleich nach Pyrmont gehen 
und daran arbeiten. Auch iſt er geſtern wirklich abgereiſt. Der 
Erfolg wird Null ſein, allein es wird Dir beweiſen, wie es in den 


Köpfen herumgeht. 


389 


184. Humboldt an Caroline Frankfurt, 7. September 1817 


Ich habe mich geſtern auf die entſetzlichſte Weiſe, über die 
iich ſelbſt habe hernach lachen müſſen, dahin bringen laſſen, 
— zehn Carolinen zu verleihen, liebe Li. Stell Dir vor, 
gef morgen läßt ſich Frau v. Kalb“) melden und iſt ſchon im 
Hauſe. Denke Dir meinen Schrecken! Aber ſie hatte dem Jäger 
ausdrücklich zweimal nachgeſchrieen, ſie hätte mich notwendig zu 
ſprechen, und ich bin, wie Du weißt, im Annehmen groß. Ich 
ſetzte mich alſo ihr gegenüber, ſie fing an, ihre alte Salzgeſchichte 
zu erzählen, und hatte einen Arbeitsbeutel vor ſich, von dem ich 
gar nicht einſah, was er Gefährliches in ſich enthielt. Sie ſetzte 
mir nun breit auseinander, wie, vorzüglich durch den Prinz Solms, 
der in Paris war, ihre Sache dort vortrefflich ginge und ſo gut 
als gewonnen ſei. Ich war heilfroh, ſagte immer Ja zu allem, 
bewunderte alles und dachte, der Strom der Rede würde ſo ab— 
fließen und ſie dann gehen. Aber weit gefehlt! Dies, ſagte ſie 
plötzlich, iſt nun gut, aber jetzt iſt eine andere Sache. Ich habe, 
— das erzählte fie nun mit taufend Amſchweifen — ein Gedicht 
gemacht, und nun kam, wie dies Gedicht gedruckt werden ſollte, 
wie Prinz Chriſtian in Darmſtadt Geld zum Druck gäbe, wie ihr 
aber noch zehn Louisdor fehlten. Indem ſie dies ſagte, griff ſie 
nach dem Strickbeutel, und ich entdeckte, daß darin wirklich das 
leibhaftige Manuſkript lag. Ich nahm mir gleich vor, es lieber 
aufs Außerſte ankommen zu laſſen, als nur einen Vers anzuhören, 
wie ſie alſo nun ſchon die Blätter auseinandermachte, und ich die 
Gefahr ganz unmittelbar drohen ſah, ſagte ich haſtig, ob ſie gleich 
gar nichts von Vorleſen erwähnt hatte, mit einer vortrefflichen 
) Charlotte v. Kalb, geb. Marſchalk v. Oſtheim, geb. 1761, + 1843, 
Schillers Freundin. Verarmt durch Kohlen- und Salinenſpekulationen ihres 
Schwagers. Beſchloß ihr Leben im Königlichen Schloß zu Berlin bei 
ihrer Tochter Edda, Hofdame der Prinzeſſin Wilhelm. 
390 


e 


Ellipſe: Nein, meine gnädige Frau, lieber will ich Ihnen die zehn 
Carolinen leihen! Kaum hatte ſie das Wort gehört, ließ ſie 
wirklich gleich die Papiere fahren, lobte mich ſehr und war außer 
ſich vor Freude. Ich wollte ihr das Geld ſchicken, ſie beſtand aber 
darauf, ich ſollte es ihr gleich geben. Da ich es nicht hatte, ſchrieb 
ich ihr eine Anweiſung auf Rothſchild, und in zehn Minuten war 
ſie aus der Stube. Ich ſchwöre Dir, es war eine höchſt komiſche 
Szene. Wer dabei geweſen wäre, hätte ſich totlachen müſſen. Ich 
halte es für ſehr zweifelhaft, ob ſie je wieder bezahlt, und miſſe 
das Geld gar nicht gern, aber die Verſe zu hören, des Morgens, 
wenn man noch faſt nüchtern iſt, das wäre einem geradezu an den 
Leib gegangen. Nun habe ich ſtrengen Befehl gegeben, mich für 
ſie immer zu verleugnen. 

Dohna), den ich ſeit unendlichen Jahren nicht geſehen hatte, 
iſt jetzt hier und beſuchte mich geſtern. Ich habe es noch immer 
gern -an ihm, daß er, außer Leuchſenring ), der einzige war, der, 
als ich, um Dich zu heiraten, den Dienſt verließ, damals es billigte 
und mir noch zuredete. Leuchſenring ging noch weiter, und ich 
erinnere mich ſehr gut, daß er mir ſagte: „Sie kommen künftig viel 
beſſer wieder herein, wenn Sie jetzt gehen.“ Das iſt ſehr wahr 
geworden. Dabei fällt mir ein, daß mir der Primas) einmal 
in Erfurt, als ich ihm auch ſo ſagte, daß ich wohl ohne Geſchäfte 
zu bleiben wünſchte, vorherſagte, ich würde ins größte Gedränge 
und Gewirr von öffentlicher Tätigkeit kommen. Möge das 
Schickſal es ſtill vorüberführen. Ich habe kein Verlangen 
danach! 

Es iſt hübſch, ſüßes Kind, daß Du gar nicht ſeekrank geworden 


) Friedrich Alexander Graf zu Dohna, geb. 1771, + 1831, von 1808 
bis 1810 Miniſter des Innern. Jugendfreund Humboldts. 
**) Franz Michael Leuchſenring, geb. 1746, + 1827, Literat. 
*) Dalberg, vgl. Bd. I, S. XVf. 
391 


bift, ich hoffe, ich entgehe ihm auch wieder; wir find gemacht, um 
die Welt zu ſegeln. 

Sage mir doch einmal, was Gabriele den ganzen Tag über 
macht. Caroline hat mit ihrer Geſundheit zu tun, Du mit Caroline, 
Adelheid mit Auguſt und Auguſt mit ihr. Aber Gabrielen be- 
greife ich nicht in meiner Phantaſie. Einen großen Teil des Tages 
ſchreibt ſie an Bülow, das iſt mir deutlich, aber das dauert doch 
nicht ewig, und die Briefe ſind nicht einmal ſehr dick. Wenn 
man verliebt iſt, ſchläft man auch wenig! Geht ſie nun die ganze 
übrige Zeit ſo herum, an ihre Liebe zu denken? Oder beſchäftigt 
ſie ſich mit etwas? Ich ſehe aber freilich davon die Schwierigkeit 
ein, da ihr keine Bücher und vermutlich auch kein Klavier habt. 
Wenn Gabriele in Rom ordentlich die Gitarre lernte, wäre es 
ſehr hübſch. Sie hat recht ein Ausſehen dazu, und Bülow wird, 
glaube ich, die Künſte im Hauſe beſchützen. Auch dauert es noch 
einige Zeit, ehe ſein Regiment angeht. 

Haft Du je den Nocca einigermaßen genau geſehen? Ich 
habe gar keine Idee von ihm. Er ſoll ja mit der Staél verheiratet 


geweſen ſein? 


185. Humboldt an Caroline Frankfurt, 11. September 1817 


er Zauber des Frankfurter Aufenthalts geht zu Ende, 
D liebe Li, ich reiſe übermorgen früh wirklich nach London 
— ob. Der Kanzler hat mir unterm 7. von Grohnde bei 
Göttingen mein Kreditiv geſchickt, das ich am 9. erhalten habe. 
Er ſchreibt: „Rien n’empéchera donc désormais Votre départ“, 
und es iſt kein Grund abzuſehen, aus dem ich noch zögern ſollte. 
Otterſtedt, dem Pappenheim von Grohnde aus geſchrieben hat, war 
heute von Darmſtadt hier, um mich noch einmal zu ſehen. Pappen⸗ 
392 


~ 


heim hat ihm geſchrieben, daß er den Kanzler viel beffer und 
munterer gefunden, als er es hätte nach den Beſchreibungen er- 
warten können; der Huſten ſei zwar noch da, aber minder ſtark, 
der Kanzler hatte ſchon zwei Nächte nacheinander gut geſchlafen, 
und Koreff hatte geſagt: daß, wenn ſein Körper noch ſtark genug 
ſei, um die Arzeneien, welche ſeine Heilung erfordern, zu ertragen, 
ſo ſtehe er für die Beſſerung. Dieſe letzte Ausſage zerſtört im 
Grunde Pappenheims Bericht, denn es iſt hier doch nur von 
einer eigentlichen Krankheit die Rede, und die Schwäche muß doch 
groß ſein, wenn Koreff ſolche Zweifel hegt. Ich glaube nicht, daß 
es lange mit ihm dauern kann, und es tut mir ungemein leid. 
Denn es wird gewiß nachher ſchlimmer. 

Stell Dir vor, daß neulich den Morgen die Wolzogen ſich 
bei mir melden ließ. Sie kam von Aſchaffenburg, um auf einige 
Monate nach Wiesbaden, nach ihrer alten Gewohnheit, zu gehen. 
Sie liebt nun einmal das Herumtreiben in wenig reizenden Gegenden. 
Sie war lieb und munter und aufgelegt wie immer. Sie hat bei 
mir gefrühſtückt, und wir haben ein paar Stunden ſehr hübſch mit- 
einander verſchwatzt. Sie hat eine Tragödie gemacht, die, wie ſie ſagt, 
bald gedruckt erſcheinen ſoll. Sie hat nur noch die letzten Akte 
auszuarbeiten, was in Wiesbaden geſchehen ſoll. Nach Rom 
kommt ſie nicht. 


186. Humboldt an Caroline Cöln, 15. September 1817 


deer Zauber von Frankfurt iſt gelöſt, liebe Li, ich bin vor⸗ 
geſtern von dort abgereiſt und heute abend hier an- 
gekommen. Das Gehen nach London iſt keinem Zweifel 
mehr unterworfen, und ich ſetze meine Reiſe ohne Aufenthalt fort. 
Ich bin auf dem linken Rheinufer über Mainz nach Bingen ge- 

393 


gangen. Ich hätte wohl gern die Stein)) in Naſſau beſucht, und 
ſie ſcheint es erwartet zu haben. Allein ich wünſchte Mainz nicht 
vorbeizureiſen, und auch die ſo ſehr viel ſchönere Gegend auf dieſem 
Afer zu ſehen. Sie iſt wirklich außerordentlich. Seit 1788 war 
ich hier nicht geweſen, ich habe aber oft gedacht und Bülow geſagt, 
daß Du im nächſten Jahre, wenn Du nach England kommſt, doch 
die Reiſe auch ſo machen mußt. Der Strom, die Felſen, die 
ſchönangebauten Weinberge dazwiſchen, die alten Burgen ſind einzig 
ſchön. Der Weg iſt ſehr gebeſſert worden ſeit einiger Zeit und 
wirklich recht gut. Es iſt die Chauſſee, die Napoleon hat großen⸗ 
teils in den Felſen ſprengen laſſen. Allein ſie war gleich anfangs 
zu enge und ſeitdem auch ſehr verdorben. Jetzt hat man ſie her⸗ 
geſtellt und zugleich durch neues Sprengen breiter gemacht. Nur 
muß ſie noch ein Geländer bekommen. Jetzt iſt ſie an einigen Orten 
gefährlich, weil ſie doch ſchmal iſt, und man, wenn auch nur eine 
Achſe bräche oder ein Rad abliefe, an mehreren Stellen unfehlbar 
in den Rhein fiele. 

Stein iſt in Cappenberg, ſeinem neuen in Weſtfalen einge⸗ 
tauſchten Gut. Er hat im Frühjahr ſehr an ſeiner Geſundheit 
gelitten. Er war einige Monate vor ſeiner Frau nach Naſſau 
gegangen und hatte da ſtarke Schwindel bekommen. Dieſe haben 
ſich auf das eine Auge geworfen, an dem er eine Art Schlagfluß 
gehabt haben ſoll. Er iſt auf einmal blind darauf geworden und 
fieht noch ſehr wenig mit dieſem Auge. Er hält es, wie man mir 
ſagt, bloß für Kongeſtion des Blutes nach dieſem Teil, allein der 
Arzt ſelbſt iſt zweifelhaft, ob es nicht ſchwarzer Star iſt. Sonſt 
iſt er jetzt nicht krank. 

In Mainz hielt ich mich nur zwei Stunden auf, um den 
Kommandanten, General Kruſemarck und Jacobi“) zu beſuchen. 

Vgl. S. 210. 

Vgl S. 97. 

394 


— ee ae 


Kruſemarck empfing mich mit vieler Herzlichkeit. Der kleine Jacobi 
iſt wie immer und ſeine Frau ebenſo dick wie er. Sie freuten ſich 
aber ſehr, mich zu ſehen. 

Die Nacht vom 13. zum 14. blieben wir in St. Goar. Ich 
hatte auch im Jahr 88 dort übernachtet. Es iſt eine Ausſicht aus 
den Fenſtern, wie man fie ſelten hat. Der Rhein ruht wie ein mach- 
tiger See von Felſen eingeſchloſſen, und darüber ſtanden alle Geſtirne, 
im Abend wetterleuchtete es und übrigens eine wahre Sommerluft. 

In Coblenz kamen wir geſtern früh um 10 Ahr an. Ingers— 
leben empfing mich mit vieler Herzlichkeit und bat Bülow und 
mich zum Eſſen. Das Bedauern, daß ich nach London gehe, iſt 
allgemein und das ewige Geſpräch. Müffling'), der General, hat 
mir ganz ehrlich verſichert, daß kein noch ſo kleiner Ort ſei, wo man 
nicht davon ſpräche, und das alles ſeit dem Staatsrat. Es iſt 
nicht zu leugnen, daß mir der eine große vogue gegeben hat. 

Der Kronprinz hat auf faſt unglaubliche Art alle Herzen 
gewonnen. Ganz gemeine Leute haben mir davon erzählt. Der 
König iſt ſehr ſchnell vom 8. bis 12. durch die Rheinprovinzen 
gegangen, ich habe ihn natürlich nicht geſehen. Er ſoll aber 
freundlich und heiter und vollkommen geſund geweſen ſein. Er 
wünſchte den Staatskanzler heute in Münſter zu ſehen. Ich zweifle 
aber, daß dieſem ſeine Geſundheit erlaubt haben wird, dahin zu 
kommen. 


187. Humboldt an Caroline Brüſſel, 21. September 1817 


Iſſir find geſtern morgen hier angekommen, liebe Li, und ver- 
weilen hier einige Tage, da der Hof noch hier iſt, und 
— wir nun nicht nach dem Haag zu gehen brauchen. 
Den Tag in Aachen hatte ich viel Beſuche, einige in Geſchäften. 
) Vgl. S. 101. 


395 


Es iſt dort der Sitz der Kommiſſion der Liquidationen gegen Frank⸗ 
reich, und Frankreich findet auf einmal, daß es dieſe Sache nicht 
bezahlen kann, will alle Liquidationen aufheben und eine Summe 
geben, die man nach ſeinen Kräften abmeſſen und hernach unter 
alle Mächte teilen ſoll. Die Konvention, die mein Werk iſt, foll 
gänzlich umgeſtoßen werden. Ich habe ſchon in Karlsbad ein mé- 
moire dagegen gemacht. Wie es werden wird, weiß Gott! Wenn 
es gelingt, ſo iſt wieder ein großes Stück vom Frieden von 1815 
vernichtet. 

Im Dom ſah ich die Säulen, die dem armen Alexander ſo 
viel zu ſchaffen gemacht haben“). Nachdem man ſich fo viel darum 
geſtritten hat, liegen 27 im Kreuzgang unaufgeſtellt, nur vier ſind 
an ihrer Stelle, zwei von ſehr ſchönem Porphyr, zwei von Granit. 

Geſtern kamen wir hierher. Sowie ich hier zu Hatzfeld“) ſchickte, 
fragen zu laſſen, wann ich zu ihm kommen könnte, kam er ſelbſt, 
wie er denn voller Aufmerkſamkeit und Höflichkeiten iſt. Ich aß 
den Mittag bei ihm. Bei Clancarty war ich heute früh. Er hat 
mich mit der alten, gewohnten Gutmütigkeit und Treuherzigkeit 
empfangen. Heute aß ich mit Hatzfeld beim König, wo niemand 
als die Familie war. Die Königin“ ), der König“ ) und die Prinzen 
haben mich ſehr gut und freundlich aufgenommen und er lange und 
viel mit mir geſprochen. Ich habe ihm denn auch die 1000 Dukaten 
zu Füßen gelegt, was ihm zu gefallen ſchien. Ich werde es nun 
unſerem König ſchreiben. 


*) Gal. S. 91. 
**) Vgl. S. 260. 
*) Vgl. S. 245 und 68. 


396 


C 


188. Caroline an Humbolot Rom, 23. September 1817 


ſir find geſtern abend glücklich zurückgekommen, mein teures, 
liebes Herz. Den 21. ſind wir früh vor Tage, d. h. um 
4 Ahr, von Neapel abgereiſt und haben am Abend mit ein- 
brechender Nacht Terracina erreicht, von wo wir geſtern um 6 Ahr 
wieder aufgebrochen und am Abend 7 Ahr hier waren. 

Dies iſt das erſtemal, daß ich überhaupt, wenigſtens im unteren 
Italien, mit Poſt gereiſt bin, allein wir ſind ſehr zufrieden. Was uns 
vermocht hat, mit Poſt zu gehen, iſt die wirkliche Anſicherheit der 
Wege, die ſeit dem Abmarſch der öſterreichiſchen Truppen im 
Neapolitaniſchen und Römiſchen ſehr zugenommen hat. Ans iſt 
nichts geſchehen, allein die Fakta ſind nicht zu leugnen, und das 
hieſige Gouvernement ſteht auf dem Punkt, 1500 Mann gegen die 
Rauber marſchieren zu laſſen. Man bringt täglich welche ein. 
Sie brandſchatzen auch auf dem Lande, beſonders in den Gebirgen, 
und führen Geiſeln weg. Ich hatte von Neapel aus dem Kardinal 
Conſalvi um eine Erlaubnis für Eskorten geſchrieben, und er 
ſendete ſie mir nicht allein mit einem ungemein verbindlichen Brief, 
ſondern er hatte auch noch beſonders mit eigener Hand auf den 
Erlaubnisſchein geſchrieben, daß er uns allen militäriſchen Autoritäten 
als Perſonen empföhle, an denen die Regierung einen beſonderen 
Anteil nähme. 

Wie wunderſchön Neapel iſt, freue ich mich doch ſehr, wieder 
in Rom zu ſein, wo ich immer das tiefe Gefühl habe, in der Heimat 
zu ſein. Wäreſt Du hier, ſüßes ae fo 1 ich es ganz. 

Die Herz ſoll in Florenz fein. . 


397 


189. Humbolot an Caroline Brüſſel, 24. September 1817 


ir wollten heute von hier abreifen, liebe Li, find aber ge- 
blieben, weil der König mich noch heute zum Eſſen einladen 
ließ, und ich keinen hinlänglich wichtigen Grund hatte, es ab⸗ 
e Es waren heute alle Geſandten und der Herzog von Kent“) 
da, der ſich, wie er ſelbſt ſagt, hier aufhält, weil ihm London zu 
teuer iſt. Wie muß einem dabei zumute werden? Der König 
war äußerſt gnädig und geſprächig und hat mich wirklich auf die 
ausgezeichnetſte Weiſe behandelt. 

Heute hat er mir noch den Belgiſchen Löwenorden, was der 
große Zivilorden iſt, gegeben, und mir dabei geſagt, daß ich nicht 
hätte ſeine Penſion nehmen wollen, daß er aber hoffte, daß ich 
ſeinen Orden nicht ausſchlagen würde. 

Mit dem Staatskanzler geht es viel beſſer. Ich habe einen 
Brief vom 12. von Rother hier erhalten. Die Pyrmonter Badekur 
iſt bei dem fortwährend ſchönen Wetter von beſtem Erfolg; er 
arbeitet wieder und geht, wie mir Nother ſchreibt, wieder kräftiger 
in die Sachen ein. Den König hat er doch nicht geſprochen, was 
freilich ſchlimm iſt, da nun von Ende Mai bis zur Mitte Oktobers 
kein wichtiger Vortrag vor ihm geſchehen iſt. Denn in Karlsbad 
ſind alle Geſchäfte zurückgelegt worden. 

Es iſt ſehr gut, daß Du dem Großherzog“) geſchrieben haſt. 
Er hat allerdings noch große Luſt zu Italien. Aber wenn er in 
ſeiner Offenbacher Chaiſe um ſein Hölzchen herumfährt, findet er 
doch den See bei Strelitz ſehr ſchön. Er ließ mich eigentlich im 
Wagen herumſetzen, die ſchöne Ausſicht zu ſehen. Quaſt fand ja 
auch am Albaner See ſelbſt eine gewiſſe Lache, die er bei Berlin 


*) Prinz Eduard Herzog von Kent, geb. 1767, + 1820, Vater der Königin 
Victoria. 

) Von Mecklenburg ⸗-⸗Strelitz. 
398 


hatte, hübſcher. Glaube mir, geliebte Seele, es gibt wenig Menſchen, 
die nicht ihr eigenes Waſſer allen Flüſſen des Paradieſes vorziehen. 

. . . Was Du, geliebte Seele, bei dieſer Gelegenheit von mir 
ſagſt, iſt höchſt lieb und gut. Aber das kann ich wirklich mit der 
höchſten Wahrheit ſagen, daß es keinen Menſchen auf Erden gibt, 
der an den echten und weſentlichen Verhältniſſen des Lebens mit 
mehr Treue, mehr Bereitwilligkeit, in jedem Augenblick alles dafür 
aufzuopfern, hängt. Ich weiß wohl, daß man dies nicht glaubt, 
und daß ſelbſt unter den Guten viele meinen, daß Wohl oder 
Verderben des Staates mir gleichgültig wären, und ich die Geſchäfte 
nur ſo wie ein intereſſantes Spiel behandelte, meine Kräfte daran 
zu üben. 

Ich halte freilich nichts von dem Lamentieren, wenn man nicht 
handeln kann, noch weniger von dem ewig und eifrig Wichtigtun, 
und von dem ſelten von Eigenliebe freien Zudrängen, um zu retten; 
allein, wenn ich wohin geſtellt bin, ſo weiß ich, daß ich nie mein 
Daſein von der Sache trennen, ſondern nur beides zugleich auf— 
geben würde. Wäre es in Prag, in Chatillon anders gegangen, 
als es ging, würde es ſich erwieſen haben. Darum bin ich auch 
ſehr gleichgültig bei den Reden über das Gemüt, die ich ſo oft 
hören muß, und lächle in mir darüber. Das wahre Gemüt im 
Handeln iſt, ſeine Pflicht tun, ſich und ſeine Neigungen hintan⸗ 
ſetzen und am Guten in Dingen und Menſchen feſthalten und es 
nicht untergehen laſſen. Dann gibt es freilich ein höheres und 
tieferes Gemüt, von dem aber die, ſo darüber reden, auch nicht 
einmal eine Ahndung haben, weil gerade die ſogenannten Gemiit- 
vollen immer recht feſt, wenn auch im guten Sinn, an der Wirklichkeit 
hängen und nie von ihr loskommen. 


399 


190. Caroline an Humboldt Rom, 27. September 1817 


\ ery 


ch bin geftern durch Deine Nummer 44 vom 7. und 8. 
D September freundlich überraſcht worden, mein geliebtes, 
teures Herz. ... Der Sommer iſt ſchlimm hier geweſen, 
das Thermometer beinah unwandelbar auf 32½ Grad, die Menſchen 
ſprechen einem mit einer Art Schauder davon. 

Aber Deine Aventüre mit Frau v. Kalb habe ich recht 
lachen müſſen. Man hätte ſeinen letzten Heller hergegeben, um 
das Gedicht nicht zu hören. Die arme, unglückliche, beinah blinde 
Frau hat ein traurig Alter. 

Du fragſt nach Gabriellen? Schlafen und vermutlich ſüß 
träumen tut ſie vortrefflich, und ſo lang' man ſie nur irgend ſchlafen 
läßt, das Eſſen ſchmeckt trotz der Verliebtheit auch gut, und ſie 
ſieht ſo blühend wie nur irgend in Deutſchland aus. Ein Klavier 
hatten wir in Ischia nicht, aber doch einige Bücher, mitgebrachte 
und von Frau v. Namdohr hier. Gabrielle hat unter andern die 
Weltgeſchichte von Becker in zehn Teilen dort geleſen. Dann 
nimmt das Schreiben viel Zeit, wenn es auch nicht Folianten 
werden. Sie ſchreibt und lieſt dabei ihres Heinrichs Briefe und 
träumt ſich in die ſüße Vergangenheit und Zukunft. Außerdem 
hielt ich aufs Spazierengehen, zuweilen ritten wir auch auf Eſeln 
umher, und dann verlangte ich manchen kleinen Dienſt für mich 
und Caroline. Ich glaube, es iſt gut, die Gewohnheit der zuvor⸗ 
kommenden Aufmerkſamkeit in einem jungen und geſunden Mädchen, 
wie ſie iſt, zu erhalten. Sie hat auch ein ſehr liebevolles Gemüt. 
Hier wird ſie nun wieder Muſikſtunden nehmen, und ich will ſie 
auch bitten, ſich mit dem Italieniſchen zu beſchäftigen. Zur Muſik 
hat ſie in der Tat Talent. 

Ich habe in Lacco den Tacitus in einer Aberſetzung von einem 
gewiſſen Barth geleſen und zwar mit dem größten Intereſſe. Tief 
400 


und wahr iſt alles, was Du fagft, und niemand foll fich überheben. 
Es hängen die Dinge auf eine geheimnisvolle Weiſe zuſammen, 
und ſelbſt das Gräßliche und Grauſame hat darum eine unendlich 
tiefrührende Seite. Die Beſchreibung des deutſchen Charakters 
von Tacitus, wie er die Erſcheinung aufgefaßt, die ſich ihm auf—⸗ 
gedrungen, hat mich unendlich intereſſiert. Seine Art zu ſchreiben 
hat oft etwas Erſchütterndes. Ich möchte wohl ihn in ſeiner 
Sprache leſen können. 

Rocca, höre ich, foll hier fein. Ich lernte ihn in Coppet 
kennen. Er muß wohl 15 Jahr jünger wie die Staél fein, ein 
intereſſantes aber ſehr krank ausſehendes Geſicht, eine Geſtalt, wie 
wenn ſie nur vorübergehen ſollte auf der Erde, nicht wohnlich ſich 
niederlaſſen. Er ſetzte ſich oft in Coppet zu mir und erzählte mir 
aus Spanien, von ſeinen Campagnen und dem, was er dort über 
die Menſchen beobachtet hatte. Ich kann begreifen, daß man 
mit franzöſiſcher Natur dieſen Menſchen ſehr lieben konnte, franzöſiſch 
gebildet war auch er. Er hatte aber dabei etwas tief Leidenſchaft⸗— 
liches in den Zügen, beſonders im Auge. Seine Kränklichkeit war 
Folge ſeiner Bleſſuren. | 

Du fagft in Deinem Brief [vom 30. Auguſt], daß Du wohl 
Luſt hätteſt, einmal Dein Leben, nämlich Dein inneres, zu ſchreiben. 
Ich habe Dich wohl begriffen, und wir wollen einmal mündlich 
darüber ſprechen. Es geht ſehr vieles in einem vor, allein wer 
kann von allen bildenden Schmerzen und Freuden, von der vor— 
bereitenden Kindheit Rechenfchaft geben? Als Bild ſtellt das 
innere Leben ſich doch wohl nur durch das Einwirken auf das 
äußere dar. 

Ich bin unbeſchreiblich verlangend nach Nachrichten von des 
Kanzlers Geſundheit. Anbegreiflich iſt und bleibt mir immer, daß 
er Dich, deſſen Anhänglichkeit er kennen muß, in dieſem Zuſtand, 
wo er ſich, wie leidlich er ſich auch vorkommen mag, doch nicht der 
Humboldt ⸗Briefe. v. 26 401 


fühlen kann, der er zehn Jahre früher war, nicht um ſich behält. 
Es ſtimmt nicht mit dem, was er Dir kurz vor meiner Abreiſe 
aus Berlin ſagte. 

In dieſen Tagen kann ich Dich nun bald in England denken. 
Gehe nur von der Idee aus, daß ich, meine liebe Seele, in künftigem 
Sommer zu Dir komme. Ich bin überall gern, wo Du biſt. Es 
intereſſiert mich auch das Neue als Neues, und an Kunſtſachen 
muß England einen Schatz enthalten, nur vielleicht iſt das Sehen 
mühſamer wie irgendwo. 

Caroline Wolzogen ſchreibt mir, Stein fei vom Schlage ge- 
rührt. Iſt denn das ſo? Es täte mir ſehr weh, wenn ich den 
nicht mehr unter denen denken könnte, die die Sonne beſcheint. Ich 
ſchrieb Stein vor meiner Reife nach Neapel und wundere mich 
ſehr, daß ich keine Antwort wegen ſeiner Büſten erhielt. 

Die Kinder grüßen. Deine ewig Treue. 


402 


Acerenza, Herzogin v. 275, 280f. 

Adolf, Herzog von Cambridge 360. 

Agamemnon, Aberſetzung 192, 195, 
288, 273, 286, 292. 

Albrecht, Geh. Kabinettsrat 175. 

Alexander J. von Rußland 23, 30, 
39, 49) 56, 59, 63 ff., 78 f., 85, 
192 113 119. 

Altenſtein, v., Miniſter 8, 52, 97, 
19 152, 156, 175, 179, 279. 

Alvensleben, v., Miniſter 68. 

Anaſtaſio, römiſcher Lohnkutſcher 
312. 

Aneillon, Miniſter 121, 128, 172, 
179, 212, 241 f., 340. 

Angouléme, Herzog v. 38. 

Arminius, Wilhelm Sixtus v. 201, 
204. 

Arnault, franzöſiſcher Dichter 13. 

Arndt, Ernſt Moritz 237. 

Auguſt Ferdinand, Prinz 
Preußen 174f., 221, 286. 


von 


Baden, Großherzog von, ſ. Karl 
Ludwig. 

Bagration, Fürſtin 36, 50. 

Barkhauſen, v., Geſandter 224. 

Barth, Aberſetzer des Tacitus 400. 

Bartholdi, Jacob Salomo 200, 337. 


Bartolomeo, Fra 311. 

Bayern, Kronprinz von, ſ. Ludwig J. 

Beauharnais, Eugen 64, 124, 320. 

— Stephanie, Großherzogin von 
Baden 112, 138. 

Becker, Weltgeſchichte von 400. 

Beguelin, Frau v. 207. 

Bentheim, Graf 125f. 

Bernſtorff, Graf Chriſtian Günther, 
Miniſter 156, 310, 347. 

— Gräfin Eliſe 310. 

Bertrand, Graf 29. 

Bethmann, Frankfurter Bankier 136, 

Beulwitz, v., Geh. Leg.-Nat, erſter 
Gatte der Caroline Wolzogen 3. 

Beuth, Staatsrat 123, 138. 

Beyme, v., Miniſter 170, 175, 347. 

Blücher, Fürſt 4, 6, 9, 12, 21, 42 ff., 
52, 57, 102, 117 f., 126, 156 ff 171, 
208, 218, 220, 256, 260, 270, 275, 
281, 283. 

— Fürſtin 42, 171. 

Bockelberg 219. 

Boisdeslandes, Legationsſekretär 
81, 131 f., 173 288, 79 8 22. 
344. 

Boifferée, die Brüder 161. 

Bombelles, Graf Ludwig 196, 202, 
252 f. 


26* 403 


Bombelles, Gräfin Ida 197, 252f., 
27/5. 

Bonaparte, Hieronymus 15, 27. 

— Joſef 15, 27. 

— Lucian 10, 15, 16, 22, 27. 

— Napoleon I, 4, 6, 9, 10, 15, 16, 
22, 26, 27, 38, 64, 92, 97, 140, 182, 
327, 394. 

— — II. 124. 

Bonnemaiſon 86. 

Bothe, Amtmann 251, 256, 315. 

Boyen, v., Miniſter 7, 21, 97, 182, 
218, 348, 358, 377. 

Brandenburg, Gräfin Julie 212. 

Bréguet, Mechaniker 35. 

Brown, Baron 311f., 318. 

Brun, Friederike, geb. Münter 197. 

Bunſen, Geſandter 198, 204. 

Buti, Frau 311f. 

Butte 79. 

Bülow, Graf v. Dennewitz 45, 50, 
208, 209, 256. 

— Finanzminiſter 50, 51, 83, 97, 98, 
123, 171, 180, 198 f., 297, 310, 317, 
325, 346 f., 358, 377, 381. 

— Gräfin Jeanette, geb. Schmucker 
83 

— Heinrich v. 158, 173f., 187, 190f., 
198, 238, 283, 293, 295, 300, 304, 
306, 310, 327f., 334, 344, 349, 363, 
366, 370, 382 f., 387 f., 392, 394f., 
400. 


Cambridge ſ. Adolf, Herzog von. 

Canova, Antonio 50, 64, 78, 88, 92, 
101, 138, 320, 364. 

Capellini 275. 

Capo d' Iſtria, Graf, griechiſcher 
Staatsmann 139, 259f. 

Carolath, Fürſt 341, 347. 


404 


Herzogin von 


Caroline Amalie, 
Gotha 275. 

Caroline Luiſe, Fürſtin von Rudol⸗ 
ſtadt 3, 289f. 

Caſſini, Céſare Francois 44. 

Caſtlereagh, Lord, engliſcher 
Miniſter 60, 61, 78, 101, 139f. 

Caulaincourt, Graf, franzöſiſcher 
Miniſter 144. 

Cevallos, Don Pedro 115f. 

Charlotte, Prinzeſſin von Preußen, 
56, 118f., 135, 180, 197 


Chriſtian, Prinz von Heſſen⸗ 
Darmſtadt 390. 
Cicognara, Graf, italieniſcher 


Kunſtſchriftſteller 305, 317. 
Clancarty, Lord 294, 396. 
Clauſewitz, Frau v. 33. 
Clauſewitz, General v. 45, 173. 
Cockerell, engliſcher Archäolog 376. 
Colomb, Peter v. 271, 276. 
Colomb, Präſident v. 171. 
Conſalvi, Kardinal 148, 187, 326, 

332, 397. 

Cornelius, Peter v. 337. 
Creuzer, Friedrich 223. 

Crome, Profeſſor 274. 

Cüſtine, Adolphe v. 132, 142, 186. 
Cüſtine, Gräfin 132, 136, 142, 174, 

184, 186 ff., 190, 194, 201, 211, 231, 

238, 243, 254 f., 26 

276, 285, 292. 
Cumberland, 

Friederike. 


Herzogin von, ſ. 


Dacheröden, Präſident v. 2, 4, 8, 
197, 204. 

Dalberg, Fürſtprimas (Schatz) 236, 
391. 

— Herzog von 74. 


Dannecker, v., Bildhauer 288. 

Davout, Madame 8. 

Davout, Marſchall 7f., 10, 12, 17, 
2 97. 

Delambre, Madame 13, 31. 

Devonſhire, Herzogin von 326. 

Diede, Charlotte 18, 145, 360. 

Dijeon, General 83. 

Dohna, Graf, Alexander 391. 

Drouot, Antoine 29. 

Dunker, Sekretär 2, 251, 256, 366. 

Duras, Herzogin von 102. 

Düben, Gräfin 163. 

Dürbach, franzöſiſcher Exilierter 
124f. 


Eduard, Herzog von Kent 398. 

Eichhorn, v., Staatsrat 139, 150, 
152, 154, 161. 

d Eſte 369. 


Falſtaff 300. 

Ferber, Nationalökonom 288. 

Ferdinand I. 362. 

Ferdinand, Prinzeſſin, ſ. Luiſe. 

Fiſcher, Profeſſor 212. 

Flemming, Graf 92, 131f., 145, 
148, 158, 163, 173 f., 186 ff., 190 f., 
198, 214, 238, 249, 279, 292, 294. 

Forſter, Thereſe 343. 

Fouché, franzöſiſcher Polizeiminiſter 

Fouqué, de la Motte, Dichter 202. 

— Frau v. 202. 

— Marie 202. 

Frank, Pfarrer 219. 

Franz II., Kaiſer von Sſterreich 
45, 49, 66, 79, 85, 113. 

Friederike, Herzogin von Cumber⸗ 
land 340, 348. 


— —— ¶ r-! — — 


Friederike, Prinzeſſin von Preußen 
56, 180. 

Friedländer, Bankier 116, 128. 

Friedrich Auguſt J., König von 
Sachſen 36, 208, 218. 

— der Große 153. 

— Ludwig, Erbgroßherzog von 
Mecklenburg 275. 

— Wilhelm II., König von 
Preußen 18f., 28, 36 f., 45, 49, 
63 f., 66, 79, 82, 85, 92, 96 f., 104f., 
107% f 2 26 162,71, 
177 f., 181 f., 197, 199 f., 206, 220, 
233 f., 240 f., 244 261, 276, 282, 
285 f., 294, 296, 300, 306, 313, 340 f., 
348, 377, 382, 386 ff., 395 f., 398. 

— — Kronprinz 114, 128, 153, 162, 
180, 212, 241, 395. 

Fuchs, Gräfin 275. 

Fürſtenberg, Landgraf 275. 


Gall, Phrenologe 194. 

Gams, Pfarrer 204. 

Gentz, Friedrich v. 111, 135. 

Georg IV., König von England 60. 

Georg, Großherzog von Mecklen— 
burg⸗Strelitz 95 f., 104, 106, 348f., 
354 f., 356, 366, 398. 

Gerlach, v., Leutnant 7. 

Gneiſenau, Agnes v., 290f., 

— Graf v. 9, 11f., 12, 21 f., 33 f., 
42% 47, Ife, 65 ff. 7 95, 9% 103, 
110, 127, 134, 145, 172f., 180, 200, 
207 f., 214 f., 218, 221, 226 239, 
246, 256, 269, 281 f., 286 ff., 290 f., 
297 f. 317, f., 349, 5 

Goethe, Chriſtiane v. 273. 

—, Wolfgang v. 189, 191 f., 234, 
278, 0 aie 

Goldbeck, v., Miniſter 168. 


405 


Goltz, Auguſt Friedrich Ferdinand 
Graf v. der 122, 135f., 280, 382. 

— Juliane Gräfin v. der 122, 280, 
382. 

— Karl Heinrich Friedrich Graf v. der 
100, 143, 145, 206, 225, 249. 

Goſſelin, Anatole 241. 

— Madame 241. 

Grapengießer, Arzt 198, 204. 

Grolman, Wilhelm v., General 12, 
21, 4 f., 52, 207, 218, 226, 357. 

Grote, Künſtler 82. 

Gruner, Juſtus v., Polizeipräſident 
168, 175, 201, 214f. 

Günther, Fürſt von Schwarzburg— 
Sondershauſen 3f. 


Haarbauer, Mediziner 194. 

Haehnel, Mademoiſelle 324, 379. 

Haenlein, v., Bundestagsgeſandter 
f, 0 

Hake, v., Kriegsminiſter 282, 287. 

Hamelin, Madame 93. 

Hamilton, engliſcher Anterſtaats- 
ſekretär 78. 

Hardenberg, Chriſtian Graf v., 

Sohn des Fürſten 275. 

Ernſt Graf v., hannoverſcher 

Staatsmann (der Perfide) 97. 

— Fürſtin v. 240, 251, 272, 323, 
25, aii. 

— Graf v., Bruder des Fürſten 162, 
206, 323 f., 377. 

— Karl Auguſt Fürſt v., Staats- 
kanzler 6, 7, 9ff., 14, 19, 21f., 26, 
30, 33, 36f., 42, 45 ff., 50, 53, 56f., 
58 f., 62, 64, 66 ff., 74, 79, 82f., 
89, 91 f., 94, 97 f., 100, 105, 107, 
109 ff., 112, 117, 121 f., 125 ff., 129, 
132 f., 135 ff., 140, 144, 148, 150, 

406 


—— . Zà—j— — —— — — 


153, 157, 161 ff., 169, 171 ff., 177 ff., 
182, 186, 188 f., 199 f., 201, 203, 
205 ff., 210 ff., 215, 218, 220, 223 f., 
226 f., 233, 239 f., 244 ff., 248, 250 fl., 
262. 266 f., 270, 272, 27 5276, 
282, 285, 287, 291 f., 295, 299, 300 f., 
306 f., 312, 317, 322 ff., 325, 38 
340, 342, 345 f., 347 f., 356 f., 358 f., 
377 ff., 381, 385 ff., 389, 392f., 395, 
398, 401 f. 

— Gräfin Lucie, ſ. Pappenheim. 

Hatzfeld, Fürſt v. 260, 275, 282, 
396. 

— Fürſtin v. 260, 275. 

Haugwitz, Graf v., Miniſter 168. 

Haxthauſen, v. 202. 

Hedemann, Adelheid v. 6f., 15, 20, 
25 f., 29f., 32 f., 35, 39 ff., 44, 47, 
51, 53f., 67 f., 71 ff, eee 
89f., 96 f., 98 f., 103 f., 114, 123 f., 
133f., 155, 163, 166, 178, 180, 192, 
197, 202, 229, 236, 238, 248, 250 ff., 
257, 270, 281, 295 f., 300, 302, 312, 
326, 330 ff., 335, 351, 363 f., 383, 392. 

Hedemann, Auguſt v. 6f., 15, 19, 
20, 25 ff., 31 f., 35, 39 ff, f, 
53 f., 66 ff., 71 ff., 75, 79) heleon 
89 f., 95 ff., 98 ff., 103 f., 114, 123 f., 
155, 163, 172, 180, 197, 202, 214, 
229, 252, 257, 295, 300, 304, 312, 
318, 326, 330 f., 332, 335, 351, 363f., 
378 f., 383, 92 

— Frau v., Mutter 53, 55, 72, 99, 
250. 

Heim, Mediziner 340, 344. 

Heineken, Mathilde v. 277, 280. 

Heinrich, Prinz von Preußen 260, 
351. 

Hermann, Gottfried, Profeſſor 146, 
154, 253, 258, 27 8 


Herz, Henriette 120, 310, 314, 317, 
397. 

Heſſen, Kurfürſt von, ſ. Wilhelm. 

Heyſe, Hofmeiſter 25, 41, 53, 242. 

Hirt, Archäologe 128, 336, 376. 

Hochberg, Graf v. 244. 

Holzhauſen, v. 132. 

— Frau v. 131f. 

Holwede, v. 196, 344. 

Humboldt, Alexander 2, 16, 18f., 
0, 78, 82, 88f., 
91 f., 96 f., 102, 121, 135, 138, 143, 
145, 178, 198 f., 209, 315, 340, 344, 
381 f., 396. 

— Caroline v., älteſte Tochter Wil— 
helms 3, 7, 14f., 19f., 22, 25, 30 f., 
f, s 5. 71, 73, 
75 f., 80, 86 ff., 96 f., 103 f., 114, 
163, 176, 184 f., 194, 229f., 234, 
e 257, 275, 281, 
f, 298, 300, 302 ff., 311 fl., 
rei, 35, If., 
353, 363 f., 369, 373 f., 384, 392, 400. 

— Gabriele v., dritte Tochter Wil- 
helms 25, 32f., 35, 47, 53f., 56, 65, 
75, 96 f., 103 f., 114, 124, 133, 163, 
183 f., 185 f., 187, 190, 193, 198, 
10 213, 229f., 288, 283, 75 f. 
277, 281, 283, 291, 294 f., 297, 300, 
302, 304, 306, 311, 326, 328, 330, 
343, 351, 353, 373 f., 382, 392, 400. 

— Guſtav v., + Sohn Wilhelms, 
230 f., 299, 306, 345, 360. 

— Hermann, jüngſter Sohn Wil- 
helms 25, 41, 53, 81, 163, 178, 
183 188, 196 f., 229 f., 233, 288, 
242, 244 f., 248, 281, 299, 315, 334, 
348. 

— v., + Mutter Wilhelms 134, 197, 
204. 


Humboldt, Theodor v., zweiter Sohn 
Wilhelms 172, 175, 178, 197, 229f., 
264, 271 ff., 276, 279 f., 286, 298, 
344, 363, 365, 376. 

— v., 1 Vater Wilhelms 2. 

— Wilhelm v., älteſter + Sohn 
Wilhelms 83, 115f., 210, 230f., 
261, 299, 304, 306, 313 f., 319, 336, 
343, 345, 360, 376f., 384. 

— Caroline v., über: 

Altenſtein 175. 
Agineten 336f., 376. 
Blücher 270. 
Canova 320f., 369f. 
Deutſchland 104. 
Florenz 311. 
Franzöſiſches Weſen 276. 
Gneiſenau 180, 239, 286, 290f. 
Goethes italieniſche Reiſe 305. 
Hardenberg 48, 53, 162, 179f., 
206 f., 211, 212, 240, 285, 401f. 
Hungersnot in Italien 312, 332. 
Inneres Leben 401. 
Ischia 364, 370 f., 373 ff. 
Juden 219f., 233. . 
Kunſt 306. 
Liebe 321, 331, 384. 
Meer 219. 
Mutterliebe 272, 298. 
Napoleon J. 15, 327. 
Pius VII. 326, 332. 
Rafael 337. 
Rocca 401. 
Rom 318ff., 326 f., 331, 364. 
Rußlands Politik 39, 56, 119. 
Schiller 365. 
Schlabrendorff 52, 88. 
Schmalz 113f., 171. 
Schmerz 70f. 
Somnambule 212f. 
407 


Stimmung in Berlin 75, 239f., 
241 f., 285. 

Thorwaldſen 319, 336, 369, 376. 

Trennung 298, 306. 

Turnunterricht 261. 

Varnhagen 122, 284. 

Venedig 304f. 

Volk 104. 

Wilhelm v. Humboldt 342. 

Wolzogen, Caroline v. 155. 

Würde 99, 123. 

— Wilhelm v., über: 

Adel 243. 

Agamemnonüberſetzung, ſeine 146, 
154, 192, 195, 274, 292f. 

Alexander v. Humboldt 135, 143f. 

Alexander, Kaiſer 59f., 63, 65. 

Altenſtein, Miniſter v. 156, 179. 

Altersunterſchied in der Ehe 180f. 

Aufſtände in Frankreich 38. 

Bernſtorff, Graf 156. 

Blücher 42f., 45 f., 52, 126 f., 158. 

Bundestag 277, 279, 338. 

Cüſtine, Madame de 142, 186, 188, 
Zia, 231. 

Deutſchen Bund 147. 

Deutſche Sprache 263. 

Deutſchland 96, 106. 

Diede, Charlotte 18, 145. 

Don Carlos 343f. 

Dotation 137, 199, 243, 348, 350. 

Egmont 309. 

Ehe 339. 

Eigene Individualität 109, 226, 
247, 266 f., 329, 357 f., 399. 

Eigene Anabhängigkeit 227, 268f. 

Einſamkeit 195, 210. 

England 107. 

Erbſünde 264. 

Erziehen 265. 

408 


——ñ—— ——— — — ——— —— —w—— . —— ſ— — 


Frankreich 107. 

Frieden mit Frankreich 84, 89, 91. 

Friedensbedingungen 91. 

Gebietsabtretungen 62. 

Gemüt 399. 

Geſtirne 383. 

Glück 146, 361. 

Gneiſenau 9, 11f., 21, 34, 47, 65, 
67, 110, 127, 214, 246, 269, 281f., 
287% 3 

Goethe 191f., 273, 317. 

Göttliches in den Frauen 378. 

Hardenberg 11, 19, 21, 26, 33, 37, 
46, 50 f., 58 f., 66 f., 105 f., 107, 
111, 117, 121, 13 , 
172f., 189, 199, 203, 227, 246, 
267, 333, 356, 358, , goa; 
393. 

Homer 258f. 

Individualität 229. 

Inneres Leben 76, 268, 329f. 

Juden 209, 228, 236. 

Kindheitserinnerungen 134. 

Konſtitution 117. 

Kontraſt alter und neuer Zeit 72 f., 
204, 225, 232, 256, 289, 328. 
Krankheit der Zeit 106 f., 225, 301. 

Kölner Dom 152f. 

Leidenſchaft 90. 

Liebe 10, 72, 373. 

Meer 223, 360. 

Metternich 57, 67, 178f., 205. 

Motz 243. 

Muſik 196. 

Napoleon I. 26f. 

Neuhardenberg 323. 

Orden 177, 182. 

Ottmachau 379 ff. 

Paris 14, 21. 

Pendelſchwingungen 35. 


Preußen 107f., 117, 173, 266, 


278, 282 f., 288. 
Preußens Lage 9. 


Preußiſche Armee 9, 13, 16, 43, 


57) 105, 126. 
Rahel 188, 236. 
Religion 315. 
Rom 361. 

Ruhm 329. 

Rußland 24, 108. 
Scharnhorſt 209. 
Schenkendorf 262f. 
Scherz 249. 

Schiller 344. 
Schlabrendorff 10, 33f. 
Schriftſprache 229. 


Seebäder in Frankreich 217f. 

Sein Auftreten im Staatsrat 349. 

Seine Lage 11, 18f., 20 f., 24, 36, 
46, 76 f., 93 f., 100, 108, 150, 223 ff., 
297, 348, 350, 359, 377 f., 389. 


Staél, Frau v. 372. 


Stein 100, 176 f., 181 f. 200, 228, 


243, 246. 


Steuerkommiſſion 297, 313, 325. 


Tod 231, 308, 329. 
Trennung 20, 76. 


Anterhandlungen in Frankfurt 


139 f., 


Anterhandlungen in Paris 49, 57 f., 


19, 101, 112, 125. 
Varnhagen 91f., 112, 236. 
Volk, das 106f. 
Volksvertrauen 109. 
Welcker 237, 274. 


Wellington 60 ff., 65, 74, 78, 93, 


102, 105. 
Wolzogen, Caroline v. 
393. 
Hünerbein, Frau v. 280. 


141 f. 


Ilgen, Karl David, Schulmann 168, 
215, 221, 20 ff., 2, 255, 29. 
261, 265. 

— Johanna 215f., 221, 231f., 243, 
259, 261, 265 

Ingenheim, Graf 325. 

Ingersleben, v., Oberpräſident 
169, 172f., 395. 

Itzenplitz, Graf 228, 233. 

Jacobi, Fritz, Philoſoph 302F., 314. 

— Klöſt, v., Diplomat 97, 394f. 

Jasmund, Frau v. 144f. 

Jordan, v., Staatsrat 64, 97, 112, 
126 1827. 148, 223, 240, 272 
275, 284 f., 292, 298, 307, 324, 333, 
377, 387. 

Jordis, Pariſer Bankier 86, 144f. 


Kalb, Frau v. 390f., 400. 

Karl, Erzherzog 124. 

— Auguſt, Großherzog von Wei- 
mar 273. 

— Fürſt von Neuwied 260. 

— Ludwig, Großherzog von Baden 
112. 

Ketelhodt, v., Rudolſtädter Kanzler 
282. 

Kircheiſen, Frau v. 221. 

Klenze, Leo v., Architekt 250. 

Klewitz, W. A. v., Finanzminiſter 
307, 358. 

Kneſebeck, v. dem, General 9, 12, 
121, 350. 

Kohlrauſch, Medizinalrat 75, 152, 
231, 250, 334. 

Koller, Generalin v. 364. 

Konſtantin, Zäſarewitſch 23, 56. 

Koreff, Arzt 133, 137, 145, 148, 
151, 161, 184, 192, 202, 206, 211, 


409 


213, 240, 251, 272, 275, f. 
377 ff., 381, 386, 393. 


Körner, Eltern des Dichters 3, 
36, 128. 

Kraft 360. 

Kruſemarck, Frau v. 172. 

— v., General und Geſandter 92, 
178, 394. 

Krüdener, Frau v. 60. 

Kunth, Staatsrat 124, 137, 196, 
239, 254, 265, 267, 328, 338, 344, 
363. 

— Frau 334f., 338, 343, 363. 

Kurland, Herzogin v. 64, 261, 280. 

Küſter, v., Geſandter 100, 284, 287. 


Labédoyeère 28f., 40, 53, 60. 

— Madame 28, 30, 40. 

Labrador, Don Pedro Gomez 115. 

Ladenberg, v., Staatsminiſter 307, 
358. 

Lafayette 144. 

Laroches 6, 202, 298, 306, 363, 
366. 

Laroche, Bertha v. 5, 6. 

— Frau v. 338. 

Larochejacquelein, Madame 193, 
195. 

Latour, Madame 13. 

Lavalette, Adjutant Napoleons 29. 

Lebzeltern, Baron 148. 

Leopold III., Herzog von Anhalt— 
Deſſau 2, 5. 

Lepel, v., Adjutant des Prinzen 
Heinrich 351. 

Leuchſenring, Literat 391. 

Levy ſ. Rahel Varnhagen. 

Lochler, Bürgermeiſter in Karls— 
bad 260. 

Loön, v. 62, 74. 


410 


Louis, franzöſiſcher Finanzminiſter 
74 


Luccheſini, Graf 93. 

Ludwig XVIII., 12, 17, 30. 37 f., 
44, 53, 60, 63, 66, 84, 99, 125, 
305, 382. 

— Kronprinz von Bayern 79, 82, 
249 f. 

Luiſe, Königin von Preußen 237, 
356. 

— Prinzeſſin von Preußen, Fürſtin 
Anton Radziwill 208, 221, 240 f., 
339, 349, 357. 

— — Ferdinand von Preußen 221. 

Lund, däniſcher Maler 86. 


Maedonald, Marſchall von Frank⸗ 
reich 17. 

Malfatti 275. 

Maltzahn, Frau v. 261. 

— v., Hofmarſchall 260. 
Marianne, Prinzeſſin Wilhelm 
von Preußen 15, 103, 110, 241. 
Marie, Großherzogin von Mecklen⸗ 

burg⸗Strelitz 355. 

— Louiſe, Kaiſerin von Frankreich 
124. 

— Ludowika, Kaiſerin von Ofter- 
reich 234, 236 f., 261, 263. 

— Luiſe, Prinzeſſin von Heſſen⸗ 
Darmſtadt, Großmutter der Kö— 
nigin Luiſe 356. 

Martens, v., hannoverſcher Ra- 
binettsrat 7. 

Merkel, Oberpräſident 381. 

Mendelsſohn, Abraham 209, 219. 

— Madame 111. 

Metternich, Fürſt 22, 40, 47, 57, 
62 f., 66 f., 84, 97, 105, 140, 148, 
178 f., 205, 278, 287. 


Mier, Graf 275. 

Moller, Architekt 152. 

Motz, v. 243. 

Murat, Joachim 15, 362. 

— Madame 22. 

Müffling, Freiherr v. 101, 168, 
395. 


Napoleon J. ſ. Bonaparte. 

— II. ſ. Bonaparte. 

Necker, franzöſiſcher Finanzminiſter 
327,370, 

Neſſelrode, Graf, ruſſiſcher Mi- 
nifter 23. 

Ney, Marſchall von Frankreich 28 f., 
83, 157. 

Nicolaus, Großfürſt von Rußland, 
ſpäter Kaiſer Nicolaus I. 56, 118. 

Nicolovius, Staatsrat 69, 115, 
170,183, 202, 282, 243, 255, 274. 

Niebuhr, Geſchichtsforſcher, Ge— 
ſandter in Rom 68, 86, 113, 121, 
148, 168, 178, 187, 195, 200, 330. 

Niederlande, König der, ſ. Wil⸗ 
helm J. 


Ompteda, 
ſandter 75. 

Oſtermann 119. 

Otterſtedt, v., Geſandter in Darm— 
ſtadt 294, 392. 

Olßen, v. 275. 

Olſner 112, 157, 217f. 


v., hannoverſcher Ge— 


Pappelbaum, Prediger 209, 219. 

Pappenheim, Graf v. 168f., 286, 
290, 323, 347, 389, 392f. 

— Gräfin Adelheid 341, 347. 

— Gräfin Lucie, Tochter Harden- 
bergs 191f, 341. 


Pauline, Fürſtin von Hohenzollern— 
Hechingen 275, 280f. 

Perlin 110, 119, 135. 

Perugino, Pietro 311. 

Pfuel, Ernſt v. 142, 146, 166, 168, 
202, 221. 

Pius VII., Papſt 23, 50, 68f., 77, 
82, 84, 88, 92, 97, 148, 164, 165 f., 
167, 187 320, 25, 2, 369, 

Plewe, Leutnant 241. 

Pozzo di Borgo, ruſſiſcher Diplo— 
mat 61, 67. 

Pradt, de 202f. 

Prittwitz, General v. 323. 


Quaſt, v. 398. 


Radziwill, Fürſt Anton 175,349,359. 

Rafaelſches Bild 311, 337. 

Ramdohr, Baron 148, 200. 

— Frau v. 202, 351, 400. 

Rauch, Bildhauer 64, 69, 82, 119, 
166, 208, 210, 220,240, 250, 312, 370. 

Naumer, v., Profeffor der Ge- 
ſchichte, in Hardenbergs Kanzlei 
68, 224. 

Razoumoffsky, ruſſiſcher 
Staatskanzler 50. 

Rechberg, Graf, bayriſcher Miniſter 
195. 

Reck, v., Oberpräſident 183. 

Recke, Eliſa v. der, geb. Gräfin 
Medem 261, 281. 

Regent, Pring-, ſ. Georg IV. 

Regnault de St. Angély 13, 31. 

Reinecke, Feldpoſtmeiſter 175, 201. 

Rezzonico, Papſt Clemens XIII. 
370. 

Richelieu, Herzog v., franzöſiſcher 
Miniſter 84, 125. 


Graf, 


411 


Rocca 370, 392, 401. 

Rochow, Adolf v. 123. 

Roſtopſchin, 357. 

Rother, Finanzminiſter 275, 307, 
377, 385 ff., 398. 

Nothſchild, Bankier 391. 


Saalfeld 256. 
Saaling, Marianne 382. 
Sack, Oberpräſident 169, 200, 307 


Sagan, Wilhelmine, Herzogin v. 


64, 275, 280f. 

Savary 29. 

Savigny, v., Profeſſor 349. 

Schadow, Joh. Gottfr. Bildhauer 115. 

— Söhne 115. 

— Wilhelm 115, 343. 

Scharnhorſt, v., General 208f. 

Schenkendorf, Max v., Dichter 
261 ff., 7 7 

Schick, Gottlieb, Maler 167, 365. 

Schierſtedt, v. 220. 

Schilden, v., Kammerherr 240. 

Schiller, Friedrich v. 344, 365, 385. 

Schinkel 367. 

Schlabrendorff, Graf Guſtav 10, 
16, 22, 26, 33, 52, 67, 71, 88, 143. 

— Gräfin, geb. Gräfin Kalckreuth 128. 

Schlegel, Auguſt Wilhelm v. 370. 

— Dorothea v. 238, 254. 

Schleiermacher 54, 114, 184, 193, 
204, 210, 213, 219, 229, 238. 

Schloſſer, Fritz 117, 130, 148, 191f., 
273f. 

Schmalz, Profeſſor 113f., 121, 169, 
171. 

Schmedding 69, 

Schön, v., Oberpräſident 306 f., 358. 

Schönberg, Maler 219. 

Schönberger, Arzt in Neapel 351f. 

412 


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Schuckmann, v., Miniſter 113, 115, 
121 f., 170 f., 175, 23, oes 
Schulenburg, Graf, Miniſter 168. 

— Kloſterrode, Graf 36. 

Siegert, katholiſcher Pfarrer 208. 

Simon 219. 

Solms, Graf 202. 

— Laubach, Graf, Oberpräſident 262. 

— Prinz 390. 

Sonnenburg, Feldjäger 244. 

Staél, Madame de 327, 370, 372, 
392. 

St. Angelo Imperiali 362. 

Stapleton 360. 

Stein, Frhr. v., Miniſter 33, 64f., 
66, 68, 100, 130, 136, 142, 147, 
171f., 176 f., 181 f., 199 f., 203, 210, 
214 f., 228, 243, 246 f., 254, 273, 
394, 402. 

— Amalie, v. 250. 

— Frau v., geb. Gräfin Walmoden- 

Gimborn 210, 254, 394. 

Steuben, v., Maler 18, 73, 134. 

Stewart 61. 

Stock, Dora 120. 

Stolberg, Graf v. 202. 

Sully, Herzog von 50. 


Talleyrand-Périgord, Prinz von 
74, 79, 84, 144. 

Temple, Lady 319. 

Tettenborn 236. 

Thereſe, Kronprinzeſſin von Bayern 
250. 

Thorwaldſen 320, 333, 336, 342, 
369, 376. 

Tiberius, Kaiſer 371. 

Tieck, Bildhauer 115, 121, 370. 

To mati, Graf 318. 

Tracy 144. 


Trautmannsdorff, Fürſt v. 234, 
236. 

Truchſeß, Graf 200. 

Türk v. Regierungsrat 183, 188, 
230, 233, 315. 


Anzelmann, Schauſpieler 367. 


Varnhagen v., Enſe 91, 111f., 122, 
236, 284. 

— Rahel 112, 122, 128, 138, 188, 
236, 254, 357. 

Vater, Profeſſor 209. 

Veit, Philipp, Maler 337. 

Vera 164, 320. 

Vincke, v., Oberpräſident 333, 341. 


Wagner, Legationsſekretär 92. 

Wallmoden, Graf 278. 

Warburg 260. 

Warſing, Frau v. 171. 

Weihe, Pächter 251, 367. 

Welcker, Altertumsforſcher 
274. 

Wellington 28, 45, 60, 66, 74, 
78, 93, 102, 105, 140, 256. 

Werner, Zacharias 334f. 

Wernhart 81. 

Weſſenberg Freiherr v., öſter⸗ 
reichiſcher Staatsmann 124, 140, 
161. 


237, 


Wieſe, Geheimrat 4. 

Wieſel, Pauline 111, 122. 

Wilhelm J., Kurfürſt von Heſſen 
28. 

— J., König der Niederlande 61, 
68, 86, 91, 245, 388, 396f. 

— — Prinz von Preußen, Bruder 
Friedrich Wilhelms III. 7, 15, 25, 
350 f, 79, St, 9s, 103, 110, 
114, 132, 197, 214, 220, 241. 

— — Prinz von Preußen, nachma— 
liger Kaiſer Wilhelm I. 7. 

Wilhelmine, Königin der Nieder— 
lande 245, 396. 

Wilken, Hiſtoriker 148, 168. 


Willich, Demoiſelle 219. 

— Prediger 219. 

Wismann, Präſident 183. 

Wolfart, Arzt 15, 19, 47f, 123, 
137, 149, 150 f., 155, 163, 171, 176, 
184, 194, 206, 211, 213, 250. 

Wolzogen, Adolf v. 130, 142, 208. 

— Caroline v. 73, 87, 130 ff., 136, 
141 f., 146, 155, 157, 188. 208, 
243, 393, 402. 

Woronzow, Gräfin 294. 

Wrbna, Gräfin Flore 64. 


Zichy, Graf, öſterreichiſcher Ge— 
ſandter 113. 

— Gräfin Molly 64. 

Zieten, Graf, General 45. 


413 


Verlag von E. S. Mittler & Sohn, Königl. Hofbuchhandlung, Berlin SW 
is 


Wilhelm und Caroline 


von Humboldt 


in ihren Briefen 
Herausgegeben von Anna v. Sydow 


I, Band: 


Aus der Brautzeit 


Sechſte Auflage 17871791 Sechſte Auflage 


Geheftet M. 9,—, in geſchmackvollem 
Geſchenkeinband mit Goldſchnitt M. 10,— 


II. Band: 


Aus der jungen Ehe 


Dritte Auflage 1791-1808 Dritte Auflage 


Geheftet M. 6,50, in geſchmackvollem 
Geſchenkeinband mit Goldſchnitt M. 8,— 


— — 


Was dieſen Briefwechſel, in dem man den Pulsſchlag der 
Zeit belauſchen kann, fo beſonders wertvoll macht, iſt das eingig- 
artige Verhältnis zwiſchen dieſen geiſtig und ſeeliſch fo gleich hoch— 
ſtehenden Menſchen, das er offenbart. Ein Zwiegeſpräch, darin 
es keinen Mißklang gibt. And überall verſpürt man die Atmo— 
ſphäre der Klaſſikerzeit, das Fluidum einer das ganze Weſen 
durchdringenden Bildung, jenes Idealismus, den man am 
liebſten an Schillers Namen knüpft. Literar. Jahresbericht. 


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— — 


Verlag von E. S. Mittler & Sohn, Königl. Hofbuchhandlung, Berlin SW 
5 


Wilhelm und Caroline 


von Humboldt 


in ihren Briefen 
Herausgegeben von Anna v. Sydow 


III. Band: 
Weltbürgertum 


und preußiſcher Staatsdienſt 


1808-1810 
Geheftet M. 9,—, in geſchmackvollem 
Geſchenkeinband mit Goldſchnitt M. 10,— 


IV. Band: 
In den Freiheitskriegen 


1812-1815 


Geheftet M. 10, —, in geſchmackvollem 
Geſchenkeinband mit Goldſchnitt M. 12,— 


— —-—¼: b. . — 


Es gibt in der Weltliteratur nur wenige Briefwechſel, welche 
die Zeiten überdauern, ohne zu veralten. Zu ihnen 
gehört auch der Briefwechſel Wilhelm v. Humboldts mit ſeiner 
Gattin. Der dritte und vierte Band führen den Leſer zu dem 
Höhepunkt von Humboldts diplomatiſchem Wirken 
auf dem Kongreß zu Prag. Humboldts Perſönlichkeit zeigt ſich 
in ihrem Glanz und Zauber. Die Vornehmheit ſeiner Ge— 
ſinnung wie die unerſchöpfliche Liebe zum Vaterlande 
beſtechen in gleichem Maße. Dresdner Journal. 


— 8— — —— — — 


Verlag von E. S. Mittler & Sohn, Königl. Hofbuchhandlung, Berlin SW 


Karoline von Humboldt 


in ihren Briefen an 


Alexander von Rennenkampff. 


Nebſt einer 
Charakteriſtik beider als Einleitung und einem Anhange von 
Albrecht Staufer 
Mit zwei Bildniſſen 
M. 4,50, elegant gebunden M. 6,— 


Den Glanz und Höhepunkt des Buches bildet die meiſter⸗ 
hafte Charakteriſtik, die Stauffer mit tiefſtem fonge- 
nialen Verſtändnis von Caroline entwirft. Ihre Perſönlichkeit 
umfaßt nach ihm das Weibliche in großer, harmoniſcher 
und univerſaler Ausbildung. Niemand, der zu dem Buche 
greift, wird es ohne Gewinn für Geiſt und Herz aus der 
Hand legen. Der Türmer. 


Eliſa Radziwill 
Ein Leben in Liebe und Leid 


Anveröffentlichte Briefe der Jahre 1820-1834. 


Herausgegeben von Dr. Bruno Hennig 
Zweite, neubearbeitete Auflage :::: 4. bis 6. Tauſend 
Mit mehreren Abbildungen 
In Geſchenkeinband M. 7,50 


Aus dieſen unbekannten wertvollen Briefen tritt uns mit 
dramatiſcher Kraft das Liebesbündnis vor Augen, das 
zwiſchen dem nachmaligen Heldenkaiſer und der lieblichen 
Fürſtentochter beſtanden hat. Das feinſinnig herausgegebene Buch 
enthüllt das Geheimnis der Beziehungen des Prinzen Wilhelm 
zu Eliſa. Denn aus ſeinem Inhalt wird es klar, daß ſie die ſtarke 
Liebe des Prinzen erwiderte, und daß auch ſie unter dem harten 
Schickſal ſchwer gelitten hat, das die Verbindung der Liebenden 
nicht zuließ. Breslauer Zeitung. 


E. S. Mittler & Sohn, Königliche Hofbuchhandlung, Berlin SW. 


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